Der Mann hob das Haupt. Und da -- -- --

»Gott im Himmel!« rief ich verblüfft.

»Bist du auch wieder einmal da?« sprach Hann mit schöner philosophischer

Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehörte,

sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. »Wie geht's?«

Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen,

und so rief ich denn einmal über das andere von meinem Bock hinab:

»Menschenskind, nu sag' mal bloß, was machst du denn eigentlich hier?«

»Ja,« sagte Hann in seiner erschöpfenden Weise, »ich nehm hier den

Leuten für einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere

gehabt hat, das Geld ab. Es macht für jeden von euch fünf Pfennig und

für den Wagen dreißig.«

»So is es,« schoß oll Kusemann wehmütig dazwischen, wobei er ausspuckte.

»Und es is ein hübsches, ruhiges Geschäft, wobei er nich so mager wird,

wie gewisse andere Leute, sieh mal da -- --«

Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo früher das unscheinbare

Häuschen der Klüths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen

Bartscherer verkauft worden war.

Wie war das jetzt hübsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und

hell angestrichen.

»Das mußt du mir erzählen,« rief ich und sprang kurz entschlossen vom

Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh

heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den

Professor Asmus Zeit seines Lebens für einen Gott gehalten, auf seinem

Gefährt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus

zwischen den Köpfen seiner vier Pferde hindurch und ließ endlich die

Worte fallen: »Na, denn laß dir von Hann erzählen. 's is ein Mensch. Und

das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers

machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jünging,

die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und

's wär' gut, ich hätt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in

meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.«

Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gäule über die Brücke und richtete

sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Hüh!«

Da saßen wir nun in Hanns Wärterhäuschen, das so eng und winzig war, daß

außer dem Brückenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz

nehmen konnte.

Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grünes Feld mit

weißen Blumen die See, während unter unseren Füßen leise der Fluß

plätscherte.

Das klang so wohltuend, heimlich und gemütlich. Dazu noch die blauen

Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder,

daß ich mich heimisch fühlte.

»Ja,« sagte Hann, »so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brücke,

über die du wohl hauptsächlich was in Erfahrung bringen willst. (Er

glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit

Kupferbuchstaben geschrieben: >Erbaut vom Konsul Hollander 1897.< Und

das verhält sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr

Konsul hat es ausgeführt. Und das hing so zusammen. Du mußt nämlich

wissen, daß sie mir lange Zeit keine Ruhe ließ, ich hätte nich die

richtige Beschäftigung für mich, für den Fischfang wäre ich viel zu

langsam, ich ließ mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was

ähnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade über die alte

Notbrücke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch

fürs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der

Klappbrücke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier

stände. Ganz deutlich. Ja, ja,« setzte er stolz hinzu, »wenn sie so

erzählt! -- Und dann ging ein Drängen los, und ein Vorstellen, und ein

Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm

wegen der Brücke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir

wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon

oft bei mir draußen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal

wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es

um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Unterstützung heraus,

denn ihn mochte wohl das Geld drücken, das er damals von uns bekommen

hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hörte nämlich eines Tages

auf zu lachen, und weil ich nun fürchtete, sie könnte am Ende wieder

krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer

Gang,« fuhr Hann fort, während er sich den Schweiß abwischte, »aber

kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig über meinen Vorschlag, und vier

Monate später, da saß ich schon als Pächter hier in dem Verschlag und

nahm den Leuten das Geld ab.«

»Kesch -- kesch,« warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam

zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das

Einträgliche von Hanns Geschäft anzudeuten. »Wie sagt doch das schöne

Sprichwort? >Ein kluges Weib, ein starkes Pferd -- ein treuer Hund sind

Goldes wert<.« --

»Ein kluges Weib?« wiederholte ich verblüfft. Mir wurde ganz wirr zu

Sinn. »Ja, du sprichst immerfort von der Brücke, aber die Hauptsache

erzählst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?«

Hann nickte.

»Und -- und -- nimm mir's nicht übel, ihr seid doch nicht etwa -- --«

»Nein, das nich,« wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot.

»Aber warum blieb sie dann hier? -- Weshalb ging sie nicht fort?«

Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gespräch

offenbar peinlich wurde, und erhob sich: »Ja, siehst du, das is die

Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm,« fuhr er fort.

»Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mögen. Und

unterwegs erzähl' ich dir noch mehr.«

Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle

einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklärte, und als Hann und ich

bereits über die Brücke schritten, rief der Lotse mir noch nach, daß ich

am nächsten Tage natürlich einen Löffel Suppe bei ihm essen müßte.

»'s gibt Aale!« schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit,

während er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. »Alwining

kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hann erzählte.

Aber darüber kam er nicht fort, der grübelnde Mensch. Dieses Eine konnte

er sich nicht erklären.

Den Brief.

Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann

an ihrem Lager den Teufel überwand, da hatte sie gelesen und den Zettel

schweigend unter ihr Kissen geschoben.

Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit

einem Blick, der sprach: »Ich bin viel klüger als du«, und lächelte.

Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann

in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz

ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit.

Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des

Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line

fühlte.

»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß

dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du

wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun

mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst,

dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der

Brief sie haben wollte. Aber nichts -- sie wurde immer nur munterer,

allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm

alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus

da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit

wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die

Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie

sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie

lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden

Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes

Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft

hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele

Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jünging,« schloß Hann,

während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen

in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei

Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die

Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der

große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.«

Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte,

mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und

klammerte sich an Hanns Beine an.

»N'abend, Hann,« sagte der Große.

»Hann heißt er?« fragte ich.

»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben.

Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das

kleine Einmaleins.«

»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?«

Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück,

»die Muchows sind mit uns gezogen.«

»Na, und was sagen die Moorluker dazu?«

»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die

Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.«

»Ganz schön -- aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir

haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb

frage ich dich.«

Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus

fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur

Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als

stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum

Aufwachen.«

Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch

Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz

über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft

um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben

der Mauer.

»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je

erschien, die Ruhe.

Wortlos mußte ich nicken.

»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht

gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit,

Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht

erstreben.«

Aber Hann schüttelte das Haupt.

»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht,

aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du

dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? -- Jetzt weiß ich ganz

genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is?

Das is so ein schöner Traum -- und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das

Allerglücklichste und Allerhöchste!«

»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd

über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber,

dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?«

Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dies ist die Geschichte von Hann Klüth.

Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und

das Leben dichtet »ohne Ende«.

Hann Klüth: Roman · 第 75 / 76 题