„Heute wird nicht gefahren!“ rief Cassilda in den Saal, „es sind vier
deutsche Studenten angekommen, zu Fuß, von Rom. Und wie abgerissen sie
sind! Aber ihre Schuhe werden im Dorfe frisch besohlt! Sie übernachten
in der Fattoria, und sie wollen uns vorsingen heute abend.“ Ihr
melodisches Lachen hatte einen metallnen Sprung wie eine Glocke. „Nein,
wie sie essen können!“ brach sie aus.
Mein erster Impuls war, mich vor diesen deutschen Studenten zu drücken.
Ich fand es nicht am Platze, ich fand es nicht an der Zeit, daß sie
gerade jetzt und ausgerechnet dieses Land auf solche Weise bereisten,
Obdach erbittend von Ort zu Ort, in Scheunen nächtigend (und was für
Scheunen!) oder dann auf Gutsherrschaften nach dem Ökonomiegebäude
mitleidig verwiesen. Konnte man besiegter auftreten? Zum Teufel auch!
Man schuldete etwas seiner Vergangenheit! Entstammten sie nicht einem
stolzen Volk? Es hatte nicht mit zagen Bettlerschritten auf diesem Boden
vorzudringen gepflegt! Und war ihre Rolle nicht neu? Was besaßen sie für
Gründe, sich so unschwer in dieselbe zu finden? Aber natürlich mußte ich
helfen, sie zu empfangen.
Übrigens – dem einen oder anderen wurde wohl bei einem Baumeister auf
dem Reißbrett zu schaffen gegeben; aber Studenten waren es keine, und
ihre Naivität schien entschuldbarer, sobald man sie sah. Auch deutete
nichts darauf hin, daß sie seit einem Vierteljahr zumeist auf dem Stroh
italienischer Bauernhöfe schliefen, sondern sauber und adrett, ja
schmuck, bei aller Dürftigkeit, standen sie abends zur Serenade
aufgepflanzt, vornean der Lautenspieler, blond wie Dornröschen und das
Gesicht schneeweiß.
Der Tenor mit seinem schmalen, fahlen und windschiefen Kopf schien auf
ein romantisches Erlebnis mit Rübezahl zurückzuschauen und immer noch
daran zu denken; der dritte glich auf ein Haar dem braven Knappen
Fridolin, und nur der vierte, ein Magdeburger, war Realpolitiker.
Durch das offene Fenster leuchtete im Kerzenscheine der weiß gedeckte
Tisch, Gläser, noch mit Chianti gefüllt, halbgeleerte Riesenschüsseln
mit Makkaroni. Es war ihre vierte Mahlzeit. „_Bevono poco, ma che
appetito!_“ berichtete der Verwalter. Sie standen in Hausschuhen. Ihres
Stiefelwerkes hatte sich der Herzog angenommen. Bis zum nächsten Mittag
sollten sie es gesohlt zurückerhalten. Cassilda war guter Dinge.
Melodisch schlug die zersprungene Glocke ihres Lachens an. Die Luft war
lau. Wir saßen in Tüchern und Mänteln um das Ökonomiegebäude gruppiert.
Durch das immergrüne Laub der Bäume sah der Mond. Und das Konzert
begann. –
Selten hatte ich etwas so Erschütterndes gehört. Wie aus einem
Wunderhorn ergoß sich der Wohllaut dieser staunenswert geschulten
Stimmen. Wälder fingen an zu rauschen, verzückte Büsche über den Vater
Rhein gebeugt, Kähne von Wellen hoch emporgehoben, Seen der Gebirge;
blanke Scheiben einer Herberge dem müde Gelaufenen entgegenfunkelnd ...
Es mehrten sich jetzt unter den Bäumen magisch angezogene Gestalten, sie
traten näher, standen unbeweglich.
Ich achtete nicht mehr der Lieder, sie waren nur noch die Begleitung zu
dem Sturm in meinem Innern. Wie aus einem tiefen Brunnen tauchte ich
empor, als die Sänger innehielten. Man umringte sie, von allen Seiten
kam Applaus. Der Nachtwind strich unter einem milden Himmel,
Kerzenschein flackerte über den Tisch, welcher die Platten, den Chianti,
die halbgefüllten Gläser trug; alles war wie in einer gesitteten,
idyllischen Welt. Nur ließ der Magdeburger seine Kameraden nie zu Worte
kommen.
Nach einer Weile wurden sie gebeten, weiterzusingen. Ich saß zwischen
der Mutter des Herzogs, einer Französin, und einer jungen Deutschen in
Schwesterntracht, die unter ihrem Häubchen mit runden Augen Welt und
Dinge betrachtete. Der Lautenspieler mit dem schneeweißen Angesicht
wartete auf ein Zeichen des Magdeburgers, bevor er in die Saiten griff.
Die Aussprache der vier war nicht sehr deutlich. Nur das Wort Kikeriki
kehrte jetzt nach jeder Strophe vernehmlich wieder. Plötzlich gerieten
die Schatten unter den Bäumen in Bewegung; einige traten mit fast
drohender Gebärde vor. Was ist das für ein Lied? fragte ich die kleine
Diakonissin. Sie kannte es gut. Kikeriki sei der Spitzname der Italiener
während des Krieges gewesen. Ein Kriegslied also! – Es schien ihr
spaßig. Zum Glück ging seine Pointe unserem Halbkreis verloren, und es
wurde geklatscht. Nur der Herzog sah wie mit versteinerter Pupille
geradeaus.
Eigentlich schienen die drei den Magdeburger gar nicht zu mögen. Aber
man erlebte jetzt ein Stückchen deutscher Geschichte: nämlich sie
gehorchten ihm doch.
„Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“, hieß der nächste
Refrain. Entgeistert lehnte der junge Lautenspieler an der Mauer, und
ferne war sein Sinn. „Bis daß das Auge bricht, bis daß das Auge bricht“,
sangen die vier, als läge in der Vorstellung etwas, worin sie
schwelgten. „_Comme c’est triste_“, sagte die Mutter des Herzogs. Unter
den Bäumen aber waren keine Schatten mehr zu sehen.
„Ich verstehe nur die Ritornelle“, sagte ich leise zur Diakonissin.
Die war schon wieder im Bilde. „Schießen tun sie, bis daß das Auge
bricht“, sagte sie und lachte schelmisch. Sie fand nichts dabei. „Bis
daß das Auge bricht“, sekundierte die Laute mit unerhörter Melancholie.
Dann schloß das Konzert mit einem Hoch auf den Herzog. Ich mußte noch
hören, wie der Magdeburger ihm versicherte, sie fänden überall eine so
gute Aufnahme; bei den Bauern jedoch würden sie erst gefragt, ob sie
wirklich Tedeschi seien, denn wenn sie Francesi wären, wiese man sie vor
die Türe. Über diesen seinen Beitrag zur Politik war er sichtlich
befriedigt. Cassilda lachte. Ihr konnte es egal sein. Mir war es zuviel.
Ich floh in den Park. Sein Dunkel nahm mich auf. Wie der rasende Ajax,
ein pazifistischer Ajax, köpfte ich Sträucher, schlug auf die Hecken wie
auf einen imaginären Konferenztisch, traf drakonische Maßregeln,
untersagte und befahl. „Ich habe keine Lust an Völkern“, schrie ich die
Pinien an. Und kein Angehöriger eines fremden Staates durfte mir auf
drei Generationen bei Verlust aller Ämter eine Landsmännin heiraten.
Noch am Traualtar war sie von seiner Seite zu reißen. Wie besinnungslos
fuhr ich in die Äste, teilte das Gezweige rings um mich her, als sähe
ich schon hier in diesem Lande die Mädchen nicht nur schön und
liebenswürdig, sondern auch wieder versonnen, wieder unschuldigen Auges
und gedankenvoll wie seine Madonnen von einst. Und als sähe ich schon
berückend unkonventionell gewordene Französinnen, komplett aus der Art
geschlagene Engländer und weltkundige Deutsche die ihnen
verlorengegangene Welt nicht zurückerobern, sondern zurückgewinnen.
Nichts stünde dann jener Stunde der Einkehr mehr im Wege, in der sich
jede Nation auf die innerhalb ihrer Grenzpfähle begangenen Infamien, auf
die Niederlagen ihrer Gerechten, auf die Triumphe ihrer Lügner und
Verhetzer als der einzigen Schmach besänne, welche sie treffen kann. Das
Tausendjährige Reich wäre jede Stunde einzuläuten. Aber es geschehen
keine Wunder dem Verblendeten, um ihn der Hölle zu entreißen, die er
sich bereitete. Noch immer litt das Himmelreich Gewalt.
Wo aber sah ich den Weisen, ach, der noch Hoffnungen frönte? Er kehrt
sich ab, begibt sich seines Anteiles und glaubt nicht mehr an diese
Welt. Doch wehe, sie ist die unsere! – Wie ihr heutiger Zustand Werk und
Schlagwort einzelner ist, so könnte nur Wort und Tat einzelner ihre
Rettung bereiten. Wenn sie auch nicht die Saat aufschießen sehen, die
sie streuen, noch die Mühle, an der sie mahlen. Der Tod wird sie
erlösen. Denn die Not dieser ohnmächtigen Zuschauer ist nur vergleichbar
mit der des Schemen, das in seinem Drange, vielleicht sich kundzugeben,
vielleicht zu rufen, doch ohne einen Laut, uns anblickt vielleicht, doch
ohne gesehen zu werden, flehende Arme vielleicht nach uns ausstreckt,
durch die wir schreiten als durch leere Luft. Wie vorstellbar war doch
mit einem Male ihre heiße, verzehrende Wut!
Der Park war jetzt in Nacht versunken. Nacht hing an den Zweigen, kein
Gesang durchbrach sie mehr, die Vögel, die Schlangen, die Bäume, sie
waren eins, sie ruhten. In dichte Wolken hatte sich der Mond gebettet,
kaum ein hellerer Schein dort, wo er schlafend lag. Unenträtselt fügten
sich die Rhythmen der Gestirne, spielte sich dem Auge der Marsch der
Sterne ab, geheimem Schlüssel entspannt.
Ich eilte dem Hause zu. Finster die Terrasse, leer die Halle. Wie lange
war ich verweilt?
In meinem Saale aber entsandten die Flammen des Kamins ihren warmen
Hauch bis zu den sonnenfarbenen Stühlen. Sie standen erwartungsvoll.
Rita hatte es aufgegeben, auf mich zu warten, aber Spätrosen auf den
Tisch gestellt; ein Rosenstrauch leuchtete im Schein des Feuers. Ich sah
mich um. Von neuem rauschte draußen der Regen. Bitterkeit und Süße
wellte jetzt empor und ließ mich die Arme ausbreiten. Zum Fest war die
pulsierende Luft um mich her. Hoch ins Leere aufgerichtet unter
köstlichen Schauern lauschte ich ihr von meinem goldenen Bette entgegen.
Die im Park ausgekostete verwandte Qual, sie war es, die wie mit
Leierklängen die Schatten dieses Saales versöhnte. Blumenleicht! Wie von
Blumen war die Schulter umweht, milde und barmherzig unser Abschied, als
seien wir uns teuer geworden.
Und ihr, meine Leser, seid ihr enttäuscht von meiner Geistergeschichte,
weil sie tröstlich verklang?