In der alten Hauptstadt Kioto, in der ältesten Künstler-, Tempel- und
Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag
erhalten, die Gemächer eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel
zog sich die kaiserliche Familie in den Sommertagen zurück und pflegte
dort einige Wochen unter der Obhut der reichen Mönche zu wohnen.
Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in
Scharen über die Wände flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen
auf Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf
Silberpapiergrund einen Saal, wo große Meereswellen aufrauschten und die
vier Wände umschäumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll
von Katzenmüttern und jungen Katzen, die in Blumenkörben spielten und
die Blütenköpfe großer Päonien zerzupften.
Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der
schäumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.
Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmückung viel Anteil
nahmen, ließen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Sänften und
mit großem Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde
in dem neuen Saal. Und sie nahmen öfters ihre jungen Prinzessinnen mit,
drei an der Zahl. Und der Kaiser sagte zur ältesten eines Tages, als sie
den Tempel wieder besichtigten:
»Wünsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler
die Freundlichkeit und werden von glücklichen Augenblicken begünstigt,
dir einen Saal zu malen nach deinem Einfall.«
Die älteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf
ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wünschte sich einen Saal voll
Schoßhündchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr
diesen Saal.
»Nun wünsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst!« sagte der
Kaiser zur zweitältesten Prinzessin.
Diese wünschte sich etwas ganz Unmögliches: einen Saal, wo der
Mondschein käme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.
Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in
zwei Teile. Die eine Hälfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und
jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond
aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge
der Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben
dulden wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bäume in jeden Saal mit
brauner Sepia gemalt.
Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt,
was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wünschte.
O, sagte sie, sie wünsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgänse, die
durch die Luft flögen, graue und weiße Wildgänse, im Zickzackflug, rund
um den Saal. Aber jede Gans müsse so hinter der anderen fliegen, daß sie
alle zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten.
Dieses Zeichen würde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten
Hügellinie und der Fluglinie der Gänse gebildet. Nur in Katata am
Biwasee könnten die Maler den Gänseflug, den Baum und den Hügel zusammen
treffen. Nur einmal, an einem Frühlingsabend, habe die Prinzessin bei
einem Ausflug in Katata die Wildgänse so fliegen sehen, daß sich das
wunderbare Schriftzeichen zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der
Gänseschar, aus der Silhouette eines Hügels und aus einer Baumlinie
bildete.
»Und das nennst du ganz einfach?« sagte der Kaiser.
»Es war ganz einfach, als ich es sah,« antwortete die Prinzessin.
»Es wird nicht zu malen sein,« sagte die Kaiserin.
»Dann wünsche ich keinen gemalten Saal,« sagte die Prinzessin.
»Und wie hieß das Schriftzeichen?« fragte der Maler Oizo, als der Kaiser
und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklärten.
»Das hat die Prinzessin vergessen,« wurde ihm zur Antwort.
Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und
Goldpapier beladen nach Katata, um den Flug der Wildgänse zu studieren.
Aber da es Juli war und keine Wildgänse um diese Zeit vorüberziehen,
mußten sie warten bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hügellinie
und die Baumlinie. Aber da es Sommer war und die Bäume belaubt, und da
die Hügel voll hoher Gräser wehten, fand er nirgends die Linie
freiliegend.
Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in
Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bäume am Ufer, welche wie
Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung
krümmen, und Wachteln, die in den Reisfeldern brüten, und Wachtelmütter,
die mit ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese
Bilder nach Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich
die Prinzessin zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voll
Uferbäume und Fische.
Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser
und die Kaiserin schwiegen.
Da wurde der große Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata
zurück. Dort wohnte er in dem Hause eines Töpfers auf einem Hügel. Der
formte aus dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weiße Vasen, die er
mit grüner und blauer Glasur überzog, so daß sie spiegelten wie das
grüne und blaue Uferwasser des Biwasees in den Frühlingstagen.
Der Töpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein
Aprilwind. Sie saß am Töpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen
ihres Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schüren und die
Holzkohlen aufzufüllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und
schwarz an den Händen, daß der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals
gesehen hatte.
Oft saß er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schürte, und er
zeichnete nachher die roten Korallenäste des Feuerflackerns. Natürlich
wußte ganz Katata, daß die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten,
bis die Wildgänse in den Oktoberabenden fortflögen. Und auch
»Graswürzelein«, wie die Tochter des Töpfers hieß, wußte, daß Oizo jetzt
traurig war, weil er den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen
konnte.
Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Töpfers zwischen
dem Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig
beleuchtet, rot und blau wurde und Graswürzelein mondblau und feuerrot,
zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan saß, seufzte
der Maler in seiner Altanecke ärgerlich und trotzig darüber, daß der
Prinzessin nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen
hatte und auch der Kaiser und die Kaiserin darüber geschwiegen hatten.
Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Töpfers und sagte:
»Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin
denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges
der Wildgänse zeigen.«
Und Graswürzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und
zeichnete auf einen weißen ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.
»Sieh her, Meister!« sagte sie. »Was heißt das auf japanisch, was ich
hier schrieb?«
»Das heißt,« sagte Oizo und betrachtete flüchtig den Krug mit dem
Schriftzeichen, »_ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst
mich nicht, weil du fortsiehst._«
»Sieh, Oizo,« sagte Graswürzelein, »dies denkt die Prinzessin, denn sie
ist wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und
sie will das Schriftzeichen durch den Gänseflug in ihren Saal gemalt
haben und will den Mann dann in den Saal führen und ihn von den Wänden
ihren Willen lesen lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus
drei Teilen. Sieh hier die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes.
Wagrecht durch die Gabel hindurch siehst du die Brustlinie eines
ansteigenden Hügels und darüber die vielfach zackige Fluglinie einer
unendlich langen Reihe von grauen und weißen Wildgänsen. Aber zugleich
siehst du: die grauen Gänse verschwinden in der Dämmerung und
unterbrechen die Linie, wogegen die weißen sich als Schriftzeichen vom
Abendhimmel abheben.«
Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhörend:
»Und woher weißt du, daß die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint:
ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil
du fortsiehst?«
»Das ist ganz einfach,« lachte Graswürzelein. »Mein Vater machte einmal
eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so daß die Glasuren
nicht gleichmäßig trockneten und sich seltsamerweise dieses
Schriftzeichen bildete, indem der weiße Grund der Vase in Zickzacklinien
durch die blaugrüne Glasur schimmerte. Flüchtig hingesehen, erschienen
die weißen Linien wie ein Flug Wildgänse, die in einer Landschaft über
Baum und Hügel hinflogen.
Die Vase gefiel einem Mönch, der sie sah und ausnehmend schön fand, da
sie zugleich Bild und Schriftzeichen deuten ließ. Die Prinzessin hat
wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr
gesagt, daß das Bild darauf den Flug der Wildgänse in Katata darstellt.
Aber ich denke mir, daß das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der
Flug der Wildgänse,« lachte Graswürzelein.
Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:
»Also dieser Baum und dieser Hügel sind gar nicht in Katata? Und nur die
Wildgänse fliegen hier vorüber im Frühling und im Herbst?«
»O ja,« sagte Graswürzelein nachdenklich. »Der Baum lebt wohl hier
irgendwo und der Hügel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der
Welt. Es war auch kein Zufall, daß ich das Feuer damals schlecht
schürte, und daß die Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen
die Götter hier bei uns in Katata.«
Und während Graswürzelein das sagte, öffnete sie die Feuerluke,
zerschlug den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt
hatte, sammelte die Scherben und warf sie ins Feuer.
»Was machst du da?« sagte Oizo verblüfft.
»Ich habe zuviel geredet, und das ärgert mich,« sagte Graswürzelein.
»Deshalb zerbrach ich den Krug.«
Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstück hin und sagte:
»Nimm dies einstweilen als Dank für deine Aufklärung. Ich gebe dir
später mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgänsesaal bezahlt hat.«
Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nächsten Morgen
nach Kioto zu reisen.
Aber Graswürzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstück in das
Feuer des Ofens, geradeso, als wäre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo
Lebewohl sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:
»Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich weiß ja doch, daß du
wiederkommen mußt.«
»Das wäre nur ein Zufall, wenn ich wiederkäme,« sagte Oizo.
»Die Götter von Katata kennen keinen Zufall,« murmelte Graswürzelein und
blies in das Feuer. --
Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des
Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dämmernden Baum im Abend,
die Hügellinie und grau und weiß die große Zackenschleife in der Luft,
welche die fliegenden Wildgänse beschreiben.
Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer
Maler, der auch draußen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus,
weil er sich immer so geheimnisvoll in den Saal einschloß, den er malte,
und die andern nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des
Gänsefluges hieße.
»Du machst dich lächerlich, daß du dich hier einschließt und nichts von
der Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir
in die Theaterstraße von Kioto. Ich verspreche dir, daß ein Besuch in
der Theaterstraße deiner Malerei mehr nützen wird, als du glaubst.«
Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und
ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab über die
Brücke in die Stadt zur Theaterstraße, wo erleuchtete Budenreihen und
farbige Lampen waren und große Leinwandmalereien in der Nachtluft wie
Fahnen flatterten und Szenen aus den Theaterstücken schilderten.
Verblüfft blieb Oizo am Eingang der Straße stehen. Da war ein
Papierlaternenverkäufer. Der hatte Lampen aus ölgetränktem
Pflanzenpapier, und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des
geheimnisvollen Gänsefluges gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte,
das Schriftzeichen der Wildgänse, des Hügels und des Baumes, von dem er
geglaubt hatte, daß es nur allein ihm, der Tochter des Töpfers und der
Prinzessin bekannt sei.
Oizo schwieg und verbiß sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen
spitzbübischen Verrat.
Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem größten Theater in der
Mitte der Straße. Da zeigten auch die Theaterbilder außen an der
Zeltbude rund um die Zeltwand den Flug der Wildgänse. Zugleich kam ein
Straßenverkäufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an:
aus Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgänse, die an einer Seidenschnur
hingen und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform
dahinflatterten. Ein Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkästchen, darauf
der Flug der Wildgänse über Baum und Hügel ging, und alle diese Dinge
prägten das Schriftzeichen aus, das wie eine Liebeserklärung jene Worte
sagte:
Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil
du fortsiehst.
Ganz verstört, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich,
und er blieb im Menschengedränge stehen und wollte seinem Freund
entlaufen. Dieser hielt ihn am Ärmel fest und rief ihm zu:
»Laß dir doch erklären, woher ganz Kioto den Flug der Wildgänse und das
Bild, das du malen willst, kennt.
Du weißt, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthändler. Dessen Tochter
brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen
Zwerggarten in mein Zimmer. Darin blühte ein ganz winziger Kirschbaum.
Der Baum war nicht höher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein
künstlicher Hügel aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend
hinter einen weißen Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche
kleine Wildgänse im Schleifenflug gemalt waren. Sie zündete eine Lampe
hinter dem Schirm an, so daß der Schatten des Zwerggartens, des Baumes
und des Hügels, auf den weißen Schirm fiel und sich darauf abzeichnete
und Garten und Gänse ein einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber
zugleich konnte man das Ganze auch für ein Schriftzeichen halten.
Ich verstand sofort, daß sie mich liebte, und daß dieses Bild eine
Liebeserklärung sein sollte.
Ich kümmerte mich nicht um ihre Erklärung, nachdem ich den gesuchten
Wildgänseflug von Katata, der eine Liebeserklärung darstellt, so
deutlich gesehen hatte, daß ich ihn malen konnte.
Ich wollte am nächsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins
Teehaus, wo ich fünf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine
Tänzerin den Wildgänseflug von Katata bereits erklärt, dem andern ein
Fischermädchen, bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und
fünften andere Mädchen von Katata, so daß wir alle merkten: das
Schriftzeichen des Gänsefluges war ein öffentliches Geheimnis der jungen
Mädchen in Katata und wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer
Vase, als Wandschirmbild und so weiter, wenn ein Mädchen von Katata
einem Manne eine Liebeserklärung machen wollte.
Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewußt. Aber jetzt kennen das
Schriftzeichen des Wildgänsefluges von Katata alle Kinder von Kioto,
weil alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata
waren. Auch der kaiserliche Hof weiß es längst, und die junge Prinzessin
ist bereits von dem ganzen Hof als lächerlich erklärt. Der Kaiser und
die Kaiserin sollen sehr ärgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf
verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von
der Prinzessin geliebt zu sein.«
Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:
»Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht böse
sein, weil ich den Wildgänseflug mit Lust an meiner Malerei malen
wollte, und nicht mit Lust an der Liebeserklärung des Schriftzeichens.«
»Doch, doch,« sagte sein Freund. »Du mußt fliehen, du mußt dich
verstecken, bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der
Prinzessin verschlossen halten und gar nicht zeigen. Aber du mußt
fortbleiben, bis man die Liebeserklärung der Prinzessin vergessen hat.
Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem
Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser draußen wird dich niemand
suchen, und du kannst den Booten ausweichen.«
»Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei,« sagte der Maler Oizo.
»Aber du hast recht. Ich will fliehen, und ich will mich verstecken, bis
der Saal der Prinzessin vergessen ist.«
Oizo verließ Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er
mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.
Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrühling. Viele Tage lang
lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hörte
nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.
Eines Tages ließ er sein Boot treiben und sagte zu sich: »Ich will
aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, tötet mich
die Langweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen dürfen. Und wo
jetzt das Boot landet, weiß ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir
längst in der Seele vorgeschwebt hat.«
Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.
»O, unglücklicher Ort,« sagte Oizo. »Soll ich also wirklich das Bild vom
Flug der Wildgänse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen,
was mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Götter haben das
Boot gelenkt, die Götter werden auch meine Schritte lenken.«
Der Maler stieg ans Land und ging über den leeren Strand, auf dem kein
Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.
»Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleißig war und Fische malte.
Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich
zur Faulheit verdammt hat.«
Plötzlich bückte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel
auf, die blau irisierend und rot irisierend mit weißer Innenschale und
schwarzer Außenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren
Kieselsteinen am Strand leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand
hin und her, schüttelte den Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte
nach und meinte zu sich:
»Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot
irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich weiß
gewiß, daß es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergeßlich
nebeneinander sah.«
Wie er noch dachte und seinem Gedächtnis noch nicht auf den Grund kommen
konnte, kam ein japanisches Mädchen hügelabwärts zum Seewasser hin. Sie
trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schüttete den Inhalt des
Korbes, der wie Erde aussah, ungefähr zwanzig Schritte von Oizo
entfernt in den See.
»Was machst du da?« rief der Maler ihr zu.
Das Mädchen sah sich nach ihm um, streckte plötzlich die Arme von sich,
stieß einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder
einem Gott ins Gesicht sähe, hüllte ihr Gesicht in ihre Ärmel, kniete am
Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.
Oizo rief: »Haben denn die Götter dir deinen Verstand genommen, weil du
dich ertränken willst, Mädchen?«
Oizo sprang hin, und als er näher kam, sah er, daß das Mädchen sich
eifrig das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshälfte,
die noch voll Ruß war, die Tochter des Töpfers, Graswürzelein, die aus
dem Brennofen ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen
hatte.
»Was machst du da?« fragte Oizo noch einmal. »Ich hätte dich beinah
nicht erkannt, Graswürzelein, weil du zur Hälfte schwarz und zur Hälfte
weiß bist.«
Graswürzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere
Gesichtshälfte rein, und während sie sich mit dem Innenfutter ihres
Ärmels Gesicht und Hände trocknete, fuhr sie den Maler ärgerlich an:
»Ich wollte gar nicht, daß du mich erkennen solltest. Als ich dich hier
so plötzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See
geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den
Ruß vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast
mich ja nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.«
Und wirklich, Oizo konnte das weißgewaschene Mädchen kaum erkennen.
»Du sagst, ich hätte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer
nur schwarz gekannt.«
»Doch, doch,« nickte Graswürzelein. »Erinnerst du dich nicht, Meister,
da ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgänse von Katata
beschrieb? Erinnerst dich du nicht? Es war im Mondschein. Du saßt auf
dem Altan und ich am Ofen im Hof.«
»Du warst rot und blau beschienen,« sagte Oizo, »wie die Muschel hier,
die mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist
das Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom
Mond und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata
gekommen.«
Graswürzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.
»Nein,« sagte sie und schüttelte den Kopf. »Du darfst nicht mehr in
unser Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschürt, so lange du
da warst, und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.«
»Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst,« meinte Oizo. »Die
Tonvasen will ich deinem Vater alle bezahlen, während ich dich male.
Rede und sage deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen
soll?«
Graswürzeleins Wangen erröteten, und sie hielt rasch ihre Hände an die
Wangen, um die Wangenröte mit den Händen zu verbergen.
Oizo sah staunend, wie schön das Mädchen war, und hörte, wie ihre Stimme
wisperte und rhythmisch sang, während sie sprach, als ob das Schilf vom
Vorjahr wieder um ihn sänge.
»Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswürzelein? Es kommt
eine lauwarme Luft über den See, und die Abende sind schon lang und
hell. Ich glaube, die Wildgänse müssen bald wiederkommen.«
»Ja, bei den Göttern, das ist wahr,« seufzte das kleine Mädchen. »Die
Wildgänse möchte ich dir auf dem See zeigen, Meister.« Und ein Lachen
blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzen.
»Das ist die Luft der Wildgänse heute abend. Du hast sie nie vom See aus
kommen sehen, Meister?«
»Nein, ich sah den Wildgänseflug nur vom Land, über Hügel und Baum.«
»Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen,« nickte das Mädchen eifrig;
und ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hände redeten schnelle
Sätze, die sie nicht aussprach.
Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein
Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin
er wolle. Oizo fühlte und verstand natürlich an der Röte und Blässe des
Mädchens, daß sie eine Herzenserregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen
und horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn
das Mädchen wurde in seinen Augen immer schöner, und er hätte es gern
umarmt.
Der Biwasee lag wie Öl so glatt, und auch die Luft war wie Öl. Als legte
man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen
Vorfrühlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.
Graswürzelein legte plötzlich die Ruder ins Boot und sagte: »Still! Sie
kommen!« Und gleich darauf wiederholte sie:
»Still! Sie kommen!«
Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach.
Er wußte nicht, daß seine Stimme fortwährend in den Ohren des Mädchens
summte und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.
Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:
»Still! Sie kommen!« Denn auch er hörte das Mädchen in seinem Blut
reden, -- sie, die kein Wort sprach.
Dann war es, als wenn Ruderkähne hoch in der Luft mit großen
Ruderschlägen herbeiführen, und als ob Mühlen sich drehten mit
unsichtbaren Rädern. Und Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen
und nicht Tierstimmen glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille
über den See schufen, klangen irgendwo im unermessenen Abendraum,
kreiselten, waren da, wurden im Abendgrau zu weißen fliegenden
Erscheinungen, bildeten dann eine Kette über den Köpfen des Mädchens und
des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser nach, wie eine Reihe weißer
winkender Tücher. Die weiße Geisterkette beschrieb eine weiße Schleife
am Himmel und eine weiße Schleife im Wasserspiegel und verrauschte wie
ein musikalischer Windton und hinterließ Atemzüge von Befremdung, von
Sehnsucht, als wäre die Luft mit unerfüllten Wünschen noch lange nach
dem Vorbeizug der Wildgänse von Katata angefüllt.
Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wäre die Dunkelheit wie ein
zweites Wasser aus der Tiefe gestiegen und stünde über den Köpfen der
beiden Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle,
klein wie ein durchsichtiges Ei, im Westen über dem Strand.
Oizo konnte nicht Graswürzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank
im Schiff, suchte ihre Hände, die er streicheln wollte. Aber sie hatte
ihre beiden Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides gewickelt, als hätte
man ihr die Hände abgeschlagen.
»Gib mir deine Hände! Ich will sie dir wärmen, wenn du frierst. Oder
fürchtest du dich vor bösen Seegeistern, daß sie dich an der Hand nehmen
könnten? Hab' keine Furcht, Graswürzelein! Du bist zu schön. Alle Götter
müssen dich beschützen. Auch die bösen Götter werden gute Götter, wenn
du sie ansiehst.«
»Was willst du von mir?« sagte das Mädchen. »Habe ich dir nicht den Flug
der Wildgänse über den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen
lesen können, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?«
»Die Liebeserklärung?« fragte Oizo.
»Die Liebesabsage,« flüsterte erregt und hastig die Tochter des Töpfers.
Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung,
die im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und
wenn die Mädchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er
abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgänse im Wasser und am Himmel, vom See
aus gesehen, bedeutete in Sprachzüge übersetzt:
»Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch
nicht nach dir um.«
Welch sonderbarer Zufall, daß der Wildgänseflug sich doppelt deuten
ließ, je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfügte oder nicht.
Daß Graswürzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die
Absage gab und ihn vielleicht zur Annäherung reizen wollte, begriff Oizo
sofort, denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwängert von
Verlangen und schweigender Zuneigung.
Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand
keine Abwehr. Graswürzelein versteckte nur beschämt ihr Gesicht in des
Malers Brustgewand.
Oizo erzählte ihr rasch:
»Du weißt nicht, Graswürzelein, daß ich wie ein totes Holz draußen auf
dem See seit Tagen herumtreiben mußte, daß ich es endlich nicht
aushalten konnte, daß mir das Land verboten war, weil ich vor der
Liebeserklärung der Prinzessin fliehen mußte. Aber jetzt, seit ich die
Doppeldeutung des Fluges der Wildgänse weiß, kann ich den Saal der
Prinzessin fertig malen, wenn ich die Spiegellinie im Wasser hinzufüge.
Und niemand im Lande wird mehr sagen können, daß die Prinzessin sich
lächerlich gemacht hätte, sondern daß sie sich unnahbar machen wollte,
wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen dann im Saal das
Schriftzeichen lesen:
Ich liebe nicht, daß du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht
nach dir um.
Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht
mehr den Ofen deines Vaters schüren. Du sollst neben mir sitzen bei
meinem eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem
Kleide des Vorfrühlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am
Feuer. Und alle sollen sagen: das ist das glücklichste Mädchen von
Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrühling gemalt, zur warmen
Abendstunde, in der man den Flug der Wildgänse erwartet und verliebt
sagt, auch wenn niemand redet: _Still! Sie kommen!_«
Da wickelte Graswürzelein ihre Hände aus den Ärmeln und umschlang Oizo.