V. Die Erscheinungen und das Wesen der Befruchtung.

Die im sechsten Capitel besprochene Fortpflanzung der Zellen auf

dem Wege der Theilung scheint, wenigstens für die Mehrzahl der

Organismen, keine in sich unbegrenzte zu sein; der Vermehrungsprocess

kommt nach kürzeren oder längeren Zeiträumen zu einem Stillstand,

wenn er nicht durch Vorkehrungen, die man unter dem Namen der

Befruchtung zusammenfassen kann, wieder von Neuem angefacht wird.

Nur die allerniedrigsten Organismen, wie die Spaltpilze, scheinen

sich allein durch fortgesetzte Theilung in das Unbegrenzte vermehren

zu können, dagegen kann für den grössten Theil des Pflanzen- und

Thierreichs das allgemeine Gesetz aufgestellt werden, dass nach einer

Periode der Massenzunahme durch Theilung in Zellen, eine Periode

eintritt, in welcher zwei Zellen verschiedener Herkunft untereinander

verschmelzen müssen, und dass das Verschmelzungsprodukt erst wieder

einen Elementarorganismus liefert, der den Ausgang für eine neue

Periode der Vermehrung durch Theilung bildet.

In Folge dessen gestaltet sich die Vermehrung der Elementarorganismen

und damit das Leben selbst zu einem cyklischen Process. Nachdem

Generationen von Zellen durch Theilung entstanden sind, führt der

Kreislauf des Lebens immer wieder zu demselben Ausgangspunkt zurück,

dass sich zwei Zellen im Befruchtungsakt vereinigen und zum Anfang

einer neuen Generationsreihe werden. Derartige Cyclen nennt man

Zeugungskreise. Sie treten uns im ganzen Organismenreich in den

mannigfachsten Formen entgegen.

Bei den Einzelligen z. B. besteht der Zeugungskreis aus zahlreichen,

unter Umständen nach Tausenden zählenden, einzellebenden Individuen.

Der befruchtete Elementarorganismus vermehrt sich durch wiederholt

eintretende Theilungen in Nachkommen, die der Befruchtung nicht

bedürfen, bis ein Zeitpunkt eintritt, wo ein neuer Zeugungsakt

zwischen den ungeschlechtlich entstandenen Generationen stattfindet.

Am genauesten hat man diese Verhältnisse bisher bei den Infusorien

untersucht. So hat Maupas (VII. 30, Seite 407) bei einer Art

derselben, bei Leucophrys patula durch zahlreiche Experimente

festgestellt, dass erst nach 300 Generationen, die aus einem

befruchteten Individuum durch Theilung hervorgegangen sind, der

Zeugungskreis abgeschlossen wird, indem die Nachkommen erst jetzt

wieder die Neigung und Fähigkeit zur geschlechtlichen Conjugation

zeigen. Bei Onychodromus grandis tritt dieser Zustand schon etwa nach

der 140sten Generation und bei Stylonichia pustulata nach der 130sten

Generation ein.

Bei vielzelligen Organismen bleiben die Zellen, die aus dem

befruchteten Ei durch Theilung ihren Ursprung nehmen, vereint, um

einen Zellenstaat oder ein organisches Individuum höherer Ordnung

zu bilden. Sie lassen sich von dem allgemeinen Gesichtspunkt aus,

von dem wir hier die Sexualfrage behandeln, der Gesammtheit der

sich durch Theilung ungeschlechtlich vermehrenden Zellindividuen

vergleichen, die nach der Copulation aus einem Mutterinfusor

entstanden sind. Der Zeugungskreis wird wieder geschlossen, wenn

sich im vielzelligen Organismus Geschlechtszellen anlegen, und wenn

sie durch ihre Vereinigung in Folge des Befruchtungsprocesses den

Ausgangspunkt für neue Generationen sich theilender Zellen abgeben.

Die Zeugungskreise können in diesem Fall ein sehr verschiedenes Bild

darbieten und zuweilen eine sehr complicirte Beschaffenheit annehmen.

Den einfachsten Fall bieten manche niedere, vielzellige Algen, wie

Eudorina, Pandorina. Durch wiederholte Theilung der befruchteten

Zelle entsteht eine Zellenkolonie (Fig. 137). Nach einer bestimmten

Lebensdauer werden alle Zellen zu Geschlechtszellen. Zum Zwecke der

Zeugung löst sich der ganze durch Zelltheilung entstandene Complex

wieder in seine einzelnen Bestandtheile auf, welche zum Ausgang für

neue Zeugungskreise dienen.

Die hier zur Geltung kommende Fähigkeit jeder Zelle, den ganzen

vielzelligen Organismus wieder zu reproduciren, hört auf wirksam zu

werden, sowie der vielzellige Organismus einen irgendwie höheren Grad

von Ausbildung erreicht. Dann sondert sich das aus einem befruchteten

Ei abstammende, sich durch Theilung in’s Ungemessene vermehrende

Zellenmaterial in zwei Gruppen, in Zellen, die zum Aufbau der Gewebe

und Organe der Pflanze oder des Thieres dienen, und in Zellen, die

zur Zeugung bestimmt sind. In Folge dessen bleibt gewöhnlich der

Organismus, auch wenn er in die Zeit der Geschlechtsreife eingetreten

ist, als solcher erhalten; er sondert nur die Geschlechtszellen von

sich ab, um sich in neuen Zeugungskreisen zu vervielfältigen, bis er

selbst durch Abnutzung seiner Körperzellen oder durch irgend welche

andere Ursachen dem Untergang unterliegt (Nussbaum VII. 33, Weismann

VII. 48).

In seiner reinsten Form ist ein streng geschlossener Cyklus nur bei

den höheren Thieren anzutreffen, bei welchen eine Vervielfältigung

der Individuen allein auf dem Wege der geschlechtlichen Zeugung

möglich ist. In vielen Abtheilungen des Thier- und Pflanzenreichs

aber läuft +neben der geschlechtlichen noch eine ungeschlechtliche

Vermehrung+ einher. Ausser den befruchtungsbedürftigen Zellen

lösen sich vom Organismus auch einzelne, der Befruchtung nicht

bedürftige Zellen (Sporen, Jungferneier), oder grössere Gruppen von

solchen ab (Knospen, Sprossen) und geben auf ungeschlechtlichem

Wege durch fortgesetzte Theilung neuen Organismen den Ursprung

(+vegetative Vermehrung+). +Oder allgemein ausgedrückt,

zwischen zwei Befruchtungsakte schieben sich zahlreiche Folgen von

Zelltheilungen ein, die aber nicht einem einzigen physiologischen

Individuum höherer Ordnung angehören, sondern sich auf zahlreiche

Individuen vertheilen.+ Zwei Unterfälle sind hier wieder möglich:

In einem Fall ist der aus dem befruchteten Ei entstandene Organismus

selbst nicht im Stande, Geschlechtszellen zu bilden; er vermehrt

sich allein auf ungeschlechtlichem Wege durch Knospen, durch Sporen

oder parthenogenetische Eier. Erst diese oder noch entferntere, auch

ungeschlechtlich erzeugte Nachkommen werden geschlechtsreif, erhalten

die Fähigkeit zur Ei- und Samenbildung. Man bezeichnet einen solchen

Zeugungskreis als einen +regelmässigen Generationswechsel+

(Hydroidpolypen, Trematoden, Cestoden, Parthenogenese der Aphiden,

Daphniden etc. Höhere Kryptogamen).

[Illustration: =Fig. 137. Entwicklung von Pandorina Morum= nach

~Pringsheim~. Aus ~Sachs~ Fig. 411.

_I_ Eine schwärmende Familie; _II_ eine solche in 16 Tochterfamilien

getheilt; _III_ eine geschlechtliche Familie, deren einzelne Zellen aus

der verschleimten Hülle austreten; _IV_, _V_ Paarung der Schwärmer;

_VI_ eine eben entstandene, _VII_ eine ausgewachsene Zygote; _VIII_

Umbildung des Inhaltes einer Zygote in eine grosse Schwärmzelle; _IX_

dieselbe frei; _X_ junge Familie aus der letzteren entstanden.]

Im zweiten Fall vermehrt sich der aus dem befruchteten Ei

entstandene Organismus +sowohl durch Geschlechtszellen als auch

auf ungeschlechtlichem Wege+. Die Folge davon ist, dass bei

derselben Thier- oder Pflanzenart die einzelnen Zeugungskreise ein

verschiedenes Aussehen und einen verschiedenen Umfang gewinnen

müssen. Zwischen der ersten und dem Eintritt der zweiten Befruchtung

können entweder nur Zellfolgen liegen, welche einem einzigen

Individuum angehören, wenn das befruchtete Ei von diesem abstammt,

oder es schieben sich Zellfolgen dazwischen, welche sich auf mehrere,

unter Umständen sehr zahlreiche Individuen vertheilen, indem erst die

Eier eines durch Knospung erzeugten Individuums wieder befruchtet

werden. In Folge dessen gewinnt hier die Befruchtung den Charakter

eines facultativen, für die Erhaltung der Art nicht durchaus

nothwendigen Processes, wenigstens solange nicht der Beweis geführt

ist, dass der vegetativen Vermehrung bestimmte Grenzen gesteckt

sind. Ein solcher Beweis aber ist zur Zeit für viele Pflanzen nicht

zu führen, welche sich durch Reiser, Knollen etc. anscheinend in’s

Unbegrenzte vermehren lassen.

Wenn wir im Hinblick auf derartige Fälle auch zugeben müssen, dass

der Lebensprocess sich ohne den Akt der Befruchtung einfach durch

fortgesetzte Selbsttheilung der Zellen endlos fortsetzen kann, so

werden wir auf der anderen Seite doch bei der weiten Verbreitung

der Befruchtungseinrichtungen im ganzen Organismenreich schliessen

dürfen, dass es sich bei der Befruchtung um fundamentale Fragen des

Lebensprocesses und um fundamentale Eigenschaften des Zellenlebens

handelt. +Die Befruchtung ist ein cellulares Problem.+

Der Gegenstand unseres siebenten Capitels steht daher mit dem Studium

der Zelle, insbesondere mit ihren Eigenschaften der Reizbarkeit

und Theilbarkeit im engsten Zusammenhang: er lässt sich in 2

Abschnitte zerlegen, in die Morphologie und in die Physiologie des

Befruchtungsprocesses.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 144 / 170 题