Erst später wurde uns bewußt, was für lustige Leute wir doch eigentlich
gewesen sind, als wir zu Hause noch alle beieinander waren. Damals
ahnten wir es ja nicht. Wir hielten uns für tragische Figuren, die nur
aus Trotz, und um andere hinters Licht zu führen, eine so vergnügte
Maske zur Schau trugen, sahen wir doch sogar darin eine heroische Geste,
daß wir als halb Abgebrannte immerzu offenes Haus hielten. In
Wirklichkeit geschah dies aber nur, weil es uns Spaß machte. Da wir
keinem bestimmten Kreis angehörten, hatten unsere Empfänge immerhin die
Eigentümlichkeit, daß sie Leute zusammenführten, die sich nicht zu
begegnen pflegten, jenem Milliardär Gelegenheit boten, sich, einmal und
nicht wieder, mit jenem armen Teufel voraussetzungslos zu unterhalten,
und jenem ehrgeizigen und hoffnungslosen Streber, einmal und nicht
wieder, mit jenem Staatsmann ein paar Worte zu wechseln. Jedenfalls war
es das Unkonventionelle mit all seinen unberechenbaren Möglichkeiten,
das uns in Spannung hielt, und es dünkte uns das Monopol und die
Romantik unseres Salons, daß er gewissermaßen eine Freistatt war, wo
sich Fäden anspannen und Dinge einleiten ließen, deren Tragweite wir
maßlos übertrieben. Und so bildete sich eine Protegierader in uns aus,
die, anfänglich Spielerei, dann zur Grille wurde und endlich in Manie
ausartete. Jedes hatte seine besonderen Schützlinge, zu deren Förderung
eine Soiree nach der anderen veranstaltet wurde. Hatte alles geklappt
und durften wir still triumphierend wahrnehmen, daß sich das Spiel
unserer Intrigen wunschgemäß entrollte, so saßen wir, nachdem unsere
Gäste uns verlassen hatten, noch lange über unser Tun wie über dem
siebenten Schöpfungstage auf, dramatisierten unsere Absichtslosigkeit
und fanden alles gut und höchst merkwürdig, besonders uns selbst.
Nun war es ja schon vorgekommen, daß eine ältere Freundin des Hauses
sich am nächsten Morgen wieder hergetrieben fühlte, nicht etwa, wie wir
bei ihrem Erscheinen erwarteten, um auf unser gelungenes Fest
zurückzukommen, sondern im Gegenteil ihre wohlgemeinten Befürchtungen
betreffs unserer so wenig gesicherten Zukunft auszusprechen und von dem
Ernst des Lebens sowie unserem Leichtsinn zu reden, der uns die
kostbare, enteilende Zeit so vergeuden ließ. Solche Kuckucksrufe wurden
ungnädig aufgenommen. Aber im stillen erschraken wir doch sehr vor
allem, was uns an die Wirklichkeit erinnerte. Zog sich die eine auf
mehrere Tage in ihr Atelier zurück, nahm die andere Orgelstunden, so
fing ich infolge innerer Panik sehr früh zu schreiben an. Ich verfaßte
sehr schöne Artikel über den Tiefsinn in der Malerei, den Unwert der
Renaissance und den Vorteil der Fremdwörter. Unter dem Titel: „_Rose la
France et Bière de Munich_“ tadelte ich den Frankfurter Frieden. Die
Redakteure, über die vielen Briefmarken betroffen, mit welchen ich ihre
Aufmerksamkeit erzwingen wollte, sandten mir alles ziemlich umgehend
zurück. Inzwischen war auch ein Stilleben fertig geworden, und man wußte
allerseits nicht mehr recht, was tun. Wir gaben also wieder eine Soiree.
Damals hielt sich eine strahlend junge und strahlend schöne Amerikanerin
in München auf. Wenn auch nicht für ewig, so verliebte sich doch jung
und alt auf den ersten Blick in sie, und wir pflanzten sie, stets auf
das Dekorative bedacht, nicht anders als einen Blumenbusch, mit Vorliebe
bei uns auf. Sie war dabei ein harmloses und liebenswürdiges Mädchen,
aber von einem geradezu närrischen Snobismus. Obwohl stets ihre
Verwandtschaft mit der Prinzessin Pocahontas betonend, imponierte ihr
schon jede Baronin. Meistens erschien sie in Begleitung eines
nichtssagenden, durch seine Goldplomben wie durch seine ewigen rosa
Hemden ermüdenden Bruders. Eines Abends aber – es war gerade vor ihrer
Abreise – brachte sie auch ihren Vater mit.
Entschuldige, lieber Leser, wenn ich diesen ehrenwerten Mann gleich
wieder stehen lasse, und gestatte, daß ich dir Fräulein Wera Njedin
vorstelle.
Ich hatte sie zuerst entdeckt, und sie stand unter meinem ganz
speziellen Schutz. Trotz ihrer großen Sprachkenntnisse machte sie den
Eindruck einer ausgesprochenen, wenn auch sehr sympathischen Wilden.
Dünn wie ein Faden, schwarz wie die Nacht und kreideweiß, war sie von
einer intensiven, ja entzückenden Häßlichkeit. Auch sonst machten sie
mir zwei Dinge besonders wert: ihre Kunst im Kartenschlagen und ihre
wundervolle Stimme. Keine sehr bildbare, leider, und man konnte weniger
ihr Talent als ihren Gesang, weniger ihren Gesang als ihre Stimme, und
weniger ihre Stimme als ein paar unvergleichliche Töne in der Mittellage
rühmen. Mit sanfter, unwiderstehlicher Glut und wie der Leier des
Orpheus entblüht, drangen sie ans Herz. Man dachte sich dies seltsame
Mädchen inmitten weiter Steppen vor einem Zelt, einem Wachtfeuer, bunte,
malerische Volksstämme im Banne haltend, denn ihr Sang hatte dieselbe
bühnenfremde Wildheit wie sie selbst. Ihre Laufbahn schien höchst
zweifelhaft, ob auch alles darauf ankam. Sie führte ihr sehr reduziertes
Erbteil sozusagen in der Tasche mit. Wenn das zu Ende war, dann stand
für dies romantische Geschöpf die Welt versperrt. Wera Njedin schien sie
zu kennen. Sie machte sich wenig Illusionen. Aber wenn sie bei guter
Laune war, konnte sie die Gespenster ihrer Zukunft noch schwarzer und
grotesker ausmalen, als sie zu sein drohten, und die lustigsten Fratzen
dazu schneiden. Es läßt sich denken, wie sehr eine so gefährdete
Existenz unser Interesse erregte.
Kehren wir jedoch zum Vater des „Blumenbusches“ zurück, der allein und
gelangweilt in einer Ecke steht. Aus bescheidensten Anfängen – die
Verwandtschaft der Geschwister mit der Prinzessin Pocahontas bestand
wohl nur mütterlicherseits – hatte er sich zu einer Art Triumvir seiner
Vaterstadt emporgeschwungen und ihr schon ein Spital, einen Park und ein
Museum gestiftet. Und nun vernahm ich, daß er gerade im Begriffe stand,
ihr über Nacht auch ein Opernhaus zu schenken. Dazu war er auf einige
Tage nach Europa hinübergefahren.
Ein im Grase kauernder, von Spähern umringter Hase konnte die Ohren
nicht bebender spitzen, als ich es da tat. Die Fahne einer neuen Intrige
war blitzschnell in mir aufgezogen, das Seil meiner Pläne schon
verankert. Wera sollte in einer Luxuskabine nach dem wilden Westen
hinüberschaukeln und an der Oper dieses Stadtvaters eine wilde Gage
beziehen. Die Schwierigkeit des Unternehmens kannte ich wohl. Denn
leider war der biedere Mann von dem äußeren Glanz seiner Kinder so
geblendet, und vollends in den Kunstsinn seines rosa und goldenen Sohnes
setzte er ein blindes Vertrauen. Dieser hatte sich bereits von einem
blutigen Dilettanten, der aber Reichsrat der Krone Bayerns war, beraten
lassen. Statt uns zu fragen! Die ganz unbekannte Wera Njedin dagegen
wurde von ihm gründlich übersehen. Ohne Anhang und Empfehlung war sie
sehr buchstäblich von Rußland herübergeschneit. Auch nicht der kleinste
Attaché diente ihr zur Folie. Wie ließe sich da in aller Eile ihr
Engagement erreichen? Dennoch mußte es unverzüglich erwirkt werden.
Da kam uns eine geniale Idee. Ihr Notenstand lag am Flügel auf.
Geschickt wurde er hinausgeschmuggelt, draußen mit Widmungen versehen
und unter einem anderen Schutzdeckel wieder hereintransportiert. Nach
einer Weile wurde Wera mit verteilten Rollen von uns interpelliert. Die
eine hatte sie zum Singen aufzufordern, die andere in ihren Heften zu
kramen und erstaunt auszurufen: „Da hat sich ja das halbe Winterpalais
eingetragen! _Hommage admiratif du Prince de Boutonoff_“ las sie laut
und wie um Wera aufzuziehen vor. Auf einem zerrissenen Notenblatt hatte
eine Duchesse Alice de Montreuil die Worte: „_Pour la voix d’or de ma
chère Wera_“ eingetragen, und mein spezielles Werk war die auf
Tschaikowskys „Sehnsucht“ in zackigen Riesenlettern vor Vornehmheit
förmlich baumelnde Inschrift: _Ne m’oubliez pas!_ Anastasie.
Schon trieb der Blumenbusch heran. Weniger naiv maskierte der Bruder
seine Neugier mit einem weiten Katzenbogen, bevor er sich näherte. Der
Moment zum Probesingen aber war gekommen, ich öffnete den Flügel und bat
um Schweigen. Die Gewalt, mit welcher wir unsere Lachkrämpfe auf später
unterdrückten, verlieh uns teils todernste, teils bezechte Mienen. Wera,
vielfach auf den Fuß getreten, ahnte, wieviel im Spiele war. Sie sang
die Arie der Fides mit schmerzerfüllten Akzenten, welche das
unverdorbene Herz des alten Selfmade-Amerikaners rührten. Mit
ausgestreckten Händen eilte er auf sie zu. Es war erreicht und der
Widerstand der Geschwister Pocahontas war gebrochen. Und Wera war
engagiert. Ach ja, es waren heitere Tage!