Wieder fuhr ich zwischen den hohläugigen Häusern der Dörfer dahin, auf
der Straße, die nach Pisa führt. Von der aufgeweichten Erde war das Auto
überspritzt. Man hätte die Sonnenstrahlen fangen mögen, so schnell
erbleichte ihr Gold und schöpfte der Sturm wieder Atem. Denn am Himmel
war Krieg.
Die plötzlich auftauchende Gestalt eines _Camiccia Nera_ schreckte mich
da – Halt gebietend – aus meinen Novemberträumen. Er streckte den Arm
vor mir aus, wie ihn die Legionen des Cäsar zum Gruß ausgestreckt haben
sollen, und mit den Worten „_Capitano Fascista_“ schwang er sich
theatralisch und elegant, aber ohne weiteres neben den Chauffeur.
Ich war wieder einmal gerettet.
Und weiter ging’s: rechts der Berg von Lucca, in seiner Vereinzelung die
wühlende Trauer dieser Ebene noch mehr akzentuierend. Seitwärts starrte
auf halber Höhe das grausame Weiß von Carduccis Heimatsort. Wer mochte
diese Felder bis zu ihrem Ende durchmessen? Führte denn ein Weg hinauf
zu diesem grellen und gewürfelten Kranz von Mauern? Bogen nicht alle
Straßen von ihnen ab?
Mein schlammüberzogener Wagen indessen gelangte nach Pisa, und von
neuem, Gott sei Dank, waren wieder Paläste zur Rechten und Paläste zur
Linken, oder sogar mitten auf die Straße gestellt, wie um sie zu
versperren. Unter einem geklärten Firmament wurde sodann das Grundstück
aller Grundstücke erreicht, auf welchem der Campo Santo und die
Kathedrale, der schiefe Turm und das Battisterium zusammen stehen.
War ich zwischen den hohläugigen Häusern so vieler Ortschaften gefahren,
um unvorbereitet und unvermittelt zu diesen schwebenden Kolonnaden,
diesen singenden Säulenreihen emporzusehen, die kein Spiel der
Phantasie, kein Abbild je vorwegnehmen könnte? Zum Schächer hatte mich
der Anblick all der Dörfer herabgedrückt, dem aber nun die Verheißung
sich erfüllte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“
Was begab sich hier und was vernahm das überwältigte Gemüt? Was für
Knospen bersteten ihm? Welches „Sesam, tu dich auf!“ ließ Pforten der
Hoffnung in ihren Angeln drehen? Ich setzte im Sturm über die Stufen des
Turmes, den roten Streifen am Himmel und der spürbaren Nähe des Meeres
entgegen. In der Nacht trieb es mich noch einmal zurück. Der Mond war
aufgegangen. Der sonst so Teilnahmslose schien mit einbezogen. Auf mein
Wort, er spielte voll herab. Ein Campo Santo, eine Kathedrale, ein
schiefer Turm? Oft vernommene Worte! Was bedeuteten sie? – Die Harmonie
der Sphären, es ist die Sphärenharmonie, von welcher dieser flache
Rasenplan mit diesem schiefen Turm, diesem Dom, diesem Battisterium
verhaltenen Atems rätselhaft erdröhnt.
Hierher, ihr Kommissionen! Unter diesem Himmel würdet ihr nicht
vergebens tagen. Es ist der Himmel desselben Landes, das mit einer
solchen Vergangenheit, in Rom das Denkmal Viktor Emanuels, diesen giftig
weißen Höllenbraten, ansetzte und heutigentages keine Maler, keine
Architekten mehr erzeugt. Wäre es nicht wichtig, die Gründe hierfür zu
suchen? – Der Zauber italienischer Kunst lag in ihrer Gedanklichkeit.
Weltumspannendes zieht seine Linien in den Madonnengesichtern und macht
sie noch zarter, zerbricht sie fast. Wo ist die Seele hin des Jacopo
della Quercia oder jenes Ignoto Fiorentino, dessen Bild in den Uffici
hängt? Die abgründigsten Stellen der Chaconne von Bach greifen nicht
tiefer. Welche Beziehung zur Unsterblichkeit! Und was für Italiener sind
das gewesen?
Auch um Siena aufzusuchen, wählte ich eine Vollmondnacht. Der Zug stieg
wie zwischen hell beschienenen Vorhöfen des Himmels an, von immer
frischeren Winden umstrichen. Und bei der Ankunft ging es erst recht
aufwärts, die lange Stadtmauer entlang, zur steil gewundenen Via Cavour,
die zur Linken, mit allen Schauern, die herrliche Piazza del Campo in
der Versenkung hinter sich läßt. Die Cafés waren noch offen, festlich
trieb der fahnenumwehte Faszismus unter dem mitternächtigen Mond. An
einer besonders stolzen Kreuzung von Palästen, Standbildern und Säulen
warf mich ein pestilenzialischer Gestank aus der Ekstase. Die
Spaziergänger schienen ihn nicht zu bemerken. Gemütlich wogte der Korso
an einer Passerelle auf und nieder, die zwischen Negerkabusen noch ein
Skandal gewesen wäre.
* * * * *
Schauderhafte alte Kokotten kamen die Wunderbauten entlang. War dies das
Siena, zu dem ich wie auf Knien gepilgert war? Die Gassen stiegen in
ehernen Schleifen zwischen den senkrechten Palästen empor, und es war,
als müsse sogleich ein Gipfel, eine Fernsicht kommen. Aber der höchste
Platz war ganz von Zinnen und Arkaden und Türmen umstellt, und nur sie
und der Dom sahen ins Weite. Er thronte in der Mitte, und seine
überladene Fassade (_mauvais gout du XIVe_ oder Restaurierungen?) konnte
die Schönheit des Ganzen nicht beeinträchtigen. Ringsum war Leere. Ich
stand allein. Unten in der Via Cavour blieben die Cafés noch lange
überfüllt, die Lichter und Fahnen in ihrem Braus, und der Gestank der
Passerelle inmitten des elegantesten Viertels tobte nach allen
Richtungen.
Ich durchschritt ein anderes Siena freilich als das, welches seine
Pracht entstehen sah. Allein die Verwandtschaft war nur suspendiert und
jederzeit wieder anzutreten. Das reizvolle Lokal, einem hohen Gewölbe
ähnlich, in dem ich zu Mittag aß, war von poetischer Sauberkeit, in
Zartheit und Geschmack. Ich verließ Siena wie im Traum. Kein Zweifel, es
war noch sein altes Tageslicht, derselbe getönte und schweifende Himmel
hüllte es ein wie dereinst. Was aber war heute von der großen
Gemeinschaft der einstigen Meister Italiens geblieben? Nur ganz
vereinzelt, ohne Gefolgschaft der inneren Vereinsamung anheimgestellte
Künstler, wie hier Gabriele d’Annunzio, dort Ferruccio Busoni. Der Rest
ist die Leere der Straße, die nach Pisa führt. Und der Grund? – Ich will
ihn euch ins Ohr sagen: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und
Italien war mit Athen, mit Byzanz und dem germanischen Norden aufs
bräutlichste vermählt. Wie ein Baum trat es in die überschwenglichste
Frühlingspracht. Man reiste damals langsam, es ist wahr. Und dennoch
entblühten das Tuchersche Jagdschloß zu Nürnberg, Maria im Gestade zu
Wien und die diminutive Maria della Spina zu Pisa einer selben Familie.
Denn das nationalistische Schisma hatte noch nicht – in
entgegengesetzter Richtung – den Wettlauf mit den Blitz- und Orientzügen
aufgenommen. Und für die verheirateten Völker bestand noch nicht, wie
heute, die Gefahr, daß die einen in Problematik verarmen und sich
zermürben, die anderen in Gesten und Parolen sich exteriorisieren, jedes
auf seine Weise sich überschlagen und auf toten Geleisen sich heiß
laufen würde. Der Hain der Musen war noch nicht zu einem Theater
abgeholzt, auf dessen Brettern die Auftretenden in ihre eigenen Kulissen
hineinreden und die Geltung ihrer Worte immer mehr zerschichtet sehen.
Die Talente, die noch treiben, dürfen uns über die um sich greifende
Wüste, die uns alle bedroht, nicht hinwegtäuschen. Zwar ist der
vielgenannte „Untergang des Abendlandes“ kein Begriff, sondern nur ein
willkürliches Postulat. Aber die kurzsichtig sich aufwerfenden
Abendländer drängten den Gedanken des Abendlandes ganz und gar zurück,
statt in ihn einzugehen. Die Vorherrschaft bald dieser, bald jener
Abendländer hat die Verwirrung angestellt. Auf diese Abendländer, statt
auf ein Abendland, das außer Kraft gesetzt wurde, wäre diese These zu
stellen, statt mit einer These, die es nicht gibt, die Unnachdenklichen
zu verführen und die Begriffe noch mehr zu verheeren.
Aber laßt mich zurückkehren zur hochgelegenen Villa, die Carducci
besang, die sich stolz abkehrt von den Feldern, welche sie beherrscht,
und ihre Pinienhaine und Boskette im Auge behält. Laßt mich euch eine
Geistergeschichte erzählen, wie ich sie in diesem Hause erlebte.