Der unbeerdigte Vater

Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenläden voll

von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt.

Trittst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgitter von der

Sargstraße, Metzgerstraße, Möbelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst,

du seist in eine übersinnliche Welt geraten. Die Jadeläden sind über und

über vergoldet und von künstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt.

Keine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Waldäste,

vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer

Figurenwelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. Die Straße

ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Regenwetter

feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen

Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrün,

indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie

unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos gleich weißen

Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen Harlekinkleidern,

und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter

den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern. -- In dieser Gasse

hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt

und war kaum je aus den Holzgittern der Straße hinausgekommen; erst

jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zum ersten- und letztenmal

den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind

kleine Häuser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von

Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung warten müssen.

Als Hei-Hees fünf Söhne die drei Särge des Vaters bestellt hatten, den

silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau

ineinander paßten, und darinnen man den reichen Jadehändler in der

Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte,

welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die Söhne

inzwischen, daß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, für den ihn die

Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld

fand sich im Laden, und alle Jadekunstschätze des toten Händlers

reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei

kostbaren Särge zu bezahlen. Die fünf Söhne überlegten eine ganze Nacht

und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die

Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten:

»Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Särge, nur darf euer

Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß in der

Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt.«

Das war nichts Außergewöhnliches in Kanton, und es ereignete sich

öfters, daß die einbalsamierten Toten jahrelang liegen mußten, bis die

Angehörigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten.

Hei-Hees Söhne fanden darum die Rede der Sarghändler recht und billig

und murrten nicht dagegen.

Die fünf Söhne berieten von neuem, und der älteste sagte: »Ich werde

nach Japan reisen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestein

billig aufzukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade

gibt, teuer zu verkaufen und will mir bald ein Vermögen machen, um den

Vater zu beerdigen.«

Der zweite der Brüder sagte: »Du wirst mit Jade nicht viel verdienen;

ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen.

Mit meinem so erworbenen Vermögen werde ich die Särge eher bezahlen

können als du.«

Der dritte sagte: »Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach

Shanghai reisen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden.

Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Shanghaihafen

füllen, daß man ohne Waren schneller ein Vermögen an der Börse machen

kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit

schnellerworbenem Geld den Vater früher beerdigen lassen können als

ihr.«

Der vierte der Brüder weinte und seufzte: »Ich werde hier am Sarge

wachen, bis ihr drei wiederkommt, und werde jeden Morgen in die

Opfertassen frischen Tee auffüllen und Wachskerzen kaufen und

Sandelräucherwerk. Und der fünfte Bruder soll inzwischen den Laden hüten

und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das

Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen.«

So verabredeten es alle fünf und kehrten aus der Grabkammer zurück, um

den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen.

Keiner der fünf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge

Mädchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den

Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten

Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topfpflanzengarten und weinte

in ihren seidenen Ärmel.

»Die Mädchen dürfen weinen und wünschen, die Männer müssen handeln,«

hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie

schon viel; aber was sollte sie sich wünschen? Sie schaute in das leere

Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermöbel glitzerten. Verzweifelt

nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn

sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen,

fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach.

»Ich wünsche also nicht zu sterben,« sagte sie zu sich, »ich wünsche

also weiter zu leben, sonst wäre der Pfeil nicht in meinen Händen

zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen.« Und das

Mädchen war froh, daß sie doch noch einen Wunsch zu leben hatte, denn

eigentlich starb sie nicht gern. »Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch

anfangen,« dachte sie; »den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie

die Brüder können, also ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater

begraben lassen könnte, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!«

Wie die junge Chinesin noch grübelte, was sie tun sollte, begann der

Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer

voneinander trennten, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof

ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In

der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst auf einer

Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit

weithin tönendem Laut in das Becken gefallen. Das bedeutete Erdbeben,

und bei dem Metallton mußten alle Hausbewohner flüchten.

Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die

Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen

plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die

Blumentöpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen

Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen sprang

auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür

und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde

die Luft grau voll Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem

Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da

rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die

zerbrochenen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über gestürzte Stühle

und große rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken

Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten

und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Händen nach der großen

Ratte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fünf

Brüder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang war

eingestürzt, das junge Mädchen sprang über die Trümmer und wäre längst

liegen geblieben, hätte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe

gefühlt. Sie stürzte durch die staubgefüllten Straßen, wie von der Ratte

an den Haaren durch die Luft gezogen. Sie wußte nicht, daß sie durch

brennende Häuser, über Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill

um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der

Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte

mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchens und grub sich

vor ihr in die vom Erdbeben aufgewühlte Erde.

Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, daß der Leichnam

ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden war. Als der Staub sich

gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fünf Brüder, einer nach dem

andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als

der Tote nicht zu finden war und als sie am aufgebrochenen Fußboden

entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die

Tiefe gerissen und begraben hatte.

Das junge Mädchen sah auf und sagte: »Ihr sollt nicht staunen, ich habe

als unnützes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, daß

mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein

Recht zu handeln hatte.«

Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: »Die Sarghändler

dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn

du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester,

dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und

Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln.«

Das Schönste von Max Dauthendey · 第 53 / 74 题