(vorige. quecksilber als Arzt, mit einer Art Flaschenkeller, in dem
sich das Wasser befindet.)
quecksilber. Servus humilissimus! Sie sehen in mir den
berühmten Arzt Barometrianus, der sich in allen Teilen
der Welt berühmt gemacht hat. Von allen diesen
Weltteilen werd ich hernach schon die Ehre haben,
Ihnen verschiedene Geschichten zu erzählen. Jetzt sagen
Sie mir, bin ich so glücklich, den mächtgen Tutu vor mir
zu sehen?
tutu. Bei mir können Sie jetzt nicht mehr fehlen, Sie dürfen
nur der Nasen nachgehen.
quecksilber. Weil Sie gerade von der Nase sprechen, so
lassen Sie mich nicht vergessen, daß ich Ihnen hernach
eine Geschichte davon erzähle. Hab ich die hohe Ehre,
meine Angebetete, in Ihnen die schöne Zoraide zu
bewundern?
zoraide (schluchzend). Ja--ich--bin--die schöne--Zoraide.
quecksilber. Hm! Sie scheinen mir eine Gemütskrankheit zu
haben! Das ist eine üble Krankheit, da könnt ich Ihnen
eine Geschichte erzählen, welche sich in Nordamerika
zugetragen hat. Da war einmal ein Mann, der hat
siebenundzwanzig Töchter gehabt. Jetzt will ich Ihnen nur
in der Geschwindigkeit die Geschichten aller dieser
Töchter erzählen.
tutu. Verzeihen Sie, wir werden ein anders Mal darum bitten.
Wir wünschten zuerst Ihren Rat zu hören.
quecksilber. Hören Sie, weil Sie gerade vom Rat sprechen,
erlauben Sie, da fällt mir auch eine prächtige Geschichte
ein, an deren Erzählung mich aber die Bemerkung
hindert, daß Ihre Nasen sich in einer etwas massiven
Form produzieren, darum entsteht die große Frage, ob
Sie schon sind damit auf die Welt gekommen oder ob sich
das erst kürzlich ereignet hat.
zoraide. Das ist ein langweiliger Mensch! Ja, ja, erst vor
kurzem. Helfen Sie uns nur.
quecksilber. Gut also! Da kann ich Ihnen zum Troste sagen,
daß Sie nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind,
welche große Nasen haben. Es gibt Leute, welche sich auf
der Nase herumtanzen lassen. Warten Sie, da werde ich
Ihnen eine Geschichte erzählen. Vor vielen tausend
Jahren hat einmal ein Mann gelebt. Der hat einen Pudel
gehabt--
tutu. Können Sie uns kurieren oder nicht?--Nur das wollen
wir wissen.
quecksilber. Erlauben Sie, wie können Sie sich unterstehen,
daran zu zweifeln? Ich kuriere Sie, und wenn Ihre Nase so
groß wäre wie der Cimborasso in Amerika, das ist der
höchste Berg der Welt. Ihre Nasen müssen nach den
Regeln des Aristoteles kuriert werden--
zoraide. Das ist uns alles eins--
quecksilber. Erlauben Sie, das ist nicht alles eins! Darüber
werd ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Hippokrates
und Galenus haben darüber ganze Ries Papiere
verschrieben, weil auf der Universität die Streitfrage
entstanden ist, ob der Mensch die Nase mitten im Gesicht
hätte oder nicht.
tutu. Aber wir kennen ja die Herren nicht.
quecksilber. Hippokrates war ein berühmter Apotheker zu
Straubing und Galenus ein großer Regimentsarzt bei den
chinesischen Truppen. Nun haben Sie nur die Güte, mir
Ihren Puls fühlen zu lassen.
tutu. Aber was hat der Puls mit unsern Nasen zu tun?
quecksilber. Erlauben Sie! Alles in der Natur steht
miteinander in Verbindung. So hat auch Ihre Gurgel
Einfluß auf Ihren Magen, die Hände auf die Backen, der
Mund auf die Füße. Ich will Ihnen gleich einen Beweis
geben, daß der Mund die Füße in Bewegung setzen kann.
Ich habe zum Beispiel über einen ein loses Maul; und er
nimmt einen Stock und prügelt mich tüchtig durch, so
bleibt mir nichts übrig, als davonzulaufen. Also war mein
Mund daran schuld, daß sich meine Füße in Bewegung
gesetzt haben.
tutu. Aber wir reden ja von keinen Prügeln.
quecksilber. Erlauben Sie, ich rede aber sehr gerne von
Prügeln. Da werde ich Ihnen nur geschwinde eine kleine
Geschichte erzählen--
zoraide. Nein, das ist nicht zum Aushalten! Jetzt hören S
einmal mit Ihren Gschichten auf, wir wollen aber keine
Gschichten hören. Unsere Nasen ist die unglücklichste
Gschicht, die man erleben kann.
quecksilber. Sie wollen also Ihre Nase verlieren? Warum
haben Sie das nicht gleich gesagt? (Zu Tutu.) Trinken Sie
hier aus dieser Flasche.
zoraide. Nun endlich bringt er einmal was heraus.
tutu. Da bin ich kurios. (Er trinkt, die Nase verschwindet.)
quecksilber. Na? Na? Was sagen Sie jetzt? Die große Nase ist
fort!
tutu. Meiner Seel!
alle. Wunder über Wunder!
tutu. O Sie goldener Doktor, das ist die schönste Gschicht,
die Sie mir noch erzählt haben.
zoraide. Ists möglich? O Sie liebs Mannerl, mir auch! Nur
gschwind, nur gschwind!
quecksilber. Da sollt ich Ihnen doch vorher noch eine Ge
zoraide (hält ihm den Mund zu). Nicht!--Nicht!--Guts
Mannerl sein;--keine Gschichterl erzählerl--trinkerl
lassen.
quecksilber (für sich). Der gib ich nur ein Brunnwasser, das
hilft nicht. (Laut.) Da trinken Sie auf die Gesundheit Ihrer
Nase.
zoraide. Es lebe die Schönheit! (Sie trinkt.)
hassar (verbeugt sich). Gratias!
zoraide. Nun? (Es wirkt nicht.) Es hilft ja nicht.
quecksilber. Trinken Sie noch einmal.
zoraide (trinkt). Es hilft nicht! Es ist umsonst.
tutu. Sie laßt nicht nach, die Nasen.
quecksilber. Ich begreife nicht, die Nase muß eine besondere
Anhänglichkeit an Sie haben. Ich bin so betroffen, daß
mir nicht einmal eine Geschichte einfallt, womit ich Sie
trösten könnte.
zoraide. Und ich muß meine Schönheit wieder haben! Sie
müssen mir helfen.
quecksilber. Wenn ich nur wüßte, wie? Das ist das einzige
Mittel. Erlauben Sie, besitzen Sie vielleicht einen
Talisman, der durch die Macht seines Besitzes meinen
magischen Kräften entgegenstrebt? Den müssen Sie von
sich werfen.
zoraide. Wie? Meine Zaubergaben?
quecksilber. Die müssen Sie verschenken.
zoraide. Das ist unmöglich.
quecksilber. So kann Ihnen auch nicht geholfen werden.
zoraide. Was soll ich machen?
tutu. Wirf s weg.
zoraide (entschlossen). Wohlan, ich will meinen Reizen auch
dieses Opfer bringen. (Zieht einen Schlüssel aus dem Busen
und eilt ab.)
tutu. Das ist eine verwickelte Sach.
quecksilber. Sie wird schon klar werden. Ich werd Ihnen
noch kuriose Geschichten erzählen.
zoraide (bringt die Gaben). Wohlan, hier liegen sie. Wenn du
mir meine vorige Gestalt wieder verschaffst, so gehören
sie dir.
quecksilber (reißt die Gaben von der Erde auf). Sie ghören auch
mein. (Er bläst ins Horn, wirft die Maske ab. Ideale Krieger
erscheinen. Nur einige Takte Musik.) Schützt mich!--Kennen
Sie mich? Aus dem Quacksalber ist der Quecksilber
geworden. Ich nehm zurück, um was Sie mich betrogen
haben, und Ihnen lass ich Ihr falsches Herz und Ihre
große Nase.
tutu. Da hast es! Jetzt sind wir im klaren.
zoraide (kann sich kaum fassen). Also so wär ich betrogen, und
von Ihnen? Von einem Menschen, von dem man nicht
weiß, ob er einen Kopf oder eine Wassermelone zwischen
den Schultern hat. Hoffen Sie Ihren Namen auch einmal
in dem Buche der Menschheit zu lesen: Nein, ein
eingebogenes Eselohr wird statt dessen zu sehen sein.
Diese bescheidene Nase so zu multiplizieren. O wendet
euch weg, ihr Elemente (auf ihre Nase deutend), von dieser
ausgearteten Tochter der Natur!
Verstumm, o Muse, die du sie besingest,
Donner, die ihr sie umbrauset,
Winde, die ihr sie umsauset,
Sonne, die du sie beleuchtest,
Regen, der du sie befeuchtest.
Tyrannisch soll sie in dem Reiche der Schönheit
herrschen. Alle Spiegel müssen ihr zum Opfer fallen; in
einen Maskenball will ich diese Insel gestalten, und alle
Schönen müssen solche Nasen tragen, nur will ich mich in
eine Camera obscura verschließen und Rache brüten über
dich, du Nasenfabrikant. (Wütend ab.)
quecksilber. Linderl, du hast deine Sache gscheit gemacht;
mir sein a Paar.
linda. Nun, das ist ein Glück, daß du Wort haltst.
tutu. Sein wir gut. Seit Sie das Staberl wieder haben, hab ich
eine ordentliche Lieb zu Ihnen gfaßt. Vielleicht ist die
Kur für meine Tochter just gut.
hassar (kniet nieder). Euer Gnaden! Ich bin auch noch eine
Partei, die im schmeckenden Wurmhof logieret.
quecksilber. Na, da nimm das Wasser und trink dir einen
Rausch. (Gibt ihm von dem Zaubertrank.)
hassar. Gratias! Meine Schönheit ist gerettet. (Eilt ab.)
quecksilber. Vivat! Jetzt zeigt mein Barometer auf
Schönwetter. Die Fee hat mir diese Gaben auf meine
ganze Lebenszeit geschenkt. Morgen verlassen wir Ihre
Insel, aber heut will ich meine Verlobung noch hier auf
goldnen Hügeln feiern. Linderl, du hast dir bei mir
goldene Berg versprochen, du sollst sie haben.
(Er winkt, die Szene verwandelt sich in goldene Hügel mit
silbernen Quellen. Auf dem mittleren größten erhebt sich ein
silberner Tempel mit einem Opferaltar, wobei Hymen mit der
Fackel steht; Genien gruppieren sich auf den Hügeln. Die
Kulissen bilden Bäume mit goldenen Früchten. Das Ganze
bildet ein imposantes Tableau.)
(Schlußgesang)
Man muß stets lustig sein,
Und sich des Lebens freun,
Außer man hat kein Geld,
Nachher ists freilich gfehlt.
Hab ich nicht recht?
Nu, wenn S erlaubn!
DMadeln sind freundlich gern,
Bsonders mit jungen Herrn;
Liebt eine nur nicht zwei,
Bleibt ihr Herz einem treu.
Hab ich nicht recht?
Nu, wenn S erlaubn!
D Weiber sind manchmal bös,
Machen oft viel Getös;
Und wenn man widerspricht,
Weiß man schon, was oft gschicht.
Hab ich nicht recht?
Nu, wenn S erlaubn!
DMänner sind gar superb.
Die habn schon s schönste Gwerb,
Wie s wo ein Madel sehn,
Bleibn s auf kein Fleck mehr stehn.
Hab ich nicht recht?
Nu, wenn S erlaubn!
Mir gehts heut gar nicht schlecht,
Alle Tag wärs so recht,
s wird doch was Schönes sein,
Wenn man brav Geld nimmt ein.
Hab ich nicht recht?
Nu, wenn S erlaubn!
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Barometermacher auf
der Zauberinsel, von Ferdinand Raimund.