Vorwort.
„Jedes lebende Wesen muss als ein Mikrokosmus betrachtet werden,
als ein kleines Universum, das aus einer Menge sich selbst
fortpflanzender Organismen gebildet wird, welche unbegreiflich klein
und so zahlreich sind, als die Sterne am Himmel.“
+Darwin.+ Das Variiren der Thiere und Pflanzen.
Wer die zahlreichen Lehrbücher der Histologie überblickt, wird finden,
dass in ihnen viele Fragen, die in der wissenschaftlichen Forschung
sich eines lebhaften Interesses erfreuen, kaum berührt werden, und
dass manche Wissensgebiete, die mit der Histologie auf das engste
zusammenhängen, von der lehrbuchmässigen Darstellung mehr oder minder
ausgeschlossen sind. Der Leser erfährt, wie die Zelle und die aus ihr
hervorgehenden Gewebe unter dem Mikroskop je nach den verschiedenen
Präparationsmethoden aussehen, aber er erfährt sehr wenig von den
Lebenseigenschaften der Zelle, von den wunderbaren Kräften, welche
in dem kleinen Zellorganismus schlummern und sich dem Forscher in so
mannigfacher Weise bald an diesem, bald an jenem Untersuchungsobject
in den Phänomenen der Protoplasmabewegung, der Reizbarkeit, des
Stoffwechsels und der Zeugung offenbaren. Wer sich in dieser Richtung
augenblicklich eine dem Stand der Wissenschaft entsprechende
Vorstellung von dem Wesen des Zellorganismus verschaffen will, muss die
Fachliteratur studiren.
Die Ursache hierfür ist leicht zu entdecken; sie ist hauptsächlich in
der Trennung eines früher einheitlichen Lehrfaches in die Fächer der
menschlichen Anatomie und Physiologie zu suchen. Die Scheidung der
Lehrgebiete hat sich bis auf die Zelle ausgedehnt, nur ist sie hier,
wie mir scheint, weniger angebracht. Denn die Trennung, welche für das
Studium des menschlichen Körpers in vieler Hinsicht ein Förderniss und
eine Nothwendigkeit ist trotz mancher Nachtheile, die sie naturgemäss
auch mit sich bringt, ist für das Studium der Zelle nicht durchführbar
und hat in Wirklichkeit nur dazu geführt, dass neben der Anatomie
die Physiologie der Zelle, zwar nicht als Wissenschaft, aber doch als
Lehrgegenstand, stiefmütterlich behandelt worden ist, und dass Vieles
von dem Besten, was Forscherfleiss zu Tage gefördert hat, nicht in
entsprechender Weise durch die Lehre weiter fruchtbar gemacht wird.
Mit dem vorliegenden Buch habe ich das gewohnte Geleise verlassen, und
um dies äusserlich auch anzuzeigen, zu dem Haupttitel, „die Zelle und
die Gewebe,“ noch den zweiten Titel „Grundzüge der allgemeinen Anatomie
und Physiologie“ hinzugefügt.
Wie von meinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte, kann ich auch von
dieser Arbeit sagen, dass sie in enger Fühlung mit meiner akademischen
Lehrtätigkeit entstanden ist. Der Inhalt des jetzt erscheinenden ersten
Buches, in welchem ich ein zusammenfassendes Bild von dem Bau und dem
Leben der Zelle zu entwerfen versuche, hat zum grossen Theil auch den
Gegenstand für zwei öffentliche Vorlesungen abgegeben, welche ich seit
vier Jahren an der Berliner Universität unter dem Titel: „die Zelle und
ihr Leben“ und „Theorie der Zeugung und Vererbung“ gehalten habe.
Zu dem Antrieb, die oft mündlich von mir vorgetragenen Anschauungen
auch im Druck einem weiteren Leserkreis mitzutheilen, gesellte sich
als zweiter Antrieb noch der Wunsch, zugleich eine zusammenfassende
Darstellung für eigene Untersuchungen zu finden, die theils in
verschiedenen Zeitschriften zerstreut, theils in den mit meinem
Bruder gemeinsam herausgegebenen sechs Heften, „zur Morphologie und
Physiologie der Zelle“, erschienen sind.
Endlich habe ich noch ein drittes Moment hervorzuheben, welches
mich bei der Abfassung geleitet hat. Die Grundzüge der „allgemeinen
Anatomie und Physiologie“ bilden eine Ergänzung und ein Seitenstück
zu meinem „Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte des Menschen und der
Wirbelthiere“. In demselben habe ich die Gesetze darzustellen versucht,
welche die thierische Formbildung beherrschen, die Gesetze, nach
denen sich das Zellmaterial, welches durch fortgesetzte Theilung aus
der befruchteten Eizelle entsteht, durch ungleichmässiges Wachsthum,
durch complicirte Faltenbildung und Einstülpung in Keimblätter und
schliesslich in die einzelnen Organe sondert.
Neben der Massenvertheilung und Anordnung des Zellmateriales oder
neben der +morphologischen Differenzirung+ spielt sich nun aber im
Entwicklungsleben noch eine zweite Reihe von Processen ab, welche man
als die +histologische Differenzirung+ zusammenfassen kann. Durch
letztere wird das schon morphologisch gesonderte Zellmaterial überhaupt
erst in den Stand gesetzt, die verschiedenen Arbeitsleistungen zu
verrichten, in welche sich der Lebensprocess des fertig entwickelten
Gesammtorganismus zerlegen lässt.
Im „Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte“ konnte auf die zweite,
mehr physiologische Seite des Entwicklungsprocesses aus
Zweckmässigkeitsgründen nicht näher eingegangen werden. Insofern bildet
die Anatomie und Physiologie der Zelle und der Gewebe, wie ich oben
sagte, eine nothwendige Ergänzung und ein Seitenstück zu ihm. Dies wird
dem Leser schon in dem ersten hier vorliegenden Theil des Lehrbuchs,
welcher allein die Zelle zum Gegenstand hat, bemerkbar werden.
Denn nicht nur findet sich im siebenten Capitel eine ausführliche
Darstellung der Anatomie und Physiologie der Zeugung, welche in letzter
Instanz, wie des Näheren ausgeführt ist, „ein reines Zellenphänomen“
ist; sondern es handelt auch noch am Schluss das neunte Capitel,
betitelt „die Zelle als Anlage eines Organismus“, ausführlich von den
älteren und neueren Vererbungstheorieen.
Noch mehr aber wird der zweite Theil des Buches, welcher die Lehre
von den Geweben umfasst und etwa den gleichen Umfang wie der erste
Theil erreichen wird, eine Ergänzung zur „Entwicklungsgeschichte“
bilden. Denn es wird in ihm neben der Beschreibung der Gewebe ein
besonderes Gewicht auf ihre Entstehung oder Histogenese und auf die
physiologischen Ursachen der Gewebebildung gelegt werden; damit wird
auch die zweite Seite des Entwicklungsprocesses, die histologische
Differenzirung, ihre Darstellung finden.
Wissenschaftliche Gesichtspunkte sind es in erster Linie gewesen,
welche mich bei der Darstellung, die ich, so weit es möglich ist, zu
einer gemeinverständlichen zu machen bemüht war, überall geleitet
haben. Das wenigstens nach besten Kräften angestrebte Ziel war mir, den
wissenschaftlichen Standpunkt zu fixiren, welchen die Lehre von der
Zelle und den Geweben augenblicklich einnimmt.
Für wichtigere Theorieen habe ich ein Bild von ihrem historischen
Entwicklungsgang zu entwerfen versucht; in schwebenden Streitfragen
habe ich oft die verschiedenen Meinungen einander gegenübergestellt.
Wenn in der Darstellung, wiewohl naturgemäss, +meine+ Auffassung
von der Zelle in den Vordergrund tritt, und wenn ich dabei hier
und dort von den Ansichten und Deutungen hervorragender und von
mir hochgeschätzter Forscher abweiche, so glaube ich ihnen das
Geständniss zu schulden, dass ich darum weder die von mir bevorzugte
Auffassung für die unbedingt richtige halte, noch viel weniger
aber von entgegengesetzten Auffassungen gering denke. Denn der
Gegensatz der Meinungen ist zum Leben und zur Entwicklung der
Wissenschaft nothwendig; und wie ich in verschiedenen historischen
Excursen habe durchblicken lassen, schreitet gerade im Widerspruch
der Meinungen und Beobachtungen die Wissenschaft am raschesten
und erfolgreichsten vorwärts. Wie in unserer Natur begründet ist,
sind fast alle Beobachtungen und die aus ihnen gezogenen Schlüsse
einseitig und sind daher fortwährend einer Correctur bedürftig. Wie
sehr aber muss dies der Fall sein bei dem Gegenstand vorliegender
Untersuchung, bei der Zelle, welche selbst ein wunderbar complicirter
Organismus ist, „ein kleines Universum“, in dessen Zusammensetzung
wir mit unseren Vergrösserungsgläsern, mit chemisch-physikalischen
Untersuchungsmethoden und Experimenten nur mühsam einzudringen vermögen.
+Berlin+, October 1892.
=Oscar Hertwig.=
Inhalt.