NEIN UND JA

I

Lauda kam am Nachmittag in Zürich an, Stadt die er nie betreten hatte,

und erster neutraler, die er im Krieg betrat, seltsames Gefühl.

Er ertappte sich dabei, wie er gleich einem Zeitungsberichterstatter in

fremdem Land, der seinen Artikel vorbereitet, kleinste Dinge notierte:

Straße gefüllt mit jungen Männern, Straße gefüllt mit Auslagen

entbehrter Dinge, Straße, in der Frühlingsbäume legitim blühten, denn

Mensch darunter war im Einklang mit ihrer Freude, dachte nicht an Mord.

Folgend der grünen Avenue sah er die weiße Lohe, und als er die Brücke

betrat, darunter der See zum stadtdurchziehenden Fluß ward, war es, als

stehe er der Sonne so nah, wie man am äußersten Rand eines Kraters dem

Erdfeuer nah steht; Silberebne lag zwischen Uferhügeln -- gleich, ob man

sie Wasser oder Licht nannte. Segel darauf waren regungslose

Schmetterlinge, die mit senkrechten Flügeln eine Wiese aussaugen.

Da erhob sich ein Wind, erster Atemzug des Abends, und alsbald war die

große Bewegung. Möwen warfen sich vom Gelände zum Spiegel, schreiend wie

junge Hexen in der Walpurgisnacht der Bühne; die Schmetterlingsflügel

blähten sich, begannen den dunklen Leib der Kajüte zu schleppen; Boote

schaufelten vom Land, Wasserkäfer, die mit geknickten Beinen auf

Flüssigem gingen -- es ward der See zum Marktplatz inmitten der

hügelbedeckenden Quartiere, Mittelpunkt, zu dem es aus allen Ecken

schoß, als sei die Bucht ein Archipel, ferne Dörfer seine Inseln, von

denen Ruderndes zur Versammlung der Insulaner eilte.

Lauda nahm ein Boot, war unter ihnen auf der Straße, worin

Zeitungsjungen das Abendblatt ausriefen, der Photograph der Liebespaare

vor dem Kasten stand, Kokotten kreuzten, wartend daß einer sie ins

Schlepptau nahm. Belcanto Verdis mischte sich mit Dudelsack, und aus

dem Kielraum einer Jacht quoll Foxtrott eines Grammophons,

Unterwasserinstrument phantastisch. In dieser Jacht saß eine junge Miß,

Lorelei in Mausgrau tailormade -- zu unachtsam am Segelseil, sie rammte

Lauda, ihm blieb nichts übrig, als aus dem umschlagenden Boot in ihren

Kahn zu springen. Da er darin war, band er ruhig sein Fahrzeug an den

Sporn und sagte lachend:

»All right, nun bringen Sie mich an Land.«

»Wo kommen Sie her?« fragte sie, nasales Englisch verriet die

Amerikanerin.

»Aus Brüssel,« antwortete er und besann sich zu spät, daß das die

schlechteste Empfehlung war, denn seit drei Monaten war Krieg zwischen

ihrem Land und seinem. Es fiel schwer, ihr versteinertes Gesicht zu

glätten; er erreichte es, indem er gewissenlos versicherte, er sei aus

dem besetzten Brüssel entwichen, um an dem deutschen Irrsinn nicht

länger teilzuhaben, obwohl nur soviel wahr gewesen wäre, daß er gekommen

war, um Klarheit in der Frage der Schuld am Krieg zu erlangen.

Beruhigung stellte ganz sich ein, als er erzählte, wie man ihn, den

Nationalitätenlosen, zum Dienst gezwungen hatte; mit einem der Henker

Miß Cavells hätte sie nichts zu tun haben wollen. Bestimmteste

Vorstellungen in dem kleinen Köpfchen, das das eigenwillige

amerikanische Kinn aufwies. Sie sprach geläufig deutsch, Studentin des

Polytechnikums.

Unterdessen quoll aus dem Kielraum Twostep und Tango weiter, dort

kauerte auch ein Seidenpinscher; Lauda lachte über solchen Zeitvertreib,

mit Grammophon und Hund zu segeln. Sie sah erstaunt auf ihn herab, denn

Schlanke stand am Segelbaum, hübsch, ein wenig flach und den Unterleib

aus der Hüfte wölbend wie die gotische Figur des Christentums am

Straßburger Münster.

Auf sie schauend achtete er nun seinerseits des Steuers nicht und ward

aus einem Boot warnend angerufen, russisch und deutsch. Noch damit

beschäftigt, rasch zu kreuzen, vernahm er seinen Namen, warf sich herum

und sah Hannah Graumann, im Kreis schwarzhaariger Leute. Frage und

Antwort flog hin und her, dann bestellte sie ihn zum Abend ins Café.

Danach steuerte er ans Land, stieg aus und sah, daß Miß Lilians Jacht

Caramba hieß -- so schneidig, war es ihre Jacht?

Auf irgendeine Art mußte man in die Dinge springen; die eine, fröhliche,

hatte sich von selbst gefunden; die andre, ernste, stand nun fest und

entlockte -- Widerstreben. Daß er Hannah sofort aufsuchen werde, war

sein Plan gewesen; aber da er die Gesichter ihrer Begleiter gesehn

hatte, wußte er, was er von ihr erfahren werde, die Auffassung

russischer Sozialisten. Er wollte sich unterrichten, Weiß- und

Gelbbücher lesen, und sein Gefühl für Helfferich und Ludendorff war

böse, hart; doch überschüttet werden von der Worte Flut, drin Hochmut

war und Eifer -- nein. Ihm schien, es sei noch immer Zeit, das zu hören,

und wichtiger, Tage der Einsamkeit, eben erst begonnener, zu verlängern.

Es war so schön, in dem Land zu sein, das im Meer des Bluts wie eine

Insel lag, und in sein Innres vorzustoßen. Vielleicht war es nur eigner

Hochmut, selbst zu finden; wer kannte sich?

Er ging in das Café, das Hannah zugerufen hatte, schrieb, daß er erst

zwei Wochen reisen wolle, gab den Brief dem Kellner. Am nächsten Morgen

fuhr er nach Luzern, Billett nach Interlaken in der Tasche, und saß nach

Mittag wieder im Zug, der durchs Wiesental von Lungern zum Brünig stieg.

Der Paß erklommen lag Quertal von Meiringen bis Brienz wie erstes

südländisches Frühlingsland vor ihm in Tiefe, und war ihm schöner, als

hätte er die große Klimascheide des Gotthard in einem Loch durchkrochen.

Daß es Südland im Norden gab, mußte einer wissen; er wußte es und liebte

diese Bahn, die mit Zahnrad und Adhäsion sich mühte, ehrlich im blauen

Licht die Steigung zu überwinden. Es gab auch auf dem Brünig Palmen fünf

oder sechs, und in dem Park des Grandhotels stand eine Tonfamilie,

Schneewittchen mit den Zwergen -- Kitsch, doch Erinnrung des Kinds. Er

stieg aus, einen Zug zu überspringen; da berührte ihn eine Hand -- Frau

Hannahs.

»Es war nicht schwer,« sagte sie, »Sie zu berechnen, Vorteil der

ausfallenden Nachtzüge. Ich stand hinter Ihnen am Schalter, und Sie

kamen mir unerwartet entgegen, denn mein Plan war, Sie an den Brienzer

See zu leiten, Ort, wo ich ein Haus besitze.«

Er blickte forschend in Augen ihm vertraut, denn man konnte mit allem

vertraut sein, was entgegentrat, und ihm fremd, denn drei Wochen heißer

Begegnung waren nur Rausch gewesen, nicht Wunsch, sie zu verlängern.

Warum? Vielleicht, weil diese Frau mit dem strahlenden Funken in brauner

Pupille ihm zu verwandt war, die Sinnlichkeiten zu geschwisterlich

ineinanderflossen, parallel, nicht gegenüberstehend. Das bot Möglichkeit

einer Freundschaft, oft mahnend, etwas für ihre Verwirklichung zu tun,

Vorsatz nie verwirklicht. Es waren jetzt zwei Jahre her, daß er im

Begriff gewesen war, mit ihr von München nach der Schweiz zu fahren, da

hatte man ihn angehalten und unter die Soldaten gesteckt; es wäre, wenn

ihr Mann es so nennen wollte, eine Entführung geworden, aber er wußte

nicht einmal, ob sie noch mit Graumann verheiratet war und ob das Kind,

von dem sie in ihrer einzigen Mitteilung nach Brüssel geschrieben hatte,

daß es sein eignes sei, Graumanns Namen trug.

Er führte sie an den Rand des Plateaus, wo unter Kastanien Strandkörbe

standen, fünfhundert Meter über dem See, auf den sie wiesen.

»Ich bin Ihnen gefolgt,« sagte sie, »nicht weil es mein ganzes Verlangen

war, Sie in den Kreis einzuführen, den Sie nun fliehn, sondern weil Sie

flohn und über mich wie schlimme Katastrophe plötzlich gleicher Wunsch

hereinbrach. Erinnern Sie sich unsrer Gespräche in München, als ich

erzählte, wie ich als Hannah von Cedernström in dem Augenblick, wo Ehe

Haus Versorgung nicht mehr in Frage stand, Ehe Haus Versorgung aufgab,

weiter zog?

Wäre es Lust am Neuen gewesen, hätte man wenigstens eine Erklärung

gehabt; aber es kam aus Schichten der Erkenntnis, die eine Frau zu

benennen scheut, weil sie zu fühlen glaubt, Erkenntnis sei Angelegenheit

des Manns. Sie als Mann hatten eine Erklärung zur Hand, sprachen von

Aufhebung, bekannten mutig, daß jede Wahrheit, die Sie erlebt haben,

zwar nicht in Ihnen stirbt, aber ihre Dämonie über Sie verliert und vom

Absoluten her zu einer relativen Wahrheit, kleiner Angelegenheit

menschlichen Hirns wird, deren Wichtigkeit Sie einschränken.

Allen fühlte ich mich überlegen, weil ich das selbst empfand; Ihnen

gegenüber mich schwächer, weil Sie sich in so männlicher Domäne legitim

ergingen, ich nur tastend. Wir arbeiteten, diese Russen deklamierten

nicht, wie Sie vielleicht glauben, sie dachten scharf, die einen

verwarfen nur die Genossen der deutschen Partei, und ihnen war der Krieg

ein deutsches Verbrechen; die andren verwarfen die Sozialisten aller

Länder; die französischen taten in ihren Augen dasselbe wie die

deutschen, und sie waren unter dem höheren Gesichtspunkt der großen

Zersetzung damit einverstanden. Ich nahm an den Zusammenkünften in

Kienthal und Zimmerwald teil und war Zeugin, wie eine neue Taktik

entstand, die auf den Zusammenbruch wartet, um Sozialismus zu

verwirklichen.

Die Russen, die Sie im Boot sahn, reisen in acht Tagen durch Deutschland

nach Hause, um Kerenski zu stürzen; wenn man sie fragt, wie sie es mit

ihrer Überzeugung vereinen, daß sie Ludendorffs Hilfe annehmen, lächeln

sie, und ich weiß, was dieses Lächeln sagt. Wenn ich will, kann ich mit

ihnen fahren; sie erwarten es, ich habe ihre Sprache gelernt, sie

verheißen mir Wirkung, die noch keine Frau gehabt hat, und wissen nicht,

daß ich zurückscheue, nicht weil ich nicht glaubte, nicht die große

Verlockung fühlte, nicht die Energie hätte, in das Dunkel der Tat zu

springen -- sondern weil dieses Tödliche, Bohrende da in mir ist, daß,

was Menschen tun, nur so lange Wert hat, wie man es will, nicht Gott

ist, der unabhängig von seinen Gläubigen existiert. Ich trenne mich

nicht von ihnen, fahre mit, nur eines muß sich erst erfüllen: daß ich

noch einmal bis auf den Grund des Zweifels tauche, alles in mir

zersetze, durch solchen Zweifel gerecht werde, durch solche

Gerechtigkeit härtre Energie erlange.

Mich auszudrücken ist schwer -- es ist ein Haß in mir gegen die

Wichtigkeit, die ich mir beilege, wenn ich mich mit jenen sozialen Ideen

beschäftige. Begegne ich nach irgendeinem heftigen Diskussionsabend

wieder den Russen oder allgemein den Menschen, so finde ich sie gleich

überzeugt, gleich bereitwillig; aber in mir zog sich eine Spannung

zusammen, wie sich in den glücklichsten Tagen der Ehe mit Graumann eine

Spannung zusammenzog, irgendeine Summierung von Begierden, die durch

Güte des Partners nicht zu befriedigen waren; tat mir einer der Russen

oder vorher Graumann den Gefallen, mich zu reizen, dann entlud ich mich

und, zauberhaft, alles war verflogen, ich fühlte mich gut, und jeder

Zweifel an den großen Ideen war unverständlich geworden. Antworten Sie

nicht, das Weib in mir habe den Druck, den Willen, die Energie, den

Herren gesucht. Im Fall der Russen war es nicht das Weib, sondern der

geistige Mensch.

Was ich wissen möchte, ist: kennen auch andre den Wunsch, zu zerstören,

was sie aufbaun, vollziehn auch sie die Gerechtigkeit, denn es ist eine

Gerechtigkeit, indem sie so ungerecht sind, höhnen sie, was sie

verehren, verehren sie nur um so inbrünstiger und bereuender, nachdem

sie gehöhnt haben?«

»Erstaunliche Frau, die benennt, was ich wie mein letztes Geheimnis

empfand, das zu entblättern mir erst die Nerven wachsen sollen.

Vielleicht können Sie es, weil Sie stärker darunter leiden, ich

widerstandsfähiger bin. Denn soviel ist mir klar, jenem Wunsch nach

Zersetzung nachgeben, bedeutet große Widerstandslosigkeit. Früher

beruhigte ich mich mit dieser Erklärung und fühlte mich überlegen, weil

ich widerstehn konnte, das Dunkle in mir überdeckte; dann kam eine Zeit,

wo ich feststellte, daß Abschließung gegen das Dunkle ärmer macht als

die sind, die es suchen, Hingabe an das Dunkel reicher macht, weil es

seelenhafter macht; das mag die Erklärung dafür sein, daß jedes helle

Heidentum von einem Christentum bedroht wird, jede Männlichkeit den

femininen Tag erlebt, jeder Diesseitige den Gott. Das ist heute mein

Problem, wichtiger als das, was mir das Wichtigste war, die Kunst.«

»Und Lösung, ist sie möglich?«

»Nicht in dem Sinn, daß man im männlichen, heidnischen, diesseitigen

Zustand endgültig beharren könnte. Weil wir immer endgültig sein wollen,

tritt die innre Mahnung ein, Ihr Widerstreben, Ihre Spannung. Möglich

ist nur, in dem Kampf zuletzt doch oben zu bleiben, vorausgesetzt, daß

man überhaupt zu denen gehört, die ohne dauernden Aufenthalt im Dunkel,

das zugleich das Warme, Schützende und Erregende ist, zu leben vermögen.

Ja, ich glaube auf Ihre Frage antworten zu können.

Wenn Sie eine Wahrheit, eine Idee gefunden haben und an ihr festhalten

wollen, ist das, als wiesen Sie die Erde an, sich nicht mehr zu drehn,

da ihre Ruhelage nun feststehe; unmöglicher Befehl. Sie, ich, wir alle,

sind Himmelskörper wie die Erde, rasend in Rotation -- es läßt sich

vermuten, welche Spannungen in ihnen entstehen, sich entladen,

immerwährend. Die Spannung, von der Sie sprachen, ist Botschaft solchen

Vorgangs, schwache Botschaft, gesandt aus den unbekannten Himmelsräumen

in Ihrem Innern, darin Formung und Entformung unermüdlich sind. Denke

ich daran, so stellt sich das heroische Gefühl ein, ich meine das der

Tragödie, die auch Leben selbstzerstörerisch in den Rachen des Tods

wirft. Ihr Grundbewußtsein von Ihnen selbst ist tragisch, es ist

Tapferkeit, Hohn, Demut, Auflehnung darin. Sie neigen leichter als andre

zu Spannungszuständen, deshalb suchen Sie den Druck, das Gebot, wie

allgemein, aber auf dem engren Gebiet des Sinnlichen, Ihr Geschlecht.«

»Wenn es so ist,« sagte sie, »wie halten dann andre, die Masse der

Menschen, die Tragik, den Einbruch dessen, was die Ruhe stört, von sich

fern, wie ist es möglich, daß sie überhaupt in Ruhe leben?«

»Wissen Sie das nicht? Indem sie sich einen Mittelpunkt geben, um den

ihr Kosmos dreht, genau das, was Sie als Wahrheit oder Idee suchen. Und

um den Mittelpunkt ganz unerreichbar zu machen, um vor einer Auflehnung

wie der Ihrigen geschützt zu sein, die immer möglich ist, wenn man weiß,

daß man einen solchen Gott selbst erfunden hat, geben sie ihm die

Eigenschaft des absoluten Gotts, dem zu dienen nicht ehrenrührig ist,

der Demut, das ist _Willigkeit der Rotation_, verlangen darf.

Lehnen sie sich auf, so gibt ihnen dieser Gott im religiösen Sinn den

Druck, den ihre Atmosphäre braucht -- das ist das letzte Geheimnis des

menschlichen Gottesbegriffs, und er ist tief, denn er erklärt sich

unmittelbar aus Energiezuständen, Gravitationsvorgängen unsrer innren

Welt. Glaube ist der Druck, durch den die Milliarden Weltkörper, die

mein Ich bilden, zu einer Einheit gezwungen werden. Auch wer glaubt,

zersetzt sich wohl, aber er hat eine Gewißheit: daß die Zentralachse, um

die er sich dreht, bleibt und stärker ist als er. Das Bedürfnis der

Menschen nach Gehorsam und Unterordnung haben schon manche festgestellt,

keiner als tiefste Beschaffenheit erklärt, denn wir treiben wohl

Psychologie, aber nicht das, was uns noch zu entdecken bleibt, innre

Physik, mathematische Seelengeographie -- Seele ist ein Phänomen der

kosmischen Physik.«

»Ihre Entdeckung, Lauda?«

»Mag sein, ich weiß es nicht, meine Entdeckung für mich jedenfalls.«

»Da Sie die Unterordnung für die tiefste Beschaffenheit des menschlichen

Organismus ansehn, bleibt noch immer unerklärt, wie Sie und

Ihresgleichen, die Sie so stolz Heiden nennen, ohne absoluten Glauben,

Gott, Religion, nur mit relativem Glauben leben können.«

»Ziehn Sie selbst den Schluß: daß ich wie alle den tödlichsten

Zersetzungen ausgesetzt bin, zwölfmal im Jahr den Tag habe, der mit

Selbstmordgedanken entsetzlich gefüllt ist. Rettung ist immer wieder,

daß der Wille, selbst Achse und Mittelpunkt zu sein, nicht zu

unterliegen, suverän, männlich, ganz Energie zu bleiben, die Rolle des

Gotts, also des Kristallisationspunkts, spielt.«

»Also kommen auch Sie nicht ohne Gott aus, sei es auch nur ein

symbolischer?«

»So wahres Wort. Das Grundproblem, Hingabe oder Überlegenheit,

Seelendunkel oder Klarheit, Feminität oder Männlichkeit nimmt

Dimensionen an, in die alle Fragen stürzen.«

»Haben Sie in den zwei Jahren gearbeitet, Lauda?«

»Theaterstücke geschrieben? Nein. Auch Kunst stürzte in diesen Abgrund,

denn sie beruht mehr als jede andre Tätigkeit auf Hingabe, Unterordnung,

eifrigem Einheimsen der armen Ernte. Pathos, Leiden, Sentimentalität,

Beredsamkeit, augenblickliche Lombardierung jeder kleinen Entdeckung auf

seelischem Gebiet, das ist Kunst. Sie kommen nicht weiter, sie nehmen

sich so ernst, sie glauben tief zu sein, und haften an der Oberfläche

der Erde, denn sie variieren das Gegebne, die Einzelexistenz, die

lügnerische Individualität, alles was nicht primär, nur Manifestation

ist. Das alles soll stürzen; kommt keiner zuvor, durch mein Denken. O,

wie verlogen Künstler sind. Sie fühlen wohl die Zersetzung der Einheit

des Ichs, aber sie haben nicht den Mut, von ihr zu reden, vielleicht

haben sie nur die Kraft nicht. Wenn eine Wahrheit in ihnen einstürzt,

fürchten sie, nicht mehr produzieren zu können, deshalb kleistern sie

und lassen am Ende die alten Götter wieder aufleben. Sie würden sich

schämen, zu gestehn, daß ihnen die Weltanschauung unter den Händen

zerfließt; statt ihre Zerrissenheit zu gestalten, retten sie sich in die

bequeme Heiligkeit des Lebens.«

»Seltsam. Ich will Sie mit jungen Künstlern bekannt machen, die dasselbe

zu fühlen scheinen, von ihrer Kunst bitter sprechen, Verächter jener

Malerexistenz, die unermüdlich die Dinge variiert; ihr Haß gilt dem

Gegenständlichen; sie malen nicht mehr Existierendes, befremdende

abstrakte Gebilde. Und ich kann Sie, wenn Sie nur wollen, mit vielen

zusammenbringen, die auf irgendeinem menschlichen Gebiet Opposition

treiben. Es ist, als habe der Krieg sie von überall her in der Schweiz

versammelt.«

* * * * *

Schlaf im Silberfall des Brunnens und Rauschen der Bäume war beglückend;

als sich das Jubeln der Vögel hineinmischte, erwachte Lauda.

Sonne war noch nicht sichtbar; hinter dem Brienzer Horn am jenseitigen

Ufer leckte Gold herauf. An der Wand hing Schwinds Bürgermädchen, das in

kurzem Rock die Läden zur Sonne aufstößt; er tat wie es, fühlte sich

nicht weniger kindlich. Doch dann kam Bewußtsein der Wirklichkeit; sie

war nicht so reinlich, denn es war der Knabe da, sein Kind. Frau Hannah

erhob zwar keinen Anspruch auf ihn, er war ihr Gast, der in keines

Mannes Frieden einbrach, von Graumann war sie geschieden. Und doch war

es geschmacklos, sich in diese Situation zu begeben, weil sie zu nah

legte, das Familienleben fortzusetzen, sei es auch nur ein

unverbindliches.

Hannah war sachlich genug gewesen, ihn dem Jungen nicht als Vater

vorzustellen, ihm das Kind nicht als Sohn. Da sie also des Kinds froh

war, und da sie unabhängig war, und da er an irgendeinem Tag seines

Lebens zu ihnen verschlagen wurde, warum überempfindlich sein? Aber es

war auch der Gedanke an Claire da, die ihm selbst gesagt hatte, daß er

sie mit andren Frauen vergessen werde, und die ihm doch diese Situation

nicht vergeben hätte, das gefälschte Idyll. Sie hätte ihm nicht einmal

Begegnung mit Hannah allein, ohne das Kind und das Haus gestattet, denn

sie hätte anerkennen müssen, daß Hannah das stärkre Temperament war und

die Fähigkeit hatte, ihn in geistige Sphären zu begleiten, die nicht

Claires waren.

Er fühlte Eifersucht der fernen Frau und wie sie höhnisch darauf

wartete, daß auch diese Geistigkeit nur zu einer erotischen Begegnung

führte -- dann durfte sie sagen: Lüge, ihr gefallt euch in Umwegen, das

ist schmutzig.

Er ging in den Garten, der eingelegt in Matten zum Fuß der Berge stieg.

In sieben Fällen zerstäubte ein Bach von der Region des Schnees bis zu

der des Segelboots. Im Garten fand er den Gärtner, sah ihm zu, wie er

Bohnen pflanzte; mit einem tellerartigen Rund machte er Mulden, richtete

in der Mitte eine Stange auf, legte darum die Bohnen; sein Messer

schnitt den Regenwurm, Teil einer legitimen Handlung, Nahrung der

Menschen betreffend.

Lauda sprach mit dem Eingebornen, ward respektvoll angehört, als sei er

der Herr des Hauses -- von diesem Haus brauchte nun noch Hannah zu

kommen, in Wärme des Schlafs und loses Gewand gehüllt, an der Hand den

Knaben, dann stand der Gärtner vielleicht auf, zog sich zurück,

Diskretion eines Tölpels vor der Herrschaft.

Lauda ging ins Haus, brach in der Küche ein, sich Brot zu holen, nahm in

der Bibliothek aufs Geratewohl zwei Bände und stieg bergan, zum ersten

Wasserfall, dem dritten, vierten, bis er in Sicherheit sich fühlte, weil

endlich keine Bank mehr stand.

Er aß das Brot, trank von dem Quell, öffnete ein Buch und lächelte, es

war Fouqués »Undine«, das Märchen von den Wassergeistern, die überall

sind, wo Bach hüpft, Wasser stäubt -- traf ihn ein Stäubchen, war es,

als neckte ihn die Nixe mit dem feuchten Saum. Gut, Märchen zu lesen;

Märchen blieb, wenn Strindberg schon ermüdete. Zwar wurde im Verlauf das

Märchen selbst zur Geschichte, die auf gelegtem Geleis lief; doch ging

es leidlich aus, zerrann in Schaum des Donaustrudels, nicht Scheidung,

nicht Versöhnung -- Spiel wie eine Schleife geknüpft, gelöst; Schleife,

die Beschäftigung für eine Stunde war, unbelastet von den Problemen und

den dem Bürger so wichtigen Seelenkämpfen.

Als er aufhörte, stand die Sonne schon hoch; er dachte an den Mönch von

Heisterbach, von dem Claire erzählt hatte: ein Jahrhundert war

verflossen, als er zurückkehrte, alles fremd. Er hätte unbedenklich,

ohne Zögern, seine Rolle übernehmen mögen, ausgenommen, daß er sofort in

Staub zerfiel; Hannah wäre nicht mehr gewesen, das Kind nicht mehr, der

Krieg nicht; nicht Claire -- das allein würde ihn geschmerzt haben,

denkend, wie sie ihn gesucht hätte. Er wäre unbefangen unter Menschen

gegangen, nicht zweifelnd, daß er alles wiederfand, Frauen, Unterhalt

und nicht unterliegendes Denken von den Zuständen Unabhängiger.

Am zweiten Wasserfall kam Absteigender in eine Schlucht. Da sah er vier

Meter über dem Boden, vier Meter unter den oberen Bäumen, eine Gestalt,

eingeschmiegt in eine Rinne, Plaid um die Hüften. Wurde das Märchen

Wirklichkeit, lockte die Nixe? Darauf erkannte er ein blasses Gesicht,

geschlossne Augen, die ohnmächtige Hannah. Sie hatte sich verstiegen,

konnte nicht vorwärts, nicht zurück. Um ihren Mund lag ein bebender,

entschlossen bittrer Zug, er mußte denken, daß sie schön war. Er rief

sie an, sie erwachte. Er ließ sie das Plaid zuwerfen, legte es auf seine

Brust, den Anprall zu mildern und befahl mit erhobnen Armen: »Springen

Sie.« Sie gehorchte, sie stürzten beide zu Boden, aber sie waren nicht

verletzt.

»Wie lang standen Sie da'?« fragte er.

»Ich weiß es nicht, eine Sekunde der Ewigkeit, die aus allem heraushob.

Es war nicht anders, als wenn der Abgrund unter mir vierhundert Meter

tief gewesen wäre, ich rechnete ab. Nicht mehr ich dachte, in mir dachte

das Unbekannte, das sich nun enthüllte. Ich verstand, was Todesstunde

ist, denn ich merkte nicht, daß ich gesichert war, solange ich mich in

die Spalte schmiegte, ich fühlte nur, daß ich stürzen und den Kopf auf

der Kante zerschmettern würde. Denken war zeitlos, ich erkannte mich:

keine Furcht vor dem Tod; Mißachtung war seltsamer Stolz, ich hörte, daß

die Berge tosend rauschen, und dieses Rauschen war der Fall der Zeit in

die Ewigkeit, gleichmüßiger Donner. Ich begann mit unaussprechlicher

Intensität eine Gestalt zu schaffen -- Alkestis, die für Admet zum Hades

ging; Admet erlangt die Erlaubnis, ihren Schatten zu sprechen, bewegt

sie, zurückzukehren. Sie will nicht mehr, alles ist fern, die Liebe, die

Kinder, das Licht. Wäre ihr Dialog niedergeschrieben, es wäre vielleicht

gewaltig.«

Sie hatte das Pathos der Erschütterten, darnach war sie erschöpft;

unmöglich zum Haus zu gelangen. Er breitete das Plaid auf einer Wiese

aus, sie hatte Körbchen des Frühstücks mitgebracht. Danach schlief sie,

er las; nach einer Weile sah er sie nach einem Buch greifen, ließ sie

gewähren. Stunde des Mittagspans war vorüber, die hohe heiße Stunde des

frühen Nachmittags kam. Da schloß sie das Buch und sagte:

»Es ist eine Szene darin, die Sie lesen sollen. Sie durchwühlt mich,

führt zurück zu dem heute morgen Gefühlten.«

Er sah nach dem Titel, es war ein Roman, der die Erobrung Mexikos durch

Cortez behandelte.

»Erzählen Sie aus Ihrer Erregung,« sagte er. Sie:

»Im Land der Azteken herrscht unerhörter Luxus und unerhörte

Grausamkeit. Sie reißen den Gefangnen das Herz aus der Brust, bieten

sich selbst als Opfer dar. Sie essen das Fleisch der Geopferten in Mais

gebacken, nicht mehr Kannibalismus, religiöse Handlung. Ein Krieger hat

sein Leben verwirkt. Man schmückt ihn, läßt ihm eine Woche lang jede

Freiheit, er wird nun strahlender Gott geheißen, der unter Menschen

weilt, jede Frau, zu der er geht, muß ihm zu Willen sein; doch bei

diesem ist sein junges Weib, die zärtlich Schöne. Am letzten Tag setzt

man ihm ein Gemüse vor, darin sind die Geschlechtsteile seines Weibes

gekocht, er ißt, unbeschreiblich Schmerz, Stolz, Demut in ihm. Danach

geht er zum Tempel, um sich das Herz aus der Brust reißen zu lassen;

Volk bewundert, liebt und bleibt doch mitleidlos. Ist diese

Mitleidlosigkeit nicht Sinn für ein Gesetz über uns, Symbol einer

Philosophie, in der das Heroische noch die Größe des Barbarischen hat,

die Götter grausam sind? Welch tiefer, gerechter Sinn, den Todgeweihten

zum Gott zu erheben, solang er noch im Licht lebt, denn das Jenseits ist

unsicher. Ist das Schlachten der jungen Frau und der teuflische Einfall,

ihr Weiblichstes dem Gatten vorzusetzen, kannibalisch?

Ich fühle die Idee, die denkende Verkettung, die Dämonie darin, die

Inbrunst, die Menschen heißt, Reiche zu gründen und Blumenfeste zu

feiern, und den Stoizismus, der von Tod und Schmerz als den elementaren

Wirklichkeiten weiß. Ich mag nicht mehr denken, denn die nächste Frage

ist: waren die Deutschen nur Dummköpfe und Verbrecher, als sie den Krieg

zur Achse ihrer Zivilisation machten? Waren die Spanier, Herde von

Abenteurern, besser als die Azteken, die sie ausrotteten, um des

Glaubens und Gottes willen?«

»Verbrecher und Dummköpfe waren jene nicht,« antwortete Lauda, »selbst

ihr Einfall in Belgien war nicht schlimmer als der Krieg, den Engländer

gegen Buren führten. Expansion und Imperialismus eines Volks sind

biologisch oder philosophisch gesehn nichts als das Bestreben eines

Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein

System einzubeziehn und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist

der Grundvorgang alles Geschehns, und diese Vitalität empfanden die

Deutschen wohl, sie hatten eine Philosophie, die auf die ältesten

Urzustände zurückgriff. Und doch ist diese Philosophie ein verlorner

Posten, denn der Mensch ist, wie jeder Kosmos, dem Gesetz der Mutation

unterworfen. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos ist

Überwindung des Urzustands, in dem Zelle Zelle auffrißt. Zelle und Zelle

gehn bereits eine Gemeinschaft ein. Der Begriff der Brüderlichkeit, der

als Idee Güte heißt, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das

ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine Überlegenheit, die auf

die Dauer den Sieg über die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems

davonträgt. Flache Köpfe sagen, der Krieg sei eine Verirrung, klare

leugnen nicht, daß er der Vater aller Dinge war, aber sie fügen hinzu,

daß er veraltete Methode geworden ist. Es gibt ja zwei Grundtatsachen

der Existenz, ich und die andren, deshalb sind Egoismus und

Brüderlichkeit gleichberechtigt und der Brudergedanke zuletzt der

stärkre. Die Deutschen werden den Krieg verlieren und büßen, wie nie in

zivilisierter Zeit gebüßt wurde; sie werden nicht nur für sich büßen,

sondern für alle andren, die erst im Begriff sind, das kriegerische

Prinzip aus sich auszuscheiden -- sie werden also für die Gesamtheit der

Völker ein Problem, das ein wahres Menschheitsproblem ist, durchkämpfen,

und die andren werden von diesem Bruderdienst nichts wissen, sondern nur

rufen: kreuzige sie. Das wird die Ungerechtigkeit sein, gegen die

Deutschland wehrlos ist, und es wird seine Entsühnung sein. Fühlt man

das, so ist es schwer, noch zu der Schuldfrage in der Tagesform Stellung

zu nehmen. Aber es wird gut sein, von dieser höchsten Betrachtungsweise

gar nicht zu sprechen, weil es neben ihr, der elementaren Sphäre, die

Fordrung der praktischen Welt gibt, in der man nicht anschaun, sondern

Stellung nehmen muß.«

Hannah sagte, zärtlich für einen Augenblick das Sie verlassend:

»Du sprichst weise wie ein Gott, erhaben und unberührt. Sagen Sie mir,

ob Sie nicht auch wie ich vorhin das Bedauern empfinden, daß die großen

elementaren Perioden so in uns sterben müssen und nur noch in Büchern

mühsam rekonstruiert werden, unverweilende Erregung einer Stunde.«

»Als ich gestern das Tal herauffuhr, beobachtete ich, daß mitten in

Mulden, durch die nun die Eisenbahn läuft, Moränenreste, ungeheure

Ablagrungen von Gletschern liegen, die auch die Wände des Tals bis zur

äußersten Höhe ausgeschliffen haben. Ihre Zeit ist vorüber. Als ich

heute auf der Höhe stand, bleichten zwischen Moosteppich und starrenden

Tannen Blöcke wie ein entblößter Kirchhof von Mammutschädeln. Die Zeit

der Mammutschädel ist vorüber. Auch die Natur ist an das Nacheinander

gebunden, und was uns erlaubt wird, ist, als späte Nachkommen eine

Erinnrung an das Elementare zu haben. Wir sind mehr als alles an das

Nacheinander gebunden, und unsre Kunst ist in ihrer letzten Absicht ein

Versuch, die Möglichkeit, die nicht mehr besteht, zu rekonstruieren;

Kunst ist Ergänzung.

Aber wer sagt, daß darum ein aufwühlender Eindruck wie der Ihrige nur

Unterhaltung einer Stunde sei? Er durchsetzt Sie ja, wird weiter wirken

und vielleicht schon heute abend einen Einfluß auf die Gestaltung Ihres

Lebens haben, der ohne diese Lektüre unmöglich gewesen wäre. Wenn es uns

gelänge -- vielleicht gelingt es einmal -- eine einzige unsrer Ideen in

ihrer Chemie darzustellen, dann würde sich zeigen, daß in einem Traum,

einer Handlung, einer Vorstellung dieselben Elemente gebunden sind, die

in irgendeinem heroischen Zeitalter ungebunden, elementar vorhanden

waren. Um ganz weise zu sein und Ihr spöttisches Kompliment zu

verdienen: alles ist Variation, fortwährende Verbindung und Scheidung,

nur das Format wird immer kleiner und reduzierter.

Die innre Kosmogonie ist noch nicht gefunden, wäre sie es, würde ich

sagen: Hannah, Sie sind ein Stern aus Milliarden Sternchen, ich neben

Ihnen wie Jupiter neben dem Abendstern; das ist die neue Religion, des

Himmelskörpers Mensch. Es gibt einen Grad von Identifikation mit den

Mitmenschen, der mir manchmal wie Irrsinn erscheint. Ich sehe eine Frau

und philosophiere von ihren Hüften aus, fühle, höre das Rasen ihrer

Zellen, steige in ihren Säften, breite mich in ihren Ästchen aus,

aufgehoben jede Fremdheit, jeder Ekel. Lust, nach ihr zu greifen, sie

durch Akt des Eros in mich zu überführen, dieses kannibalische Stadium,

das wir Liebe nennen, wird ersetzt durch das geistige und darum nicht

weniger absolute, mich in ihr zu wissen, Blutkörperchen in ihrem Blut.«

Sie sah ihn unsicher an, ihr Mund öffnete sich, zweimaliger Ansatz zum

Reden, und Lauda bereute ein wenig, das Gespräch in jene Region geführt

zu haben, wo alles Geistige zur primären Sinnlichkeit zurückkehrt, aber

sie bezwang sich, fragte ablenkend:

»Und was haben Sie gelesen?«

»Das Eingangskapitel von Eugenie Grandet. Es ist bewunderungswürdig. Das

ist Diktatur des Geists, die einzige, die erlaubt ist, Architektur einer

Intelligenz, die alle Erscheinungen der realen Welt in Bausteine

auflöst, aus denen das Fundament aufgeführt wird. Es ist die

anschauliche irdische Welt, die Welt der Anwendung, nicht der Ideen, in

denen ich mich bewege. Aber in meiner Welt nicht weniger klar, fugenlos,

überlegen zu sein, das ist das höchste Ziel, das noch locken kann. Nur

ein Franzose kann Balzac sein, kein Franzose kann der Balzac der

elementaren Welt sein, dem doch die lateinische Klarheit unentbehrlich

wäre.«

* * * * *

Lauda lag im halben Schlaf und suchte den ganzen zu finden, indem er auf

das Rauschen des Falls lauschte, der am Morgen wie der Silberbart

Kühleborns gewesen war, da hörte er zweimal ein Steinchen durchs Fenster

fallen.

»Auch Undine treibt ihr Wesen,« dachte er und trat in die Öffnung;

weißes Gewand schimmerte.

»Ich kann nicht schlafen,« rief Hannah hinauf, »die Nacht ist warm wie

im Juni, kommen Sie noch in den Garten?«

Sie hüllten sich in Mäntel und stiegen zur gemähten Wiese. Der Bär stand

zwischen den Berghörnern, Venus leuchtete wie ein Hospiz auf dem

höchsten Grat, die Milchstraße zog gleich Rauch eines Holzfeuers unter

der Wölbung, als zwinge die Wölbung ihn, sich auszubreiten.

»Man muß es von unten sehn,« sagte Hannah und legte wie am Mittag den

Mantel, »ich konnte nicht schlafen. Es machte wohl froh, mit Ihnen zu

reden, alles Wirre ordnete sich durch Gespräch, Gespräch ist

Entspannung. Aber als ich allein war, kehrte alles verstärkt wieder. Es

ist ein Unterschied zwischen uns, der des Geschlechts. Mann, der

philosophiert, wohnt in seinem legitimen Reich, Frau fühlt nur ihre

Tragik. Was haben wir? Die Sehnsucht nach dem Druck, der über uns komme;

was sind wir? Die nicht in sich selbst Schwingenden, die Kosmen ohne

eigne Achse, um mit Ihnen zu reden, diejenigen, die Geistiges, wie wir

es heute sprachen, erst ganz begreifen, wenn es in die Feststellung der

letzten Sinnlichkeit einmündet. Warum fügten Sie diesen seltsamen Schluß

hinzu, dieses Wort vom Von-den-Hüften-Philosophieren? Ich bin so weich

geworden, es widerstrebt nicht, einem Mann zu gestehn, daß ich ihn nicht

erreiche. Ich habe in diesen zwei Jahren alle kennengelernt, die in

diesem Land für die Selbständigkeit der Frau streiten. Das Höchste, auf

das sie hoffen, ist Wahlrecht und Bankkonto ohne Unterschrift des Manns.

Es ist eine Fordrung der praktischen Welt und der sanft gewordnen

Zivilisation, in der Bahnen fahren. Dahinter liegt die elementare, wie

ist ihr das Wahlrecht gleichgültig. Was bin ich? Ein Mensch, täglich dem

Einbruch der elementaren Sphäre in die gesittete ausgesetzt. Ahnen Sie,

wie er zerrissen sein muß? Was ich Ihnen von dem Verlangen sagte, die

Wahrheit durch Zweifel und Haß zu erkaufen, ist nichts als die nie

gestillte Begierde, des Elementaren teilhaftig zu werden, damit Existenz

in Ordnung erträglich und nicht als feige Lüge empfunden werde. O Freund

Lauda in schweigender Nacht, die Dinge des mexikanischen Romans haben

mich tiefer aufgewühlt als das extremste Programm. Helfen Sie einem

Stolz, der vor Ihnen das Visier öffnet. Sei mir Bruder, da

Brüderlichkeit Gerechtigkeit ist.«

»Brüderlichkeit,« antwortete er so leise, wie sie gesprochen hatte, und

ihr so nah wie sie ihm, »ist ein andres Wort für Inzest. Bruder nimmt

die Schwester, es vereinigen sich die Getrennten. Wenn wir anfangen,

geistig zu sein, überwinden wir die Sinnlichkeit, wenn wir es ganz sind,

kehren wir zu ihr zurück. Ich wehrte mich, es ist gleich, was geschieht.

O warme, brennende Schwester.«

In seinem Arm sagte sie:

»Ich gebe hin allen Fortschritt des Jahrhunderts, könnte ich jene

Prinzessin sein, deren Geliebter Gott wird, bevor er stirbt. Er wählt

sie unter allen, die ihm erlaubt sind, er könnte in den Nächten sie

töten, um sie der letzten Grausamkeit zu entziehn, er tut es nicht, man

muß sein Schicksal erfüllen. Sie stirbt vor ihm, aber während man sie

verstümmelt, fühlt sie die Lust, daß er von ihr essen wird, er Held, für

den es keine Auferstehung nach dem Tod gibt.«

Am nächsten Tag erfüllte sich die Szene, die ihn am Morgen vorher

imaginär zur Flucht getrieben hatte. Er stand beim Gärtner, da kam

Hannah aus dem Haus, an der Hand das Kind. Kein Grund mehr, zu

widerstreben, Tat ist gerecht, so einfach. Es war ihm fremd, beim

Anblick einer Frau, die sich in der Nacht in seine Arme geflüchtet

hatte, am Morgen zu denken, nun sei »alles geändert«, Recht oder

Verpflichtung entstanden. Es war auch ihr fremd; Wärme, im Druck der

Hand verspürt, war gewachsen, darum nur sachlicher geworden; zwangloser

Stolz in ihr, gute Haltung.

Das Kind, abwechselnd zwischen aufrechtem Gang und Kriechen, war

unbefangen zu ihm, er zu dem Kind. Seejungen nannte er es, Hannah sah

ihn verwundert an, er sagte:

»Auf einem bayrischen See gezeugt, am Zürcher geboren, aufwachsend am

Brienzer.«

Sie lächelte, führte ihn in die Ecke des Gartens, bog Gebüsch zurück,

zeigte die Statuette eines Jünglings; in der wolligen Haarschur, die wie

die eines Stiers war, leise Andeutung tierischer Ohren.

»Pan, von dem du an jenem Tag in Bayern sagtest, er sei nicht

bocksbärtiger Faun, sondern Jüngling aus den olympischen Spielen.

D'Arigo machte ihn, ein deutsch-spanischer Künstler, der Ähnlichkeit mit

dir hat, ich lud ihn auf morgen, mit noch einigen.«

»Laß ihn in die andre Ecke Eros stellen, der die Spannung löst, froh

macht, straff, untragisch, wie du heute bist.«

»Ja, seltsam ist es; heute nacht konstruierte ich mir die nächsten Tage

mit dir, die letzten vor der Abreise: voll Dunkel, gewalttätig gegen

mich selbst sein, gewalttätige Liebe suchen, dann wie eine aufgewühlte

Schauspielerin, Gefäß des Tragischen, dorthin reisen, wo das Geschick

ins Maßlose wächst, Untergang eines im Bürgerkrieg zerfleischten Volks

ist -- nichts von allem mehr heute morgen, klar, froh, so hell die Tage

vor mir, hinter dem Gewitter.«

»Nein, wir sind nicht gemacht,« bestätigte er, »im Dunkel zu weilen,

seßhaft zu werden in Selbstzersetzung, letzte Heiden, erste wieder.«

Sie war ihm nah, wie nie vorher, es verband ihn mit ihr das Gefühl,

Vorstadium der Annäherung, suchendes, zehnmal in Frage gestelltes, sei

überwunden, durch Gespräch und durch Handlung; Abstimmung sei erreicht,

die große Parallelität, jeder für sich, einer neben dem andren.

Ritterlichkeit, die sich um den Freund kümmert, war nicht mehr

lügnerische Galanterie -- Herzlichkeit der Selbständigen.

Bukolischer Tag ward Belohnung solcher Harmonie; Villa im Sinn des Horaz

lag am alpischen See unter Bergen, die am Abend rosig erglühten; Verse

des Horaz waren nicht mehr gewärtig, aber ihre Rebe und Ulme; kühler

Wein zu Mittag, Schatten zum Vesper, Forellen am Abend. Es formte sich

das Ideal künftiger Lebensmöglichkeit: ein Haus zu haben in Landschaft,

über die die Schauspiele des Himmels ziehn, Sitz der Ruhe und des

bestellten Bodens; Gegengewicht gegen Geistigkeit, Obst züchten und

Gemüse. Wandrer hätte einen Ort, wo seine Habseligkeiten, Bücher,

Gesammeltes waren -- Ort, von dem er aufbrechen, zu dem er zurückkehren

konnte; Märkte beliefern oder auch nur den eignen Tisch; Fischfang

treiben und ländlichen Wein keltern.

Lauda verriet Hannah nichts von ersten Gedanken, damit sie nicht Pläne

machen würden; aber als sie sah, daß er sich vom Gärtner Sinn jedes

Beets erklären und um den Bezirk des Guts führen ließ, sagte sie:

»Es bleibt ungenutzt, wenn ich fort bin, der Bonne, dem Mädchen und dem

Gärtner überlassen; ich wage nicht, ihnen zu sagen, wie lang und wie

weit ich fortgehe. Bleibe hier oder benutze es zu Aufenthalten. Mir wäre

es ein Dienst und verringerte Sorge um das Kind, dir eine

Annehmlichkeit.«

* * * * *

Er saß an ihrem Schreibtisch und dachte: »Ist es poetische Reminiszenz

an Romane, ist es Atavismus aus Zeiten, in denen die Menschen nachts

zusammenkrochen, ist es einfach Wirkung bürgerlicher Zustände, die die

vierundzwanzig Stunden in beschäftigten Tag und freie Nacht teilen --

Hannah zeigt wie alle den Wunsch, Liebesstunde in die Nacht zu verlegen.

Vielleicht ist es auch der Reiz, eine doppelte Existenz zu führen,

tagsüber die eine nichts von der andren wissen zu lassen, den Mann und

sich selbst durch den geheimen Gegensatz zu erregen. Wie dem auch sei,

mir ist Eros in Tag und Licht am nächsten.«

Er sah ein Heftchen liegen, seine Leere lockte ihn, es zu beschreiben.

Unerwarteter Gedanke bot sich an, es mit Feststellungen zu füllen, die

sich von allen andren seiner Selbstbeobachtungen durch die Überzeugung

unterschieden, daß sie nicht nur halbwahr, sondern von diktatorischer

Bestimmtheit seien. Er schrieb der rücksichtslosen Diagramme Laudas

erstes:

»Er liebt die Liebesstunde im hellen Tag, denn er will nicht im Dunkel

der Frau zerfließen. Sinn der Liebeshandlung ist wohl, daß vom Ganzen

abgetrennte Partikelchen zum Ganzen, noch nicht Geteilten, zurückkehren;

darum warten die meisten die Nacht ab, Symbol der Rückkehr ins Primäre.

Er aber wollte, _weil_ er diesen Sinn fühlte, die Selbständigkeit nicht

aufgeben, darum liebte er den Nachmittag, der erlaubte, danach nicht in

Schlaf zu versinken, sondern im Licht zu bleiben. Den Verzicht des

Partikelchens auf seine Individualität erreichte er auf andrem Weg,

indem er die Frau zwang, mit ihm dem dritten Gemeinsamen, der

Körperlichkeit, zu opfern, und ersparte ihr dadurch die verlogne

Sentimentalität, daß sie glaubte, er gehe in ihr auf, oder sie in ihm.

War aber die Frau von Natur aus sentimental, dann verstand sie solche

Parallelität nicht, und stellte fest, daß er den >Mensch in ihr

beschmutzte<, denn um das körperliche Opfer, die Bereitwilligkeit zur

sachlichen Lust, als reinliche Handlung zu empfinden, in der einer dem

andren nur einen Dienst erweist, dazu gehörte das Vermögen, die Würde

der Persönlichkeit als Fiktion zu erkennen, unpersönlich, herrisch,

elementar zu sein. Aber auch feinfühlige Frauen litten durch ihn, weil

sie fanden, daß er sie in sinnlichen Fordrungen, sinnlichen

Deutlichkeiten zu weit führe, und sie wahrhaft nackt, seelisch nackt vor

ihm waren, der ihnen nicht den Mantel der Scham ließ. Eine Frau mußte

von äußerster Leidenschaftlichkeit, also individueller Begierde sein,

also Hingabe nicht >nur um seinetwillen< vollziehn, und sie mußte die

äußerste Gewißheit seiner Freundschaft besitzen, um nicht plötzlich in

höchster Lust ihrer Einsamkeit bewußt zu werden oder ihre Sicherheit zu

verlieren; sie hätte vielleicht weniger Deutlichkeit, weniger

Sachlichkeit verlangt, denn wenn er von ihr ging, war ihr das Mysterium

für alle Zeit entschleiert und es blieb eine Kenntnis ihrer Sinne, die

zugleich wie ein brennendes Gift weiterwirkte und die Begegnung mit

einem andren Mann matt erscheinen ließ, in dessen größrer Rücksicht sie

die Klarheit Laudas vermißte.

Das fühlend litt er an sich selbst, nicht in dem Sinn, daß er sich für

einen Zerstörer hielt, aber die Zerstörung feststellte. Gab sich ein

junges Mädchen in seine Hände, wurde es unter ihnen reif -- das war

Zerstörung und doch nach seiner Auffassung Erfüllung ihres Schicksals.

Löste sich eine Frau von ihm, fluchte sie ihm vielleicht und verleugnete

ihn -- es war zu ertragen.

Er sah durchaus, wie das Positive seines Naturells von einem andren

Gesichtspunkt her negativ wirkte: zu wenig Güte, zu wenig Bereitschaft,

in seelischen Bezirken zu weilen, zu kurze Behandlung des sogenannten

Menschlichen. Er konnte nur sagen: Mensch wird dem Mensch Schicksal.

Jene Männerauffassung, die in der Frau das Beßre, Höhre, Reinre suchte,

war nicht in ihm, weil er sie Auslegung nannte, tiefer sah, wenn er dem

unberührtesten jungen Geschöpf begegnete: die Zärtliche in weißen

Mädchenstrümpfen war doch Gefäß aller Erregungen und forderte heraus,

auf den Weg des Erlebens gestoßen zu werden -- ihr unbewußt, aber er

empfand es, dachte nicht wie andre Männer: sie muß geschont werden,

sondern: sie will nicht zu sehr geschont sein.

War eine Frau ihm nicht restlos gut, nannte sie ihn sinnlich. Es war

wahr und sagte doch nichts aus: er konnte ganz neutral mit ihr

verkehren, mußte sie nicht >haben<, aber solche Beziehung war eine

Möglichkeit und das Gegenteil eine andre, jene nicht moralisch besser,

denn Unsinnlichkeit ist kein ethisches, sondern ein geistiges Prinzip,

Vorgang in einem, der manchmal die Sinnlichkeit aufheben muß, um nicht

von ihr abhängig zu sein. Er glaubte also in dieser Frage ganz sachlich

zu sein, was auch hieß, daß er ganz seinem Naturell treu war. Von andren

her hatte sein Naturell Grenzen, von ihm, Lauda, her gab es sich

Grenzen, indem es das ausschied, was nicht zu ihm paßte, zum Beispiel

Übermaß des Seelischen.«

* * * * *

Nach dem Abendessen wollte Hannah auf dem See rudern, vorausgesetzt, daß

er eine halbe Stunde wartete, bis das Kind zu Bett gebracht war. Sie

forderte ihn auf, zugegen zu sein, aber es lockte ihn nicht. Er leugnete

nicht, daß kleines Kind, rosig unter dem Schwamm strampelndes, hübsch

anzusehn war, aber er mied noch die Sphäre des Kinds. Eine junge Frau

hatte ihn einmal gefragt: Sind Kinder nicht das Wertvollste, was wir

haben? Er verstand es von der Frau aus, aber nicht vom Mann. Die junge

Frau, vor der noch das eigne Leben lag, fand das Wertvollste schon

außerhalb ihrer selbst; vor fünf Jahren war sie noch selbst Kind gewesen

-- erwuchs sie, ging alsbald der Wert von ihr auf die Jüngren über. Sich

in dieses Nacheinander einzuordnen, solche Verlegung auf die Zukunft der

Rasse war ihm undenkbar. Der erwachsne Mensch war ebenso wertvoll.

Er rief Hannah zu, daß er vorausgehe, stieg zum See hinunter. Ein Igel

lief über den Weg, er hob ihn auf, sah ein auf Märchenformat reduziertes

verrunzeltes Menschengesicht zwischen winzigen Ärmchen, rückwärts in

Urzeiten verzaubertes, nahm das Tier ins Boot und fuhr nun selbst

rückwärts in Urzeiten. Düster der See, wie im Pfahlbaualter, feucht, vom

Schatten der Berge belastet. Stärker mit jedem Tag wurde ihm die

Fähigkeit, sich aus der Gegenwart zu lösen, fünfhundert Jahre rückwärts,

fünfhundert auch vorwärts zu denken. Märchen des Mönchs von Heisterbach

wurde dank Übung eines Hirnmuskels Wirklichkeit, und entspannte sich

durch die Konträrfigur Chidhers, des ewig Jungen, der, wenn er wieder

des Wegs gefahren kommt, Hirt mit dem Stab findet, wo eine Stadt

gestanden war.

Aus dem Ablauf der Geschehnisse, aus der Kette der eignen Tage

heraustreten können, sich dem Ablauf entgegenstellen, die Zeit aufheben,

das gab das spezifische, ihm eigentümlichste Gefühl, in den Ereignissen

seines Lebens nur Gast zu sein, der ganz da ist, danach ganz fort sein

wird. Das hieß auch, daß eigentlich die andren das Leben ihm vorlebten,

er nur Zuschauer war: er sah die Gefahr. Erhob er seine Wanderschaft zum

Prinzip, dann schloß er sich nicht nur aus, das wäre das Geringste

gewesen -- er wurde auch abhängig vom Prinzip, sein Träger.

Ausweg war, zu wechseln; aber Wechsel war selbst wieder nur ein Prinzip,

das von andren Möglichkeiten ausschloß. Andrer Ausweg: die Ergänzung im

Geist vollziehn: entweder Wandrer bleiben und die Seßhaftigkeit der

andren nicht mißachten, oder selbst seßhaft werden und den Vorbehalt,

daß das nur eine Handlung der praktischen Existenz ist und durch die

Idee des Wanderns relativ wird, frisch erhalten.

Immer schloß sich der Kreis, Ja und Nein gingen ineinander über. Das war

die allgemeine Richtung seines Denkens, aber das Problem von Tat und

Betrachtung, Praktisch und Elementar, Ja und Nein darum noch nicht

gelöst. Er begann zu ahnen, daß er selbst in die Sphäre der Tat geführt

werden mußte, daß er irgendwelchen großen Entscheidungen nicht entgehn

konnte, daß er sich ganz in Bindung im Dienst eines menschlichen

Glaubens begeben, in irdischer Tätigkeit verwachsen, und danach

schmerzhaft sich losreißen mußte. Die Ehe mit Claire war eine solche

Arena, in der Ja und Nein miteinander stritten, aber es gab wichtigre

Angelegenheiten als die Ehe, sie lagen in der Sphäre des Sozialen.

Hannah fuhr nach Rußland, und er fühlte: diese Sozialisten, die

heimkehrten, um Revolution aus dem ersten Stadium ins zweite, dritte zu

führen, wuchsen in Möglichkeiten, die das Problem der Tat

geschichtliches Format annehmen ließen.

Er hörte Hannah vom Ufer rufen, nahm sie an Bord. Sie brachte ihren

Dachshund mit, sechsjährigen, ältren, in dessen Augen, sprach Mensch mit

ihm, so erstaunlicher Funke von Intelligenz trat, und der seine

Eigenheiten so ausgebildet hatte, daß Lauda ihn nur mit Mynheer

anredete. Der Hund stürzte unter den Sitz, zog sich verwandelt zurück,

Lauda ward an den Igel erinnert, hob ihn zu Hannah empor und sagte:

»Tat wam asi, die einzigen indischen Worte, die ich kenne, man braucht

nicht mehr.«

Sie lachte, es war ihm Ernst:

»Sieh ihn an, wie menschlich sein Gesicht ist, ein dumpfer verarbeiteter

Proletarier. Sahst du jemals in einem Koben Schweine? Erschreckend, wie

noch menschlicher sie sind. Wo ist der Unterschied? Die Tiere sind, der

Mensch wird; die Mutationsfähigkeit ist der Unterschied, nicht die

Seele; denn die Seele ist ein Phänomen der Mutation, eine Beunruhigung

zwischen zwei Zuständen. Weil Tiere sind, Kinder aber verlangen, daß ich

sie in mein Leben einordne, also eine Mutation vornehme, liebe ich Tier

mehr als Kind. Daran wird mir klar, daß eine Abneigung gegen Mutation in

mir oder uns besteht, also meine Eigenwilligkeit, meine Abneigung, Ideen

und Gebote stärker als mich werden lassen, einem Beharrungsbestreben

entspringt -- Beharrungsbestreben, Trägheit im Gravitationssinn, ist die

Definition von Egoismus. Mag sein, daß wer stolz auf seine

Geschlossenheit ist, nur egoistisch ist, und daß, wer sich Vater- und

Familienpflichten nicht entzieht, tapfrer ist, gehorsam dem Gebot der

ewigen Umwandlung. Was mich zu Tieren zieht, ist die Gemeinsamkeit des

Triebs, nur sein zu wollen, nicht zu werden -- bei ihnen Gesetz, mir

Wunsch. Nicht untertan werden, suverän bleiben: wahrlich, ich beginne

auch da eine Gefahr zu sehn.

Seltsame Epopöe, die mein Denken heißt, ich umkreise mich von allen

Seiten. Verzeih, du hast die Eigentümlichkeit, daß ich mit dir fessellos

diskutiere; jeder, mit dem man zusammenkommt, veranlaßt so zu einer

besondren Haltung, die man sofort, automatisch, einnimmt, sooft man ihn

wiedersieht. Du wirst noch, an mich denkend, definieren, daß Lauda

jemand sei, der mit Damen philosophiert, bevor er mit ihnen schläft. Es

gibt niemand, der nicht komisch würde, denn komisch ist, was konsequent

ist.«

»Dafür hast du ja deine Theorie und Taktik der Aufhebung,« sagte Hannah.

Lauda: »Und laufe Gefahr, Don Quichotte zu werden, Wotan-Wandrer, der

die große Arie vom ewigen Wechsel singt.«

Nein und Ja: Roman · 第 3 / 26 题