27. szene

(vorige. quecksilber als Arzt, mit einer Art Flaschenkeller, in dem

sich das Wasser befindet.)

quecksilber. Servus humilissimus! Sie sehen in mir den

berühmten Arzt Barometrianus, der sich in allen Teilen

der Welt berühmt gemacht hat. Von allen diesen

Weltteilen werd’ ich hernach schon die Ehre haben,

Ihnen verschiedene Geschichten zu erzählen. Jetzt sagen

Sie mir, bin ich so glücklich, den mächt’gen Tutu vor mir

zu sehen?

tutu. Bei mir können Sie jetzt nicht mehr fehlen, Sie dürfen

nur der Nasen nachgehen.

quecksilber. Weil Sie gerade von der Nase sprechen, so

lassen Sie mich nicht vergessen, daß ich Ihnen hernach

eine Geschichte davon erzähle. Hab’ ich die hohe Ehre,

meine Angebetete, in Ihnen die schöne Zoraide zu

bewundern?

zoraide (schluchzend). Ja--ich--bin--die schöne--Zoraide.

quecksilber. Hm! Sie scheinen mir eine Gemütskrankheit zu

haben! Das ist eine üble Krankheit, da könnt’ ich Ihnen

eine Geschichte erzählen, welche sich in Nordamerika

zugetragen hat. Da war einmal ein Mann, der hat

siebenundzwanzig Töchter gehabt. Jetzt will ich Ihnen nur

in der Geschwindigkeit die Geschichten aller dieser

Töchter erzählen.

tutu. Verzeihen Sie, wir werden ein anders Mal darum bitten.

Wir wünschten zuerst Ihren Rat zu hören.

quecksilber. Hören Sie, weil Sie gerade vom Rat sprechen,

erlauben Sie, da fällt mir auch eine prächtige Geschichte

ein, an deren Erzählung mich aber die Bemerkung

hindert, daß Ihre Nasen sich in einer etwas massiven

Form produzieren, darum entsteht die große Frage, ob

Sie schon sind damit auf die Welt gekommen oder ob sich

das erst kürzlich ereignet hat.

zoraide. Das ist ein langweiliger Mensch! Ja, ja, erst vor

kurzem. Helfen Sie uns nur.

quecksilber. Gut also! Da kann ich Ihnen zum Troste sagen,

daß Sie nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind,

welche große Nasen haben. Es gibt Leute, welche sich auf

der Nase herumtanzen lassen. Warten Sie, da werde ich

Ihnen eine Geschichte erzählen. Vor vielen tausend

Jahren hat einmal ein Mann gelebt. Der hat einen Pudel

gehabt--

tutu. Können Sie uns kurieren oder nicht?--Nur das wollen

wir wissen.

quecksilber. Erlauben Sie, wie können Sie sich unterstehen,

daran zu zweifeln? Ich kuriere Sie, und wenn Ihre Nase so

groß wäre wie der Cimborasso in Amerika, das ist der

höchste Berg der Welt. Ihre Nasen müssen nach den

Regeln des Aristoteles kuriert werden--

zoraide. Das ist uns alles eins--

quecksilber. Erlauben Sie, das ist nicht alles eins! Darüber

werd’ ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Hippokrates

und Galenus haben darüber ganze Ries Papiere

verschrieben, weil auf der Universität die Streitfrage

entstanden ist, ob der Mensch die Nase mitten im Gesicht

hätte oder nicht.

tutu. Aber wir kennen ja die Herren nicht.

quecksilber. Hippokrates war ein berühmter Apotheker zu

Straubing und Galenus ein großer Regimentsarzt bei den

chinesischen Truppen. Nun haben Sie nur die Güte, mir

Ihren Puls fühlen zu lassen.

tutu. Aber was hat der Puls mit unsern Nasen zu tun?

quecksilber. Erlauben Sie! Alles in der Natur steht

miteinander in Verbindung. So hat auch Ihre Gurgel

Einfluß auf Ihren Magen, die Hände auf die Backen, der

Mund auf die Füße. Ich will Ihnen gleich einen Beweis

geben, daß der Mund die Füße in Bewegung setzen kann.

Ich habe zum Beispiel über einen ein loses Maul; und er

nimmt einen Stock und prügelt mich tüchtig durch, so

bleibt mir nichts übrig, als davonzulaufen. Also war mein

Mund daran schuld, daß sich meine Füße in Bewegung

gesetzt haben.

tutu. Aber wir reden ja von keinen Prügeln.

quecksilber. Erlauben Sie, ich rede aber sehr gerne von

Prügeln. Da werde ich Ihnen nur geschwinde eine kleine

Geschichte erzählen--

zoraide. Nein, das ist nicht zum Aushalten! Jetzt hören S’

einmal mit Ihren G’schichten auf, wir wollen aber keine

G’schichten hören. Unsere Nasen ist die unglücklichste

G’schicht, die man erleben kann.

quecksilber. Sie wollen also Ihre Nase verlieren? Warum

haben Sie das nicht gleich gesagt? (Zu Tutu.) Trinken Sie

hier aus dieser Flasche.

zoraide. Nun endlich bringt er einmal was heraus.

tutu. Da bin ich kurios. (Er trinkt, die Nase verschwindet.)

quecksilber. Na? Na? Was sagen Sie jetzt? Die große Nase ist

fort!

tutu. Meiner Seel’!

alle. Wunder über Wunder!

tutu. O Sie goldener Doktor, das ist die schönste G’schicht’,

die Sie mir noch erzählt haben.

zoraide. Ist’s möglich? O Sie lieb’s Mannerl, mir auch! Nur

g’schwind, nur g’schwind’!

quecksilber. Da sollt’ ich Ihnen doch vorher noch eine Ge–

zoraide (hält ihm den Mund zu). Nicht!--Nicht!--Gut’s

Mannerl sein;--keine G’schichterl erzählerl--trinkerl

lassen.

quecksilber (für sich). Der gib ich nur ein Brunnwasser, das

hilft nicht. (Laut.) Da trinken Sie auf die Gesundheit Ihrer

Nase.

zoraide. Es lebe die Schönheit! (Sie trinkt.)

hassar (verbeugt sich). Gratias!

zoraide. Nun? (Es wirkt nicht.) Es hilft ja nicht.

quecksilber. Trinken Sie noch einmal.

zoraide (trinkt). Es hilft nicht! Es ist umsonst.

tutu. Sie laßt nicht nach, die Nasen.

quecksilber. Ich begreife nicht, die Nase muß eine besondere

Anhänglichkeit an Sie haben. Ich bin so betroffen, daß

mir nicht einmal eine Geschichte einfallt, womit ich Sie

trösten könnte.

zoraide. Und ich muß meine Schönheit wieder haben! Sie

müssen mir helfen.

quecksilber. Wenn ich nur wüßte, wie? Das ist das einzige

Mittel. Erlauben Sie, besitzen Sie vielleicht einen

Talisman, der durch die Macht seines Besitzes meinen

magischen Kräften entgegenstrebt? Den müssen Sie von

sich werfen.

zoraide. Wie? Meine Zaubergaben?

quecksilber. Die müssen Sie verschenken.

zoraide. Das ist unmöglich.

quecksilber. So kann Ihnen auch nicht geholfen werden.

zoraide. Was soll ich machen?

tutu. Wirf s’ weg.

zoraide (entschlossen). Wohlan, ich will meinen Reizen auch

dieses Opfer bringen. (Zieht einen Schlüssel aus dem Busen

und eilt ab.)

tutu. Das ist eine verwickelte Sach’.

quecksilber. Sie wird schon klar werden. Ich werd’ Ihnen

noch kuriose Geschichten erzählen.

zoraide (bringt die Gaben). Wohlan, hier liegen sie. Wenn du

mir meine vorige Gestalt wieder verschaffst, so gehören

sie dir.

quecksilber (reißt die Gaben von der Erde auf). Sie g’hören auch

mein. (Er bläst ins Horn, wirft die Maske ab. Ideale Krieger

erscheinen. Nur einige Takte Musik.) Schützt mich!--Kennen

Sie mich? Aus dem Quacksalber ist der Quecksilber

geworden. Ich nehm’ zurück, um was Sie mich betrogen

haben, und Ihnen lass’ ich Ihr falsches Herz und Ihre

große Nase.

tutu. Da hast es! Jetzt sind wir im klaren.

zoraide (kann sich kaum fassen). Also so wär ich betrogen, und

von Ihnen? Von einem Menschen, von dem man nicht

weiß, ob er einen Kopf oder eine Wassermelone zwischen

den Schultern hat. Hoffen Sie Ihren Namen auch einmal

in dem Buche der Menschheit zu lesen: Nein, ein

eingebogenes Eselohr wird statt dessen zu sehen sein.

Diese bescheidene Nase so zu multiplizieren. O wendet

euch weg, ihr Elemente (auf ihre Nase deutend), von dieser

ausgearteten Tochter der Natur!

Verstumm, o Muse, die du sie besingest,

Donner, die ihr sie umbrauset,

Winde, die ihr sie umsauset,

Sonne, die du sie beleuchtest,

Regen, der du sie befeuchtest.

Tyrannisch soll sie in dem Reiche der Schönheit

herrschen. Alle Spiegel müssen ihr zum Opfer fallen; in

einen Maskenball will ich diese Insel gestalten, und alle

Schönen müssen solche Nasen tragen, nur will ich mich in

eine Camera obscura verschließen und Rache brüten über

dich, du Nasenfabrikant. (Wütend ab.)

quecksilber. Linderl, du hast deine Sache g’scheit gemacht;

mir sein a Paar.

linda. Nun, das ist ein Glück, daß du Wort haltst.

tutu. Sein wir gut. Seit Sie das Staberl wieder haben, hab’ ich

eine ordentliche Lieb’ zu Ihnen g’faßt. Vielleicht ist die

Kur für meine Tochter just gut.

hassar (kniet nieder). Euer Gnaden! Ich bin auch noch eine

Partei, die im schmeckenden Wurmhof logieret.

quecksilber. Na, da nimm das Wasser und trink dir einen

Rausch. (Gibt ihm von dem Zaubertrank.)

hassar. Gratias! Meine Schönheit ist gerettet. (Eilt ab.)

quecksilber. Vivat! Jetzt zeigt mein Barometer auf

Schönwetter. Die Fee hat mir diese Gaben auf meine

ganze Lebenszeit geschenkt. Morgen verlassen wir Ihre

Insel, aber heut’ will ich meine Verlobung noch hier auf

goldnen Hügeln feiern. Linderl, du hast dir bei mir

goldene Berg’ versprochen, du sollst sie haben.

(Er winkt, die Szene verwandelt sich in goldene Hügel mit

silbernen Quellen. Auf dem mittleren größten erhebt sich ein

silberner Tempel mit einem Opferaltar, wobei Hymen mit der

Fackel steht; Genien gruppieren sich auf den Hügeln. Die

Kulissen bilden Bäume mit goldenen Früchten. Das Ganze

bildet ein imposantes Tableau.)

(Schlußgesang)

Man muß stets lustig sein,

Und sich des Lebens freu’n,

Außer man hat kein Geld,

Nachher ist’s freilich g’fehlt.

Hab’ ich nicht recht?

Nu, wenn S’ erlaub’n!

D’Madeln sind freundlich gern,

B’sonders mit jungen Herr’n;

Liebt eine nur nicht zwei,

Bleibt ihr Herz einem treu.

Hab’ ich nicht recht?

Nu, wenn S’ erlaub’n!

D’ Weiber sind manchmal bös’,

Machen oft viel Getös’;

Und wenn man widerspricht,

Weiß man schon, was oft g’schicht.

Hab’ ich nicht recht?

Nu, wenn S’ erlaub’n!

D’Männer sind gar superb.

Die hab’n schon ’s schönste G’werb,

Wie s’ wo ein Madel sehn,

Bleib’n s’ auf kein Fleck mehr stehn.

Hab’ ich nicht recht?

Nu, wenn S’ erlaub’n!

Mir geht’s heut’ gar nicht schlecht,

Alle Tag wär’s so recht,

’s wird doch was Schönes sein,

Wenn man brav Geld nimmt ein.

Hab’ ich nicht recht?

Nu, wenn S’ erlaub’n!

(Der Vorhang fällt.)

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der Zauberinsel, von Ferdinand Raimund.

Der Barometermacher auf der Zauberinsel · 第 49 / 49 题