ist gleichfalls von hervorragendem Interesse. Schon Schleiden
beobachtete in der Pflanzenzelle ausser dem Zellensaft noch eine
weiche, durchscheinende, mit kleinen Körnchen versehene Substanz,
welche er +Pflanzenschleim+ nannte. Mohl (I. 18) gab ihr
im Jahre 1846 den später so bedeutungsvoll gewordenen Namen
Protoplasma, einen Namen, den Purkinje (I. 24) schon früher für die
Bildungssubstanz jüngster thierischer Embryonen gebraucht hatte.
Auch entwarf er ein genaues Bild von den Lebenserscheinungen des
pflanzlichen Protoplasma: er fand, dass es den Innenraum von jungen
Pflanzenzellen vollständig ausfüllt, und dass es dann bei älteren
und grösseren Zellen in sein Inneres Flüssigkeit aufnimmt, die sich
in Blasen oder Vacuolen ansammelt. Endlich stellte Mohl fest, dass
das Protoplasma, wie Schleiden auch schon für den Pflanzenschleim
angegeben hatte, höchst eigenthümliche Bewegungsphänomene zeigt, die
zuerst von Bonaventura Corti im Jahre 1772 und von C. L. Treviranus
(1807) entdeckt und als „+kreisende Bewegung des Zellsaftes+“
beschrieben worden waren.
Hierzu gesellten sich noch andere Beobachtungen, welche den
protoplasmatischen Inhalt der Zellen an Bedeutung gewinnen liessen.
Bei niedersten Algen zieht sich, wie Cohn (I. 7) und andere fanden,
das Protoplasma zur Zeit der Fortpflanzung von der Zellmembran zurück
und bildet einen frei im Zellraum liegenden, ovalen, nackten Körper,
die Schwärmspore, welche bald die Membran an einer Stelle sprengt und
durch die Oeffnung hindurchschlüpft, um sich im Wasser mit Wimpern
wie ein selbständiger Organismus, aber ohne Membran, fortzubewegen.
Desgleichen wurden beim Studium der thierischen Zellen Thatsachen
ermittelt, die mit dem alten Zellenbegriff nicht zu vereinigen
waren. Schon wenige Jahre nach dem Auftreten von Schwann machten
verschiedene Forscher (Kölliker (I. 14), Bischoff (I. 4)) auf viele
+thierische Zellen aufmerksam, an welchen eine besondere Membran
nicht nachzuweisen war+, und es erhob sich in Folge dessen ein
langer Streit, ob wirklich diese Gebilde membranlos und daher keine
Zellen, oder ob es echte Zellen seien. Auch beobachtete man an
der schleimigen, mit Körnchen versehenen Grundsubstanz einzelner
thierischer Zellen, wie z. B. der Lymphkörperchen, ähnliche
Bewegungserscheinungen, wie am pflanzlichen Protoplasma. (Siebold,
Kölliker, Remak, Lieberkühn etc.) -- +Remak+ (I. 25. 26)
übertrug daher den von Mohl für den Pflanzenschleim eingeführten
Namen Protoplasma auch auf die Grundsubstanz der thierischen Zellen.
Wichtige Einblicke in die Natur des Protoplasma eröffnete endlich
das Studium der niedersten Organismen, der Rhizopoden, Amöben,
Myxomyceten etc. Die schleimige, von Körnchen durchsetzte, mit
Contractilität begabte Substanz derselben hatte Dujardin Sarcode
genannt. Indem Max Schultze (I. 29) und de Bary (I. 2) ihre
Lebenserscheinungen auf das genaueste studirten, wiesen sie nach,
dass +das Protoplasma der Pflanzen und Thiere und die Sarcode der
niedersten Organismen identische Stoffe sind+.
Im Hinblick auf diese Thatsachen legten Forscher, wie Nägeli,
Alexander Braun, Leydig, Kölliker, Cohn, de Bary etc. der
Zellmembran im Verhältniss zu ihrem Inhalt eine nur untergeordnete
Bedeutung bei; vor Allem aber hat Max Schultze sich das Verdienst
erworben, die neueren Erfahrungen zu einer scharfen Kritik der
Schleiden-Schwannschen Zellentheorie und zur Begründung einer
Protoplasmatheorie benutzt zu haben. In 4 kleinen, ausgezeichneten
Schriften, welche vom Jahre 1860 an veröffentlicht wurden, zog
er gegen die alten Glaubenssätze, deren man sich zu entledigen
habe, zu Felde. Aus der Thatsache, dass bei allen Organismen ein
bestimmter Stoff vorkommt, welcher sich durch die merkwürdigen
Bewegungsphänomene auszeichnet (Protoplasma der Thiere und Pflanzen,
Sarcode der einfachsten Organismen), aus der Thatsache ferner, dass
das Protoplasma der Pflanzen zwar gewöhnlich von einer besonderen
festen Membran umschlossen ist, in einigen Fällen aber die letztere
abstreifen und als nackte Schwärmspore sich im Wasser selbständig
fortbewegen kann, aus der Thatsache endlich, dass die thierischen
Zellen und die einfachsten einzelligen Organismen sehr häufig
keine Membran besitzen und dann als nacktes Protoplasma und als
nackte Sarcode erscheinen, zieht Max Schultze den Schluss, dass die
Membran für den pflanzlichen und thierischen Elementartheil etwas
Unwesentliches sei. Zwar behält er den durch Schleiden und Schwann
in die Anatomie eingebürgerten Namen Zelle bei, definirt dieselbe
aber, (I. 30) als ein +mit den Eigenschaften des Lebens begabtes
Klümpchen von Protoplasma+.
Mit dieser Definition knüpfte Max Schultze -- wie der historischen
Gerechtigkeit wegen hervorgehoben sei -- wieder an die älteren
Bestrebungen von Purkinje (I. 22–24) und Arnold (I. 1) an, welche
eine +Körnchen-+ und +Klümpchentheorie+ auszubilden versuchten, aber
gegenüber der besser durchgearbeiteten und ihrer Zeit mehr angepassten
Zellentheorie von Schwann wenig Erfolg hatten.
Unter einem Klümpchen von Protoplasma stellten sich indessen schon
damals Max Schultze und andere Forscher keineswegs etwas so Einfaches
vor, wie das Wort auszudrücken scheint. Namentlich der Physiologe
+Brücke+ (I. 6) schloss aus der Complicirtheit der Lebenseigenschaften,
deren Träger das Protoplasma ist, mit Fug und Recht, dass das
Protoplasmaklümpchen eine complicirte Structur, einen „höchst
kunstvollen Bau“ besitzen müsse, in welchen nur die Unzulänglichkeit
unserer Beobachtungsmittel noch keinen befriedigenden Einblick
gestattet habe. Daher bezeichnete denn schon Brücke sehr treffend den
Elementartheil der Thiere und Pflanzen, das Protoplasmaklümpchen, als
einen +Elementarorganismus+.
Bei dieser Sachlage ist eigentlich der Name Zelle ein verkehrter. Dass
er trotzdem beibehalten worden ist, erklärt sich theils aus gerechter
Pietät gegen die rüstigen Streiter, welche, wie Brücke sich ausdrückt,
unter dem Banner der Zellentheorie das gesammte Feld der Histologie
erobert haben, theils aus dem Umstand, dass die Anschauungen, welche
die neue Reform herbeigeführt haben, erst nach und nach ausgebildet
wurden und zu allgemeiner Geltung zu einer Zeit gelangten, als das Wort
Zelle sich schon durch Jahrzehnte langen Gebrauch in der Literatur
eingebürgert hatte.
Seit Brücke und Max Schultze hat sich unsere Kenntniss vom Wesen
der Zelle noch ausserordentlich vertieft. Es sind viele neue
Einblicke in die Structur und die Lebenseigenschaften des Protoplasma
gewonnen worden, besonders aber hat das Studium des Zellenkernes
und der Rolle, welche er bei der Vermehrung der Zelle und bei
der geschlechtlichen Zeugung spielt, neue grosse Fortschritte
herbeigeführt. Die ältere Definition „die Zelle ist ein Klümpchen
von Protoplasma“ musste daher erweitert werden in die Definition:
„+Die Zelle ist ein Klümpchen von Protoplasma, das in seinem
Innern einen besonders geformten Bestandtheil, den Kern (Nucleus),
einschliesst.+“
Auf die Geschichte dieser neueren Errungenschaften wird hie und da
bei der folgenden Darstellung unserer gegenwärtigen Kenntnisse von
dem Wesen des Elementarorganismus eingegangen werden.
* * * * *
Das reiche Wissensmaterial, welches eine hundertjährige Forschung
über die Zelle angesammelt hat, wird sich am besten in folgender
Weise systematisch gruppiren lassen:
In einem +ersten Abschnitt+ sollen die chemisch-physikalischen
und morphologischen Eigenschaften der Zelle dargestellt werden.
+Ein zweiter Abschnitt+ wird dann von den Lebenseigenschaften
der Zelle zu handeln haben. Dieselben sind 1) die Eigenschaft
der Contractilität, 2) die Eigenschaft der Reizbarkeit, 3) die
Eigenschaft des Stoffwechsels, 4) die Eigenschaft der Fortpflanzung.
Daran werden sich, um unseren Vorstellungskreis über das Wesen der
Zelle noch mehr abzurunden und zu erweitern, +2 Abschnitte mehr
spekulativen Inhalts+ anschliessen, ein Abschnitt über „die
Wechselbeziehungen zwischen Protoplasma, Kern und Zellproduct“ und
ein Abschnitt über „die Zelle als Anlage eines Organismus“.
Literatur. I.
1) =Fr. Arnold.= _Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 2. Theil.
Zürich 1842. Handbuch der Anatomie des Menschen. 1845._
2) =de Bary.= _Myxomyceten. Zeitschrift f. wissenschaftl.
Zool. 1859._
3) =Lionel S. Beale.= _Die Structur der einfachen Gewebe des
menschlichen Körpers. Uebersetzt von Carus. 1862._
4) =Bischoff.= _Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies.
1842._
5) =R. Brown.= _Observations on the organs and mode of
fecundation in Orchideae and Asclepiadeae. Transactions of the
Linnean society. London 1833._
6) =Brücke.= _Die Elementarorganismen. Wiener Sitzungsber.
Jahrg. 1861. XLIV. 2. Abth._
7) =Cohn.= _Nachträge z. Naturgeschichte des Protococcus
pluviatilis. Nova acta. Vol. XXII. pag. 607–764._
8) =Bonaventura Corti.= _Observazioni microsc. sulla Tremella
e sulla circolazione del fluido in una pianta acquaiola. 1774._