Die Kinder kommen ihm entgegen gelaufen und berichten, daß Gäste
eingetroffen seien. Es sind Gäste aus Moskau. Man setzt sich in der Nähe
des Bienengartens unter Bäumen, Lewin bringt Scheibenhonig und frische
Gurken herbei und die ganze Gesellschaft macht sich sogleich an den
Honig und an die Orientfrage. Dies spielt nämlich im vorigen Jahr, – Sie
wissen doch: Tschernajeff[33], unsere Freiwilligen, die Spenden. Die
Unterhaltung wird bald sehr lebhaft, denn alle streben unaufhaltsam zur
Hauptsache. Die Gesellschaft besteht, abgesehen von den Damen, erstens
aus den beiden Gästen: einem Moskauer Professörchen, einem netten, aber
etwas dummen Menschen, und dem Stiefbruder Lewins, Ssergei Iwanowitsch
Kosnyscheff, der uns als ein Mensch von großem Verstande und großem
Wissen geschildert wird. Der Charakter Kosnyscheffs ist im Roman
künstlich aufgebaut und wird erst zum Schluß verständlich (ein Mensch
mit den Anschauungen der vierziger Jahre). Kosnyscheff hat sich in der
letzten Zeit mit Eifer und Hingabe der Hilfstätigkeit für die
Balkanslawen gewidmet und das Komitee hat ihm Berge von Arbeit
aufgeladen, so daß man sich kaum vorzustellen vermag, wenn man der
fieberhaften Tätigkeit dieser Komiteemitglieder im vorigen Jahre
gedenkt, wie er sich überhaupt hat freimachen können, und dazu noch auf
ganze zwei Wochen, die er auf dem Lande verbringen will. Freilich gäbe
es anderenfalls auch nicht diesen Disput im Bienengarten und somit auch
nicht den ganzen achten Teil des Romans, welcher nur um dieses Disputs
willen geschrieben ist. Ja sehen Sie, dieser Kosnyscheff hatte irgendein
gelehrtes Buch über Rußland geschrieben, das vor etwa zwei oder drei
Monaten in Moskau erschienen war, und obschon er lange daran gearbeitet
und große Hoffnungen in dieses Werk gesetzt, hatte es schmählich Fiasko
gemacht: von der Kritik war dem Werk überhaupt keine Beachtung geschenkt
worden. Darauf erst hatte Kosnyscheff sich der slawischen Tätigkeit
angeschlossen, und das mit einem Eifer, wie ihn niemand von ihm erwartet
hätte. Daraus folgt, daß er gewissermaßen nicht auf natürlichem Wege zu
dieser Betätigung gelangt und sein ganzer Eifer für die Balkanslawen nur
„_ambition rentrée_“ ist, nichts weiter, und man ahnt bereits, daß Lewin
im Disput mit ihm selbstverständlich Sieger bleiben muß. Kosnyscheff war
auch in den früheren Teilen des Romans sehr geschickt in komischem
Lichte dargestellt; aus dem achten Teil aber geht bereits klar hervor,
daß er überhaupt nur zu dem Zweck geschaffen ist, um im Schlußkapitel
als Piedestal zu Lewins Größe zu dienen. An sich freilich ist diese
Gestalt dem Autor sehr gut gelungen.
Dafür ist eine der mißlungenen Gestalten der alte Fürst, Lewins
Schwiegervater, der gleichfalls dort unter den Bäumen im Bienengarten
sitzt und sich an dem Gespräch über die Orientfrage beteiligt. Die Figur
des alten Fürsten ist dem Autor sogar im ganzen Roman mißlungen, nicht
nur im Schlußkapitel. Der alte Fürst soll einer der positiven Charaktere
des Romans sein, selbstverständlich nicht auf Kosten des Realismus! So
hat auch er seine Schwächen und fast sogar seine komischen Seiten, aber
im allgemeinen ist er doch ein ehrwürdiger, höchst ehrwürdiger Mann. Er
ist der Gutherzige des Romans, ist sozusagen die gesunde Vernunft –
nicht die, die in den Stücken des achtzehnten Jahrhunderts wie ein
gelehrter Esel redete. Da gab’s nichts anderes als nur Vernunft und
abermals Vernunft. Der Fürst dagegen hat auch Humor und überhaupt
menschliche Züge. Das Ergötzliche besteht nur darin, daß dieser alte
Mensch die Aufgabe hat, geistreich sein zu müssen. Dabei hat er aber das
Unglück, daß ihm nichts wirklich Geistreiches zu sagen gelingt. Statt
dessen urteilt er in diesem Schlußkapitel über unser Volk und einen Teil
unserer Gesellschaft geradezu zynisch. Der „Gutherzige“ entpuppt sich
plötzlich als Verneiner des ganzen russischen Volkes wie alles dessen,
was in diesem Volk Gutes lebt. Man hört so recht die Aufgebrachtheit
eines alten Klubmitglieds und den greisenhaften Ärger. Übrigens ist
seine politische Theorie nichts weniger als neu. Sie besteht darin, daß
wir uns _nur_ für Rußland interessieren sollten, und deshalb ist er der
Meinung, daß die Balkanslawen uns nichts angehen – anderenfalls würde er
von uns nicht Interesse _nur_ für Rußland verlangen. Wir dagegen sind
der Meinung, daß die Hilfe, die wir den Slawen bringen, eine Handlung im
Interesse Rußlands, d. h. im Sinne der Bestimmung Rußlands ist. So
besteht denn der allgemeine Charakter seiner Ansichten in der Engheit
seiner Auffassung der russischen Interessen. Er sagt, er könne nicht
begreifen, weshalb man hier in Rußland plötzlich die Balkanslawen so
sehr liebe, während er, der Fürst, in seinem Herzen nicht die geringste
Liebe zu ihnen verspüre. Auch verstehe er nicht, gegen wen denn die
Russen in den Krieg ziehen, da doch die Regierung noch keiner anderen
Macht den Krieg erklärt habe. Katawassoff, der Professor aus Moskau,
sagt darauf, daß es Fälle geben könne, wo die Regierung den Willen des
Volkes nicht erfüllt, und dann äußere sich die öffentliche Meinung eben
in der Weise, wie es jetzt in Rußland geschehe. Hierauf heißt es von
Lewin, der mit dem alten Fürsten übereinstimmt:
„... er wollte sagen, daß, wenn die öffentliche Meinung ein
unfehlbarer Richter wäre, die Revolution und Kommune doch ebenso
gesetzmäßig sein müßten, wie diese Bewegung zugunsten der Slawen.“
Es ist sonderbar, daß dieser Lewin und der alte Fürst sich durch
keinerlei Erwägungen in ihrem Denken aufhalten lassen. Doch schließlich
– wer sieht denn nicht, daß aus dem Fürsten gekränkte Eigenliebe spricht
(die Leute ziehen in den Krieg, ohne ihn vorher gefragt zu haben, ob ihm
das genehm ist!) und aus Lewin seine paradoxe Meinung. Nicht die
Wahrheit ist Lewin teuer, sondern das, was er sich ausgedacht hat.
Übrigens spricht vielleicht auch aus Lewin gekränkte Eigenliebe, denn es
ist ja kaum glaublich, was alles die Eigenliebe der Menschen kränken
kann. Das Volk und unsere Freiwilligen gegen die Verleumdungen Lewins
und des alten Fürsten zu verteidigen, hat meines Erachtens keinen Sinn,
ja es wäre für die Verteidigten sogar erniedrigend. Wenn Lewin zur
Erklärung der Tatsache, daß Hunderte von Freiwilligen aus Rußland
hinziehen, um mit den Balkanslawen gegen die Türken zu kämpfen, ohne
weiteres sagt, daß „in einem Volke von achtzig Millionen sich immer
nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden
werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, Tausende
von Müßiggängern, die stets bereit sind, sich der Räuberbande eines
Pugatschoff[34] anzuschließen oder nach China oder Serbien zu gehen“ –
so können wir nur darauf hinweisen, daß die Freiwilligen nicht heimlich
aufbrachen. Alle haben sie gesehen und ihnen das Geleit gegeben und es
war manch ein bekannter Name unter ihnen. Gewiß wird es neben der
größten Aufopferung auch Leute gegeben haben, die einfach aus
Abenteuerlust, aus Ruhmsucht oder aus anderen Gründen hinzogen. Aber
noch weiß man nicht, wie viele auch von diesen Abenteuerlustigen ihr
Leben dort hingegeben haben. Doch die Behauptung, daß unsere
Freiwilligen vom vorigen Jahr _alle_ nur Müßiggänger und verlorene Leute
gewesen seien, hat zum mindesten keinen Sinn, denn wie gesagt, wir haben
Hunderte von ihnen gekannt. Was nun die Spenden betrifft, die selbst von
den ärmsten Leuten aus dem Volk für die bedrängten und mißhandelten
Glaubensbrüder dargebracht wurden, so behauptet der Fürst, daß das
„Volk“ überhaupt nicht wisse, worum es sich dabei handelt. Er sagt:
„... der Geistliche war verpflichtet, am Sonntag die ganze
Geschichte in der Kirche zu verlesen. Nun und das tat er denn auch.
Das Volk aber verstand davon nichts, es seufzte hin und wieder, wie
es bei jeder Predigt seufzt. Darauf sagte der Priester, daß man in
der Kirche zu einem heiligen Zweck sammle, und da holten sie jeder
eine Kopeke hervor und gaben sie, wozu aber, das wußten sie selbst
nicht.“
Diese Behauptung, die sich über alle Beweise einfach hinwegsetzt, ist
als Äußerung gerade des Fürsten unschwer zu erklären. Sie stammt von
einem der früheren Volksvormunde, dem ehemaligen Herrn leibeigener
Bauern, der, so gut er auch immer sein mag, für seine Sklaven doch
nichts anderes als Verachtung empfinden kann, während er sich selbst
unvergleichlich klüger dünkt als sie. Und diese Leibeigenen sollten
irgend etwas eben so gut verstehen wie er? – Das ist ausgeschlossen!
„Sie haben geseufzt, wie bei jeder Predigt, aber verstanden haben sie
nichts!“ – Davon ist er überzeugt. Denselben Gedanken äußert auch Lewin,
und auf eine gereizte Entgegnung Kosnyscheffs, daß mit den dargebrachten
Spenden bereits das ganze Volk seinen Willen äußere, erwidert er:
„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt. Ja, die Bezirksschreiber und die
Volksschullehrer, und von den Bauern einer von Tausend, die wissen
vielleicht, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen
äußern weder ihren Willen, noch haben sie überhaupt einen Begriff
davon, in welcher Angelegenheit sie ihren Willen äußern sollten.
Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“
Übrigens sei hier ein für allemal bemerkt, daß der Ausdruck „Wille des
Volkes“ für die Bewegung im Volk, die wir im vorigen Jahre erlebten,
durchaus nicht zutreffend ist. Es war nicht der „Wille“ des Volkes als
solcher, der sich kund tat, sondern es zeigte sich nur sein großes
Mitgefühl, sein christlicher Geist und schließlich sein Bedürfnis,
gewissermaßen Buße zu tun – ja, so könnte man es tatsächlich nennen.
Doch zunächst will ich zu erklären versuchen, wie es möglich war, daß
das Volk, das weder Geographie noch Geschichte gelernt hat, dennoch
_bewußt_ an der Bewegung für die bedrängten Balkanslawen teilnahm.
So lange das russische Volk besteht, d. h. schon seit seiner Bekehrung
zum Christentum, sind immer Pilger aus Rußland nach Palästina, zum
Heiligen Grabe, oder nach Athos gewandert. Die Erzählungen dieser Pilger
von dem Erlebten und Gesehenen sind im Volk, wie alle Erzählungen vom
„Göttlichen“, ungemein beliebt; man hört fast andächtig zu und behält
das Gehörte beinahe Wort für Wort. Diese Erzählungen haben sich im Volk
durch Generationen vererbt und verbreitet. Deshalb wissen denn selbst
unsere Bauern auf dem Felde, auch wenn sie nie etwas von Serben,
Bulgaren oder Montenegrinern gehört haben, doch ganz genau und schon
seit Jahrhunderten, daß die heiligen Stätten und die christliche
Bevölkerung jener Gegenden von den heidnischen Türken erobert worden
sind, und daß diese Bevölkerung unter dem Joch der Ungläubigen ein
schweres Leben hat. Das wissen sie nicht nur, sondern es schmerzt sie
auch aufrichtig. Denn in seinem Herzen hat sich das russische Volk immer
zu den heiligen Stätten hingezogen gefühlt und in der Wallfahrt, wenn
nicht nach Jerusalem, dann zu einem unserer russischen Klöster, eine
gute Tat, etwas Seelenrettendes gesehen. Übrigens möchte ich bemerken,
daß ich, indem ich von diesem historischen Zug des russischen
Volkscharakters rede, ihn weder gutheiße, noch tadele, sondern nur eine
Tatsache feststelle, mit der man sich vieles erklären kann. Was sollen
wir denn tun, wenn wir nun einmal diesen historischen Zug haben! Ich
weiß nicht, wohin er uns führen wird, aber es ist doch möglich, daß er
uns zu etwas führt. Im Leben der Völker bildet sich das Wichtige immer
entsprechend den wichtigsten nationalen Sondereigenheiten aus. Vorläufig
hat z. B. der obenerwähnte Charakterzug unseres Volkes nur sein bewußt
nationales Verhalten zu _jedem_ Kriege Rußlands mit dem Sultan zur Folge
gehabt. Was jedoch den gegenwärtigen Krieg betrifft, so scheint noch der
Zeitpunkt von besonderer Bedeutung für die Volksbewegung des vorigen
Jahres gewesen zu sein.
Es ist verhältnismäßig schon ziemlich lange her, schon sechzehn Jahre,
daß die Leibeigenschaft bei uns aufgehoben wurde. Es verging seitdem ein
Jahr ums andere, doch – in welcher Verfassung sah sich das Volk, wie
äußerte sich sein Dank für den Gnadenakt des Zaren? Es sah zunehmende
Trunksucht, sah unter seinen Standesgenossen gewissenlose Ausbeuter sich
vermehren, sah ringsum Armut, sah sich selbst oft bis zum Tierischen
gesunken – viele, oh, viele werden bei diesem Anblick schon Reue und
Kummer empfunden haben und das Verlangen nach Buße. Im Schmerz der
Selbstverurteilung begann ein Suchen nach dem Guten, Heiligen ... Und da
hörten sie plötzlich von Christen, die um ihres Glaubens willen
gemartert werden, die lieber ihr Leben hingeben, als daß sie zum Islam
übertreten, obwohl sie dafür belohnt werden sollten. Diesen ersten
Gerüchten von den Vorgängen am Balkan folgten die Aufrufe ans Volk, den
Bedrängten zu helfen, es wurden Spenden gesammelt; dann sprach man von
einem russischen General, der den Christen in ihren Kämpfen gegen die
Ungläubigen beistand, dann begannen Freiwillige aus Rußland hinzuziehen
– alles das erschütterte das Volk. Es war wie ein Aufruf, Buße zu tun.
Und da sahen und erlebten wir es: wer aus dem Volk nicht als
Freiwilliger hingehen konnte, der steuerte wenigstens ein Scherflein
bei; die Freiwilligen aber wurden von allen begleitet, ganz Rußland gab
ihnen das Geleit.
Der alte Fürst hatte freilich in Karlsbad von all dem nichts gesehen,
und als er dann gerade während der Hochflut der Bewegung zurückkehrte,
verstand er von ihr so wenig, daß er über sie nur spötteln konnte. Doch
was konnte dieser Greis, dessen Anschauungen aus dem Klub stammen, von
Rußland oder dem russischen Bauern überhaupt verstehen? Der kluge Lewin
hätte freilich mehr verstehen können als der alte Fürst, doch ihn machte
die Erwägung stutzig, daß das Volk ja weder Geschichte noch Geographie
kennt, und überdies kränkte es ihn, daß sich dabei niemand um ihn und
seine Meinung kümmerte. Freilich weiß unser Volk nichts von Geschichte
und Geographie, doch das, worauf es ankommt, das weiß es. Allerdings
könnte man dem Volk inbetreff seiner alten historischen Neigung zu Buße
und Wallfahrt eine Menge sehr kluger und vernünftiger Dinge sagen, z.
B., daß seine Wallfahrten nur eine sehr enge und einseitige Auffassung
seiner Pflicht seien, und daß es besser täte, wenn es vom Trinken ließe
und seine Habe vermehrte und somit etwas dazu beitrüge, daß sein
Vaterland endlich den „aufgeklärten europäischen Staaten“ zu gleichen
anfange. Man könnte dem Pilger vorhalten, daß Gott seine Wallfahrt
durchaus nicht brauche, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil sie
weder ihm, dem Pilger, noch seiner Familie Nutzen bringe, ja, daß seine
Wallfahrt sogar direkt schädlich sei, weil er auf lange Zeit sein Haus
und seine Heimat um eines im Grunde egoistischen Zweckes willen
verlassen müsse, nämlich um seine Seele zu retten, während es Gott
unvergleichlich angenehmer wäre, wenn er dieselbe Zeit in seinem
Gemüsegarten zubrächte oder Kälber hütete. Wie gesagt, es läßt sich sehr
viel Vernünftiges gegen das Wallfahren vorbringen, aber – was soll man
denn tun, wenn unser Volk so geartet ist, daß das Suchen des Guten in
ihm _fast ausschließlich diese Form_ angenommen hat, d. h. die Form des
Bußetuns, mittels einer Wallfahrt oder eines Opfers? Jedenfalls könnte
der kluge Lewin in Erwartung der „Aufklärung“ wenigstens diesen
historischen Charakterzug dem Volk anrechnen. Er könnte sich doch sagen,
daß viele Freiwillige und viele von denen, die sie begleiteten, einer
guten Regung folgten und in ihrer Handlungsweise eine gute Tat sahen
(das steht ganz außer Frage!), folglich aber waren es doch nicht
„verlorene Leute“, sondern vielleicht sogar die besten aus dem Volk, und
viele, sehr viele von ihnen werden diese Tat in der Tiefe ihres Herzens
eben als Buße und Sühne empfunden haben. Und vor seinem Zaren fühlte
sich deshalb keiner schuldig, im Gegenteil, er hoffte und wartete
darauf, daß sein Zarbefreier auch in dieser Frage als Befreier
eingreifen werde, wir aber, die wir in unseren Winkeln saßen, wir
freuten uns, daß das große russische Volk unsere Hoffnung und unser
großes ihm gehörendes Vertrauen rechtfertigte. So dürfte denn wohl
nichts so mangelhaft sein, wie der Vergleich dieser guten, opferwilligen
Bewegung mit der Bande Pugatschoffs, der Kommune usw.! Das konnte
wahrlich nur der gereizte Hypochonder Lewin sagen! Da sieht man, wozu
empfindliche Eigenliebe führen kann!
Doch seine Gereiztheit geht noch weiter, er erklärt sogar unumwunden,
daß ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Slawen nicht
vorhanden sei und auch gar nicht sein könne. Auf die Entgegnung
Kosnyscheffs, daß es doch wohl nur für ihn nicht vorhanden sei,
antwortet er:
„Vielleicht, aber ich sehe das nicht; ich bin selbst Volk und fühle
es doch nicht.“
Er hat also kein Mitgefühl mit den Mißhandelten? Übrigens wird der
Streit zwischen Lewin und Kosnyscheff in einer Weise geführt, die von
der Frage abweicht. Kosnyscheff sagt:
„... Stelle dir vor, du gehst auf der Straße und siehst, daß
Trunkene ein Weib oder ein Kind schlagen. Ich denke, da würdest du
nicht erst fragen, ob jenen Betrunkenen der Krieg von der Regierung
deines Landes erklärt ist oder nicht, sondern würdest hineilen, und
die Bedrängten verteidigen.“
„Aber doch deshalb nicht töten.“
„Doch, du würdest töten,“ sagt Kosnyscheff, und sagt damit natürlich
etwas Unhaltbares, denn um ein Weib auf der Straße vor Betrunkenen zu
beschützen, braucht man doch wahrlich noch nicht zu töten. Aber sie
wissen es ja auch, daß es sich in dieser Frage nicht um eine zufällige
Rauferei auf der Straße handelt, sondern um ein systematisches
Niedermetzeln, um raffinierte Folterungen. Und auf eben jene Behauptung
Kosnyscheffs entgegnet Lewin:
„Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem
unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich es nicht
sagen. Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der
Slawen ist jedoch nicht vorhanden, und kann es auch gar nicht sein.“
Das ist psychologisch nicht uninteressant. Es gibt ja gewiß auch absolut
gefühllose Menschen, die einfach roh oder entartet sind; nur gehört
Lewin zweifellos nicht zu diesen, im Gegenteil, er ist sogar ein sehr
gefühlvoller Mensch. Deshalb fragt es sich, ob nicht bei gewissen, des
Mitgefühls sogar sehr fähigen Menschen die – Entfernung von
psychologischer Bedeutung sein kann. Vielleicht versagt ihr Mitgefühl,
wenn es heißt: „Die Greueltaten sind ja allerdings unerhört, man reißt
lebenden Menschen die Haut ab, wirft Kinder vor den Augen der Mütter in
die Luft und fängt sie mit dem Bajonett auf, vergewaltigt Frauen,
schneidet ihnen die Brüste ab, sticht Kindern die Augen aus und setzt
sie auf einen Spieß – aber das geschieht da irgendwo weit, irgendwo dort
auf der anderen Hälfte des Erdballs. Und da das so weit ist, empfinde
ich eben kein Mitgefühl!“ Wenn nun die Entfernung solchermaßen auf das
Mitempfinden einwirkt, so muß man sich unwillkürlich fragen: bis zu
welcher Entfernung reicht denn eigentlich die Menschenliebe?
Doch Lewin ist, wie gesagt, zweifellos ein gefühlvoller Mensch, und
obschon er für die Slawen kein Mitgefühl hat, geht seine Menschenliebe
doch so weit, daß er einen ... Türken nicht töten könnte. Stellen wir
uns einmal eine solche Szene vor: Lewin steht, mit dem Gewehr in der
Hand und aufgepflanztem Bajonett – zwei Schritt von ihm steht ein Türke
mit einem Säugling im Arm, dem er mit einer Nadel die Augen auszustechen
sich anschickt. Die siebenjährige Schwester des kleinen Opfers schreit
wie wahnsinnig und sucht mit aller Gewalt dem Türken ihr Brüderchen zu
entreißen. Lewin aber steht nachdenklich und unentschlossen da und
spricht zu sich selbst:
„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich empfinde nichts. Ich bin
selbst Volk. Ein unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der
Slawen ist nicht vorhanden und kann es auch gar nicht sein.“
In der Tat, was würde er in dem Fall tun – nach allem, was er gesagt
hat? Sollte er wirklich nicht das Kind befreien? Sollte er ihm wirklich
die Augen ausstechen lassen und es nicht sofort dem Türken entreißen?
„Entreißen ist leicht gesagt, aber da wird man den Türken vielleicht
– stoßen müssen?“
„Nun, so stoße ihn!“
„Stoße ihn! Aber wenn er mir das Kind nicht geben will und den Säbel
zieht? Da wird man ihn womöglich totschlagen müssen?“
„Nun, so schlag’ ihn tot!“
„Nein, wie darf man denn das! Nein, totschlagen darf man den Türken
nicht. Dann mag er schon lieber dem Kinde die Augen ausstechen und
es umbringen. Ich gehe zu Kitty.“
Das wäre Lewins folgerichtige Handlungsweise. Er sagt doch, daß er
_nicht wisse_, ob er dem Weibe oder dem Kinde helfen würde, wenn er
dabei einen Türken töten müßte. Die Türken tun ihm eben gar so leid.
„Vor zwanzig Jahren hätte die Presse noch geschwiegen,“ sagt
Kosnyscheff, „jetzt aber wird die Stimme des russischen Volkes gehört,
das bereit ist, sich zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich zu opfern
für die bedrängten Mitbrüder; das ist ein großer und wichtiger Schritt
und ein Beweis von Kraft.“
„Aber hier handelt es sich doch nicht nur darum, sich zu opfern,
sondern darum, die Türken zu erschlagen,“ sagte Lewin vorsichtig.
„Das Volk opfert und ist jederzeit bereit, für seine Seele zu
opfern, nicht aber für den Totschlag ...“
Also mit anderen Worten: „Liebes Mädchen, hier ist Geld, nimm es, wir
opfern es für unsere Seelen, aber deinem Brüderchen laß vom Türken die
Augen ausstechen. Denn das geht doch nicht, daß wir den Türken
totschlagen ...“
Und darauf schreibt der Autor ganz persönlich und von sich aus über
Lewin:
„Er konnte sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine
Handvoll Menschen, unter ihnen auch sein Stiefbruder, das Recht
haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen die Hunderte der durch
die Hauptstädte reisenden schönredenden Freiwilligen erzählt hatten,
zu sagen, sie und die Presse drückten den Willen und das Empfinden
des Volkes aus, und dabei war das ein Wille, der _Rache_ und
_Totschlag_ verlangte.“
Das entspricht nicht der Wahrheit: von einem Verlangen nach _Rache_ kann
überhaupt nicht die Rede sein. Auch jetzt, wo wir mit diesem
blutdürstigen Volk Krieg führen, hört man über das Verhalten der Russen
zu ihren Feinden nur Dinge, die Beweise der größten Menschlichkeit sind.
Ja, man kann dreist behaupten, daß wenige der europäischen Armeen mit
einem solchen Feinde so umgehen würden, wie es jetzt unsere Armee tut.
Zwei oder drei unserer großen Tageszeitungen haben denn auch schon die
Frage erörtert, ob es nicht ratsam wäre, die unerhörten Grausamkeiten
der Türken zu vergelten: dieses Abschneiden der Nasen und anderer
Glieder der Verwundeten und Gefangenen, bevor sie getötet werden. Man
sollte meinen, daß mit dieser gesunkenen und verlogenen Nation kein
anderes Volk noch menschlich umgehen könne, doch bin auch ich dafür, daß
man von irgendwelchen Gegenmaßnahmen Abstand nimmt. Daß jedoch Kindern
die Augen ausgestochen werden, das dürfen wir nicht zulassen, und um ein
für allemal die Möglichkeit zu solchen Schändlichkeiten zu beseitigen,
muß man die Verfolgten befreien, dem Verfolger aber auf immer die Waffe
entreißen. Das aber ist nur möglich durch den Kampf. Kampf jedoch ist
nicht Rache, und Lewin braucht deshalb für die Türken nichts zu
befürchten. Auch im vorigen Jahr, noch vor der Kriegserklärung, als nur
unsere Freiwilligen hinzogen, hätte er in der Beziehung ruhig sein
können. Oder kennt er denn nicht den Russen und den russischen Soldaten?
Freilich wird unser Soldat den Feind im Kampf töten, aber mit dem
gefangenen Türken hat man ihn schon oft seine schmale Soldatenkost
teilen gesehen. Und ich versichere, jeder Soldat, der das tat, wußte nur
zu gut, daß dieser selbe Türke ihm, dem Russen, wenn er in türkische
Gefangenschaft geraten wäre, den Kopf abgeschnitten, daraus mit anderen
Köpfen einen Halbmond zusammengestellt hätte, und in der Mitte – einen
Stern aus anderen Körperteilen. Außerdem könnte Lewin sich sagen, daß
dieser russische Soldat, der den Türken im Kampf erschlägt, doch auch
sein eigenes Leben einsetzt, daß er ebensogut vom Türken erschlagen
werden kann und vielleicht auch wird, vorher aber noch Mühe und Pein und
vor dem Tode womöglich Folterqualen auszustehen hat. Um der „Rache“, um
des „Totschlags“ willen habe sich das russische Volk erhoben? Hat man
jemals gehört, daß die Verteidigung von Kindern und Frauen, die
aufgespießt, die vergewaltigt werden und die in der ganzen Welt keinen
Beschützer haben – für eine rohe Tat, für lächerlich, fast für
unsittlich, für Rachelust und Blutdurst gehalten worden ist? Und was ist
das für eine Gefühllosigkeit neben größter Sentimentalität! Dieser Lewin
hat doch auch ein Kind und er liebt doch seinen kleinen Knaben; wenn
dieser in der Wanne gebadet wird, ist es doch fürs ganze Haus ein
Ereignis. Blutet ihm denn da nicht das Herz, wenn er liest, daß sich
unter den Baschibosucken Spezialisten herausgebildet haben, die ein
Kind, das sie an den Beinchen packen, mit einem Ruck in zwei Hälften
zerreißen können, oder von den toten Kindern neben den Leichen ihrer
erschlagenen Mütter liest, denen die Brüste abgeschnitten sind? Doch
dieser Lewin, der das liest, denkt bei sich vermutlich:
„Kitty ist gesund und hat mit Appetit gegessen; der Kleine wurde gebadet
und er fängt schon an, mich zu erkennen. Was geht es mich an, was sich
dort irgendwo fern von hier bei den Balkanslawen zuträgt; _ein
unmittelbares Gefühl für die Mißhandlung der Slawen ist nicht vorhanden
und kann es auch gar nicht sein_ – denn _ich_ empfinde _nichts_.“
Schließt damit Lewin seine Epopöe? Und ihn will uns der Autor als
Beispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Menschen hinstellen?
Solche Menschen, wie der Autor der „Anna Karenina“, sind Erzieher der
Gesellschaft, sind unsere Lehrer und wir sind ihre Schüler. Was aber
lehren sie uns nun eigentlich?
Zweiter Teil.