Lauda: »Keineswegs, er spiegelt sich in dieser Verspottung. Die Wände in
unserm Innern, Wände der Individualität, sind Spiegelglas, in dem wir
uns beobachten und -- gefällig finden. Daß mir jedes Ja in Nein
umschlägt, Aufhebung, Schließung des Kreises wird, das erklärt sich
daraus, daß wir buchstäblich in körperliche Wände eingeschlossen sind,
in denen nur der Kreis möglich ist; ohne sie strahlten wir in das All
hinaus, uns auflösend, materielle Erklärung eines Seelengesetzes. Je
mehr ich in Seelisches eindringe, desto häufiger wird die Erkenntnis,
daß es nicht Tiefres gibt als das Materielle, daß es das letzte Wort
ist, hinter Seele und Metaphysik gelegen. Metaphysik ist die
Zurückführung der seelischen Phänomene auf das Wunderbarste, nie zu
Erklärende, die körperliche Existenz.«
Hannah: »Hast du noch nie daran gedacht, Komik, Humor, Satire als
Ausdrucksmittel zu gebrauchen? Du liebst nicht Seele, sondern
Unbelastung, nicht Dunkel, sondern Helle. Von Helle zu Heiterkeit ist
nur ein Schritt.«
Lauda: »Daran habe ich gedacht, ja. Es ist nur eins gegen die komischen
Gattungen zu sagen: daß sie im Grund die Fragen, die den Mensch
beschäftigen, ebenso ernst nehmen wie die ernsten Gattungen selbst. Sie
sind Ausgleich zwischen Ja und Nein, mittlere Linie, also zwar Vorbehalt
dem Ja gegenüber, aber auch Verleugnung des Nein. Die komischen
Gattungen sind beschaulich -- ich fürchte, daß ich nie beschaulich
werde, den Florettstoß ins Herz der Dinge vorziehe.«
Hannah: »Also setzt du dich immer mit einem Gegner auseinander, lebst
von ihm?«
Lauda: »Wie wir alle. Man könnte wie ein Freisinnsmann von einer Theorie
der Notwendigkeit des Gleichgewichts der Kräfte sprechen -- drei
Genitive.«
Hannah: »Gleichwohl wirst du auf die Dauer nicht umhin können,
Ausgleich, mittlere Linie zu wählen, denn soviel glaube ich zu verstehn,
daß Durchführung der Aufhebung in der Praxis zu einem reinen Nein führen
muß, da Leben in einer fortlaufenden Reihe positiver Angebote besteht.
Wenn du alles, woran Menschen glauben oder auch nur ihre Energie setzen,
aufgehoben hast, bleibt nur noch übrig, die Existenz selbst aufzuheben,
Nein zu ihr zu sagen.«
Lauda: »Gut Dialektik getrieben, Frau Hannah; du vergißt, daß danach
Aufhebung des Nein sich automatisch einstellen, zum modifizierten,
durchdachten Ja werden wird, und daß ich nicht ein solcher Pedant sein
werde, von diesem zweiten Ja zum zweiten Nein und so fort in Ewigkeit
weiter zu gehn.«
Hannah: »Und wenn die Bereitwilligkeit, Ja zu sagen, eines Tags
versagt?«
Lauda: »Stürzt alles zusammen wie in jedem, der nicht an absolute Werte
glaubt. Du selbst fandst ja an jenem aztekischen Paar schön, daß es für
die, die zum Tod verurteilt sind, kein Wiedersehn im Jenseits gibt, und
zogst daraus die wahre, einzig starke, heroische Stimmung der
Tapferkeit.«
Hannah: »Wohl wahr. Für dich aber wünsche ich die Tat, mein Vorschlag
ist nun nicht mehr, das Haus in meiner Abwesenheit zu beziehn, sondern
-- komm mit mir nach Rußland, stürze dich in den Strom, er trägt den,
der nicht schwer ist.«