Eingeschlossene Tiere

Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien,

in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre

für immer mit ihrem Vater nach England zurückkehren. Esthe war an Indien

angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle

erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurückbleiben zu

dürfen. Sie verfiel, wie junge, hartnäckige Mädchen leicht tun, auf das

Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem

jungen Indier entführen lassen.

Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle

Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater während der

letzten Nächte im Grandhotel von Kalkutta.

Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug

nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu

erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen.

Es ist Sonntagnachmittag. Der Frühjahrssturzregen hat aufgehört, die

Rasenerde des riesigen Maidanplatzes vor dem Hotel hat alle Pfützen und

Wasser schnell verschluckt, die Sonne blitzt wie nagelneu am Himmel, und

die Damen im Hotel erscheinen mit den ersten Frühlingsstrohhüten der

Londonsaison auf dem Kopfe.

Der Botaniker Horseshoe schrieb auf einer Schreibmaschine im Lesesaal

des Hotels seinen letzten botanischen Bericht für die Kalkutta-Times,

und Esthe sagte über die Schulter ihrem Vater, daß sie noch eine Radtour

um den Maidan machen würde.

Sie fuhr ein paar Minuten später auf dem vernickelten, blitzenden Rad um

den mehrere Kilometer großen, freien Rasenplatz, den Kopf geduckt und in

die Luft gebohrt wie eine hitzige Hummel. Bei einer großen Allee bog sie

scharf und energisch um die Ecke und flog unter den Bäumen hin, zum

zoologischen Garten. Dort war soeben das Sonntagnachmittagskonzert

beendet, hohe Equipagen kamen Esthe in langen Reihen entgegen. Das junge

Mädchen vermied es aufzusehen, um nicht Bekannte grüßen zu müssen. Sie

ließ ihr offenes Haar wie eine Rasende im Winde wehen und jagte wie ein

Spuk an der Wagenkette vorüber.

Die weißgekleidete Regimentsmusik verließ soeben mit ihren blitzenden

Messinginstrumenten den Garten, als Esthe am großen Gittertore vom Rade

sprang. Der Portier des zoologischen Gartens kannte Esthe; sie war

täglich hier in dem mächtigen Park, wo die roten Dächer der Tierhäuser

unter dem bläulichen Grün der Königspalme und der Kasuarinenbäume wie

rote Zelte leuchteten.

Der indische Portier lächelte täglich über die hastige kleine Miß, die

sich von einem der jungen Gärtnerburschen durch die Baumreihen und an

den Käfigen vorbei oft lange Nachmittage begleiten ließ. Todor, der

junge Gärtner, ging dann, zwei Schritt entfernt, wie ein brauner Käfer

immer schweigsam neben der jungen plaudernden Dame. Jedermann im Garten,

alle Tierwärter und Gärtner wußten, daß der Bursche sich unter den

Blicken der kleinen Miß vor Ehrfurcht, Ergebenheit und Schwärmerei wie

ein Mimosenkraut zusammenrollte.

»Todor hier?« fragte jeden Tag die kleine Engländerin und schüttelte

ihr wachsblondes offenes Haar vor dem uniformierten indischen Portier

beim Eintritt in das Gittertor. Dabei schwang sie die kurze

Reitpeitsche, die sie als Radfahrerin gegen die Hunde in der Hand hielt.

Der Portier legte, lächelnd und sich tief verneigend, schweigend die

rechte Hand an die Stirn und deutete mit der linken auf ein

hochstämmiges Malvenbeet, dahinter der weißgekleidete sechzehnjährige

Bursche wie eine Maus mit schwarzem Gesicht kauerte und die

feuerfarbenen Blütenzepter der Malvenstöcke an Bambusrohr festband.

Seine Augen waren wie schwarze Papierasche und scheinbar tief versunken

in die Blumenarbeit; aber seit Stunden warteten sie auf die blaßhäutige

junge Dame.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang schloß heute der Portier den Garten, und

da das Fahrrad vom Gittertor verschwunden war, blieb er überzeugt, daß

die kleine Engländerin schon heimgefahren sei. Aber Esthe war hinter den

letzten Häusern des Gartens, bei dem Aquarium, versteckt geblieben.

»Ich soll morgen abreisen, Todor,« hatte sie gesagt, »und du weißt, mein

sehnlichster Wunsch war immer, einmal eine Nacht hier im Garten unter

den wilden Tieren bleiben zu dürfen. Ihr Gärtner und Wärter seid auch

nachts hier. Warum soll ich nicht bleiben können? Ich möchte im Finstern

an den Käfiggittern entlang gehen und die Tigeraugen sehen, wenn sie

grün und gelb auf mich losstürzen; die großen fliegenden Hunde, die

tagsüber schlafen und kopfüber an den Bäumen hängen, möchte ich nachts

aufwachen sehen und möchte sehen, wie die Schlangen sich nachts am Glas

der Aquarien elektrisch reiben. Und vor allem habe ich Appetit nach dem

verruchten Gebrüll der Heulaffen, die im Mondschein klagen sollen, als

ob sie sich gegenseitig erdrosselten, und dann muß ich die Signalpfiffe

der großen Trompetennachtigallen kennen lernen. Habe ich die Nacht hier

angenehm zugebracht und gehe morgen früh nach Hause ins Hotel, so wird

es dann für meinen Vater auch zu spät, um mit dem Schnellzug abzureisen.

Dann versäumen wir das Schiff in Bombay; ich habe wieder eine Woche

gewonnen, und die Abreise wird verschoben bis zum nächsten Schiff.«

Todor der Gärtnerbursche verstand mit seinen Augen, die wie brauner

Honig glänzten, alles, wenn auch sein Ohr nicht jedes englische Wort

begriff. Er nickte beständig; so wie man im Wasser seinem eigenen

Spiegelbild zunickt, so nickte er in die klarblauen Augen des kleinen

Fräuleins. Esthe hatte sich bis zur Schließung des Gartentores

verstecken wollen, und Todor hatte sie in eine Tuberosenlaube geführt,

die hinter dem Aquarium stand. Dort saßen sie unter breitblätterigen

Schlingpflanzen wie in einem grünen hohlen Schuppenleib. Esthe lag auf

einer Bank, Todor hockte vor ihr auf dem feuchten Tropenboden, der mit

grünem Schimmel bedeckt war.

Draußen verschwanden mit einem Male die rotsandigen Gartenwege in der

plötzlichen Tropendämmerung. Esthe erzählte von den Pflanzensammlungen

ihres Vaters, und Todor bewegte die Lippe in früherer Gewohnheit des

Betelkauens. Das Betelkauen hatte sich der Gärtnerbursche abgewöhnen

müssen, da Esthe den roten Saft, den er dabei ausspuckte, nicht leiden

konnte. Aus dem plötzlich grauen Abendlicht drang jetzt das

langausgestoßene Geheul der wilden Tiere gleich Rufen aus gewaltigen

Muschelhörnern in die Laube.

»Wie wäre es,« sagte Esthe, »wenn wir jetzt die Schlüssel zu den Häusern

der Tiger und Schlangen bekämen?«

»Noch abwarten,« sagte Todor und ging auf den Zehen zum Ausgang der

Laube. Die Luft des Gartens begann wütender nach Tierhaut und

Tierschweiß zu riechen. Esthe gruselte es angenehm bei dem wilden

Geruch. Todor ging um die Laubenecke. Esthe starrte hinaus. Alle Bäume

verschwanden jetzt, als gingen sie alle aus dem Garten, und Ströme von

Düften wanderten wie fremde lebendige Wesen durch die Dunkelheit. Auch

alle Farben begannen zu wandern. Der Scharlach der Kakteenblüten war

pechschwarz geworden, die blauen Mandarinenblüten leuchteten weiß, die

Yukkapalmen glitzerten wie Fischgräten und Fischgerippe und die

Palmyraschäfte wie große weiße Elefantenknochen. Die Dunkelheit gab den

Bäumen klumpige Beine und den Büschen gedunsene Leiber, daß sie Molchen

glichen; die Nachtfarbe verwandelte die Welt der Pflanzen in eine

Tierwelt. Die Erde vor Esthes Füßen dünstete einen bittern Schweiß aus,

den das Mädchen wie ein Gift auf der Zunge schmeckte. Das vielgestaltige

Echo aus den Tierhäusern vertausendfachte sich in dem Garten, als ob

ganze Haufen eingeschlossener Tierherzen Selbstmord begingen und ihrem

fliehenden Leben nachklagten.

Esthe stand von der Bank auf und tastete sich durch die Laube. Sie griff

nach den weißlichen Tuberosen; die fühlten sich wie glatte, schleimige

Augäpfel an, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Sie griff in

die Schlingpflanzen, die waren wie das Gekröse und Eingeweide eines

frischgeschlachteten Tierleibes, lauwarm und weich. »Todor!« rief das

junge Mädchen. Todor aber schien verschwunden.

Esthe bog ihre Reitpeitsche krampfhaft um die Knie. Es war jetzt ganz

finster in der Laube, und wie eine hohle Brandung tobte draußen das

Geheul und Gebell aus den Käfigen. Esthe kannte wohl die indischen

Nächte voll Zikadengerassel und Affengeschrei; auch die Schreie der

Schakale und das Gelächter vieler wilden Nachtvögel hatte sie gehört,

aber diese langen, qualvollen Stoßseufzer eingeschlossener Tiere, welche

die Luftwellen aufregten, daß die Blätter im Dunkel zischelten, diese

inbrünstigen Sehnsuchtsschreie, langgezogen und schneidend, als müßten

sie die Käfiggitter zersägen, dieses Blutgeheul der tierischen

Frühlingswollust, dazwischen das Klirren der eisernen Gitterstäbe, die

geschüttelt wie Ketten unter dem Freiheitsdrang wahnsinnig gewordener

Bestien rasselten, das hatte Esthe noch nie gehört.

Esthes Herz schauderte und begann sich wie ein selbständiges Geschöpf zu

regen; sie fühlte ihr Herz aufrecht, mit großen stoßenden Schritten

durch ihren jungen Leib wandern. Ihr Herz machte Sprünge wie ein

kralliger Panther, und es dehnte und rollte sich auf wie eine sich

wälzende Riesenschlange, aber blieb doch immer am gleichen Fleck wie

eine festgewachsene Seepflanze, die sich mit verwirrenden Fäden

aufkräuselt, um sich greift und Nahrung sucht. Und alle die Schreie in

dem finstern Garten, die aus den Tierkehlen platzten und der Luft

wehtaten, wurden in Esthe wie ihre tausend eigenen Stimmen. Alles, was

im Garten an Wildheit wucherte, an Inbrunst und Leidenschaft, wurde zu

Esthes Herz. Ihr Blut ging alle Tierverwandlungen durch, als wollte es

fort aus ihrem Leib, vielgestaltig in die Nacht stürmen; wie die

Raubtiere, die ihre Haare an den Gitterstäben reiben und ihre Tatzen

durch die Eisen drängen, drängte das Blut des jungen Mädchens nach einer

unbekannten Freiheit.

Wo ist Todor? rief es in Esthe. Er hat den Blick der großaugapflichen

Tiger; er ist wie die geschmeidigen, knochenlosen Schlangen. Heute

nachmittag auf dem Gartenweg hing sein Schatten schwer und schwarz an

ihm, wie die großen fliegenden Hunde an den Bäumen hängen, mit dem Kopf

nach unten. Todor schweigt immer, aber seine Augäpfel sprechen mehr als

Tag und Nacht. Es ist finster draußen vor der Laube, als hätte Todor mit

seinen Augen den ganzen Garten verschluckt. -- Todor ist jetzt alles, er

ist das große Finster draußen, und er ist das Blut in Esthe geworden,

das wie eine Elefantenherde ihr Herz zerstampft.

Das junge Mädchen ließ die Reitpeitsche fallen. Sie preßte die Hände an

ihren nackten Hals und begann mit einem Male wie eine Krähe laut

aufzuschreien. Esthe schrie mit hochgehobenen Händen, sie stand auf den

Zehen aufgerichtet und schrie endlos -- daß die Heulaffen schwiegen, das

Tigergebrüll sich verkroch und alle Tiere hinter den Gittern den Atem

anhielten. Der ganze finstere Garten horchte ein paar Augenblicke auf

den hohen Fistelton des Hilfegeschreis eines jungen Menschenweibes.

Endlich tauchten Laternen auf, Lichter spiegelten sich in den Teichen,

in den Glashäusern, und von neuem warf sich das Tiergebrüll an die

bronzenen Gitterstäbe, den Laternen entgegen, und übertönte Esthes

Geschrei. Riesige Schatten von vorwärtstastenden Menschen fuhren aus

den Baumspalten. Gartenwege und Blumentöpfe erschienen, und es war, als

eilten Haufen von Bäumen und fliegende Wesen herbei. Beleuchtet von den

Laternen, stand Esthe mit aufgereckten hellen Armen und schrie allen

entgegen. Sie rührte sich nicht vom Platz, sie schrie ihren Schreien

nach. Dann plötzlich stürzte sie wie ein geblendetes Insekt mitten

zwischen die Laternenspiegel.

»Hilfe vor Todor, Hilfe, Hilfe vor Todor!« schrie sie den verblüfften

Leuten ins Ohr. Sie klammerte sich an vier Wärter zugleich, die sie wie

eine Barrikade zum Schutz um sich stellte.

Man suchte in der Laube, nirgends war Todor zu sehen. Die Wärter trugen

das ohnmächtige Mädchen durch den Garten, darinnen die vom Licht

aufgescheuchten Tiere jetzt noch lauter, gleich einem wilden

Heergetümmel, tobten.

In der Nähe des Straßentores glaubte ein Wärter Todors Gesicht hinter

einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein

Leinwandpäckchen voll Silbermünzen neben der Tür des Portierhauses

hingelegt.

Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des

Mädchens kühnen Nachtgedanken gleichfalls kühn gemacht worden. Er hatte

Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in

der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft,

und war gleich mit dem Gelde zurückgekommen, um Esthe die Silbermünzen

einzuhändigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben könne. Denn das junge

Mädchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen

öfters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen könnte, würde sie in

Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr

geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wüßte, an wen. Als Todor mit

dem Geld in der Hand zurückkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug

und den Wärterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das

Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten.

Esthe ist am nächsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und

jedermann im zoologischen Garten weiß jetzt, daß Todor sich am

Huklayfluß auf einem Frachtschiff heuern ließ, um Esthe in England zu

suchen.

Das Schönste von Max Dauthendey · 第 68 / 74 题