Himalajafinsternis

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte,

die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen,

endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht

dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr loswerden wirst.

Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin

versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im

Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern,

geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal

reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist

du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in späteren

Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du nicht

über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen

Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder

Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht

willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau so zu

sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch,

der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden

ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an

der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die

übrigen Sterblichen.

Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des Reisens zu

durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir unsterbliche

Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des Reisenden mit

Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der Ort, die

Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken,

und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und Wirklichkeit

überragt.

Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf

großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen

einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können uns

modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung ersetzen,

die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren Altären und

Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum alten Eisen

gelegt haben.

Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich

mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter

ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die

ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir

trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort

im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich sehe

dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als die

Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, Nebel

in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es

war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den

Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige Himalaja

schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie Riesentreppen

auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich um ihre Achsen wie

ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, kein Unten, kein Links

und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der Himalaja eine Gedankenwelt

geworden, in der sich fluchtartig Bilder und Eindrücke, Wirklichkeit und

Unwirklichkeit jagten.

Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten

Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen

Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen

mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut an

der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen sich

Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem, der vom

großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von Darjeeling

heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese Südabhänge

des Himalaja.

Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja

zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den

unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den

Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden

Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht dort

jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, nicht

gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die

Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen

Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.

Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha

schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem

Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen

Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes

Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen

Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten

Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von

weitem für einen kleinen Gasthof halten können.

Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem

einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die

nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand

eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von oben

bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber Kutte

drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem Gestell rund

um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt soviel als das

vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt auf ihr

geschrieben waren.

Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken

Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte

Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter.

Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als

wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.

Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten winzige

Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da vor den

Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß und

belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.

Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und

dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien,

Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen

Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen,

russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen

Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig

gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, vielleicht

auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden Seelenkräften.

Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen.

Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in

schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem

Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein wenig

Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den

Augäpfeln der Priester glänzte.

Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der Priester

und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an dessen abgenütztem

Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der süßliche Tabakrauch aus den

Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer Geruch von erkaltetem

Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus illustrierten europäischen

Zeitschriften -- dieser Wirrwarr von zeitlosem Spuk --, und draußen im

Türviereck die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge wie

Spuklandschaften, die bald in den Himmel stiegen, bald zur Erde fielen,

ein Nebelgekröse, das plötzlich bis zur Tür herankroch; die gelben

Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich einförmig drehten und in

regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen Metallton anschlugen, --

all das sah abenteuerlich aus, einfältig und ungeheuerlich zu gleicher

Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden von Jahren und schien

unvergänglich wie die Götter der Dummheit, die neben den Göttern des

Verstandes und des Gefühls ewig die Erde beherrschen.

Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern das

Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die

Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen

Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich eine

kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den stieren

Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste grotesk

freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im

Halbdunkel hockenden Götterfiguren.

Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen

Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren

mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen hinauf.

Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke und prusteten

wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische

Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen blauen Türkisen,

Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter Silberbronze, mit

rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den Armgelenken rissen

und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer gestikulierend

sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin und her, umgeben

von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.

Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe ab,

eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit rotem

Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem

ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte

Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt mit

Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner

schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.

Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der Rikschawagen

an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten konnte, wurde der

bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und Zurückwerfen des Geldes

abgeschlossen.

Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer

noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch an

der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.

Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, so

daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen die

sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten und

des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie, immer neben dem

Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben

Mantelkleides und fand in irgendeiner Tasche eine kleine Silberkette,

die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in der

Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines

Bronzeamulett, das an einer Darmsaite angebunden gewesen, und flog zu

mir in den Wagen auf meinen Schoß.

Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines

Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in

viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten

Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.

Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit der

andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld trug, und

warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich erstaunt an,

fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig bog der Wagen

um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem Haufen der

bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. Sie schüttelte

fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie zu dem Gelde

gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den Zähnen und

wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben Tuches.

Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher die

Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.

Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick viel

Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, daß, als

ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete, mir nicht

mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei anderen, die

zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer roten Masse

eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen Fellverkäufer, die

in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren kauerten, und die alle

Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier die Wangen einrieben,

daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die Farbe Ochsenblut sei. Aber

nur die Witwen bestreichen sich die Wangen mit Ochsenblut und nur

diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen möchten, daß sie wieder

heiraten wollen.

Während ich noch sprach, läutete die erste Dinerglocke im Stiegenhaus

des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf

aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, das

um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja

erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die

Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären

sie für eine Galaoper geschmückt.

Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das

Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum

Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.

Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an

der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet war,

murmelte der tibetanische Diener sein »=all right Sir=« und verschwand

durch die Hintertür des Badezimmers.

Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser

stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen

eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum

Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor

dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der

Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der

das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«

Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den

Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine

Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber

vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.

Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich mich

wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich wieder

den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter dem

Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich vorher

gesehen hatte, war aber verschwunden.

Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine

Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden

war.

Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paarmal, beendete dann

mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins

Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum,

fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den

Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.

Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.

Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich

mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.

Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmsaite

zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgenützt war,

konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon mehrere

Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der

Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese starke Darmsaite

sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche Menschenleben

dahingegangen sein.

Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von

geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.

Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe

zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgendeiner Bergschmiede tief im

Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen

Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, die

an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut

liegen, auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der

geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.

Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im

Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe

Tuch gewickelt hatte.

Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen,

hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewußt,

daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand

geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so schien es mir,

als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr

Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie meine Silbermünzen

auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem

Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt

zu Bett.

Ich weiß nicht, wieviel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch

einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und

hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.

Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine

Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an

die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.

Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von

Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß es

eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die

nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen

ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saßen immer

einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Männern kam nun

herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach

dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geöffnete

Fenster in die Nacht hinaus.

Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen.

Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus

es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoßen.

In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und

befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an

den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen.

Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte

auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.

Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener

sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der

mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und

hereinsieht.

Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender

Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im

Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den

Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, solch

einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch das

zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch hereinzuziehen,

denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom zerbrochenen Fenster

her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen

Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke zustopfen, um den

betäubenden Nebel abzuwehren.

Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden Wunsch,

aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das Buch noch

in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer und schwerer

zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand so groß. Und

immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das aufgerichtete

wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr in einem Zimmer.

Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl, dieses Riesenbuch

könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten erdrücken. Das Buch

roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank, in welchem getrocknete

Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten Gefühl von Süße und

drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir schien, Jahre, ohne daß

sich etwas in meinem Zustande änderte.

Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen

Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch

wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen

öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch

Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor.

Die Hotelgäste wurden geweckt.

Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen

und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden,

verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, um

auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu

reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mount Everest und anderen

Riesen des Himalaja erwarten wollte.

Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im

halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und

sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.

Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über

die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, und

über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald ganz und

gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes schweren

Schlafes, der mehr einem Albdruck als einem gesunden Schlaf ähnlich

gewesen.

Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander schreiten

mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und Herren. Es

war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an

Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die

Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern

der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang

zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur

wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom

Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab.

Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese

Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther

erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen geöffneten

unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben, als könnte man

so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in den

Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend und

lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und Tod

entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese

Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch es

vorher getan hatte.

Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich

rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, denn

der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem

Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und

mich in die Abgründe ziehen.

Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der

blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des

Tigerhills.

Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer

Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr

als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. Wir

versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen,

umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit

mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.

Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der Schmetterlingshändler!«

Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus Darjeeling, der einen

tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und zugleich einen Handel mit

Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er die schönsten Exemplare auf

Bestellung nach Europa sandte.

Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer Nachtreise

aus dem Innern des Gebirges begegnet war, oder ob er die Reisegesellschaft

von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte ich nicht. Ich dachte nur im

selben Augenblick, wie ich das Wort »Schmetterlingshändler« hörte, an

die seltsame Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage vorher gekauft

hatte; eine Trommel, angefertigt aus den Hirnschalen zweier Menschen,

aus der Hirnschale eines Mannes und aus der eines Weibes. Jede

Schalenhöhle war mit einer Membrane überzogen; an der Wölbung aber waren

die beiden Gehirnschalen zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine

Trommeln bildeten. Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle

eine kleine, hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die

Schädelwand und an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der

Schmetterlingshändler hatte mir erzählt:

»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem

tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines treulosen

Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde täglich zur

Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig aneinander

gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf dem

Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den Vögeln

hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier, die die Treue

gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu verarbeiten.« --

Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem

Tempel erhalten.

Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich

aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die

Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?

»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern

lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer Dame.

Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee

knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. Drüben

im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige Arm

eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, Schultern,

Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des Mount

Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar höher

als der Mond im Himmel lagen.

»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.

Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote

glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und

größer und röter wurde, -- die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab

sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.

Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des

Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine

Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest?

Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die

Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau

gestern abkauftest?

Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich

dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder in

meiner Westentasche.

Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche

geschoben.

Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es

wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet

hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme wieder

jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der

aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in dem

Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in großen

Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und dieser

Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.

Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase

gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft

betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.

Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den

Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette

gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts

verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib ein

solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle Listen

seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder zu

erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser eindringen

würde und sich nicht scheuen würde, ein Fenster einzustoßen, um das

Amulett zu erhalten?

Sie werden mir sagen: 'Das zerbrechende Fenster würde jedermann wecken!'

Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene Fenster

eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit auf

sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt, daß ein Mensch mit

Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man dann noch durch eine

Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, nachher

mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe in das Zimmer zu

langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken, durchs geöffnete

Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene Amulett zu suchen, zu

finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben war, das Geld wieder

hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«

Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den

Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die

Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich

hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene

Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben an

meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner

Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett

bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.

Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln

verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht

glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.

Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause

im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.

Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem Diner

durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo die

befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen

Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick eine

Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen, die

man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte Millionäre

und Milliardäre hingestellt hat.

Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte dem

Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen und den

Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. Dann fielen

ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus

fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.

Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich ein

großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. Gestern

abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich aber, daß es

ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, wahrscheinlich

die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der ganzen Nacht um das

Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List das Amulett aus

meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.

Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im Hotel

und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine

europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß ich Lust

gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses einzuweihen.

Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend

wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens

bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen

sollte.

Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die Rikscha

am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg aus. Als

ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe schon von

innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches Weib heraus.

Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle Tibetanerinnen

untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger und Chinesen für

den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die Frau nicht mit

einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten ihres

Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was ich ihr

hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und blasser

wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und mit den

Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände abwehren,

die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße hinunter fort,

begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche das Gebaren der

Frau noch sonderbarer fanden als ich.

Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett zu

sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er mir in

einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten

Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen

Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz

aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge

gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch kann

man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz

erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein

Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er

doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen,

denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal im

Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren Zeichnung

den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.

»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für

irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit einem

solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um Opfergeld

zu erlangen.«

Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen, so

wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen

Amulettverlust zuteil.

Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte

»ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut

bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als den

Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß dieser

ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, trägt eine

solche Frau an einer unzerreißbaren Darmsaite ein Amulett an der Brust,

welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe aber dieses Amulett

verliert -- denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen --, hat sie

damit die Treue des Toten verloren und wird ihren Geliebten im nächsten

Leben nicht wiederfinden.

Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen,

so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare

Amulett der Treue wieder zu erhalten. --

Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren

Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der

Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen

hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald

gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte über die

Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach dem Amulett

fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nächsten

Leben versprach.

Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen Dampf

mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den großen

Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien so

verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen der

Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in

unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll

Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der

Bergbahn drohten.

Das Schönste von Max Dauthendey · 第 26 / 74 题