Likse und Panulla

Likse, eine chinesische Wasserverkäuferin, und Panulla, eine

singhalesische Straßendame, saßen im Haftlokal der Polizeistation auf

der »Gelben Straße« in Singapore.

Es ist morgens sechs Uhr. Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von

der Straße aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden.

Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstöckigen

indigoblauen Hauses. Das Gitterfenster reicht bis zur Diele. Likse und

Panulla sind von den Stühlen, auf denen sie geschlafen, aufgestanden.

Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster, schauen auf die lebhafte

Morgenstraße hinunter und warten auf ihre Haftentlassung.

Likses Kopf ist wie ein gelber, großer, ausgehöhlter Kürbis, in den man

ein Licht gestellt hat. Ihre Augäpfel leuchten noch prall von

übernächtiger Trunkenheit. Panulla hat noch rot und weiße Schminke und

Puderreste im Gesicht. Ihre Wangen sehen aus wie zwei künstlich gefärbte

Stücke Zucker. Beide Gesichter, das gelbe und das rosaweiße, kleben an

dem Gitter und verfolgen interessiert den Straßenlärm unten in der

»Gelben Straße« von Singapore.

Nackte Malaien, halbnackte, grobblau gekleidete Chinesen,

Bananenhändler, Wasserträger, Fischverkäufer, Garküchenkarren und

Rikschawagen rennen durcheinander, schieben und poltern über die

Pflastersteine. Räder und Menschenstimmen überlärmen sich mit ruckhaften

Sätzen. Die beiden Weiber am Gitterfenster begrüßen Bekannte unten,

Gesichter nicken herauf, Hände winken.

Vom dröhnenden Straßenleben zittern die Eisenstäbe des Gitters, daran

sich die Finger der beiden Frauen festhalten. Likse, die Chinesin, hat

weite, schwarze, glänzende Kalikohosen an und eine blaue schräggeknöpfte

Leinenjacke. Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst. Ihre

eingedrückte Nase schnuppert zwischen den Eisenstäben sehnlichst nach

der Straße hinunter. Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von

rosagrauer Farbe, rote Ahornblätter darauf eingefärbt, hockt am Boden.

Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her. Sie

verfolgt alle Vorübergehenden mit beweglichem Kopf, als möchte sie

gleich einer Störchin die Leute wie Frösche aus einem Sumpf zu sich

heraufangeln.

Die chinesische Likse ist grobknochig. Ihre derben Brüste und ihr Gesäß

sind dick wie Wassermelonen. Panulla aber ist wie ein Heupferdchen

schmal und wetzt ihre Kniee hüpfend am Gitter, wenn sie bekannte

Matrosen auf der Straße begrüßt.

Allmählich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren,

malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster

an. Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern.

Einer wirft ein paar Bananen hinauf, ein Fischhändler ein paar dünne

Fische. Die breitmäulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische.

Panulla lutscht an den Bananen.

Aus einer chinesischen Bar, über der Straße, kommt ein junger Mensch

gerannt. Er hat einen langen Bambusstab in der Hand; darauf ist ein

Stück Schwamm gebunden. Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen

Frauen hinauf.

Likse schnuppert und riecht sofort, daß der Schwamm in Branntwein

getaucht ist. Panulla errät den Branntwein aus Likses Augen, und beide

Weiber pressen gierig ihre offenen Mäuler durch die Gitterstäbe, um den

Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen.

Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berührt, versucht Panulla die

Chinesin zur Seite zu zerren. Die aber bleibt unerschütterlich auf ihren

zwei stämmigen Beinen stehen, schnappt nach dem Schwamm und saugt.

Der Bekanntenkreis unten brüllt ein heulendes Gelächter, denn Panulla

ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und würgt Likse von

rückwärts am Hals, damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den

Magen hinunterschlucken kann.

Likses gelbes Kürbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug. Sie würgt

und schlingt und will Panulla abschütteln. Die dünne Malaiin hängt wie

eine Zange am Hals der dicken Chinesin. Likse fällt auf die Kniee,

prustet den Branntwein aus den Nasenlöchern, und immer noch reitet

Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar, der sich in einen

Elefantenrücken eingebissen hat.

Die gelben Zuschauergesichter auf der Straße tanzen wie Reihen gelber

Lampions im Winde, und viele Köpfe stoßen im Gelächter zusammen.

Panulla hat endlich, über den Rücken der Chinesin hinweg, den Schwamm

durch das Gitter mit den Zähnen erschnappt, ihn mit dem Mund von der

Bambusstange gerissen, den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den

Schwamm dann blitzschnell zurück auf die Straße gespuckt.

Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde,

schnaubend wie ein Flußpferd, das ans Land steigt. Ehe sich Panulla, die

am Gitter hängt, die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der

Straße erklären kann, hat die mächtige Likse die Malaiin von rückwärts

am Haar zur Erde gerissen. Das Haar geht auf, und die chinesische

Wasserträgerin schleift die Straßendirne wie an einem schwarzen Strick

in den Hintergrund des schmalen Haftlokales.

Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten. Ihre

gestreckten Hälse reichen nicht bis zum ersten Stock, um in die

Zimmertiefe zu schauen, und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter

erscheinen, gehen alle lachend auseinander; das Straßenleben eilt

eintönig lärmend wie vorher unterm Fenster vorüber.

Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen

Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch

verbogenen Beinen, als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den

Gelenkkugeln verdreht hätte. Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen

Fähnchen unter ihr. Als hat sie Lust zu lachen, verzerrt Panulla die

Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen. Ihr Haarstrang

ist fest, gleich einer Henkerschnur, um ihren Hals geknotet. Die Malaiin

rührt sich nicht mehr.

In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rückwärts über einen Stuhl

gestürzt. Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke.

Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurückgefallenen

Kalikohosen. Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem

Fußboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau

getünchte Zimmer. Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen. Der

kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze. Kaum ein

einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den

Stecknadelkopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis.

Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwürgt, und Panulla hat

der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen,

daß die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken

blieb.

Likse und Panulla sind tot. Die Malaiin bekommt allmählich durch die

Totenstarre einen schiefen Ausdruck, als ob sie spottet.

Das Wagenrütteln der Straße erschüttert den Fußboden, und Likses

ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft, als ob sich die Chinesin im

Kopfstehen übe.

Die erwürgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die

Beine der Chinesin in die Luft gerichtet. Das andere Auge sieht nach der

entgegengesetzten Seite zum Fenster.

»Schau, Likse! Jetzt kommt ein Monsungewitter!« grinste Panullas

Augapfel und verdunkelte sich bräunlichrot unterm Gewitterhimmel,

während ihr anderer Augapfel, beschienen von der Indigowand des Zimmers,

blau leuchtete.

Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind, der das Haus

schüttelte. Es war, als fluchte ihr offener Mund:

»Verdammt, ich habe meine Kinderwäsche noch auf dem Hausdach zum

Trocknen! Der Regen wird alles fortschwemmen. Ich muß heimrennen.« Und

Likses Beine wackelten noch lebhafter.

Panulla aber höhnte mit ihrem schiefen Blick stille schweigend: »Du

wirst lange zappeln können! Von selber stehst du nimmer auf, Likse. Du

bist ja mausetot, von mir, der Panulla, umgebracht, ehe du es ahntest,

du viereckiges Chinesentier! Der winzige gläserne Nadelkopf paßt dir

übrigens gut in deine Brustwarze.«

Die Chinesin grinste mit ihrem umgestürzten Gesicht, und aus ihren

Nasenlöchern trieb der aufsteigende Alkohol, den sie ausgeprustet hatte,

kleine lebende Blasen.

Panulla funkelte argwöhnisch mit ihrem blauen Augapfel: »Ich glaube gar,

du willst wieder atmen, Likse!«

Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber, so daß ihr breiter

offener Mund bis an die Ohren glänzend zu lachen schien.

Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweißperlen, als ob

die Gedanken, die von ihr noch im Haftlokal umgingen, sich auf ihre

Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten; und diese

glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gespräch von heute nacht,

das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten.

»Der Mensch muß töten können,« hatte die Malaiin belehrend behauptet.

»Wer nicht töten kann, beleidigt den Tod und lebt nur halb.

Siehst du, Likse, die eine Hälfte des Mondes ist einmal schwarz und

jeden Monat einmal weiß. So muß der Mensch sein, Likse. So wie du auf

einer Stange zwei Eimer auf den Schultern über die Straße trägst und

sich die beiden Eimer an der Stange das Gleichgewicht halten müssen, so

balancieren Leben und Tod an der Weltstange. Jeder Teil der Welt will

seinen Teil von dir. Man muß leben können, man muß aber auch töten

können. Leben und Töten wollen gelernt sein. Hör' zu!

Einmal lag ich mit einem reichen Mann in meinem Zimmer zu Bett. Um

Mitternacht erwachte ich und sah im Dunkeln ein grünes Licht durch das

Türbrett kommen. Ich glaubte, ich schliefe noch, und rieb mir die Augen.

Im Licht, das lautlos eintrat, sah ich die Schattengestalt einer Frau,

die glitt unhörbar, immer von dem grünen Licht umgeben, zu meinem

Waschtisch. Sie nahm meinen Kamm und kämmte damit ihr feuriges Haar. Ich

hörte deutlich die Funken knistern und sah den weißen glühenden Kopf des

Gespenstes im Spiegel über dem Waschtisch. Ich erkannte die Frau an

ihrem Spiegelbild wieder. Sie war eine Freundin von mir und hatte vor

mir in dem Zimmer gewohnt und dort ihre verliebten Besuche empfangen.

Sie war ganz natürlich gestorben und kam jetzt aus dem jenseitigen

Leben, um ihr Zimmer aufzusuchen, darin sie einmal einen jungen Mann

ermordet hatte, den sie dann, wie man sagt, im Hauskeller verscharrt

hat. Ich verstand ihre Erscheinung erst später und weiß jetzt, sie

machte ihren köstlichsten Morderinnerungen wollüstige Besuche.

Halbaufgerichtet im Bett schaute ich auf ihr Gesicht im Spiegel, während

sie sich noch immer mit meinem Kamm kämmte. Alle Gegenstände im Zimmer

waren von ihrer Gestalt beschienen. Ich genoß eine nie gekannte

Aufregung, und beim Anblick der glühenden Mörderin und bei dem wallenden

Licht, das sie ausstrahlte, wurde mein Blut wie betrunken. Ich grub

meine Fingernägel mit Angst und Genuß in den Hals des schlafenden

Mannes an meiner Seite und zerdrückte seinen Kehlkopf wie eine Nuß

zwischen meinen Fingern. Der Mann schlug ein paarmal um sich. Das grüne

feurige Licht des Gespenstes kreiselte und verschwand durch das

Türbrett. Es war wieder dunkel im Zimmer, und der Mensch neben mir lag

still. Ich zog meine Hände von ihm zurück. Der Mann rührte sich nicht

mehr.

Ich zündete zehn Streichhölzer nacheinander an. Beim ersten Streichholz

sah ich, daß seine Kinnlade ihm herunterhing; beim zweiten sah ich seine

Augen, die ihm wie gekochte weiße Fischaugen aus dem Kopf quollen.

Zehnmal sah ich immer ein neues Stück von dem Toten. Die ersten fünf

Male schauderte ich, aber die letzten fünf Male genoß ich den Toten

neben mir wie eine Mahlzeit von fünf leckeren Gerichten. Ich wunderte

mich, daß das Töten so unterhaltend war, und ich schlief kostbar

befriedigt neben der Leiche ein, befriedigter, als wenn der Mann gelebt

hätte.

Am Morgen wollte ich mit meinem vertrauten Hausdiener, der damals mein

leidenschaftlich Geliebter war, den erwürgten Mann im Keller begraben.

Emilio grub, und ich stand daneben und schaute zu. Kaum einen Fuß tief

stieß Emilios Schaufel auf ein Gerippe. Wir warfen die Knochen heraus,

gruben tiefer. Wieder lag ein Gerippe darunter, und noch tiefer noch ein

Gerippe. Ich bin sicher: hätten wir weiter gegraben, die ganze Erde wäre

mit Schichten von Menschengerippen ausgefüllt gewesen, denn alle Jahre,

alle Jahrhunderte hatten vor uns in dem Hause, wie wahrscheinlich in

allen Häusern der Stadt, gemordet und Gemordete begraben.

Früher war ich bei jedem Gewitter ängstlich. Jetzt fürchte ich keinen

Blitz mehr. Ich fühlte bei den elektrischen Schlägen ein Kitzeln in

meinen Fingern, wie damals, als ich den zappelnden Kehlkopf zerdrückte.

Und wenn die Blitze draußen morden, bin ich aufgeregter, als wenn mich

ein wilder Stier umarmen würde.

Gespenster sehe ich, wo ich gehe und stehe. Alle, die jemals gemordet

haben, sind eine große, wollüstige, unsterbliche Familie und verkehren

Tag und Nacht bei geschlossenen Türen und bei vergitterten Fenstern

miteinander.

Ich bin jetzt nie mehr allein. Ich sehe die Mörder aller Zeiten vor

Augen, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe vor und zurück, -- alles

Blut, das geflossen ist, und alles Blut, das fließen wird.

Ob ich wache oder schlafe, es ist alles eins. Ich bin bei allen Morden

dabei, die geschehen, und mein Blut lebt belustigt seitdem, wie eine

brünstige Affenherde in meinem Leib.«

Der toten Panulla triefte, bei dem stummen Selbstgespräch ihrer alten

Gedanken, wie vor lauter Genuß, ein langer Speichelfaden aus dem Mund.

Likse steht immer noch auf dem Kopf. Der Donner draußen reibt sich an

den Hauswänden, und Likses Beine werden nicht müde, hoch über der

Stuhllehne zu wippen, als antwortete sie auf Panullas Belehrung:

»Hei, Hö! Ich habe jetzt auch das Töten gelernt. Und, ich Likse, stelle

mich auf den Kopf vor Vergnügen darüber. Das Töten ist eine viel

lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und außerdem hast du doch nicht

allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar

Tropfen in der Nase.«

Likses Nasenlöcher trieben noch ein paar letzte große Blasen, welche

zersprangen.

Dann wurde das mimische Gespräch der Toten abgebrochen. Die Tür öffnete

sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der

Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die

andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen.

Niemand getraute sich während des Gewitters in das Zimmer zu treten und

die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tür stehen,

wie Zuschauer vor einer Bühne. Nur die Monsunblitze, welche draußen in

der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster

herein und um die beiden Leichen herum.

Das Schönste von Max Dauthendey · 第 45 / 74 题