1) Gase.

Ein gutes chemisches Lockmittel für freibewegliche Zellen ist der

Sauerstoff, wie namentlich die Experimente von Stahl, Engelmann und

Verworn lehren.

+Stahl+ hat mit Plasmodien von Aethalium septicum experimentirt

(IV. 35). Er füllte einen Glascylinder zur Hälfte mit ausgekochtem

Wasser, das er zum Luftabschluss mit einer sehr dünnen Oelschicht

bedeckte, und legte an die Wand des Cylinders einen Streifen

Filtrirpapier, auf dem sich ein Plasmodium ausgebreitet hatte, in

der Weise, dass die Hälfte in das Wasser tauchte. Schon nach kurzer

Zeit verdünnten sich die im sauerstofffreien Wasser befindlichen

Protoplasmastränge, und bald war alles Protoplasma über die

Oelschicht, die auf das Plasmodium sonst nicht schädigend einwirkt,

emporgewandert nach dem oberen Theile des Cylinders, wo der

Sauerstoff der Luft zutreten konnte. Man kann den Versuch auch in der

Weise anstellen, dass man ein Plasmodium in einen mit ausgekochtem

Wasser ganz gefüllten Cylinder bringt, die Oeffnung mit einem

durchlöcherten Kork schliesst und den Cylinder mit der Oeffnung nach

unten in einen mit frischem Wasser gefüllten Teller stellt. Bald

ist das Plasmodium durch die feinen Löcher des Korks hindurch dem

sauerstoffreicheren Medium entgegengewandert.

Interessante Untersuchungen über den richtenden Einfluss des

Sauerstoffs auf die Bewegungen der Bakterien hat Engelmann (IV. 7)

angestellt und gezeigt, dass man +manche Bakterienformen als ein

sehr feines Reagens zum Nachweis sehr geringer Sauerstoffmengen+

benutzen kann. Wird in eine Flüssigkeit, die gewisse Bakterien

enthält, eine kleine Alge oder Diatomee gebracht, so ist dieselbe

in kurzer Zeit von einer dichten Hülle von Bakterien umgeben, die

durch den bei der Chlorophyllassimilation frei werdenden Sauerstoff

angezogen werden.

+Verworn+ (IV. 40) sah eine Diatomee von einem Wall bewegungslos

liegender Spirochaeten eingeschlossen, die im übrigen Theil des

Präparates fast ganz fehlten (Fig. 58). Plötzlich bewegte sich die

Diatomee eine Strecke weit aus dem Bakterienhaufen heraus. Die

Spirochaeten, welche so von ihrer Sauerstoffquelle im Stich gelassen

waren, lagen zunächst einige Augenblicke ruhig, fingen aber bald

darauf an, sich lebhaft zu bewegen und in dichten Schaaren wieder zu

der Diatomee hinüberzuschwimmen. In 1 bis 2 Minuten waren fast alle

wieder um dieselbe versammelt und blieben bewegungslos an ihr liegen.

Aus der Reizwirkung des Sauerstoffs erklärt es sich auch, dass man

an mikroskopischen Präparaten nach einiger Zeit fast alle Bakterien,

Flagellaten und Infusorien an den Rändern oder um Luftblasen, die

sich im Wasser befinden, angesammelt findet.

Einen recht lehrreichen Versuch theilt Verworn (IV. 40) mit. Man

bringe eine grosse Menge Paramaecien in ein mit sauerstoffarmem

Wasser gefülltes Reagensglas, das man umgekehrt über Quecksilber

aufstellt. Bald beginnen die Flimmerbewegungen in Folge des Mangels

von Sauerstoff langsam zu werden. Wenn man jetzt eine Blase reinen

Sauerstoffs von unten her in das Reagensglas hineinlässt, so sieht

man dieselbe schon nach wenigen Sekunden von einer dicken, weissen

Hülle von Paramaecien umgeben, „die von Sauerstoffdurst getrieben,

wild auf die Sauerstoffblase losstürmen“.

[Illustration: =Fig. 58. Eine grosse Diatomee (Pinnularia)

von einem Haufen von Spirochaete plicatilis umgeben.= Nach

~Verworn~ (IV. 40) Fig. 14.]

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 1/2) · 第 106 / 170 题