Zur Puschkinrede

Die Rede zur Puschkinfeier ist mit diesem Vorwort und einer

Antwort auf die Angriffe eines Westlers im August 1880 in einem

einzelnen Heft veröffentlicht worden. Vgl. Seite 5.

Meine Rede über Puschkin und seine Bedeutung habe ich am 8. Juni dieses

Jahres in einer feierlichen Versammlung der „Freunde russischer

Dichtung“ vor zahlreicher Zuhörerschaft gehalten und sie hat einen nicht

geringen Eindruck gemacht. Iwan Ssergejewitsch Aksakoff, der bei dieser

Gelegenheit von sich sagte, daß ihn alle gewissermaßen für den Führer

der Slawophilen hielten, meinte in seiner Ansprache, daß meine Rede

geradezu „ein Ereignis“ gewesen sei. Ich erwähne dies nicht, um mich

etwa selbst zu loben, sondern einzig und allein um folgendes zu

erklären: Wenn meine Rede tatsächlich ein Ereignis gewesen ist, so war

sie das nur von dem einen Gesichtspunkte aus, den ich hier in einem

besonderen Vorwort klarlegen möchte, denn nur aus diesem Grunde habe ich

das Vorwort zu schreiben unternommen. Was jedoch meine Rede selbst

anbetrifft, so wollte ich in ihr lediglich die vier folgenden Punkte der

Bedeutung Puschkins für Rußland auseinandersetzen:

1. Daß Puschkin der erste gewesen ist, der mit seinem tiefen,

durchschauenden und hochbegnadeten Geiste und aus seinem echt russischen

Herzen heraus die bedeutungsvolle krankhafte Erscheinung in unserer

Intelligenz, unserer vom Boden losgerissenen Gesellschaft, die sich hoch

über dem Volk stehend dünkt, entdeckt und als das erkannt hat, was sie

ist. Er hat sie erkannt und hat es vermocht, den Typ unseres negativen

russischen Menschen plastisch vor unsere Augen zu stellen: den Menschen,

der keine Ruhe hat und der sich mit nichts Bestehendem zufrieden geben

kann, der an seinen Heimatboden und an die Kräfte dieses Heimatbodens

nicht glaubt, der Rußland und sich selbst (oder richtiger seine

Gesellschaftsklasse, die ganze Schicht der Intelligenz, zu der auch er

gehört, und die sich von unserem Volksboden gelöst hat) im letzten

Grunde verneint, der mit seinen Volksgenossen nichts gemein haben will

und der unter all dem doch aufrichtig leidet. Puschkins Aleko[10] und

Onegin haben eine Menge solcher Gestalten, wie sie selbst sind, in

unserer Literatur hervorgerufen. Ihnen folgten Petschorin[11],

Tschitschikoff, Rudin, Lawretzkij und Bolkonskij[12] und unzählige

andere, die allein schon durch ihr Erscheinen die Richtigkeit der von

Puschkin erfaßten Tatsache bezeugten. Ihm, Puschkin, und seiner großen

Einsicht wie Genialität, gebührt daher die Ehre und der Ruhm, die

allergefährlichste Wunde der bei uns nach Peters folgenschwerer Reform

entstandenen Gesellschaft, unserer sogenannten Intelligenz, aufgedeckt

zu haben. Seiner intuitiven Diagnose verdanken wir die Erkenntnis und

Feststellung unserer Krankheit. Und nicht zuletzt ist er es auch

gewesen, der uns als erster einen Trost gegeben hat: denn von ihm ist

uns gleichzeitig diese große Hoffnung gekommen, daß unsere Krankheit

nicht tödlich zu sein braucht, daß vielmehr die russische Gesellschaft

sehr wohl noch einmal gesunden kann und daß sie noch immer die

Möglichkeit hat, sich zu erneuern und aufzuerstehen, wofern es ihr nur

gelingt, sich dem Volksgeist wieder anzuschließen, denn

2. er, Puschkin, hat uns als erster (gerade als erster, und vor ihm

niemand) die künstlerischen Typen einer russischen Schönheit gegeben,

dieser Schönheit, die unmittelbar aus der russischen Seele

hervorgegangen ist, die sich in unserem Volksgeist offenbart, überall in

unserem Boden, und die er, Puschkin, dort denn auch gesucht und gefunden

hat. Das bezeugt die Gestalt der Tatjana in „Eugen Onegin“, diese echt

russische Frau, die sich vor all der eingeschleppten Lüge zu bewahren

gewußt hat, das bezeugen ferner seine historischen Gestalten, wie der

Mönch Pimen und andere in seinem Drama „Boris Godunoff“, diese

unmittelbar aus dem Leben genommenen und so überaus wahren Gestalten in

dem Roman „Die Hauptmannstochter“ und noch viele, viele andere Typen,

die von ihm in seinen Balladen, Gedichten, Erzählungen, Aufzeichnungen

und sogar in seiner „Geschichte des Pugatschoffschen Aufstandes“

unsterblich gemacht worden sind. Die Hauptsache aber, die man besonders

unterstreichen muß, ist, daß alle diese Typen in ihrer unleugbar

vorhandenen Schönheit des russischen Menschen und seiner Seele – ganz

und ausschließlich unserem Volksgeist entnommen sind. Hier muß man schon

die ganze Wahrheit sagen: nicht in unserer gegenwärtigen Zivilisation,

nicht in unserer sogenannten „europäischen“ Bildung (die es bei uns,

nebenbei bemerkt, noch niemals wirklich gegeben hat), nicht in den

Ungeheuerlichkeiten äußerlich angeeigneter europäischer Ideen und Formen

hat Puschkin uns diese Schönheit gezeigt, sondern einzig im russischen

Volksgeiste hat sie sich ihm offenbart und zwar, wie gesagt, _in ihm

allein_. Deshalb hat er uns denn – ich wiederhole es – mit seiner

Feststellung der Krankheit auch die große Zuversicht geben dürfen, wie

man sie in die Worte zusammenfassen kann: „Glaubt an den Volksgeist, von

ihm allein erwartet eure Rettung und sie wird euch werden!“ Puschkin

verstehen wollen – und nicht diesen Schluß aus ihm ziehen – nein, das

ist unmöglich.

Der dritte Punkt, den ich in der Bedeutung Puschkins feststellen wollte,

ist jene besondere, allercharakteristischste und bei keinem anderen

Genie außer ihm vorhandene Eigenart des künstlerischen Schöpfertums: ich

meine die Fähigkeit, sich in den Geist einer jeden fremden Nation

vollkommen hineinzuversetzen, ja sogar sich selbst in einen geistigen

Vertreter jeder Nation zu verwandeln und im Geiste der Fremden

schöpferisch zu werden. Ich sagte in meiner Rede, daß es in Europa die

größten künstlerischen Weltgenies gegeben hat, wie Shakespeare,

Cervantes, Schiller, doch kann man bei keinem einzigen von ihnen diese

Fähigkeit wahrnehmen – wir sehen sie nur bei Puschkin. Und nicht etwa

nur das Sichhineinversetzen, das bloße Verstehen der anderen ist hier

das Bedeutungsvolle, sondern gerade die erstaunliche Vollkommenheit der

Verwandlung. Diese Fähigkeit konnte ich in meiner Rede über die

Bedeutung Puschkins natürlich nicht außer acht lassen, denn sie ist nun

einmal die charakteristische Eigenheit seines Genies, eine Eigenart, die

von allen Künstlern der Welt nur er allein hat, und durch die er sich

denn auch von ihnen allen unterscheidet. Wenn ich dies sage, dann

geschieht es natürlich nicht, um solche Größen unter den europäischen

Genies, wie Shakespeare und Schiller, herabzusetzen: einen so lächerlich

dummen Schluß könnte aus meiner Rede wirklich nur ein Dummkopf ziehen.

Der _Universalismus_, die _Allgemeinverständlichkeit_ und die

unerforschliche Tiefe der Welttypen des Menschen arischer Rasse, die

Shakespeare für alle Zeiten gegeben hat, sind von mir nicht einen

Augenblick in Frage gestellt worden. Und wenn Shakespeare in seinem

Othello wirklich einen _venezianischen Mohr_ und nicht einen Engländer

dargestellt hätte, dann würde er ihm nur den Nimbus einer örtlichen

nationalen Charakteristik verliehen haben, die Weltbedeutung dieses

Typus jedoch wäre ganz dieselbe geblieben, denn auch im Italiener hätte

er das, was er ausdrücken wollte, ebenso und mit derselben Kraft

ausgedrückt. Wie gesagt: nicht die Weltbedeutung Shakespeares und

Schillers habe ich herabziehen wollen, indem ich die geniale Fähigkeit

Puschkins, sich in den Geist fremder Nationen zu versetzen, hervorhob,

sondern ich tat es bloß in dem Wunsch, den gerade in dieser Fähigkeit

und in ihrer Vollkommenheit enthaltenen großen und prophetischen Hinweis

für uns Russen klarzulegen – denn

4) diese Fähigkeit ist ganz entschieden eine russische

Nationaleigenschaft: Puschkin teilt sie mit unserem ganzen Volk und er

ist als vollendeter Künstler zugleich derjenige, der am vollendetsten

diese Fähigkeit zum Ausdruck bringt, wenigstens in seinem Werk, seinem

künstlerischen Schaffen. Unser ganzes Volk trägt diese Neigung, sich in

den Geist anderer Völker zu versetzen, und somit die Neigung zur

Allversöhnung, in seiner Seele und hat das in den zwei Jahrhunderten

nach der Reform Peters auch schon mehr als einmal bewiesen. Da ich nun

aber auf diese Fähigkeit unseres Volkes hinwies – wie sollte ich da

nicht auch auf die in ihr enthaltene große Beruhigung hinweisen, die sie

uns auf unsere Frage nach unserer Zukunft als Antwort gibt, auf diese

große und vielleicht größte aller Volkshoffnungen, die leuchtend vor uns

steht! So sprach ich denn aus, daß unser Streben nach Europa, mit allen

seinen Übertreibungen und Ausartungen, _in seinem letzten Grunde_ nicht

nur berechtigt, sondern auch volkstümlich ist, und daß es sich mit dem

Trieb des Volksgeistes vollkommen deckt und zweifellos auch etwas in

sich birgt, das einen höheren Zweck verfolgt. In meiner kurzen, leider

gar zu kurzen Rede konnte ich diesen Gedanken natürlich nicht genügend

entwickeln, doch glaube ich trotzdem, daß das, was ich gesagt habe,

nicht mißzuverstehen ist. Und wozu, ja: wozu sich darüber empören, daß,

wie ich sagte, „unser bettelarmes Land vielleicht zu guter Letzt der

ganzen Welt ein neues Wort sagen wird?“ Und wie lächerlich, darauf

hinzuweisen, daß wir uns, bevor wir der Welt ein neues Wort sagen

könnten, doch „erst ökonomisch, wissenschaftlich und staatlich

entwickeln müssen“, und daß wir erst dann daran denken könnten, „neue

Worte“ so (angeblich) vollendeten Organismen, wie es die Völker Europas

sind, von uns aus zu sagen. Ich habe es ja in meiner Rede ausdrücklich

betont, daß mir nichts ferner liegt, als das russische Volk in Dingen

seiner ökonomischen oder wissenschaftlichen Errungenschaften mit den

Völkern des Westens auch nur vergleichen zu wollen. Ich sage ganz

einfach, daß von allen Völkern Europas das russische Volk am fähigsten

ist, die Idee der allmenschlichen Einigung, der Nächstenliebe, der

unparteiischen Beurteilung, die das Feindliche verzeiht, das Ungleiche

unterscheidet und entschuldigt, die Widersprüche aufhebt, in sich

aufzunehmen. Das ist kein „ökonomischer“, sondern ein rein _ethischer_

Zug, und wer könnte bezweifeln oder verneinen, daß er im russischen Volk

vorhanden ist? Oder wer dürfte sagen, daß das russische Volk nur eine

immerfort duldende träge Masse sei, dazu bestimmt, nur „ökonomisch“ dem

Gedeihen und der Entwicklung unserer Intelligenz zu dienen, die sich da

hoch über dem Volk erhebt, daß aber dieses Volk selbst in sich nur tote

duldsame Tatlosigkeit trüge, von der man nichts zu erwarten habe,

weshalb denn auch gar kein Grund vorhanden sei, irgendwelche Hoffnungen

auf dieses Volk der Menge zu setzen? Es ist traurig genug, sagen zu

müssen, daß sogar sehr viele in Rußland einer solchen Ansicht sind und

daß sie ihren Standpunkt noch dazu mit Eifer verfechten. Und nun habe

ich gewagt, etwas ganz anderes auszusprechen.

Ich wiederhole, daß ich „diese meine Phantasie“, wie ich mich

ausdrückte, nicht eingehender, nicht mit der notwendigen Ausführlichkeit

habe erklären und ihre Richtigkeit beweisen können – und doch konnte ich

nicht unterlassen, auf sie hinzuweisen. So ohne weiteres zu behaupten,

daß unser armes und unschönes Land nichts von derartig hohen Trieben in

sich schließen könne, bevor es nicht „ökonomisch“ und „staatlich“ dem

Westen ähnlich geworden sei – das ist einfach unsinnig. Die

fundamentalen ethischen Geistesgüter hängen – wenigstens in ihrem

Wesensgrunde – nicht von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines

Volkes ab. Unser ganzes armes und unansehnliches Land steht da, immer

abgesehen von seiner oberen Schicht, einmütig wie _ein_ Mann! Alle

achtzig Millionen seiner Bevölkerung stellen eine geistige Einheit dar,

wie sie in Europa nirgends zu finden ist und auch gar nicht zu finden

sein kann: folglich ist es schon aus diesem Grunde unmöglich, zu sagen,

unser Land sei unbedeutend, ja, im strengen Sinne des Wortes, noch nicht

einmal arm vermag man es zu nennen. Im Gegenteil, in Europa, in diesem

Europa, wo soviel Reichtümer zusammengescharrt sind – in Frankreich z.

B., in England! – ist der ganze Staatsbau bei allen diesen Nationen

untergraben und wird vielleicht morgen einstürzen, um dann etwas

beispiellos Neuem, das an nichts Dagewesenes gemahnt, Platz zu machen.

Und alle diese Reichtümer, die Europa aufgehäuft hat, werden es nicht

vor dem Sturz bewahren können, denn „in einem Augenblick wird aller

Reichtum verschwunden und vernichtet sein“. Und dieser, gerade dieser

untergrabene Staatsbau, diese infizierte Bourgeoisie wird unserem Volk

nun als einzig zu erstrebendes Ideal vor Augen gehalten, und erst wenn

dies Ideal einmal von ihm erreicht sein sollte, sagt man, dürfe es

wagen, daran zu denken, den Europäern irgendein Wort zu stammeln.

Dagegen behaupten wir, daß dieses Volk eine in Liebe allversöhnende und

allvereinende Geisteskraft auch unter den gegenwärtigen ökonomischen

Verhältnissen besitzen und in seinem Innersten erhalten kann, ja, es

kann das sogar in Zeiten, die noch weit schlimmer als die jetzigen der

Armut sind: es hat das sogar in der Zeit nach dem Einfall der Tataren

ins Land[13] und in der wüsten Zeit des Interregnums[14] gekonnt, bis

Rußland ausschließlich vom eigenen und einigen Volksgeist gerettet

wurde. Und schließlich: selbst wenn es wirklich so unbedingt notwendig

sein sollte zur Erlangung des Rechtes, die Menschheit zu lieben, eine

alles vereinende Seele und die Fähigkeit zu besitzen, nicht fremde

Völker deshalb zu hassen, weil sie nicht so sind, wie wir, und den

Wunsch zu haben, nicht sich in der eigenen Nationalität von allen

anderen abzuschließen und sich gegen sie zu verschanzen, damit nur das

eigene Volk alles bekäme, während man die anderen Völker für so etwas

wie Zitronen hält, aus denen sich Saft herauspressen läßt (und Völker

von diesem Nationalcharakter gibt es doch in Europa!) – wenn es auch

wirklich, sage ich, zur Erlangung alles dessen notwendig sein sollte,

zunächst ein reiches Volk zu werden und die Verfassung europäischer

Staaten bei uns einzuführen, muß dann deshalb, so fragt es sich, alles

unbedingt sklavisch nachgeahmt und, sogar einschließlich der Bourgeoisie

(die dort, wie gesagt, vielleicht morgen schon stürzen wird), bei uns

eingeführt werden? Wird man denn wirklich auch hierin dem russischen

Organismus nicht gestatten, sich national zu entwickeln, durch die

eigene organische Kraft? oder muß es wirklich unbedingt ein ganz

unpersönliches und lakaienhaftes Kopieren Europas sein? Ja, aber: was

soll man denn mit dem russischen Organismus anfangen? Begreifen diese

Herren überhaupt, was ein Organismus ist? Und dabei reden sie doch so

klug über die Naturwissenschaften! – „Das wird das Volk nicht zulassen“,

sagte vor etwa zwei Jahren jemand im Gespräch zu einem überzeugten

Westler. – „Dann muß man es beseitigen!“ versetzte darauf der Westler

gelassen und erhaben. Und das war nicht „irgendeiner“, das war vielmehr

ein – Repräsentant unserer Intelligenz. Diese Geschichte ist nicht

erfunden, denn sie ist leider – von mir erlebt.

Mit den angeführten vier Punkten wollte ich Puschkins Bedeutung für uns

feststellen, und meine Rede hat also, wie bereits erwähnt, Eindruck

gemacht. Nicht durch irgendwelche besonderen Vorzüge (ich betone das

ausdrücklich) und nicht durch talentvollen Vortrag (darin gebe ich allen

meinen Gegnern vollkommen recht, denn wirklich, ich will mich nicht

loben), sondern durch ihre Aufrichtigkeit hat sie den Eindruck gemacht

und – ich sage es dreist – durch die Richtigkeit der von mir

hervorgehobenen Tatsachen, die eben überzeugen mußten, ungeachtet der

Kürze und Unvollkommenheit meiner Rede. Aber worin, fragt es sich,

bestand denn das „Ereignis“, wie Iwan Ssergejewitsch Aksakoff es nannte?

Das „Ereignis“ war die Tatsache, daß von den Slawophilen oder der

sogenannten russischen Partei (Gott, es gibt bei uns eine „russische

Partei“!) ein großer und vielleicht entscheidender Schritt zur

Versöhnung mit den Westlern gemacht wurde, denn die Slawophilen haben

damit die Berechtigung anerkannt, die in dem Streben der Westler nach

Europa liegen könnte; haben sogar die Berechtigung aller Übertreibungen

und ihrer unsinnigsten theoretischen Folgerungen anerkannt, haben sich

für diese Berechtigung mit dem echt russischen, unserem Volk so

eigentümlichen Trieb erklärt, der unsrer ganzen geistigen Veranlagung

nur zu sehr entspricht, die Übertreibungen selbst aber haben sie als

historische Notwendigkeiten angesehen und als ein Fatum gerechtfertigt,

so daß, wenn man einmal die Summe ziehen sollte, es sich herausstellen

würde, daß die Westler in demselben Maße ihrem Vaterlande und der

Richtung seines Geistes gedient haben, wie alle jene echt russischen

Leute, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sie vielleicht nur gar zu

eifersüchtig vor der Europa-Begeisterung aller „russischen Ausländer“ zu

bewahren suchen. Und zum Schluß wurde in dieser Rede erklärt, daß alle

Gegensätze, aller Widerstreit und alle Feindseligkeiten zwischen den

beiden Parteien bisher überhaupt nur ein großes Mißverständnis gewesen

sind. Diese Erklärungen in ihrer Gesamtheit dürften nun wohl das gewesen

sein, was man meinetwegen ein „Ereignis“ nennen kann, denn die

Repräsentanten der Slawophilenpartei waren nach meiner Rede mit allen

ihren Folgerungen durchaus einverstanden. Ich möchte jetzt nur noch

darauf hinweisen – was übrigens auch schon in meiner Rede geschehen ist

–, daß die Ehre, diesen ersten Schritt getan zu haben (wenn der

aufrichtige Wunsch, eine Versöhnung herbeizuführen, zur Ehre gereicht),

daß das Verdienst, dieses neue Wort, wenn man es so bezeichnen will,

verkündet zu haben, durchaus nicht mir allein zukommt, sondern dem

ganzen Slawophilentum, dem Geist und der Richtung unserer ganzen

„Partei“, daß ferner das Gesagte von jeher allen jenen klar gewesen ist,

die unparteiisch das Slawophilentum zu erfassen suchten, und daß der

Gedanke, den ich ausgesprochen, von ihnen schon früher, wenn auch nicht

gerade wörtlich, in dieser Weise ausgedrückt, so doch dem Sinne nach

angedeutet worden ist. Ich aber habe nichts weiter getan, als daß ich

ihn im richtigen Moment aussprach.

Und nun die Folge: sollten jetzt die Westler unsere Folgerung annehmen

und sich mit ihr einverstanden erklären, so würden ja allerdings

wirklich alle Mißverständnisse zwischen den beiden Parteien beseitigt

sein, und die Westler und Slawophilen hätten tatsächlich „keinen Stoff

mehr zum Streit“, wie I. S. Aksakoff sich ausdrückte, „da jetzt alles

erklärt ist“. Unter diesem Gesichtspunkt wäre meine Rede freilich „ein

Ereignis“ gewesen. Aber das Wort „Ereignis“ ist doch wohl nur in der

ersten Begeisterung von der einen Partei ausgesprochen, ob aber auch die

andere Partei es anerkennen oder ob die Forderung nur ein Ideal bleiben

wird, das ist eine ganz andere Frage. Neben den Slawophilen, die mich

dort in ihre Arme schlossen und mir die Hände schüttelten, kaum daß ich

die Rednertribüne verlassen hatte, kamen auch Westler auf mich zu, um

mir auch ihrerseits fest die Hand zu drücken, und zwar waren es nicht so

irgendwelche, sondern gerade die Führer der Parteien, oder doch

diejenigen, welche gerade jetzt die beinahe entscheidende Rolle in ihr

spielen. Und ihr Händedruck war ebenso heiß und sprach von ebenso

aufrichtigem Beifall wie der der Slawophilen, und sie nannten meine Rede

genial, und taten das mehr als einmal und hoben immer wieder ihre

Bedeutung hervor. Aber ich fürchte, ich fürchte aufrichtig: geschah das

nicht alles nur im ersten Augenblick des Mitgerissenseins?! Oh, nicht

das fürchte ich, daß sie nachträglich ihre Meinung, meine Rede sei

genial gewesen, ändern könnten! Ich weiß es ja selbst, daß sie nicht

genial war, und fühlte mich auch durch ihr Lob keineswegs geschmeichelt,

weshalb ich ihnen von ganzem Herzen ihre Meinungsänderung bezüglich

meiner Genialität verzeihen würde. Es ist etwas anderes, was ich

befürchte. Es wäre nämlich möglich, daß die Westler (ich meine nicht

jene, die mir die Hand schüttelten, sondern die Westler im allgemeinen,

was vorausgeschickt sei), daß die Westler also, wenn sie erst einmal

über das dort Ausgesprochene nachdenken, ungefähr folgendes sagen

könnten: „Aha!“ werden sie vielleicht sagen (übrigens sage ich

ausdrücklich „vielleicht“, nichts Bestimmteres), „da haben sie nun nach

langem Streit und Hader endlich doch zugegeben, daß unser Streben nach

Europa berechtigt und natürlich ist! Sie haben eingesehen, daß auf

unserer Seite dasselbe Recht besteht, das sie bis jetzt nur für sich in

Anspruch nahmen, und haben nun ihre Fahnen endlich vor uns gesenkt. Nun,

wir nehmen Ihre Anerkennung mit Vergnügen an, meine Herren, und beeilen

uns, Ihnen zu erklären, daß das von Ihrer Seite sogar sehr nett ist: es

verrät wenigstens einen gewissen Verstand, den wir Ihnen übrigens auch

nie abgesprochen haben, mit Ausnahme vielleicht der Stumpfsinnigsten

unter unseren Parteigängern, für die alle wir nicht wohl einstehen

können – aber ... Sehen Sie mal, hier sitzt nun wieder ein gewisser

neuer Haken, weshalb man denn diesen Punkt möglichst schnell klarlegen

müßte. Die Sache ist nämlich die, daß Ihre These, unser Zug nach Europa

stimme durchaus mit dem Volksgeist überein, ja, sei sogar metaphysisch

als sein unmittelbarer Ausdruck zu erklären – daß diese Ihre Behauptung

also für uns doch von mehr als fragwürdiger Richtigkeit bleibt, womit

dann die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen uns wiederum

ausgeschlossen ist. Lassen Sie es sich gesagt sein, daß wir uns

allerdings von Europa, von der europäischen Wissenschaft und von der

Reform Peters haben lenken lassen, keineswegs aber vom Geist unseres

Volkes, sintemal wir diesen Geist noch nicht zu entdecken vermocht haben

und er uns auf unserem Wege auch noch nie begegnet ist – was etwa von

ihm irgendwo vorhanden sein sollte, das haben wir hinter uns liegen

lassen und sind schleunigst von ihm fortgeeilt. Wir sind von Anfang an

selbständig unseren Weg gegangen und haben uns durchaus nicht von

irgendeinem angeblichen Trieb des russischen Volkes, seiner universalen

Aufnahmefähigkeit oder seiner Neigung zur Versöhnung aller nationalen

Gegensätze treiben lassen – kurz, es ist nichts von dem geschehen,

worüber Sie jetzt so viele Worte verloren haben. Im russischen Volk – da

es nun einmal zur Sprache gekommen ist, wollen wir es ganz aufrichtig

aussprechen – sehen wir nach wie vor nur eine passive Masse, von der wir

nichts zu lernen haben, die vielmehr nur die Entwicklung Rußlands – im

fortschrittlichen Sinne – hemmt und die man umgestalten und umschaffen

muß: wenn nicht organisch, was leider nicht möglich ist, so doch

wenigstens mechanisch, d. h. indem man sie einfach zwingt, ein für

allemal zwingt, uns zu gehorchen. Um aber diesen Gehorsam zu erreichen,

ist es eben erforderlich, bei uns genau dieselbe bürgerliche

Organisation einzuführen, wie sie in den europäischen Staaten bereits

vorhanden ist. An und für sich ist unser Volk arm und gemein, wie es das

von jeher gewesen, und kann weder ein Ansehen noch eine Idee haben. Die

ganze Geschichte unseres Volkes ist eine Ungereimtheit, aus der Sie aber

bisher weiß der Teufel was für Schlüsse gezogen haben. Nur wir allein

haben uns den nüchternen Blick bewahrt und das Volk richtig

eingeschätzt. Ein Volk, wie das unsrige, darf keine Geschichte haben,

und das, was es bis jetzt für seine Geschichte hält, muß von ihm mit

Abscheu vergessen werden, jawohl, restlos vergessen werden. Eine

Geschichte haben – das dürfen nur wir, die Intelligenz, der das Volk

einzig mit seiner Arbeit und Kraft zu dienen hat.“

„Übrigens erlauben Sie, regen Sie sich wegen unserer Einwände nicht auf

und unterbrechen Sie uns nicht: nicht zu unseren Leibeigenen wollen wir

unser Volk machen, wenn wir von seinem Gehorsam sprechen, o nein,

natürlich nicht! Ziehen Sie, bitte, nicht so falsche Schlüsse! Wir sind

human, wir sind Europäer: das wissen Sie ja nur zu gut. Im Gegenteil,

wir wollen unser Volk allmählich bilden, regelrecht bilden, und unser

Werk damit krönen, daß wir das Volk allmählich bis zu uns erheben und

seine Nationalität in eine andere verwandeln, in irgendeine, die sich

dann schon von selbst einstellen wird, wenn die Nation nur erst einmal

richtig gebildet ist. Seine Bildung aber werden wir darauf gründen und

damit beginnen, womit wir selber begonnen haben: mit der Verleugnung

unserer Vergangenheit und einem Fluch auf unsere ganze Geschichte. Haben

wir einem Mann aus dem Volke erst das Lesen und Schreiben beigebracht,

so geben wir ihm gleich darauf Europa zu riechen, und dann umstricken

wir ihn vollends mit – nun, sagen wir, mit den feinen Sitten, den

Kleidern, Getränken und französischen Tänzen. Mit einem Wort, wir

zwingen ihn, sich seines früheren Bastschuhs und seines selbstgebrauten

‚Kwas‘[15] zu schämen, desgleichen seiner alten Lieder – und wenn es

auch unter letzteren einzelne musikalisch sehr schöne geben mag, was wir

ja gar nicht in Abrede stellen wollen, dann werden wir ihn doch zwingen,

Couplets zu singen, wie sehr Sie sich darüber auch ärgern sollten. Kurz,

um den guten Zweck zu erreichen, werden wir mit allen nur möglichen

Mitteln zunächst die schwachen Seiten seines Charakters beeinflussen,

ganz wie das ja auch mit uns geschehen ist, und schließlich wird dann

das Volk – unser sein. Es wird sich seiner Vergangenheit selbst schämen

und sie verfluchen. Wer das hinter ihm Liegende verflucht, der gehört

bereits zu uns. Das ist unsere Formel! Und nach dieser Formel werden wir

vorgehen, wenn wir uns daran machen, das Volk zu uns zu erheben. Sollte

das Volk sich aber als unfähig zur Bildung erweisen, dann ja, dann muß

man es beseitigen. In dem Fall wäre eben der Beweis dafür erbracht, daß

unser Volk nur eine unwürdige, barbarische Herde ist, mit der man

wirklich nichts anderes anfangen kann, als daß man sie zum Gehorsam

zwingt. Denn was sollte man sonst mit ihm anfangen? – ist doch nur bei

unserer Intelligenz und in Europa die Wahrheit! Wenn es bei uns auch

achtzig Millionen Volk gibt (womit Sie übrigens dem Anscheine nach ein

wenig zu prahlen belieben), so haben alle diese Millionen doch nur dann

einen Lebenszweck, wenn sie dieser europäischen Wahrheit dienen, außer

der es eine andere Wahrheit nun einmal nicht gibt und auch gar nicht

geben kann. Mit der Menge aber, mit diesen achtzig Millionen, werden Sie

uns nicht einschüchtern. So: und damit hätten wir Ihnen einmal gründlich

unsere Meinung gesagt, diesmal in ganzer Nacktheit. Wir aber bleiben bei

dem, was wir gesagt haben. Wir können doch nicht, wenn wir Ihre

Folgerung annehmen, mit Ihnen – nun, zum Beispiel über so seltsame Dinge

philosophieren, wie die Pravoslavie[16] und ihre angebliche und

besondere Bedeutung! Wir hoffen vielmehr, daß Sie uns wenigstens dies

nicht zumuten werden, namentlich nicht jetzt, in einem Augenblick, in

dem das letzte Wort Europas, und das allgemeine Ergebnis der

europäischen Wissenschaft, doch der Atheismus ist, ein aufgeklärter und

humaner Atheismus! Wir aber – wir können doch nicht Europa etwa _nicht_

folgen!! So sind wir denn meinetwegen bereit, jene Hälfte der bewußten

Rede, in der Sie uns Beifall zollen, mit gewissen Einschränkungen gelten

zu lassen – also sei’s drum, erweisen wir Ihnen diese Liebenswürdigkeit.

Was aber die andere Hälfte betrifft, die, auf die Sie sich und alle

diese Ihre ‚Grundlagen‘ beziehen – ja: da verzeihen Sie, da können wir

nun nichts mehr annehmen und billigen!“

Eine so traurige Antwort auf meine Rede ist durchaus möglich. Doch wie

gesagt: ich wage sie nicht nur nicht in den Mund jener Westler zu legen,

die mir die Hand drückten, sondern nicht einmal in den Mund der vielen,

sehr vielen Aufgeklärten, die trotz ihrer Theorien prächtige Russen sind

und für ihr Vaterland arbeiten und als russische Bürger alle Achtung

verdienen. Dafür aber wird die Masse, die Masse der Abtrünnigen, der von

ihrem Erdboden Losgerissenen, die Masse der Westler, der Durchschnitt,

die Straße, auf der man die Idee weiterschleift, – dieser ganze Pöbel

der „Richtung“ (und der ist zahlreich wie Sand am Meer) oh, dieser

Schlag Menschen wird unbedingt in ähnlicher Weise antworten, wenn er es

nicht schon getan hat! (Notabene: In betreff des Glaubens zum Beispiel

ist schon in einer Broschüre mit dem ganzen ihnen eigenen Scharfsinn

erklärt worden, das Ziel der Slawophilen sei – ganz Europa zur

Orthodoxie zu bekehren.) Doch verscheuchen wir diese schwarzen Gedanken

und hoffen wir zunächst auf die Führer dieses „Europäertums“. Wenn sie

auch nur die Hälfte unserer Ansichten und in sie gesetzten Hoffnungen zu

den ihrigen machen, so sei ihnen auch hierfür Ehre und Ruhm, und wir

werden sie mit Begeisterung begrüßen. Selbst wenn sie nur die eine

Hälfte annehmen, d. h. wenn sie wenigstens die Selbständigkeit und

Eigenart des russischen Geistes anerkennen, so wie die Rechtmäßigkeit

seines Daseins und seine menschenfreundliche allversöhnende Neigung, so

wird es auch fast nichts mehr geben, worüber wir noch zu streiten

hätten, wenigstens nichts Grundsätzliches. Dann würde meine Rede

allerdings so etwas wie den Grund zu einem neuen Ereignis gelegt haben.

Nicht sie selbst – ich wiederhole es noch zum letztenmal – wäre das

Ereignis gewesen (sie ist eine solche Bezeichnung nicht wert), sondern

der große Triumph Puschkins, der die Veranlassung zu unserer Einigung

gewesen wäre – einer Einigung aller wahrhaft gebildeten und aufrichtigen

Russen für ein großes allumfassendes Zukunftsziel.

Sämtliche Werke 12 · 第 21 / 44 题