NACHWORT

Die Gedichtsammlung IM TREIBHAUS (»Serres chaudes«, Brüssel 1895) ist

übertragen von K. L. Ammer und in die endgültige Form gebracht durch Fr.

v. Oppeln-Bronikowski, der auch die »FÜNFZEHN LIEDER« übersetzt hat

(Quinze Chansons, Brüssel 1900, in der Neuauflage der »Serres chaudes«).

Die »Serres chaudes« sind Maeterlincks Erstlingswerk. Er schrieb sie im

Jahre 1887 in Paris unter dem Einfluss der Decadenten und

veröffentlichte sie z. T. in der von ihm und Charles van Lerberghe

begründeten Zeitschrift »La Pléiade«, welche die Lyrik reformieren

wollte, getreu der ARS POETICA Verlaines:

»De la musique avant toute chose ...

Rien de plus cher que la chanson grise

Où l'Indécis au Précis se joint ...

Que ton vers soit la chose envolée

Qu'on sent qui fuit d'une âme en allée

Vers d'autres cieux à d'autres amours ...

Et tout le reste est littérature.«

Maeterlinck ist in der Erfüllung dieses Postulats noch weiter gegangen

als Verlaine; man möchte diesem Gedichte als Motto einen Spruch aus den

»Fragmenten« des NOVALIS voransetzen, die Maeterlinck bekanntlich ins

Französische übertragen hat:

»...Es lassen sich Erzählungen ohne Zusammenhang, jedoch mit

Assoziation, wie Träume, denken; Gedichte, die bloss wohlklingend und

voll schöner Worte sind, aber auch ohne allen Sinn und Zusammenhang,

höchstens einige Strophen verständlich, wie Bruchstücke aus den

verschiedenartigsten Dingen. Diese wahre Poesie kann höchstens einen

allegorischen Sinn im Grossen und eine indirekte Wirkung wie Musik

haben.«

Die FÜNFZEHN LIEDER, von denen zwölf auf vlämischem Boden entstanden

sind (Luxusausgabe »Douze Chansons« mit Illustrationen von Charles

Doudelet, Paris 1897), sind stilistisch von den »Serres chaudes« sehr

verschieden; sie tragen den Stempel des altfranzösischen Volksliedes mit

seinen Refrains, seiner primitiven Metrik und Reimtechnik, seiner

Schlichtheit und Starrheit, seinen dumpfen Wiederholungen.

So heisst es in Lied VI:

»An der ersten Tür, an der ich stand,

Erbebte die Flamme in meiner Hand.

An der zweiten Tür, an der ich stand,

Da sprach die Flamme in meiner Hand.

An der dritten Tür, an der ich stand,

Erlosch das Licht in meiner Hand.«

Damit vergleiche man z. B. jene von Chamisso mitgeteilte Ballade »La

fille du roi d'Espagne«:

»Der Ritter wirft sein Gewand ab,

Taucht in des Meeres Grund.

Bei seinem ersten Tauchen

Macht er keinen Fund.

Bei seinem zweiten Tauchen

Hat der Ring geblinkt.

Bei seinem dritten Tauchen

Der Rittersmann ertrinkt.«

Arthur Luther hat im »Litt. Echo«, Bd. VIII, 10, Sp. 748, auch auf die

Ähnlichkeit zwischen Dante Gabriel Rossettis »An old song ended« und

Lied II verwiesen, ebenso auf dessen Anklingen an Ophelias Lied in

Shakespeares »Hamlet«, welch letzteres Maeterlinck selbst als

stimmungbildend anerkennt.

Gedichte(#67399) · 第 51 / 63 题