In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem
weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so
wundervoll abgestochen hatte.
»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der
neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und
städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet
hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.
Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.
»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während
er ihr leicht über die Haare strich.
Er sah sie an.
Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines
erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.
»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht
um mich.«
Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht
gegeneinanderschnellen.
Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so
sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel
noch einmal zu wiederholen.
Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie
gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.«
»So? -- Ach was? -- Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?«
»Das weißt du nicht?«
Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling
schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken.
»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der
Steinplatte herumkratzte.
»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.«
»Schön, dann will ich dir's sagen. -- Ich bin tausend Jahre alt,«
platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die
Brust. »So, nun weißt du's.«
Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen
Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.
»Ich geh nun nach Haus!«
»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? -- Was soll das?«
Dennoch mußte er hinter ihr herrennen.
Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang.
Die Blätter raschelten zu ihren Füßen.
»Line -- Donnerwetter -- steh doch.«
Da war sie verschwunden.
Wohin?
Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft
Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so
verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.
»Line,« lockte er nochmals.
Kein Laut!
Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk
lachte die Abendröte.
Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.
Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts
taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn
stolpern.
Er kniete jetzt.
»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du
bist doch nicht klug genug.«
»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?«
»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht
weißt.«
Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen
Zähne.
Plötzlich schrie sie auf.
Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen
Griff ihre Hände in den seinen.
»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.«
»Nein,« widersprach Line.
»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir
abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.«
Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und
Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog
sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die
Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die
Augen.
»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt.
Line verbiß den Schmerz.
Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei.
Merkwürdig -- jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging
von jetzt an ruhig neben ihm her.
So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt,
welche die Ruinen der Landstraße abschließt.
In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange
vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land
hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich
hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn
heran.
Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für
lange Zeit zum letztenmal sehen würde.
Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und
starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst
nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil
sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der
schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.
»Komm!«
Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf
die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht.