III. Stoffwechsel und formative Thätigkeit.

Allgemeine Charakteristik.

Die lebende Zelle besitzt ihren eigenen Stoffwechsel, sie nimmt

Nahrungssubstanzen auf, verändert sie, führt einige Bestandtheile

derselben ihrem Körper zu, während sie andere wieder nach Aussen

abgiebt; sie gleicht einem kleinen, chemischen Laboratorium, indem

fast fortwährend die verschiedenartigsten chemischen Processe in

ihr vor sich gehen, durch welche auf der einen Seite hochmoleculare

Stoffe von complicirter Zusammensetzung gebildet, auf der anderen

Seite wieder zerstört werden. Die lebendige Substanz befindet sich,

um so mehr, je intensiver der Process des Lebens ist, in einer

beständigen Selbstzersetzung und einer mit ihr Schritt haltenden

Neubildung. In dem Chemismus der Zelle sind daher zwei Hauptphänomene

auseinander zu halten, die +Phänomene der regressiven und der

progressiven Stoffmetamorphose+ oder wie Claude Bernard (IV.

1a) sich ausdrückt, les phénomènes de destruction et de création

organique, de décomposition et de composition.

Bei ihrer Zerstörung wird die lebendige Substanz vermöge

Selbstzersetzung durch eine Reihe meist unbekannter Zwischenstufen

in einfachere chemische Verbindungen übergeführt. Kohlensäure und

Wasser sind die einfachsten Endproducte dieser Zerstörung. Bei ihr

wird Spannkraft (potentielle Energie) in lebendige Kraft (kinetische

Energie) umgewandelt. Intramoleculare Wärme wird frei und bildet die

lebendige Kraft, die zur Hervorbringung der Arbeitsleistungen des

Zellkörpers die Vorbedingung ist.

Wie ausserordentlich gross die Zersetzbarkeit der Lebenssubstanzen

ist, geht schon daraus hervor, dass der geringste Anstoss oft

genügend ist, grosse Umsetzungen und Arbeitsleistungen in den

Zellkörpern hervorzurufen. „Sind es nicht, bemerkt Pflüger (V. 25,

26), wahrhaft verschwindend kleine lebendige Kräfte, die in einem

Lichtstrahl wirkend, die gewaltigsten Wirkungen in der Retina und dem

Gehirn hervorrufen? Wie ganz minimal sind die lebendigen Kräfte der

Nerven, wie ganz wunderbar klein die Mengen gewisser Gifte, die ein

grosses lebendiges Thier total vernichten.“

Bei der Neubildung lebender Substanz oder der progressiven

Metamorphose werden zum Ersatz des Verbrauchten neue Stoffe von

aussen aufgenommen, dem Körper einverleibt und in neue chemische

Verbindungen übergeführt, bei welchen Arbeitsleistungen wieder

Wärme in mehr oder minder hohem Grade gebunden und in Spannkraft

umgewandelt wird. Die wieder gebundene Wärme kann theils von der

bei den Zersetzungsprocessen frei werdenden intramolecularen Wärme

herrühren, theils rührt sie her, wie der Hauptsache nach in den

Pflanzen, von der belebenden Wärme der Sonnenstrahlen, durch welche

der Organismenwelt ein grosses Quantum lebendiger Kraft zugeführt und

im Protoplasmakörper in Spannkraft umgesetzt wird. Die von aussen

aufgenommenen Substanzen und die der Sonne entströmende Wärme stellen

das Betriebsmaterial und die Betriebskraft dar, durch welche der in

Wechsel von Selbstzersetzung und Selbstneubildung sich abspielende

Lebensprocess in letzter Instanz unterhalten wird.

Nach der Definition von Pflüger ist „der Lebensprocess die

intramoleculare Wärme höchst zersetzbarer und durch Dissociation

-- wesentlich unter Bildung von Kohlensäure und Wasser und

amidartigen Körpern -- sich zersetzender, in Zellsubstanz gebildeter

Eiweissmolecüle, welche sich fortwährend regeneriren und auch durch

Polymerisirung wachsen.“

Trotz grosser Verschiedenartigkeit des Stoffwechsels in den einzelnen

Organismen giebt es doch eine Reihe von fundamentalen Processen,

welche der gesammten organischen Natur gemeinsam sind und sich im

niedrigsten, einzelligen Wesen ebenso abspielen, wie im Körper der

Pflanzen und Thiere. +Wie in den Bewegungen und Reizerscheinungen,

offenbart sich auch in diesen fundamentalen Processen des

Stoffwechsels die Einheit der ganzen organischen Natur.+

Insofern fallen sie auch in den Bereich der allgemeinen Anatomie und

Physiologie der Zelle. Eine Uebereinstimmung macht sich namentlich in

folgenden 3 Punkten geltend:

1) Jede Zelle, sei es von Pflanze oder Thier, athmet, das heisst, sie

nimmt aus ihrer Umgebung Sauerstoff nach Bedürfniss auf und verbrennt

mit Hülfe desselben Kohlenhydrate und Eiweisssubstanzen ihres eigenen

Körpers, bei welchem Verbrennungsprocess als letzte Endproducte

Kohlensäure und Wasser gebildet werden.

2) In beiden organischen Reichen treten in grosser Zahl entsprechende

Substanzen im Stoffwechsel auf, wie Pepsin, Diastase, Myosin,

Xanthin, Sarcin, Zucker, Inosit, Dextrin, Glycogen, Milchsäure,

Ameisensäure, Essig- und Buttersäure.

3) In beiden Reichen sind manche Processe, durch welche complicirte

chemische Verbindungen dargestellt werden, identisch oder

wenigstens sehr ähnlich und unterscheiden sich wesentlich von den

Verfahren, durch welche der Chemiker im Stande ist, eine Anzahl

organischer Verbindungen auf synthetischem Wege darzustellen. Beim

+Chemismus der Zelle+ sowohl der Pflanzen wie der Thiere spielen

+Fermente+ eine grosse Rolle, Diastase, Pepsin, Trypsin etc.

Darunter versteht man organische Stoffe, welche in der lebenden Zelle

erzeugt, in ausserordentlich geringer Menge eine grosse chemische

Wirkung entfalten und ohne selbst in nennenswerthem Maasse dabei

verbraucht zu werden, hier Kohlenhydrate, dort Eiweisskörper in

charakteristischer Weise chemisch verändern können.

„Le chimisme du laboratoire est exécuté à l’aide d’agents et

d’appareils que le chimistre a créés, et le chimisme de l’être vivant

est exécuté à l’aide d’agents et d’appareils que l’organisme a

créés.“ (Claude Bernard IV. 1a.)

Im Folgenden werden wir die einzelnen Erscheinungen des Stoffwechsels

besonders von morphologischer Seite näher betrachten, ohne dabei

in die meist sehr verwickelten und grossen Theils noch unbekannten

chemischen Processe näher einzugehen. Wir können im Verlauf des

Stoffwechsels 3 Stadien unterscheiden, die Stoffaufnahme, die im

Innern des Protoplasma erfolgende Stoffumsetzung und die Stoffabgabe.

Das erste und letzte dieser Stadien wollen wir gemeinsam, alsdann das

zweite für sich allein besprechen.

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 112 / 170 题