Iphigenie (allein).

Produced by Michael Pullen.

Iphigenie auf Tauris.

Ein Schauspiel.

Johann Wolfgang von Goethe

Personen:

Iphigenie.

Thoas, König der Taurier.

Orest.

Pylades.

Arkas.

--

Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Iphigenie.

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,

Wie in der Göttin stilles Heiligthum

Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,

Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,

Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.

So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen

Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;

Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.

Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten,

Und an dem Ufer steh' ich lange Tage

Das Land der Griechen mit der Seele suchend;

Und gegen meine Seufzer bringt die Welle

Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.

Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern

Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram

Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,

Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken

Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne

Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo

Sich Mitgeborne spielend fest und fester

Mit sanften Banden an einander knüpften,

Ich rechte mit den Göttern nicht; allein

Der Frauen Zustand ist beklagenswerth.

Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann

Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.

Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!

Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.

Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,

Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar

Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!

So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,

In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.

O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir

Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,

Dir meiner Retterin! Mein Leben sollte

Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.

Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe

Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,

Des größten Königes verstoßne Tochter,

In deinen heil'gen sanften Arm genommen.

Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann,

Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,

Wenn du den göttergleichen Agamemnon,

Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,

Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich

Nach seinem Vaterland zurück begleitet,

Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,

Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;

So gib auch mich den Meinen endlich wieder,

Und rette mich, die du vom Tod errettet,

Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!

Zweiter Auftritt.

Iphigenie. Arkas.

Arkas.

Der König sendet mich hierher und beut

Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.

Dieß ist der Tag, da Tauris seiner Göttin

Für wunderbare neue Siege dankt.

Ich eile vor dem König und dem Heer,

Zu melden, daß er kommt und daß es naht.

Iphigenie.

Wir sind bereit sie würdig zu empfangen,

Und unsre Göttin sieht willkommnem Opfer

Von Thoas Hand mit Gnadenblick entgegen.

Arkas.

O fänd' ich auch den Blick der Priesterin,

Der werthen, vielgeehrten, deinen Blick,

O, heil'ge Jungfrau, heller, leuchtender,

Uns allen gutes Zeichen! Noch bedeckt

Der Gram geheimnisvoll dein Innerstes;

Vergebens harren wir schon Jahre lang

Auf ein vertraulich Wort aus deiner Brust.

So lang ich dich an dieser Stätte kenne,

Ist dieß der Blick, vor dem ich immer schaudre;

Und wie mit Eisenbanden bleibt die Seele

In's Innerste des Busens dir geschmiedet.

Iphigenie.

Wie's der Vertriebnen, der Verwais'ten ziemt.

Arkas.

Scheinst du dir hier vertrieben und verwais't?

Iphigenie.

Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?

Arkas.

Und dir ist fremd das Vaterland geworden.

Iphigenie.

Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt

In erster Jugend, da sich kaum die Seele

An Vater, Mutter und Geschwister band;

Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich,

Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts

Zu dringen strebten; leider faßte da

Ein fremder Fluch mich an und trennte mich

Von den Geliebten, riß das schöne Band

Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin,

Der Jugend beste Freude, das Gedeihn

Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war

Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust

Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.

Arkas.

Wenn du dich so unglücklich nennen willst,

So darf ich dich auch wohl undankbar nennen.

Iphigenie.

Dank habt ihr stets.

Arkas.

Doch nicht den reinen Dank,

Um dessentwillen man die Wohlthat thut;

Den frohen Blick, der ein zufriednes Leben

Und ein geneigtes Herz dem Wirthe zeigt.

Als dich ein tief geheimnißvolles Schicksal

Vor so viel Jahren diesem Tempel brachte,

Kam Thoas dir, als einer Gottgegebnen,

Mit Ehrfurcht und mit Neigung zu begegnen,

Und dieses Ufer ward dir hold und freundlich,

Das jedem Fremden sonst voll Grausens war,

Weil niemand unser Reich vor dir betrat,

Der an Dianens heil'gen Stufen nicht,

Nach altem Brauch, ein blutig Opfer, fiel.

Iphigenie.

Frei athmen macht das Leben nicht allein.

Welch Leben ist's das an der heil'gen Stätte,

Gleich einem Schatten um sein eigen Grab,

Ich nur vertrauern muß? Und nenn' ich das

Ein fröhlich selbstbewußtes Leben, wenn

Uns jeder Tag, vergebens hingeträumt,

Zu jenen grauen Tagen vorbereitet,

Die an dem Ufer Lethe's selbstvergessend,

Die Trauerschaar der Abgeschiednen feiert?

Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;

Dieß Frauenschicksal ist vor allen meines.

Arkas.

Den edeln Stolz daß du dir selbst nicht g'nügest,

Verzeih' ich dir, so sehr ich dich bedaure;

Er raubet den Genuß des Lebens dir.

Du hast hier nichts gethan seit deiner Ankunft?

Wer hat des König trüben Sinn erheitert?

Wer hat den alten grausamen Gebrauch,

Daß am Altar Dianens jeder Fremde

Sein Leben blutend läßt, von Jahr zu Jahr,

Mit sanfter Überredung aufgehalten,

Und die Gefangnen vom gewissen Tod

In's Vaterland so oft zurückgeschickt?

Hat nicht Diane, statt erzürnt zu sein,

Daß sie der blut'gen alten Opfer mangelt,

Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?

Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg

Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus?

Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos,

Seitdem der König, der uns weis' und tapfer

So lang geführet, nun sich auch der Milde

In deiner Gegenwart erfreut und uns

Des schweigenden Gehorsams Pflicht erleichtert?

Das nennst du unnütz, wenn von deinem Wesen

Auf Tausende herab ein Balsam träufelt?

Wenn du dem Volke, dem ein Gott dich brachte,

Des neuen Glückes ew'ge Quelle wirst,

Und an dem unwirthbaren Todes-Ufer

Dem Fremden Heil und Rückkehr zubereitest?

Iphigenie.

Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,

Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt.

Arkas.

Doch lobst du den, der was er thut nicht schätzt?

Iphigenie.

Man tadelt den, der seine Thaten wägt.

Arkas.

Auch den, der wahren Werth zu stolz nicht achtet,

Wie den, der falschen Werth zu eitel hebt.

Glaub' mir und hör' auf eines Mannes Wort,

Der Treu und redlich dir ergeben ist:

Wenn heut der König mit dir redet, so

Erleichtr' ihm was er dir zu sagen denkt.

Iphigenie.

Du ängstest mich mit jedem guten Worte;

Oft wich ich seinem Antrag mühsam aus.

Arkas.

Bedenke was du thust und was dir nützt.

Seitdem der König seinen Sohn verloren,

Vertraut er wenigen der Seinen mehr,

Und diesen wenigen nicht mehr wie sonst.

Mißgünstig sieht er jedes Edeln Sohn

Als seines Reiches Folger an, er fürchtet

Ein einsam hülflos Alter, ja vielleicht

Verwegnen Aufstand und frühzeit'gen Tod.

Der Scythe setzt in's Reden keinen Vorzug,

Am wenigsten der König. Er, der nur

Gewohnt ist zu befehlen und zu thun,

Kennt nicht die Kunst, von weitem ein Gespräch

Nach seiner Absicht langsam fein zu lenken.

Erschwer's ihm nicht durch ein rückhaltend Weigern,

Durch ein vorsetzlich Mißverstehen. Geh

Gefällig ihm den halben Weg entgegen.

Iphigenie.

Soll ich beschleunigen was mich bedroht?

Arkas.

Willst du sein Werben eine Drohung nennen?

Iphigenie.

Es ist die schrecklichste von allen mir.

Arkas.

Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun.

Iphigenie.

Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't.

Arkas.

Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?

Iphigenie.

Weil einer Priesterin Geheimniß ziemt.

Arkas.

Dem König sollte nichts Geheimniß sein;

Und ob er's gleich nicht fordert, fühlt er's doch

Und fühlt es tief in seiner großen Seele,

Daß du sorgfältig dich vor ihm verwahrst.

Iphigenie.

Nährt er Verdruß und Unmuth gegen mich?

Arkas.

So scheint es fast. Zwar schweigt er auch von dir;

Doch haben hingeworfne Worte mich

Belehrt, daß seine Seele fest den Wunsch

Ergriffen hat dich zu besitzen. Laß,

O überlaß ihn nicht sich selbst! damit

In seinem Busen nicht der Unmuth reife

Und dir Entsetzen bringe, du zu spät

An meinen treuen Rath mit Reue denkest.

Iphigenie.

Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann,

Der seinen Namen liebt und dem Verehrung

Der Himmlischen den Busen Bändiget,

Je denken sollte? Sinnt er vom Altar

Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehn?

So ruf' ich alle Götter und vor allen

Dianen, die entschloss'ne Göttin, an,

Die ihren Schutz der Priesterin gewiß

Und Jungfrau einer Jungfrau gern gewährt.

Arkas.

Sei ruhig! Ein gewaltsam neues Blut

Treibt nicht den König, solche Jünglingsthat

Verwegen auszuüben. Wie er sinnt,

Befürcht' ich andern harten Schluß von ihm,

Den unaufhaltbar er vollenden wird:

Denn seine Seel' ist fest und unbeweglich.

Drum bitt' ich dich, vertrau' ihm, sei ihm dankbar,

Wenn du ihm weiter nichts gewähren kannst.

Iphigenie.

O sage was dir weiter noch bekannt ist.

Arkas.

Erfahr's von ihm. Ich seh' den König kommen;

Du ehrst ihn, und dich heißt dein eigen Herz,

Ihm freundlich und vertraulich zu begegnen.

Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort

Der Frauen weit geführt.

Iphigenie (allein).

Zwar seh' ich nicht,

Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll;

Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige

Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben,

Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen,

Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge.

Dritter Auftritt.

Iphigenie. Thoas.

Iphigenie.

Mit königlichen Gütern segne dich

Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm

Und Reichthum und das Wohl der Deinigen

Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!

Daß, der du über viele sorgend herrschest,

Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.

Thoas.

Zufrieden wär' ich wenn mein Volk mich rühmte:

Was ich erwarb, genießen andre mehr

Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei

Ein König oder ein Geringer, dem

In seinem Hause Wohl bereitet ist.

Du nahmest Theil an meinen tiefen Schmerzen,

Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,

Den letzten, besten, von der Seite riß.

So lang die Rache meinen Geist besaß,

Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;

Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,

Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,

Bleibt mir zu Hause nichts das mich ergetze.

Der fröhliche Gehorsam, den ich sonst

Aus einem jeden Auge blicken sah,

Ist nun von Sorg' und Unmuth still gedämpft.

Ein jeder sinnt was künftig werden wird,

Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.

Nun komm' ich heut in diesen Tempel, den

Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und

Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch

Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd

Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,

Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,

Als Braut in meine Wohnung einzuführen.

Iphigenie.

Der Unbekannten bietest du zu viel,

O König, an. Es steht die Flüchtige

Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer

Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

Thoas.

Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft

Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,

Wär' unter keinem Volke recht und gut.

Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz

Gebietet's und die Noth. Allein von dir,

Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl

Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn

Und Willen ihres Tages sich erfreut,

Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirth

Für seine Treue wohl erwarten darf.

Iphigenie.

Verbarg ich meiner Eltern Namen und

Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,

Nicht Mißtraun. Den vielleicht, ach wüßtest du

Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt

Du nährst und schützest, ein Entsetzen faßte

Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,

Und statt die Seite deines Thrones mir

Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit

Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,

Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir

Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,

Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,

Von seinem Haus Vertriebnen überall

Mit kalter fremder Schreckenshand erwartet.

Thoas.

Was auch der Rath der Götter mit dir sei,

Und was sie deinem Haus und dir gedenken;

So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst

Und eines frommen Gastes Recht genießest,

An Segen nicht, der mir von oben kommt.

Ich möchte schwer zu überreden sein,

Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.

Iphigenie.

Dir bringt die Wohlthat Segen, nicht der Gast.

Thoas.

Was man Verruchten thut wird nicht gesegnet.

Drum endige dein Schweigen und dein Weigern;

Es fordert dieß kein ungerechter Mann.

Die Göttin übergab dich meinen Händen;

Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.

Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:

Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,

So sprech' ich dich von aller Fordrung los.

Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,

Und ist dein Stamm vertrieben, oder durch

Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,

So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz.

Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.

Iphigenie.

Vom alten Bande löset ungern sich

Die Zunge los, ein lang verschwiegenes

Geheimniß endlich zu entdecken; denn

Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr

Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,

Wie es die Götter wollen, oder nützt.

Vernimm! ich bin aus Tantalus Geschlecht.

Thoas.

Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.

Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt

Als einen ehmals Hochbegnadigten

Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,

Den Jupiter zu Rath und Tafel zog,

An dessen alterfahrnen, vielen Sinn

Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,

Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?

Iphigenie.

Er ist es; aber Götter sollten nicht

Mit Menschen, wie mit ihres Gleichen, wandeln;

Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach

In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.

Unedel war er nicht und kein Verräther;

Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen

Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war

Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht

War streng, und Dichter singen: Übermuth

Und Untreu' stürzten ihn von Jovis Tisch

Zur Schmach des alten Tartarus hinab.

Ach und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!

Thoas.

Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

Iphigenie.

Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen

Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel

Gewisses Erbtheil; doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rath, Mäßigung und Weisheit und Geduld

Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick;

Zur Wuth ward ihnen jegliche Begier,

Und gränzenlos drang ihre Wuth umher.

Schon Pelops, der Gewaltig-wollende,

Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb

Sich durch Verrath und Mord das schönste Weib,

Önomaus Erzeugte, Hippodamien.

Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,

Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie

Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn

Aus einem andern Bette wachsend an.

Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt

Das Paar im Brudermord die erste That.

Der Vater wähnet Hippodamien

Die Mörderin, und grimmig fordert er

Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt

Sich selbst--

Thoas.

Du schweigest? Fahre fort zu reden!

Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

Iphigenie.

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,

Der froh von ihren Thaten, ihrer Größe

Den Hörer unterhält, und still sich freuend

An's Ende dieser schönen Reihe sich

Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich

Ein Haus den Halbgott noch das Ungeheuer;

Erst eine Reihe Böser oder Guter

Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude

Der Welt hervor.--Nach ihres Vaters Tode

Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,

Gemeinsam-herrschend. Lange konnte nicht

Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest

Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus

Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon

Thyest, auf schwere Thaten sinnend, lange

Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich

Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.

Dem füllet er die Brust mit Wuth und Rache

Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er

Im Oheim seinen eignen Vater morde.

Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König

Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,

Er tödte seines Bruders Sohn. Zu spät

Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen

Gemartert stirbt; und die Begier der Rache

Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still

Auf unerhörte That. Er scheint gelassen

Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder

Mit seinen beiden Söhnen in das Reich

Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie,

Und setzt die ekle schaudervolle Speise

Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.

Und da Thyest an seinem Fleische sich

Gesättigt, eine Wehmuth ihn ergreift,

Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme

Der Knaben an des Saales Thüre schon

Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend

Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.--

Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:

So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg

Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise.

Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin;

Und viel unseliges Geschick der Männer,

Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt

Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt

Uns nur die grauenvolle Dämmrung sehn.

Thoas.

Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug

Der Gräuel! Sage nun, durch welch ein Wunder

Von diesem wilden Stamme du entsprangst.

Iphigenie.

Des Altreus Ält'ster Sohn war Agamemnon:

Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,

In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit

Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.

Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling

Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte

Der König, und es war dem Hause Tantals

Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein

Es mangelte dem Glück der Eltern noch

Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,

Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest

Der Liebling wuchs, als neues Übel schon

Dem sichern Hause zubereitet war.

Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,

Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,

Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands

Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie

Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel

Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte

Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie

Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,

Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt

Die Eilenden zurück und forderte

Durch Kalchas Mund des Königs ält'ste Tochter.

Sie lockten mit der Mutter mich in's Lager;

Sie rissen mich vor den Altar und weihten

Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:

Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend

In eine Wolke mich; in diesem Tempel

Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.

Ich bin es selbst, bin Iphigenie,

Des Altreus Enkel, Agamemnons Tochter,

Der Göttin Eigenthum, die mit dir spricht.

Thoas.

Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht

Der Königstochter als der Unbekannten.

Ich wiederhole meinen ersten Antrag:

Komm, folge mir, und theile was ich habe.

Iphigenie.

Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?

Hat nicht die Göttin, die mich rettete,

Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?

Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,

Und sie bewahrt mich einem Vater, den

Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht

Zur schönsten Freude seines Alters hier.

Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;

Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte

Mich wider ihren Willen hier gefesselt?

Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

Thoas.

Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.

Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.

Man spricht vergebens viel, um zu versagen;

Der andre hört von allem nur das Nein.

Iphigenie.

Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;

Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.

Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,

Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen

Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?

Daß in den alten Hallen, wo die Trauer

Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,

Die Freude, wie um eine Neugeborne,

Den schönsten Kranz von Säul an Säulen schlinge.

O sendetest du mich auf Schiffen hin!

Du gäbest mir und allen neues Leben.

Thoas.

So kehr' zurück! Thu' was dein Herz dich heißt,

Und höre nicht die Stimme guten Raths

Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib

Dich hin dem Triebe, der dich zügellos

Ergreift und dahin oder dorthin reißt.

Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,

Hält vom Verräther sie kein heilig Band,

Der sie dem Vater oder dem Gemahl

Aus langbewährten, treuen Armen lockt;

Und schweigt in ihrer Brust die rasche Gluth,

So dringt auf sie vergebens treu und mächtig

Der Überredung goldne Zunge los.

Iphigenie.

Gedenk', o König, deines edeln Wortes!

Willst du mein Zutraun so erwiedern? Du

Schienst vorbereitet alles zu vernehmen.

Thoas.

Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet;

Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,

Daß ich mit einem Weibe handeln ging?

Iphigenie.

Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.

Nicht herrlich wie die euern, aber nicht

Unedel sind die Waffen eines Weibes.

Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn,

Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.

Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,

Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.

Voll guten Muthes wie voll guten Willens

Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;

Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir

Die Festigkeit gegeben, dieses Bündniß

Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

Thoas.

Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

Iphigenie.

Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

Thoas.

Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?

Iphigenie.

Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.

Thoas.

Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

Iphigenie.

Vor allen andern merke sie der Fürst.

Thoas.

Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht

An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher,

Als einen erdgebornen Wilden.

Iphigenie.

So

Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

Thoas.

Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.

So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin

Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;

Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr,

Bisher mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,

Die alten Opfer vorenthalten habe.

Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer;

Von Alters her ist ihm der Tod gewiß.

Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,

In der ich bald der zarten Tochter Liebe,

Bald stille Neigung einer Braut zu sehn

Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden

Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.

Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,

Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;

Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes

Frühzeit'gem Tode lauter über mich.

Um deinetwillen halt' ich länger nicht

Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

Iphigenie.

Um meinetwillen hab ich's nie begehrt.

Der mißversteht die Himmlischen, der sie

Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur

Dir eignen grausamen Begierden an.

Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priester?

Ihr war mein Dienst willkommner, als mein Tod.

Thoas.

Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen

Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft

Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.

Thu' deine Pflicht, ich werde meine thun.

Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen

Versteckt gefunden, und die meinem Lande

Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.

Mit diesen nehme deine Göttin wieder

Ihr erstes, rechtes, lang entbehrtes Opfer!

Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.

Vierter Auftritt.

Iphigenie (allein).

Du hast Wolken, gnädige Retterin,

Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,

Und auf Winden dem ehrnen Geschick sie

Aus den Armen, über das Meer,

Über der Erde weiteste Strecken

Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.

Weise bist du und siehest das Künftige;

Nicht vorüber ist dir das Vergangne,

Und dein Blick ruht über den Deinen

Wie dein Licht, das Leben der Nächte,

Über der Erde ruhet und waltet.

O enthalte vom Blut meine Hände!

Nimmer bringt es Segen und Ruhe;

Und die Gestalt des zufällig Ermordeten

Wird auf des traurig-unwilligen Mörders

Böse Stunden lauern und schrecken.

Denn die Unsterblichen lieben der Menschen

Weit verbreitete gute Geschlechter,

Und sie fristen das flüchtige Leben

Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne

Ihres eigenen, ewigen Himmels

Mitgenießendes fröhliches Anschaun

Eine Weile gönnen und lassen.

Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Orest. Pylades.

Orest.

Es ist der Weg des Todes, den wir treten:

Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller.

Als ich Apollen bat, das gräßliche

Geleit der Rachegeister von der Seite

Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung

Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester,

Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen

Gewissen Götterworten zu versprechen;

Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth

Mit meinem Leben völlig enden soll.

Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand

Das Herz zusammendrückt, den Sinn betäubt,

Dem schönen Licht der Sonne zu entsagen.

Und sollen Atreus Enkel in der Schlacht

Ein siegbekröntes Ende nicht gewinnen;

Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater,

Als Opferthier im Jammertode bluten:

So sei es! Besser hier vor dem Altar,

Als im verworfnen Winkel, wo die Netze

Der nahverwandte Meuchelmörder stellt.

Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen,

Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten

Hernieder träufelnd meinen Pfad bezeichnet,

Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt.

Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab;

Das Licht des Tags soll euch nicht sehn, noch mich.

Der Erde schöner grüner Teppich soll

Kein Tummelplatz für Larven sein. Dort unten

Such' ich euch auf: dort bindet alle dann

Ein gleich Geschick in ew'ge matte Nacht.

Nur dich, mein Pylades, dich, meiner Schuld

Und meines Banns unschuldigen Genossen,

Wie ungern nehm' ich dich in jenes Trauerland

Frühzeitig mit! Dein Leben oder Tod

Gibt mir allein noch Hoffnung oder Furcht.

Pylades.

Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,

In jenes Schattenreich hinabzugehn.

Ich sinne noch, durch die verworrnen Pfade,

Die nach der schwarzen Nacht zu führen scheinen,

Uns zu dem Leben wieder aufzuwinden.

Ich denke nicht den Tod; ich sinn' und horche,

Ob nicht zu irgend einer frohen Flucht

Die Götter Rath und Wege zubereiten.

Der Tod, gefürchtet oder ungefürchtet,

Kommt unaufhaltsam. Wenn die Priesterin

Schon, unsre Locken weihend abzuschneiden,

Die Hand erhebt, soll dein' und meine Rettung

Mein einziger Gedanke sein. Erhebe

Von diesem Unmuth deine Seele; zweifelnd

Beschleunigest du die Gefahr. Apoll

Gab uns das Wort: im Heiligthum der Schwester

Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet.

Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig,

Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt.

Orest.

Des Lebens dunkle Decke breitete

Die Mutter schon mir um das zarte Haupt,

Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild

Des Vaters, und es war mein stummer Blick

Ein bittrer Vorwurf ihr und ihrem Buhlen.

Wie oft, wenn still Elektra, meine Schwester,

Am Feuer in der tiefen Halle saß,

Drängt' ich beklommen mich an ihren Schoos,

Und starrte, wie sie bitter weinte, sie

Mit großen Augen an. Dann sagte sie

Von unserm hohen Vater viel: wie sehr

Verlangt' ich ihn zu sehn, bei ihm zu sein!

Mich wünscht' ich bald nach Troja, ihn bald her.

Es kam der Tag--

Pylades.

O laß von jener Stunde

Sich Höllengeister nächtlich unterhalten!

Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit

Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.

Die Götter brauchen manchen guten Mann

Zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde.

Sie haben noch auf dich gezählt; sie gaben

Dich nicht dem Vater zum Geleite mit,

Da er unwillig nach dem Orcus ging.

Orest.

O, wär' ich, seinen Saum ergreifend, ihm

Gefolgt!

Pylades.

So haben die, die dich erhielten,

Für mich gesorgt: denn was ich worden wäre,

Wenn du nicht lebtest, kann ich mir nicht denken;

Da ich mit dir und deinetwillen nur

Seit meiner Kindheit leb' und leben mag.

Orest.

Erinnre mich nicht jener schönen Tage,

Da mir dein Haus die freie Stätte gab,

Dein edler Vater klug und liebevoll

Die halberstarrte junge Blüthe pflegte;

Da du ein immer munterer Geselle,

Gleich einem leichten bunten Schmetterling

Um eine dunkle Blume, jeden Tag

Um mich mit neuem Leben gaukeltest,

Mir deine Lust in meine Seele spieltest,

Daß ich, vergessend meiner Noth, mit dir

In rascher Jugend hingerissen schwärmte.

Pylades.

Da fing mein Leben an, als ich dich liebte.

Orest.

Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr.

Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal,

Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner,

Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage;

Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete,

Gar bald um mich die blühenden Gesichter

Den Schmerzenszug langsamen Tod's verrathen.

Pylades.

Der Nächste wär' ich diesen Tod zu sterben,

Wenn je dein Hauch, Orest, vergiftete.

Bin ich nicht immer noch voll Muth und Lust?

Und Lust und Liebe sind die Fittige

Zu großen Thaten.

Orest.

Große Thaten? Ja,

Ich weiß die Zeit, da wir sie vor uns sahn!

Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach

Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst

An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich

Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so,

Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften;

Und dann wir Abends an der weiten See

Uns aneinander lehnend ruhig saßen,

Die Wellen bis zu unsern Füssen spielten,

Die Welt so weit, so offen vor uns lag;

Da fuhr wohl Einer manchmal nach dem Schwert,

Und künft'ge Thaten drangen wie die Sterne

Rings um uns her unzählig aus der Nacht.

Pylades.

Unendlich ist das Werk, das zu vollführen

Die Seele dringt. Wir möchten jede That

So groß gleich thun, als wie sie wächs't und wird,

Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter

Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.

Es klingt so schön was unsre Väter thaten,

Wenn es in stillen Abendschatten ruhend

Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft;

Und was wir thun ist, wie es ihnen war,

Voll Müh' und eitel Stückwerk!

So laufen wir nach dem, was vor uns flieht,

Und achten nicht des Weges den wir treten,

und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte

Und ihres Erdelebens Spuren kaum.

Wir eilen immer ihrem Schatten nach,

Der göttergleich in einer weiten Ferne

Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt.

Ich halte nichts von dem, der von sich denkt

Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte.

Allein, o Jüngling, danke du den Göttern,

Daß sie so früh durch dich so viel gethan.

Orest.

Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren

Daß er ein Unheil von den Seinen wendet,

Daß er sein Reich vermehrt, die Gränzen sichert,

Und alte Feinde fallen oder fliehn;

Dann mag er danken! denn ihm hat ein Gott

Des Lebens erste, letzte Lust gegönnt.

Mich haben sie zum Schlächter auserkoren,

Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter,

Und, eine Schandthat schändlich rächend, mich

Durch ihren Wink zu Grund' gerichtet. Glaube,

Sie haben es auf Tantals Haus gerichtet,

Und ich, der Letzte, soll nicht schuldlos, soll

Nicht ehrenvoll vergehn.

Pylades.

Die Götter rächen

Der Väter Missethat nicht an dem Sohn;

Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt

Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg.

Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.

Orest.

Uns führt ihr Segen, dünkt mich, nicht hierher.

Pylades.

Doch wenigstens der hohen Götter Wille.

Orest.

So ist's ihr Wille denn, der uns verderbt.

Pylades.

Thu' was sie dir gebieten und erwarte.

Bringst du die Schwester zu Apollen hin,

Und wohnen beide dann vereint zu Delphi,

Verehrt von einem Volk das edel denkt;

So wird für diese That das hohe Paar

Dir gnädig sein, sie werden aus der Hand

Der Unterird'schen dich erretten. Schon

In diesen heil'gen Hain wagt keine sich.

Orest.

So hab' ich wenigstens geruh'gen Tod.

Pylades.

Ganz anders denk' ich, und nicht ungeschickt

Hab' ich das schon Geschehne mit dem Künft'gen

Verbunden und im stillen ausgelegt.

Vielleicht reift in der Götter Rath schon lange

Das große Werk. Diana sehnet sich

Von diesem rauhen Ufer der Barbaren

Und ihren blut'gen Menschenopfern weg.

Wir waren zu der schönen That bestimmt,

Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind

Wir an der Pforte schon gezwungen hier.

Orest.

Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath

Und deine Wünsche klug in Eins zusammen.

Pylades.

Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht

Auf Jener Willen droben achtend lauscht?

Zu einer schweren That beruft ein Gott

Den edeln Mann, der viel verbrach, und legt

Ihm auf was uns unmöglich scheint zu enden.

Es siegt der Held, und büßend dienet er

Den Göttern und der Welt, die ihn verehrt.

Orest.

Bin ich bestimmt zu leben und zu handeln,

So nehm' ein Gott von meiner schweren Stirn

Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen,

Mit Mutterblut besprengten Pfade fort

Mich zu den Todten reißt. Er trockne gnädig

Die Quelle, die, mir aus der Mutter Wunden

Entgegen sprudelnd, ewig mich befleckt.

Pylades.

Erwart' es ruhiger! Du mehrst das Übel

Und nimmst das Amt der Furien auf dich.

Laß mich nur sinnen, bleibe still! Zuletzt,

Bedarf's zur That vereinter Kräfte, dann

Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir

Mit überlegter Kühnheit zur Vollendung.

Orest.

Ich hör' Ulyssen reden.

Pylades.

Spotte nicht.

Ein jeglicher muß seinen Helden wählen,

Dem er die Wege zum Olymp hinauf

Sich nacharbeitet. Laß es mich gestehn:

Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann

Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht.

Orest.

Ich schätze den, der tapfer ist und g'rad.

Pylades.

Drum hab' ich keinen Rath von dir verlangt.

Schon ist ein Schritt gethan. Von unsern Wächtern

Hab' ich bisher gar vieles ausgelockt.

Ich weiß, ein fremdes, göttergleiches Weib

Hält jenes blutige Gesetz gefesselt;

Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet

Bringt sie den Göttern dar. Man rühmet hoch

Die Gütige; man glaubet, sie entspringe

vom Stamm der Amazonen, sei geflohn,

Um einem großen Unheil zu entgehn.

Orest.

Es scheint, ihr lichtes Reich verlor die Kraft

Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch

Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt.

Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch

Von seinen Fesseln los, uns zu verderben.

Der wilde Sinn des Königs tödtet uns;

Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt.

Pylades.

Wohl uns, daß es ein Weib ist! denn ein Mann,

Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist

An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt

Aus dem, was er verabscheut, ein Gesetz,

Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.

Allein ein Weib bleibt stät auf Einem Sinn

Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer

Auf sie im Guten wie im Bösen.--Still!

Sie kommt; laß uns allein. Ich darf nicht gleich

Ihr unsre Namen nennen, unser Schicksal

Nicht ohne Rückhalt ihr vertraun. Du gehst,

Und eh' sie mit dir spricht, treff' ich dich noch.

Zweiter Auftritt.

Iphigenie. Pylades.

Iphigenie.

Woher du seist und kommst, o Fremdling, sprich!

Mir scheint es, daß ich eher einem Griechen

Als einem Scythen dich vergleichen soll.

(Sie nimmt ihm die Ketten ab.)

Gefährlich ist die Freiheit, die ich gebe;

Die Götter wenden ab was euch bedroht!

Pylades.

O süße Stimme! Vielwillkommner Ton

Der Muttersprach' in einem fremden Lande!

Des väterlichen Hafens blaue Berge

Seh' ich Gefangner neu willkommen wieder

Vor meinen Augen. Laß dir diese Freude

Versichern, daß auch ich ein Grieche bin!

Vergessen hab' ich einen Augenblick,

Wie sehr ich dein bedarf, und meinen Geist

Der herrlichen Erscheinung zugewendet.

O sage, wenn dir dein Verhängniß nicht

Die Lippe schließt, aus welchem unsrer Stämme

Du deine göttergleiche Herkunft zählst.

Iphigenie.

Die Priesterin, von ihrer Göttin selbst

Gewählet und geheiligt, spricht mit dir.

Das laß dir g'nügen; sage, wer du seist

Und welch unselig-waltendes Geschick

Mit dem Gefährten dich hierher gebracht.

Pylades.

Leicht kann ich dir erzählen, welch ein Übel

Mit lastender Gesellschaft uns verfolgt.

O könntest du der Hoffnung frohen Blick

Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren!

Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts:

Ich bin der jüngste, Cephalus genannt,

Und er Laodamas, der älteste

Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild

Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel

Der ersten Jugend Einigkeit und Lust.

Gelassen folgten wir der Mutter Worten,

So lang des Vaters Kraft vor Troja stritt;

Doch als er beutereich zurücke kam

Und kurz darauf verschied, da trennte bald

Der Streit um Reich und Erbe die Geschwister.

Ich neigte mich zum ält'sten. Er erschlug

Den Bruder. Um der Blutschuld willen treibt

Die Furie gewaltig ihn umher.

Doch diesem wilden Ufer sendet uns

Apoll, der Delphische, mit Hoffnung zu.

Im Tempel seiner Schwester hieß er uns

Der Hülfe segensvolle Hand erwarten.

Gefangen sind wir und hierher gebracht,

Und dir als Opfer dargestellt. Du weißt's.

Iphigenie.

Fiel Troja? Theurer Mann, versichr' es mir.

Pylades.

Es liegt. O sichre du uns Rettung zu!

Beschleunige die Hülfe, die ein Gott

Versprach. Erbarme meines Bruders dich.

O sag' ihm bald ein gutes holdes Wort;

Doch schone seiner wenn du mit ihm sprichst,

Das bitt' ich eifrig: denn es wird gar leicht

Durch Freud' und Schmerz und durch Erinnerung

Sein Innerstes ergriffen und zerrüttet.

Ein fieberhafter Wahnsinn fällt ihn an,

Und seine schöne freie Seele wird

Den Furien zum Raube hingegeben.

Iphigenie.

So groß dein Unglück ist, beschwör' ich dich,

Vergiß es, bis du mir genug gethan.

Pylades.

Die hohe Stadt, die zehen lange Jahre

Dem ganzen Heer der Griechen widerstand,

Liegt nun im Schutte, steigt nicht wieder auf.

Doch manche Gräber unsrer Besten heißen

Uns an das Ufer der Barbaren denken.

Achill liegt dort mit seinem schönen Freunde.

Iphigenie.

So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!

Pylades.

Auch Palamedes, Ajax Telamons,

Sie sahn des Vaterlandes Tag nicht wieder.

Iphigenie.

Er schweigt von meinem Vater, nennt ihn nicht

Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch!

Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz!

Pylades.

Doch selig sind die Tausende, die starben

Den bittersüßen Tod von Feindes Hand!

Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende

Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs

Ein feindlich aufgebrachter Gott bereitet.

Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch?

So weit sie reicht, trägt sie den Ruf umher

Von unerhörten Thaten die geschahn.

So ist der Jammer, der Mycenens Hallen

Mit immer wiederholten Seufzern füllt,

Dir ein Geheimniß? Klytämnestra hat

Mit Hülf' Ägisthens den Gemahl berückt,

Am Tage seiner Rückkehr ihn ermordet!--

Ja, du verehrest dieses Königs Haus!

Ich seh' es, deine Brust bekämpft vergebens

Das unerwartet ungeheure Wort.

Bist du die Tochter eines Freundes? bist

Du nachbarlich in dieser Stadt geboren?

Verbirg es nicht und rechne mir's nicht zu,

Daß ich der Erste diese Gräuel melde.

Iphigenie.

Sag' an, wie ward die schwere That vollbracht?

Pylades.

Am Tage seiner Ankunft, da dir König

Vom Bad erquickt und ruhig, sein Gewand

Aus der Gemahlin Hand verlangend, stieg,

Warf die Verderbliche ein faltenreich

Und künstlich sich verwirrendes Gewebe

Ihm auf die Schultern, um das edle Haupt;

Und da er wie von einem Netze sich

Vergebens zu entwickeln strebte, schlug

Ägisth ihn, der Verräther, und verhüllt

Ging zu den Todten dieser große Fürst.

Iphigenie.

Und welchen Lohn erhielt der Mitverschworne?

Pylades.

Ein Reich und Bette, das er schon besaß.

Iphigenie.

So trieb zur Schandthat eine böse Lust?

Pylades.

Und einer alten Rache tief Gefühl.

Iphigenie.

Und wie beleidigte der König sie?

Pylades.

Mit schwerer That, die, wenn Entschuldigung

Des Mordes wäre, sie entschuldigte.

Nach Aulis lockt' er sie und brachte dort,

Als eine Gottheit sich der Griechen Fahrt

Mit ungstümen Winden widersetzte,

Die ält'ste Tochter, Iphigenien,

Vor den Altar Dianens, und sie fiel

Ein blutig Opfer für der Griechen Heil.

Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen

So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben

Ägisthens sich ergab und den Gemahl

Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang.

Iphigenie (sich verhüllend).

Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn.

Pylades (allein).

Von dem Geschick des Königs-Hauses scheint

Sie tief gerührt. Wer sie auch immer sei,

So hat sie selbst den König wohl gekannt

Und ist, zu unserm Glück, aus hohem Hause

Hierher verkauft. Nur stille, liebes Herz,

Und laß dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,

Mit frohem Muth uns klug entgegen steuern.

Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

Iphigenie. Orest.

Iphigenie.

Unglücklicher, ich löse deine Bande

Zum Zeichen eines schmerzlichern Geschicks.

Die Freiheit, die das Heiligthum gewährt,

Ist, wie der letzte lichte Lebensblick

Des schwer Erkrankten, Todesbote. Noch

Kann ich es mir und darf es mir nicht sagen,

Daß ihr verloren seid! Wie könnt' ich euch

Mit mörderischer Hand dem Tode weihen?

Und niemand, wer es sei, darf euer Haupt,

So lang ich Priesterin Dianens bin,

Berühren. Doch verweigr' ich jene Pflicht,

Wie sie der aufgebrachte König fordert;

So wählt er eine meiner Jungfraun mir

Zur Folgerin, und ich vermag alsdann

Mit heißem Wunsch allein euch beizustehn.

O werther Landsmann! Selbst der letzte Knecht,

Der an den Herd der Vatergötter streifte,

Ist uns in fremdem Lande hoch willkommen:

Wie soll ich euch genug mit Freud' und Segen

Empfangen, die ihr mir das Bild der Helden,

Die ich von Eltern her verehren lernte,

Entgegen bringet und das innre Herz

Mit neuer schöner Hoffnung schmeichelnd labet!

Orest.

Verbirgst du deinen Namen, deine Herkunft

Mit klugem Vorsatz? oder darf ich wissen,

Wer mir, gleich einer Himmlischen, begegnet?

Iphigenie.

Du sollst mich kennen. Jetzo sag' mir an,

Was ich nur halb von deinem Bruder hörte,

Das Ende derer, die von Troja kehrend

Ein hartes unerwartetes Geschick

Auf ihrer Wohnung Schwelle stumm empfing.

Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt;

Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks,

Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit

Auf jene Helden warf. Sie zogen aus,

Als hätte der Olymp sich aufgethan

Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt

Zum Schrecken Ilions herabgesendet,

Und Agamemnon war vor allen herrlich!

O sage mir! Er fiel, sein Haus betretend,

Durch seiner Frauen und Ägisthens Tücke?

Orest.

Du sagst's!

Iphigenie.

Weh dir, unseliges Mycen!

So haben Tantals Enkel Fluch auf Fluch

Mit vollen wilden Händen ausgesät!

Und gleich dem Unkraut, wüste Häupter schüttelnd

Und tausendfält'gen Samen um sich streuend,

Den Kindeskindern nahverwandte Mörder

Zur ew'gen Wechselwuth erzeugt! Enthülle,

Was von der Rede deines Bruders schnell

Die Finsterniß des Schreckens mir verdeckte.

Wie ist des großen Stammes letzter Sohn,

Das holde Kind, bestimmt des Vaters Rächer

Dereinst zu sein, wie ist Orest dem Tage

Des Bluts entgangen? Hat ein gleich Geschick

Mit des Avernus Netzen ihn umschlungen?

Ist er gerettet? Lebt er? Lebt Elektra?

Orest.

Sie leben.

Iphigenie.

Goldne Sonne, leihe mir

Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank

Vor Jovis Thron! denn ich bin arm und stumm.

Orest.

Bist du gastfreundlich diesem Königs-Hause,

Bist du mit nähern Banden ihm verbunden,

Wie deine schöne Freude mir verräth:

So bändige dein Herz und halt' es fest!

Denn unerträglich muß dem Fröhlichen

Ein jäher Rückfall in die Schmerzen sein.

Du weißt nur, merk' ich, Agamemnons Tod.

Iphigenie.

Hab' ich an dieser Nachricht nicht genug?

Orest.

Du hast des Gräuels Hälfte nur erfahren.

Iphigenie.

Was fürcht' ich noch? Orest, Elektra leben.

Orest.

Und fürchtest du für Klytämnestren nichts?

Iphigenie.

Sie rettet weder Hoffnung, weder Furcht.

Orest.

Auch schied sie aus dem Land der Hoffnung ab.

Iphigenie.

Vergoß sie reuig wüthend selbst ihr Blut?

Orest.

Nein, doch ihr eigen Blut gab ihr den Tod.

Iphigenie.

Sprich deutlicher, daß ich nicht länger sinne.

Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig

Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt.

Orest.

So haben mich die Götter ausersehn

Zum Boten einer That, die ich so gern

In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht

Verbergen möchte? Wider meinen Willen

Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf

Auch etwas Schmerzlichs fordern und erhält's.

Am Tage, da der Vater fiel, verbarg

Elektra rettend ihren Bruder: Strophius,

Des Vaters Schwäher, nahm ihn willig auf,

Erzog ihn neben seinem eignen Sohne,

Der, Pylades genannt, die schönsten Bande

Der Freundschaft um den Angekommnen knüpfte.

Und wie sie wuchsen, wuchs in ihrer Seele

Die brennende Begier des Königs Tod

Zu rächen. Unversehen, fremd gekleidet,

Erreichen sie Mycen, als brächten sie

Die Trauernachricht von Orestens Tode

Mit seiner Asche. Wohl empfänget sie

Die Königin; sie treten in das Haus.

Elektren gibt Orest sich zu erkennen;

Sie bläs't der Rache Feuer in ihm auf,

Das vor der Mutter heil'ger Gegenwart

In sich zurückgebrannt war. Stille führt

Sie ihn zum Orte, wo sein Vater fiel,

Wo eine alte leichte Spur des frech

Vergoss'nen Blutes oftgewaschnen Boden

Mit blassen ahndungsvollen Streifen färbte.

Mit ihrer Feuerzunge schilderte

Sie jeden Umstand der verruchten That,

Ihr knechtisch elend durchgebrachtes Leben,

Den Übermuth der glücklichen Verräther,

Und die Gefahren, die nun der Geschwister

Von einer stiefgewordnen Mutter warteten.--

Hier drang sie jenen alten Dolch ihm auf,

Der schon in Tantals Hause grimmig wüthete,

Und Klytämnestra fiel durch Sohnes Hand.

Iphigenie.

Unsterbliche, die ihr den reinen Tag

Auf immer neuen Wolken selig lebet,

Habt ihr nur darum mich so manches Jahr

Von Menschen abgesondert, mich so nah

Bei euch gehalten, mir die kindliche

Beschäftigung, des heil'gen Feuers Gluth

Zu nähren aufgetragen, meine Seele

Der Flamme gleich in ew'ger frommer Klarheit

Zu euern Wohnungen hinaufgezogen,

Daß ich nur meines Hauses Gräuel später

Und tiefer fühlen sollte? Sage mir

Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!--

Orest.

O, könnte man von seinem Tode sprechen!

Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut

Der Mutter Geist

Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:

"Laßt nicht den Muttermörder entfliehn!

Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!"

Sie horchen auf, es schaut ihr hohler Blick

Mit der Begier des Adlers um sich her.

Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen,

Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten,

Der Zweifel und die Reue, leis herbei.

Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;

In seinen Wolkenkreisen wälzet sich

Die ewige Betrachtung des Geschehnen

Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher

Und sie, berechtigt zum Verderben, treten

Der gottbesäten Erde schönen Boden,

Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.

Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;

Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.

Iphigenie.

Unseliger, du bist in gleichem Fall,

Und fühlst was er, der arme Flüchtling, leidet!

Orest.

Was sagst du mir? was wähnst du gleichen Fall?

Iphigenie.

Dich drückt ein Brudermord wie jenen; mir

Vertraute dieß dein jüngster Bruder schon.

Orest.

Ich kann nicht leiden, daß du große Seele

Mit einem falschen Wort betrogen werdest.

Ein lügenhaft Gewebe knüpf' ein Fremder

Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,

Zur Falle vor die Füße; zwischen uns

Sei Wahrheit!

Ich bin Orest! und dieses schuld'ge Haupt

Senkt nach der Grube sich und sucht den Tod;

In jeglicher Gestalt sei er willkommen!

Wer du auch seist, so wünsch' ich Rettung dir

Und meinem Freunde; mir wünsch' ich sie nicht.

Du scheinst hier wider Willen zu verweilen;

Erfindet Rath zur Flucht und laßt mich hier.

Es stürze mein entseelter Leib vom Fels,

Es rauche bis zum Meer hinab mein Blut,

Und bringe Fluch dem Ufer der Barbaren!

Geht ihr, daheim im schönen Griechenland

Ein neues Leben freundlich anzufangen.

(Er entfernt sich.)

Iphigenie.

So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter

Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!

Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir!

Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die

Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt

Die Schätze des Olympus niederbringen.

Wie man den König an dem Übermaß

Der Gaben kennt: denn ihm muß wenig scheinen

Was Tausenden schon Reichthum ist; so kennt

Man euch, ihr Götter, an gesparten, lang

Und weise zubereiteten Geschenken.

Denn ihr allein wißt was uns frommen kann,

Und schaut der Zukunft ausgedehntes Reich,

Wenn jedes Abends Stern- und Nebelhülle

Die Aussicht uns verdeckt. Gelassen hört

Ihr unser Flehn, das um Beschleunigung

Euch kindisch bittet; aber eure Hand

Bricht unreif nie die goldnen Himmelsfrüchte;

Und wehe dem, der ungeduldig sie

Ertrotzend saure Speise sich zum Tod

Genießt. O laßt das lang erwartete,

Noch kaum gedachte Glück nicht, wie den Schatten

Des abgeschiednen Freundes, eitel mir

Und dreifach schmerzlicher vorübergehn!

Orest (tritt wieder zu ihr).

Rufst du die Götter an für dich und Pylades,

So nenne meinen Namen nicht mit eurem.

Du rettest den Verbrecher nicht, zu dem

Du dich gesellst, und theilest Fluch und Noth.

Iphigenie auf Tauris · 第 1 / 3 段