Zur Stunde der Maus

In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden

eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine

Falltüre hinunterführte.

Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die

Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in Seidenpapier

eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln und Feigen, Rosinen

und Bananen und schonten auch nicht die jungen Gemüse und die

Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in der Südfrüchtenhandlung befand,

war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren zwischen Mitternacht und

Sonnenaufgang sicher.

Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten

sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht

geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in

Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre

Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim

Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.

Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut

an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem

Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen

wären.

Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen. Er

schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es

vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt

hatten, und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die

Käufer entsetzt hatte.

Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen

Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter den

Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst

gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der

Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich

über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die

hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.

Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten

Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes

Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.

So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts

übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum zu

begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu

bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden

Mäusescharen zu verjagen.

Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit

seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die

beiden sehr.

Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade eine

Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die Mäusewache

jede dritte Nacht übernähme.

Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal

nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht

eingeschlafen wäre.

Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich

die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe

hatte.

Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der

Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen

hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder

wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald auswendig kannte

und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit ihrer Stimme

die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit geworden, daß er die

Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte und sich eines Nachts

klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen verliebt habe.

Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange

ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte,

daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu

seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß er

recht glücklich verheiratet wäre.

Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie

ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht hatte,

vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt und hatte

ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der Händler genommen

hatte.

»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich

vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden

ist, aufesse.«

Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus

dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:

»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«

Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes, war

der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte. Es war

ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung seines

Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten. Denn er

war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem

Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen habe.

Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm

angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig

erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, wie

sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im

mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und den

Schlaf vergessen konnte.

Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen

Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen

Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage,

wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar

nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen

Holzschachteln die glattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die in

Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen Duft

ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen

Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er

deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus

hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von

afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.

Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber,

die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht

betrüben wollte.

Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge

Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen.

Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte

nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen

unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den

seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen

wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.

Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe

oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres

Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm

schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen

verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.

Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt

hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich, daß

er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war und

die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.

Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der

nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen

mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in jener

großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung und Reise

schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen eine

Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle

absetzen könnte.

Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein. Und da

ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen hatten, so

fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem neuen

Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den Laden in der

Provinzstadt weiterführen wollte.

Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu

besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden

abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur

Silvesterfeier.

In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem

neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch das

junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die

Nachtwache hatte, vermißte.

Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte,

kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der

Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten,

erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, seine

Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich der

Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des Mädchens

und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur Stunde

der Maus.

Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und Romanzen

erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im Kreis der

Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne Inseln und zu

fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen und fremdartigen

Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll auffallender

Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der Südfrüchte, die

von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den kahlen Kalkwänden und

vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer abstachen, die man im

nüchternen Tageslicht abbrennt.

Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher

gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen mußte,

gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock hafteten, mit

in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht sein Weib,

sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm ihre Brüste

wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.

Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit

den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen Laden

in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er

ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch saß

und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer Ecke

schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so bekannt

waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.

Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst

zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers

hersagte:

Ein Held, dess' Herz wie Feuer war,

Ritt durch die Wälder sieben Jahr.

Verschwiegen hat er sieben Jahr,

Daß er ein Fraß der Flammen war.

Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen

beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte

vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.

Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau zu

sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht immer die

Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den

Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe

bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.

Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und

am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.

Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu nehmen,

die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter

vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte,

und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.

So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb ihn

abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen hatte, unter

die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend starrte. Er

schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der

Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in

Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den

Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den

Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn am

Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte, die

er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen

Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er

jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.

Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu

gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er

sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu

schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm

bestellen sollte.

Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur

dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die

Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine Zeit

erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein, die

er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie zum

Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte Kissen

für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte, die er

aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte romantische

Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen- und

Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte

Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für

Früchte und eine große seidene Bettdecke.

Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich

rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er nur

dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde.

Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen beschwichtigte er das still

schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher

Feueratem, der ihn entfachen wollte.

Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht.

Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen

und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle stehen,

gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten Herzens.

Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau zu

ihm zu Besuch.

Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch

nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in

sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er

angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen

und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf einem

Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die

zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen

gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit

Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder

an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf dem

breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und sie

umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles für

ihren Empfang hergerichtet hatte.

Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese

Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte,

hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden, daß

er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat.

Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer inneren

Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und Träumen.

Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und vor der er

sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte, schien es ihm

wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für sie und sich

zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so sorgsam und

festlich geschmückt hatte.

Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort

tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von

Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und

ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte.

Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte

sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an

das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann mit

soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit

gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte.

Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein

Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden

zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein.

Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen

wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen

auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten dann

angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden Männer

und baten sie, heimgeführt zu werden.

Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler

wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und

behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da

gingen Gespenster bei ihm um.

»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.

»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen.

Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen aber

trieben beharrlich zum Aufbruch an.

Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes plötzlich

blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren Gatten auf

die Seite:

»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen

Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so

festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.«

»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen

gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige

Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich

junge Mädchen nachts bei mir empfange?«

»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und

drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen

Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.«

»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der

Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der

deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und

täglich die Stube reinigt.«

»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren

Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte.

»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern

starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter

goldener Früchte glänzten.

Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell Übles

gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu gekannt

hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu ihm zu sein,

da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt hatte.

Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem er

nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom

Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er

seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich.

Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel aus,

schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt sich

eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen hatte.

Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus

einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte und

diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte sie

bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er auch

zu meinem Empfang gekauft.

Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung

dar.

Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck

schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn:

»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?«

Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine

neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte

sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den

Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an,

den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen.

Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich

schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten,

die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie fühlte

mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der da

umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt und

ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur Stunde der

Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte. Zugleich wußte

sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und sie schaute in

die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie den, den sie

liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er dort auf dem

Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen. Seine Augen sahen

in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel leise sauste, und dabei

schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen. Seine Ohren schienen auf

die summende Kaffeemaschine zu lauschen und schienen doch noch anderes

zu hören. Seine eine Hand aber streichelte unausgesetzt und wie abwesend

den Deckel des Buches, das vor ihm lag. Und mit eifersüchtigem

Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche angezogen. Und als das

Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine trat, um den Kaffee in

die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus dem Bett und zog,

scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie blätterte darin und

erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene junge Verwandte, die

sie daheim hatte, immer las und vortrug.

Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst

war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer

ihres Mannes umging.

Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und sie

wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da er

das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon

betrogen.

Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies

sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach in

Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über die

Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts

zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue

hätte in Frage stellen können.

»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau

hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich

deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage mir,

was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?«

»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,«

erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken.

Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich

glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das

nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du

alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur

für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben dir

hast sitzen sehen?«

Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das

Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier

siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen

andern Stunden wußte ich nichts davon.«

Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte und

die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig zurück. Und

ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem Mädchen gestoßen,

das er neben ihr heimlich liebte.

Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich in

eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden

Händen.

Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der

ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die

Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat,

brach sie wieder in Weinen aus.

»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich

werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden mit

der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde ich

sie vergessen können.«

Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen, das

so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über

alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte,

was sie versprochen habe, würde sie auch halten.

Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild nach

dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke eines

hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene Decke

zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er vom Brett

und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit jener

Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der sonst

um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war, von ihm

ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann allmählich

ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied es, die

Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf und schien

allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalb, der ihn so lange

heimlich bedrückt hatte.

Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat,

schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein

schweres Unglück zugestoßen wäre.

Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht

in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte

auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause.

Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals

und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall

getötet worden war. Dabei aber stotterte sie:

»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir,

ich bin unschuldig.«

Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und

hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen

unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden

des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache

antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit

Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem

Rückgrat tot aufgefunden hatte.

»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der

Südfrüchtenhändler entsetzt.

Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem:

»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich

habe ihn nicht absichtlich verschuldet.«

Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung

seiner Frau zurück.

Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es mir

plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte, bin ich

oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr

nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem

Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen

Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen

Gewölbe.«

Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden

Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer.

Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle

gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne

Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist und

ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte, sie

habe die Falltür ohne Absicht offen stehen lassen.

Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte

ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem

Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen.

Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß

sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.

Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen

Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an

einem Gehirnfieber.

Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem

Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau

noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt.

Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte,

er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz

vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde.

Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder

die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch

nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.

Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren

Mann.

»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus.

Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben, daß

sie unschuldig war am Tod der andern.

Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende

soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er

in seinem Schweigen.

Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem

innersten Wunsch.

»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und

wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken,

deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn

halbverklärt betrachteten.

»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich

sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme.

Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann

zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände in

seinen Händen.

Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und

als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie.

»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und

schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten

Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände

fest wie in der ersten Stunde.

Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich sah, war

sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben zurückkehrte.

Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen ihres Mannes. Dann

sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief ein, und sie

schliefen beide noch einmal zwölf Stunden.

Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei

ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab

glücklich wie in den ersten Tagen ihrer Ehe.

Das Schönste von Max Dauthendey · 第 22 / 74 题