Der Mantel

In einer Ministerial-Abteilung ...

Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Rußland nämlich

gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-,

Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen

unter dem Namen »Bürokraten« zusammenzufassen pflegt. Hält sich

heutzutage der eine von ihnen für auch nur ein wenig in seiner Ehre

gekränkt, so bildet er sich sogleich ein, daß in seiner Person auch die

ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein

Kreisrichter -- ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht

abgefaßt haben, in dem er dartun wollte, daß man den Erlassen der

Regierung nicht mehr die gebührende Achtung entgegenbringe, erfreche man

sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine

verächtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafür hatte er

seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in

dem man auf jeder zehnten Seite einem völlig berauschten Kreisrichter

begegnen konnte. Um also von vornherein allen künftigen Reklamationen

den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der

folgenden Vorgänge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In

einer Ministerialabteilung zu begnügen. In einer Ministerialabteilung

war ein Individuum beschäftigt, natürlich ein Beamter, der -- ich kann

es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend

aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm

jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas

kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte

eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hämorrhoiden leiden.

Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das

Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft --

denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten

festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem

ewigen »Titular-Rat«[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen,

die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser

Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die

beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen

vermögen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war

Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name läßt deutlich

erkennen, daß er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit

er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist völlig

unbekannt. Der Vater, der Großvater und sogar der Schwager unseres

Beamten, sowie überhaupt sämtliche Baschmatschkins hatten immer nur

Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen ließen. Der

Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht

wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich

kann ihm die Versicherung geben, daß dem nicht so ist, sondern daß die

Umstände es zur Unmöglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben.

Man höre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles

trügt, in der Nacht zum 23. März geboren. Seine verstorbene Mutter, die

einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging

natürlich, wie sich's auch gebührt, sofort daran, ihren Neugeborenen

taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Türe

gegenüber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch

Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persönlichkeit seines Amtes, Bürochef

im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna

Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei

Vorzügen ausgestattet war. Man schlug der Wöchnerin drei Namen zur

Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Märtyrers Chosdasat.

[Fußnote 9: Die russische bürokratische Hierarchie oder der Tschin

zerfällt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehört der neunten an.]

»Nein,« dachte sie, »die gefallen mir alle nicht!«

Um ihren Wünschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes

Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und

Warachatius. »Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes!« rief die alte

Mutter aus. »Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute höre

ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch

Waradat oder Baruch wäre, aber Trifili und Warachatius!«

Man blätterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und

Wachtissi.

»Nein, nun wird es mir klar,« rief die Alte, »es soll nicht sein! So mag

er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun

einmal keinen besseren wählen kann. Der Vater heißt Akaki. So mag der

Sohn denn auch Akaki heißen!« Und so taufte man ihn denn auf den Namen

Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde über den Taufstein gehalten:

natürlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse,

wie wenn es hätte ahnen können, daß es eines Tages Titular-Rat werden

würde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen

deshalb so breit erzählt, damit der Leser sich davon überzeugen kann,

daß es gar nicht anders hätte kommen können und daß ein anderer Name für

den kleinen Akaki unmöglich gewesen wäre.

Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm

dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie

viele Vorgesetzte aller möglichen Schattierungen auch schon aufeinander

gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn

stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, über dieselbe

Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so daß man hätte glauben können,

daß er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit

seinen kahlen Schläfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei,

in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rücksicht

auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem

Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm

nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine

Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des

Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm

einen Stoß von Papieren aufhäuften:

»Haben Sie doch die Güte, dieses hier abzuschreiben!« --

oder etwa:

»Das ist etwas sehr Interessantes, eine äußerst angenehme Arbeit!«

oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am

Platze ist.

Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor

ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende überhaupt dazu berechtigt

gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben.

Seinen Kollegen, die bei weitem jünger als er waren, diente er als

Gegenstand für ihre Spöttereien und zur Zielscheibe für ihre

Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten

überhaupt von Geist reden kann. Bald erzählten sie sich eine Menge

erfundener Geschichten über ihn und über die Frau, bei der er wohnte,

eine siebzigjährige Greisin. Man sprach davon, daß sie ihn hin und

wieder verprügle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar

treten wolle. Oder man ließ auch auf sein Haupt Papierkügelchen

herabregnen und wollte ihm dann weismachen, daß es Schneeflocken wären.

Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er

erweckte den Eindruck, als wüßte er garnichts von der Gegenwart der

andern. Alle diese kleinen Quälereien taten seiner Beharrlichkeit im

Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch

nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der

Scherz zu unerträglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am

Schreiben, so sagte er auch dann nur:

»Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus

beleidigen?« Und es lag etwas merkwürdig Rührendes in diesen Worten und

in der Art, wie er sie sprach.

Eines Tages geschah es, daß ein junger Mann, der soeben eine Anstellung

im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine

Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als

hätte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den

alten Beamten mit ganz andern Augen an.

Man hätte meinen können, daß eine übernatürliche Macht ihn von seinen

Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst für

gebildete und anständige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand

er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel später

mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten

kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren

tönten die Worte wider:

»Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus

beleidigen?«

Und er hörte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen

schlummerten:

»Bin ich nicht euer Bruder?«

Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Händen, und oft noch zuckte

er später bei der Erkenntnis zusammen, daß das menschliche Herz doch nur

wenig menschliche Empfindung in sich berge, und daß soviel Härte und

Roheit selbst denen eigen wäre, die eine feine und vornehme Erziehung

genossen hätten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen für

gütige und ehrenwerte Menschen galten.

Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit

gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit

gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er

Akten abschrieb, so öffnete sich vor ihm eine überaus schöne, eine

freundliche Welt. Man konnte von seinen Zügen das Vergnügen, das ihm das

Kopieren bereitete, ablesen. Es gab für ihn Lieblingsbuchstaben, die er

mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung

des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz

anderer: er lächelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich,

-- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen,

welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.

Wäre er nach Verdienst belohnt worden, so hätte er sich zu seinem

eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben

gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem

Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze

Beharrlichkeit trug ihm nur Hämorrhoiden ein.

Übrigens muß ich hier hinzufügen, daß er eines Tages doch eine gewisse

Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anständiger, wohlgesinnter

Mann, der ihn für seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine

wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der

gewöhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend

eine andere Behörde abfassen, die Titel verschiedener Akten ändern und

im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten

ersetzen.

Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie

kostete ihn solche Anstrengungen, daß ihm der Schweiß von der Stirn rann

und er endlich ausrief:

»Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!«

Und von nun an ließ man ihn bis an sein Lebensende kopieren.

Es schien fast, als ob außer seinen Kopieen nichts auf der Welt für ihn

existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprünglich grüne

Uniform hatte allmählich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen

war so eng und so niedrig, daß sein Hals, der eigentlich kurz war,

beträchtlich über ihn hinausragte und abnorm lang erschien, ähnlich wie

bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Köpfen, die die fremden Hausierer

in den russischen Dörfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.

Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben

war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Außerdem hatte er eine ganz

besondere Vorliebe dafür, gerade in dem Momente unter einem Fenster

vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen

Gegenstand auf die Straße warf, und nur selten war sein Hut nicht mit

einer Melonenschale oder ähnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm

ein, sich mit dem, was auf den Straßen vor sich ging und alltäglich vor

sich geht, zu beschäftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden

Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren

gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir

sofort alles Merkwürdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit

zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes

Lächeln entlockte.

Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmäßigen

Linien seiner Kopieen vor sich, und er mußte schon plötzlich an die

Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies,

geraten, um sich zu erinnern, daß er sich nicht vor seinem Pult befand,

vor seinen schönen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf

der Straße. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch,

schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekümmert

um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stück Rindfleisch mit

Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und

der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefüllt, dann stand

er auf, holte ein kleines Tintenfaß aus der Tasche und begann

pflichtgemäß die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen

hatte. Hatte er zufällig gerade keine dienstlichen Schriftstücke

abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergnügen Dokumente,

denen er eine besondere Wichtigkeit beimaß -- nicht wegen ihrer mehr

oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine

hochgestellte Persönlichkeit gerichtet waren.

Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der

Nacht verhüllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen

gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Börse eingenommen hat,

-- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den

Sorgen und den Geschäften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die

unruhigen Menschen oft selbst unnützerweise auferlegen, zu erholen

sucht, so ist es ganz natürlich, daß die Beamten den Rest des Tages

irgend einer persönlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins

Theater, die andern gehen spazieren und vergnügen sich damit, die

Toiletten und Hüte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soirée, wo

sie an irgend ein hübsches Mädchen -- irgend einen Stern, der am

bescheidenen Horizonte ihres bürokratischen Himmels aufsteigt, einige

zärtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese

sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder

vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Küche und

einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mühselig erbeuteten

Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer

Einschränkungen gekauften Artikel birgt.

Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere

Weise seinem Müßiggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist,

dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus

einer langen Pfeife Tabak. Man erzählt sich die Skandalgeschichten, die

in der großen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe

immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen

Gesellschaft wegwenden, über die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind,

wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht

wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des

Großen den Schweif abgeschnitten.

Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amüsements

blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand hätte sagen

können, daß er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft

gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben müde geworden war und nicht

mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des

folgenden Tages, an all die schönen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch

reserviert hatte.

So floß das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen

von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war,

und er würde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wäre er nicht

einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur

Titularräte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsräte, die

Hofräte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen,

treffen kann.

In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur über ein Einkommen von

ungefähr vierhundert Rubeln verfügen, einen furchtbaren Feind, und

dieser gräßliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl

man im allgemeinen behauptet, er wäre der Gesundheit sehr zuträglich.

Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen Ämter sich in

ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Kälte ohne Unterschied so sehr die

Nase, daß die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken

sollen.

Wenn in solchen Augenblicken die hohen Würdenträger in Person so sehr

unter der Kälte leiden, daß ihnen die Stirne weh tut und die Tränen in

die Augen steigen, wie schlimm muß es da erst den Titularräten ergehen,

die doch über gar keine Mittel verfügen, um sich gegen die Unbilden der

Kälte zu schützen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hüllen

können, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur übrig, fünf oder sechs

Straßen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu

machen, um hier so lange auf den Füßen herumzuspringen, bis sie ihre

eingefrorenen bureaukratischen Fähigkeiten wiedererlangt hatten.

Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rücken und in den

Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in großer Eile und außer

Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen

pflegte. Nachdem er lange hierüber nachgedacht hatte, gelangte er

schließlich zu der Annahme, daß sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein

müsse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses

Kleidungsstück sorgfältig untersuchte und hierbei feststellte, daß der

einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten

Tüll verwandelt hatte und so dünn geworden war, daß er fast durchsichtig

schien; außerdem war das Futter völlig zerrissen. Man muß nämlich

wissen, daß dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe für die

Spöttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man

hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn

Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, daß dieses Kleidungsstück ein

äußerst merkwürdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen

immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme

Titular-Rat ein Stück davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte

Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts

weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren möglichst ungeschickt

aufgesetzt und sahen keineswegs schön aus. Als Akaki Akakiewitsch seine

traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, daß er ohne

Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock

eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen müsse.

Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im

nüchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, für die Herren Beamten

Röcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im

Kopfe hatte. Ich könnte wohl darauf verzichten, hier länger bei diesem

Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine

Persönlichkeit in einer Erzählung vorzustellen, deren Physiognomie man

nicht genau zu schildern vermöchte, so bin ich gezwungen, meinen

Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Früher, als er

noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hieß er ganz schlicht Gregori.

Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch

anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunächst nur an den hohen

Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit

einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den

Gewohnheiten seiner Großväter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken

wollte, hieß er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir

diese Frau schon erwähnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar

Worte sagen: leider ist nur nicht viel über sie zu berichten, außer daß

sie eben die Frau des Petrowitsch war, und daß sie eine Haube auf dem

Kopfe trug. Im übrigen war sie nicht gerade eine Schönheit zu nennen,

höchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Straße

begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lächeln

zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki

Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die

Treppe, die zu ihr führte, war dunkel, schmutzig, feucht und strömte,

wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen

beizenden Branntweingeruch aus.

Während der Titular-Rat die schlüpfrigen Stufen hinaufkroch, überlegte

er, welchen Preis Petrowitsch wohl für die Reparatur fordern könnte, und

er beschloß, ihm unter keinen Umständen mehr als zwei Rubel anzubieten.

Die Tür des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der

Küche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei,

hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Küche, die

so voller Rauch war, daß man nicht einmal die vielen sie bevölkernden

Schwaben sehen konnte, er ging durch die Küche, ohne daß die Frau seiner

ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem

großen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische saß, die Beine wie ein

türkischer Pascha übereinandergeschlagen und nach der Art der meisten

russischen Schneider mit nackten Füßen.

Wenn man an ihn näher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die

Aufmerksamkeit auf ihn: nämlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein

wenig verstümmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer

Schildkröte. Um den Hals hatte er einen Knäul Seidenfaden und mehrere

Zwirnsträhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock.

Seit einigen Minuten bemühte er sich, eine Nadel einzufädeln, jedoch

ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden.

»Willst du nun endlich hinein, Taugenichts!« schrie er. »Bald habe ich

keine Kraft mehr, verdammtes Ding!«

Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, daß er einen ungünstigen Augenblick

erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wäre ihm lieber

gewesen, Petrowitsch in einer jener günstigen Stunden anzutreffen, in

denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine

Frau sich auszudrücken pflegte -- wo dieser einäugige Teufel sich eine

solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es für den Kunden ein

leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider

ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, daß er sich ehrfürchtig

vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen überschüttete.

Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschäftlichen Abmachungen,

beklagte sich über ihren Mann, schrie und tobte und erklärte, er sei

betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise

angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war

abgeschlossen.

Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglück Petrowitsch bis zu diesem

Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser

Gemütsverfassung war der Schneider starrköpfig, unvernünftig und fähig,

einen schrecklich hohen Preis zu fordern.

Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und hätte gern wieder Reißaus

genommen; jedoch es war dazu zu spät: das Auge des Schneiders, sein

einziges Auge, denn er war einäugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so

stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:

»Guten Tag, Petrowitsch!«

»Guten Tag, Herr!« antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort

auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was für ein

Objekt sie trug.

»Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...«

Hier ist die Bemerkung am Platze, daß der furchtsame Titular-Rat es sich

zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte,

Präpositionen, Adverbien oder Redeteile, die überhaupt keinen Sinn

ergaben, auszudrücken.

War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer

Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu

sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann

stotterte er nur ein paar Worte heraus: »Das ist doch wirklich ganz ...«

und dann folgte überhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen,

was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.

»Was wünschen Sie, Herr?« fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit

seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Füßen musterte und seinen

fragenden Blick über Kragen, Manschetten, Taille, Knöpfe, kurz über die

gesamte Uniform Akakis gleiten ließ, die er sehr gut kannte, da er

selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die

Eigentümlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie

einem Bekannten begegnen.

Akaki antwortete stotternd wie gewöhnlich:

»Ich möchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch

... übrigens ... ich für meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz

gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig

abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer

Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rücken ... und hier an der

Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es

ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun

...«

Petrowitsch ergriff den unglückseligen Mantel, breitete ihn auf dem

Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schüttelte dann das Haupt.

Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit

dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich weiß

nicht, was das für ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht

befand, war mit dem Finger durchlöchert, und da hatte der Schneider

flugs einen viereckigen Streifen Papier darüber geklebt.

Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die

Kutte von neuem in die Hände, hielt sie ans Licht und schüttelte zum

zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an,

schüttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit

dem Porträt eines Generals geschmückten und mit einem Papierstreifen

geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die

Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich:

»Daran ist überhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz

elender Fetzen!«

Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen.

»Weshalb nicht, Petrowitsch?« fragte er in dem weinerlichen Ton eines

Kindes, »dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen

Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der

Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunähen.«

»Allerdings habe ich genug Flicken,« versetzte Petrowitsch, »aber wie

soll ich sie denn darauf nähen? Das Tuch ist abgescheuert und hält

nirgends mehr stand.«

»Ach was! so werden Sie einfach einen größeren Flicken nehmen!«

»Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht

halten, der Flicken wäre auch zu groß; das kann man doch kaum noch Tuch

nennen, ein Windstoß genügt ja, um es völlig zu zerfetzen!«

»Näh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.«

»Nein!« erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, »da ist gar nichts mehr

zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wäre besser, daraus für den

Winter Fußlappen zu machen; das wärmt die Füße weit mehr als Strümpfe.

Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld

abzunehmen.«

Petrowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne den Deutschen eins

auszuwischen.

»Sie müssen sich einen neuen Mantel machen lassen,« fügte er hinzu.

»Einen neuen Mantel?«

Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des

Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er

deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier überklebte Porträt

des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.

»Einen neuen Mantel?« murmelte er wie traumverloren. »Aber ich habe doch

kein Geld dazu.«

»Jawohl, einen neuen Mantel!« wiederholte Petrowitsch mit grausamer

Beharrlichkeit.

»Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich faßte einen solchen

Entschluß ... wieviel? ...«

»Sie wollen sagen, wieviel er kosten würde?«

»Ja.«

»So was wie hundertundfünfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden

müssen,« erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff.

Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes

Vergnügen darin, seine Kunden zu verblüffen und dann mit seinem einzigen

schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.

»Hundertundfünfzig Rubel für einen Mantel?« sagte Akaki Akakiewitsch.

Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem

Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt

ausgestoßen hatte, denn gewöhnlich sprach er ja mit großer

Furchtsamkeit.

»Ja,« versetzte Petrowitsch, »ohne Marderkragen und Seidenfutter für den

Umhang; sonst würde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.«

»Petrowitsch, ich beschwöre Sie,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch

flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr

hörte, ihn auch nicht hören wollte; »ich beschwöre Sie, diesen Mantel

irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!«

»Nein! das wäre verlorene Mühe und eine unnütze Ausgabe, eine reine

Verschwendung,« versetzte Petrowitsch.

Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert

zurück, während Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich

selbst äußerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des

gesamten Schneiderstandes, stehen blieb.

Ziellos und betäubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straßen umher.

»Welche Widerwärtigkeit!« sprach er beim Gehen vor sich hin.

»Wahrhaftig, ich hätte niemals gedacht, daß das so ausgehen würde ...

Nein,« fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, »ich konnte nicht

annehmen, daß es dazu kommen würde ...« Dann schwieg er wieder eine

Weile still und sagte schließlich: »Ich befinde mich augenblicklich in

einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit,

daß ...«

Und während er solcher Art sein Selbstgespräch fortsetzte, schlug er,

anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung völlig entgegengesetzte

Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger

schwärzte ihm beim Vorübergehen den Rücken. Von einem im Bau

befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mütze mit Gips auf den

Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte

gegen einen Wachtposten stieß, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den

Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand

schüttete, erwachte er rauh aus seinen Träumen.

»Was tust du hier?« schrie ihn der brutale Hüter der öffentlichen

Ordnung an; »kannst du nicht, wie es sich gehört, auf dem Trottoir

gehen?«

Dieser plötzliche Anruf riß Akaki Akakiewitsch endlich völlig aus dem

Zustande der Betäubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, überblickte

kaltblütig die Situation und ging ernst und freimütig mit sich zu Rate

wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.

»Nein,« sagte er endlich, »heute werde ich nichts bei Petrowitsch

erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine

Frau geprügelt, -- ich werde ihn nächsten Sonntag wieder aufsuchen.

Sonntag Morgen nach einer durchschwärmten Nacht wird er stark schielen,

Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich

werde ihm ein Zehnkopekenstück in die Hand drücken, dann wird er viel

eher zugänglich sein und mit sich über den Mantel sprechen lassen.«

Sich an dieser Hoffnung stützend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum

nächsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne

Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und

fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande völligster

Niedergeschlagenheit. Er schielte stärker als je und war ganz

verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich

handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der

Teufel in ihn gefahren.

»Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie können sich jetzt nur einen

neuen Mantel kaufen.«

Akaki Akakiewitsch drückte ihm hier ein Zehnkopekenstück in die Hand.

»Danke, Euer Gnaden,« antwortete Petrowitsch, »ich werde auf Ihre

Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so dürfen Sie

gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert.

Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, ich werde Ihnen einen prachtvollen

neuen anfertigen -- ich bürge Ihnen dafür!«

Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal über das andere Mal den

Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar

nicht mehr anhören und sagte: »Ich will Ihnen schon einen neuen

anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die größte Mühe geben. Ja,

ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und Ösen an dem

Kragen anbringen.«

Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, daß er sich tatsächlich einen

neuen Mantel werde anschaffen müssen, und zum zweitenmal fühlte er sich

einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit

ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den

Feiertagen Ansprüche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafür hatte

er schon längst eine Bestimmung gefunden. Er mußte sich ein Paar

Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der

ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schäfte aufgesetzt

hatte. Er mußte sich bei der Näherin drei neue Hemden und zwei von jenen

Kleidungsstücken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den

literarischen Anstand verstößt, kurz alles war schon im voraus bestimmt.

Und sollte -- ein unerwartetes Glück! -- der Direktor etwa die

Gratifikation von vierzig auf fünfzig Rubel erhöhen, was wäre

schließlich dieser magere Überschuß im Vergleich mit der unerhört hohen

Summe, die Petrowitsch für den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen

Wasser im Ozean.

Er wußte freilich, daß Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz

unglaubliche Preise zu verlangen, sodaß sich seine Frau oft nicht

enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren:

»Bist du verrückt, du Esel? Bald arbeitest du für ein reines Nichts, und

ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu

fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.«

Er glaube demnach, daß Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig

Rubel für einen neuen Mantel einverstanden sein würde. Aber wo sollte

man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht würde es ihm

gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hälfte oder sogar

noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hälfte

nehmen!

Wir müssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur

Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben!

Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine

Kopeke in eine kleine Sparbüchse zu werfen, die stets fest verschlossen

war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstücke

heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses

Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgeführt, und so beliefen

sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als

vierzig Rubel. So besaß er wenigstens die Hälfte der in Betracht

kommenden Summe. Aber die andere Hälfte! Wo sollte er die andern vierzig

hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schließlich sagte

er sich, daß er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner

Ausgaben reduzieren könne, des Abends auf den Tee verzichten, keine

Kerze anzünden und -- wenn er etwas zu arbeiten hätte -- sich mit seinen

Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen müßte, um seine Arbeit bei ihrer

Kerze zu vollenden. Er faßte auch den Entschluß, auf der Straße

möglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den

Zehenspitzen über das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine

Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wäsche nicht so oft

waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen

bloß seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes

Stück, das die Zeit jedoch glücklicherweise noch ziemlich verschont

hatte.

Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach

gewöhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit,

sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Während

sein Körper unter dieser Unterernährung litt, fand sein Geist in der

unaufhörlichen Beschäftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem

Augenblicke an hätte man sagen können, daß seine Natur das passende

Komplement gefunden, daß er sich verheiratet hätte, daß noch ein anderer

Mensch immer um ihn war, daß er nicht mehr einsam war und daß ihm eine

Gefährtin zur Seite stände, die ihn auf allen seinen Lebenswegen

begleitete; diese Gefährtin -- war das Bild seines Mantels, wohl

wattiert und gefüttert, eines Mantels, der überhaupt nicht umzubringen

war.

Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als früher

einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen

hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und

Ängstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine

lässige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren

Züge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glänzten seine Augen wie in

neuem Leben, und in seinen kühnen Träumen legte er sich bereits die

Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen

Mantelkragen anbringen lassen könne.

Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwürdig zerstreut. Eines Tages,

als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er plötzlich, daß ihm

beinahe ein Fehler untergelaufen wäre.

»O, o!« rief er aus.

Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.

Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm

über den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit

ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer

es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht käme.

Jeder dieser Besuche führte zu neuen Erwägungen; aber jedesmal kehrte er

zwar etwas besorgt aber doch glücklich und zufrieden nach Hause zurück,

denn nun mußte doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt,

und der Mantel fix und fertig sein würde.

Dieses große Ereignis trat viel früher, als er gehofft hatte, ein. Der

Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder

fünfzig, sondern von fünfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave

Beamte bemerkt, daß unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines

neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene

Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?

Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel

reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mußte notwendig die

Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen.

Noch zwei oder drei Monate, während deren er hungerte, und Akaki

Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewöhnlich

friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe

von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle

beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhändler.

Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr

denn einem Jahre hatten sie sich über diese Anschaffung unterhalten,

über alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat für Monat hatten

sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfältigste studiert um sich über

die Preise zu vergewissern. Dafür erklärte aber Petrowitsch auch, einen

bessern Stoff würde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie äußerst

feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide

war und überdies einen unvergleichlichen, viel schöneren Glanz hatte.

Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie

entschieden sich für das schönste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden

gab und das man schließlich wohl auch für Marder halten konnte.

Um dieses Kleidungsstück anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller

vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die

wäre er allerdings früher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit

mit zwölf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide

gearbeitet, und der Schneider hatte die Nähte mit den Zähnen, deren

Spuren man noch sah, gebügelt. Endlich kam er an, der so innig

herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht möglich, genau den Tag zu

beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben

Akakij Akakiewitschs.

Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frühen Morgen, bevor

der Titular-Rat sich in sein Büro begab. Er hätte garnicht zu

gelegenerer Zeit kommen können, denn die Kälte machte sich bereits

bitter fühlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.

Petrowitsch näherte sich seinem Kunden mit der würdevollen Miene eines

weltberühmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen

Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem

Verdienst durchdrungen und bemaß in Gedanken voller Stolz den Abstand,

der den Flickschneider von dem Künstler, dem Verfertiger neuer

Kleidungsstücke, scheidet.

Der Mantel war in eine neue, erst kürzlich gewaschene Leinewanddecke

gehüllt, die der Schneider sorgfältig aufknüpfte und dann wieder

zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann faßte er stolz

den Mantel mit beiden Händen an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf

die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der

Hand noch einmal über den Rücken, und ein Lächeln der Genugtuung

überlief seine Züge, als er ihn in seiner ganzen Länge majestätisch

herabfallen sah; schließlich mußte Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal

weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne präsentieren.

Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die Ärmel

anprobieren; Petrowitsch half ihm in die Ärmel hinein, und siehe da, sie

saßen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen

Einzelheiten, und der Schnitt ließ nichts zu wünschen übrig.

Während der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf

hinzuweisen, daß er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer

kleinen Nebenstraße wohne und nichts für ein Aushängeschild zu zahlen

brauche, sowie wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit Akakij

Akakiewitsch so billig hergestellt hätte. Dann bemerkte er noch, daß ein

Schneider vom Newski Prospekt allein für die Fasson eines gleichen

Mantels mindestens fünfundsiebzig Rubel gefordert haben würde. Akakij

Akakiewitsch wollte sich jedoch über diesen Punkt nicht erst in eine

Diskussion einlassen, denn er fürchtete sich vor den horrenden Summen,

mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verließ

seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Büro zu begeben.

Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Straße halt, um ihm

so weit wie möglich mit den Augen zu folgen. Dann verließ er die Straße,

durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Straße zurück,

um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu

betrachten.

Voll süßer Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, näherte sich

Akakij seinem Büro. Jeden Augenblick fühlte er, daß von seinen Schultern

ein neues Kleidungsstück herabhing und beglückte sich selbst mit einem

holden Lächeln der Genugtuung.

Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunächst, daß der Mantel

warm war, sodann, daß er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er

gegangen war, geachtet zu haben, betrat er plötzlich die Kanzlei, legte

seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfältig

von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu

achten.

Ich weiß nicht, wie sich das Gerücht in den Bureaus verbreitet hatte,

daß Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte

Kapuze zu existieren aufgehört habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen

Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und

den Titular-Rat mit so warmen Glückwünschen zu überhäufen, daß er nicht

umhin konnte, ihnen mit einem Lächeln der Genugtuung zu antworten, das

bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte.

Aber wie groß war seine Überraschung, als seine schrecklichen Kollegen

ihn merken ließen, daß sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedürfe

und daß sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch

war darüber so bestürzt, so betäubt, daß er nicht wußte, was er zu

seiner Entschuldigung anführen sollte. Errötend stotterte er, das

Kleidungsstück sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel

wäre vielmehr schon ganz alt.

Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Bürovorstehers, der

ohne Zweifel dartun wollte, daß er so gar nicht stolz auf seinen Rang

und Titel war und daß er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht

verschmähte, nahm das Wort und sagte:

»Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten.

Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe

heute gerade Geburtstag!«

Alle Beamten dankten ihrem Chef für seine Güte und beeilten sich, seine

Einladung mit großer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst

ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, daß das sehr unhöflich von ihm wäre,

gewissermaßen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fügte er sich

denn in das Notwendige.

In Gedanken empfand er übrigens eine gewisse Freude darüber, daß er auf

diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Straße zu

zeigen. Dieser ganze Tag war für ihn ein Fest. In dieser glücklichen

Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hängte

ihn, nachdem er einmal übers andre Stoff und Futter geprüft hatte, an

die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit

Petrowitschs Meisterstück zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von

einem Kleidungsstück zum andern und sanft lächelnd dachte er: »Welch ein

Unterschied!« Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich

eines Lächelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was für einer

Verfassung sein alter Mantel sich befand.

Ganz fröhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er

sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein

rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des

Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.

Es dürfte mir leider nicht möglich sein, Ihnen die Wohnung dieses

Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen

hatte. Mein Gedächtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die

Straßen und Häuser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige

Verwirrung an, daß ich große Mühe habe, mich nur einigermaßen zurecht zu

finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, daß der würdige

Beamte in einem der schönsten Stadtviertel wohnte, und daß infolgedessen

seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.

Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete

Straßen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der

Wohnung seines Vorgesetzten näherte, um so heller und belebter wurden

die Straßen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode

gekleideter Spaziergänger, schönen eleganten Frauen und Herren, die

Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbänken und ihren

mit goldenen Nägeln geschmückten Gittern wurden immer seltener, und alle

Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmützen, die mit

Bärenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle

Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten

Kutschböcken, die knirschend über den Schnee dahinglitten.

Das war für unsern Akaki Akakiewitsch ein gänzlich neues Schauspiel.

Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht

neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein

Gemälde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Porträt einer

Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzückenden

Fuß von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der

durch eine halbgeöffnete Tür blickte, bewundern ließ.

Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte,

schüttelte er den Kopf und setzte lächelnd seinen Weg fort. Warum

lächelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? für den er

sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verständnis

bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner

Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame

Einfälle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es

wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im

übrigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen

und die Gedanken der Menschen zu lesen.

Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs

wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe

brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten

Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine

lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer

ein Samowar, an den Wänden hingen die Mäntel, von denen mehrere mit

Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang

ein wirres Geräusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die

Tür öffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit

Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gäste mußten bereits

lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste

Tasse Tee geleert.

Akaki hängte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das

hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen

ausgerüsteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr

laut unterhielten und ihm Stühle hin und her schoben.

Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Türschwelle stehen, da er

nicht wußte, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon

bemerkt, begrüßten ihn mit großem Hallo und eilten sofort in das

Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem

braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und

treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig über die

Glückwünsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstücke

darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder

und gingen an ihre Whisttische zurück. Diese Bewegung, diese Erregung,

die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte

unseren schüchternen Akaki Akakiewitsch im höchsten Grade. Er wußte

nicht, wo er seine Hände und Füße hintun, wie er sie verbergen sollte;

schließlich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten,

bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu gähnen und

sich zu langweilen an, denn er empfand, daß die Stunde bereits längst

verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte

sich zurückziehen, doch hielt man ihn zurück, indem man ihm klarmachte,

er dürfe sich unmöglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier

dieses denkwürdigen Tages getrunken zu haben.

Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat,

kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu

jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah

sich genötigt, zwei große Gläser von diesem prickelnden Getränk zu

leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein

heiteres Ansehen anzunehmen. Indes vergaß er nicht, daß Mitternacht

vorüber und daß es längst Zeit zum Nachhausegehen war.

In der Furcht, noch länger zurückgehalten zu werden, schlich er sich

insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf

dem Boden erblicken zu müssen. Er schüttelte ihn mit größter Sorgfalt,

entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe

hinunter.

Die Straßen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und

dem niederen Volke besuchten Läden waren noch geöffnet; einige waren

zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den

Türspalten fiel, unschwer erkennen, daß die Gäste noch nicht gegangen

waren. Wahrscheinlich saßen die Knechte und Mägde noch immer in

lebhaftem Gespräche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener

Unklarheit über ihren Aufenthaltsort ließen.

Überaus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach

seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame

nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren sämtliche

Körperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich

bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg

langsam weiter fort, höchst verwundert über das lebhafte Tempo, das er

angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte

Gassen und plötzlich merkte er, daß er sich in einer jener Straßen

befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe

auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher.

Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer

seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig Öl für die

Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhäuser, Palisadenzäune --

aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen

glänzte der Schnee, und all die kleinen Häuser mit ihren verschlossenen

Läden lagen in der Dunkelheit gar trübselig da. Er gelangte an eine

Stelle, wo die Straße in einen riesigen, mit Häusern bebauten Platz

mündete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien

fast, als befände man sich in einer weiten und trostlosen Wüste.

In der Ferne, Gott weiß wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause

her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor

Akaki Akakiewitsch seine fröhliche Stimmung. Er ging mit starkem

Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm

liegende Raum erschien ihm größer als der Ozean.

»Nein,« sagte er, »ich will lieber garnicht hinsehen!«

Und er ging weiter, indem er die Augen beständig zumachte. Als er sie

öffnete, sah er sich plötzlich von mehreren bärtigen Männern umgeben,

deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den

Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.

»Dieser Mantel gehört mir,« schrie einer der Männer, indem er Akaki

Akakiewitsch an dem Kragen faßte.

Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schloß ihm

indessen mit seiner Faust, die die Größe eines Beamtenkopfes hatte, den

Mund und sagte zu ihm:

»Laß dir's nur nicht einfallen, zu schreien!« Im selben Augenblick

fühlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast

gleichzeitig ließ ihn ein Fußtritt in den Schnee rollen, in dem er

bewußtlos liegen blieb.

Einige Sekunden später kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand

mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er

aus Leibeskräften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum

anderen Ende des Platzes dringen. Ganz außer sich lief er über den Platz

und stürzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das

Schilderhäuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fuß, ihn neugierig

betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lärm

vollführe und wie ein Verrückter liefe.

Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn

mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, daß

man in nächster Nähe von ihm die Passanten bestehle und ausplündere.

»Ich habe nichts gesehen,« erwiderte der Mann, »ich sah Sie nur mitten

auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wären Ihre

Freunde. Es ist unnütz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den

Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen,

nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung

einleiten.«

Der unglückliche Akaki Akakiewitsch kam in einem fürchterlichen Zustande

zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der

Schläfe hatte, hingen ihm wirr über die Stirn; Brust, Rücken und

Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen

Besessenen an die Tür klopfen hörte, stand sie schnell auf und kam auf

nackten, nur in Pantoffeln steckenden Füßen herbeigeeilt. Sie öffnete

die Türe, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der

einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick

prallte sie entsetzt zurück.

Als er ihr erzählte, was ihm zugestoßen war, rang sie die Hände und

rief:

»Sie müssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den

Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schönen Worten abspeisen

und doch nichts für Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon

lange. Meine alte Köchin Anna, eine Finnländerin, dient jetzt bei ihm

als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er

geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten

freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, daß er ein braver

Mann ist.«

Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein

Zimmer zurück. Wer sich nur einigermaßen in die Situation eines andern

hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.

Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man

bedeutete ihm, daß dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er

wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar

ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit

ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten

ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu

sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen

Energieversuch. Er erklärte kategorisch, daß er unbedingt und zwar auf

der Stelle mit dem Kommissar reden müsse, er komme aus dem Departement,

daher dürfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine

äußerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand

einfallen, ihn zu behindern, so würde er sich beschweren, und dies

könnte ihnen teuer zu stehen kommen.

Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber

ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewährte nun Akaki

Akakiewitsch eine Audienz, hörte sich jedoch seine Erzählung über den

Raub seines Mantels in einer recht merkwürdigen Weise an. Anstatt sich

für den Hauptpunkt, nämlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er

den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wäre, zu so ungewöhnlicher

Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdächtigen

Hause gewesen sei.

Völlig verblüfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort

und zog sich zurück, ohne genau zu wissen, ob man sich überhaupt mit

seiner Angelegenheit beschäftigen würde oder nicht.

Er war den ganzen Tag über nicht in seinem Bureau gewesen: (ein

unerhörtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er

wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten

Mantel, der nun noch jämmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen

erfuhren, welches Unglück ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer

einige Rohlinge, die aus vollem Halse darüber lachen zu müssen glaubten;

die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und

veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglücklicherweise

hatte dieses löbliche Unternehmen nur ein völlig ungenügendes Resultat,

weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei

Subskriptionen beigesteuert hatten: zunächst mußten sie sich ein Porträt

ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das

Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte

erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz

unbedeutende Summe zusammenkam.

Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme

entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen

guten Rat geben. Er sagte ihm, daß es verlorene Mühe wäre, sich noch

einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, daß dieser

Beamte sich wirklich Mühe geben sollte, um sich das Lob seiner

Vorgesetzten zu verdienen, und daß es ihm in der Tat glücken sollte,

seinen Mantel aufzufinden, so würde die Polizei dieses Kleidungsstück so

lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht

unumstößlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels

legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse,

hochgestellte Persönlichkeit zu wenden, welche hochstehende

Persönlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behörden die Sache

ohne große Schwierigkeit erledigen könne.

In seiner Verwirrung entschloß sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu

leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persönlichkeit

eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, hätte

man nicht sagen können. Man wußte einzig und allein, daß diese _hohe

Persönlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte säße, bis dahin war

sie nämlich eine ganz unbedeutende Persönlichkeit gewesen. Allerdings

gab es andre noch höher gestellte Persönlichkeiten, aber bekanntlich

finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persönlichkeit, die

andre Menschen für unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende

Persönlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle

möglichen Hebel in Bewegung, um noch höher zu steigen. So zwang er alle

andern Beamten, die unter ihm standen, am Fuße der Treppe auf ihn zu

warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen,

sondern dies alles mußte auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der

Kollegien-Sekretär teilte einem Regierungs-Sekretär das Audienzgesuch

mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch höheren

Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persönlichkeit

darüber Bericht ab.

Das ist der gewöhnliche Gang der Geschäfte in unserem heiligen Rußland.

Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, daß jeder die

Manieren seines Vorgesetzten nachäfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit

ließ ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus beförderter

Titular-Rat über einem seiner Zimmer die Aufschrift »Beratungssaal«

anbringen. An der Tür standen Diener mit roten Kragen und gestickten

Röcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen

äußerst kleinen, kaum einem gewöhnlichen Schreibtisch Platz bietenden

»Saal« hineinführten.

Aber kehren wir zu unserer hohen Persönlichkeit, zu unserem Beamten,

zurück. Er hatte eine imponierende majestätische Haltung, wenngleich

sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System

faßte sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hieß: Strenge,

Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und

beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte,

bedeutungsvoll an. Er hätte gut darauf verzichten können, soviel Energie

zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen

Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, fürchteten ihn schon

ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst

ihren Federhalter hin und stürzten herbei, um bei seinem Vorübergang

Spalier zu bilden. In seinen Gesprächen mit seinen Untergebenen

beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende

Worte:

»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen

Sie nicht, wen Sie vor sich haben!«

Im übrigen war er ein braver Mann und liebenswürdig und gefällig gegen

seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit

dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den größten Teil

seiner Zeit in einer Art Schwindel und wußte kaum noch, wie er sich

benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen

menschlich und vernünftig. Dann benahm er sich wie ein anständiger und

in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er

sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los --

dann beschränkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser

Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst

empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit hätte verbringen können.

Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht

entgehen, daß er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante

Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend

zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familiär zu zeigen, hielt

ihn davon zurück. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete

er eine außerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend

ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze

getrieben, daß man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel

war wohl verdient.

Das war die hohe Persönlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und

Schutz angehen mußte. Der Augenblick, den er wählte, um seine Absicht

auszuführen, schien äußerst ungünstig, besonders für Akaki Akakiewitsch,

dagegen um so günstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln.

Die hohe Persönlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und

plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem

angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man

ihr meldete, daß ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei

Seiner Exzellenz nachsuchte.

»Wer ist das?« fragte er kurz und sehr erstaunt.

»Ein Beamter!«

»Warten lassen. Beschäftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.«

Die hohe Persönlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die

gewünschte Audienz zu gewähren. Beide Freunde hatten schon alles

durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen

Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide

freundschaftlich auf die Knie klopften:

»So geh, lieber Iwan Abramowitsch!«

»Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!«

Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um

seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte

nämlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher

wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, daß die Beamten sich so

lange im Vorzimmer zu gedulden hätten, bis es ihm gefiele, sie zu

empfangen.

Endlich -- nach mehreren Zwiegesprächen und einigen neuen Pausen,

währenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend,

den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der

General-Direktor plötzlich daran zu erinnern, daß man ihn um eine

Audienz gebeten hätte. Er rief seinen Sekretär, der mit verschiedenen

Akten an der Tür stand, und sagte: »Ich glaube es wartet da irgend ein

Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!«

Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit

untertäniger Miene in seiner alten Uniform näherte, wandte er sich

schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er

sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert

hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und

sich General nennen durfte.

»Was wollen Sie?«

Der schon ganz eingeschüchterte Akaki Akakiewitsch war wie

niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es

sich so gut er konnte verständlich zu machen und zu erzählen, wie man

ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht

ohne seinen Bericht mit einer Menge überflüssiger Flickworte zu

verbrämen. Er fügte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in

der Hoffnung, daß er dank dieser hohen und gütigen Protektion bei dem

Polizei-Präsidenten oder bei andern hohen Behörden wieder in den Besitz

seines Kleidungsstückes gelangen könne.

Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, daß dies Benehmen

viel zu familiär sei und herrschte ihn daher kurz an: »Wie Herr! Sie

wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fällt Ihnen

ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie hätten eine Bittschrift

einreichen sollen, die in die Hände des Bureauchefs und aus ihnen in die

des Abteilungsvorstandes gelangt wäre; dieser hätte sie meinem Sekretär

überreicht, durch den sie mir hätte zugestellt werden müssen.«

»Gestatten Sie mir,« unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit großer

Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben

war, zusammenzunehmen. Fühlte er doch, daß er schon vor Schrecken und

Erregung schwitzte. »Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu

bemerken, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser

Angelegenheit zu belästigen, die Sekretäre ... die Sekretäre sind Leute,

von denen man nichts zu erwarten hat.«

»Wie? Was? Wahrhaftig!« schrie ihn der General-Direktor an. »Sie wagen

es, hier eine solche Sprache zu führen? Wie sind Sie denn zu solchen

Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute

derartig gegen ihre Vorgesetzten empören!«

In seinem Ungestüm sah wohl der General-Direktor garnicht, daß der

Titular-Rat bereits die Fünfzig überschritten hatte und daß die

Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden

konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjährigen nämlich!

»Wissen Sie auch,« fuhr die hohe Persönlichkeit fort, »mit wem Sie

sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich

daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!«

Diese Worte begleitete er mit heftigem Fußstampfen, und seine Stimme

nahm eine solche Schärfe, einen so furchterregenden Umfang an, daß auch

ein anderer erschrocken zusammengefahren wäre.

Akaki war völlig gelähmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum

aufrecht halten und wäre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners

unfehlbar zu Boden gesunken. Man führte, oder vielmehr man schleppte ihn

fast ohnmächtig hinaus.

Der General-Direktor war über die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt;

sie überstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darüber, daß sein

herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, daß

dieser arme Mann sein Bewußtsein verlor, warf er einen flüchtigen Blick

auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte.

Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er

sogar bei seinem Freunde, der unschlüssig dasaß und ihn mit einem

gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!

Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die

Straßen durchwanderte, darüber hätte er selbst niemals Rechenschaft

geben können; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben

war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so

strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.

In dem heulenden Schneesturm, der draußen tobte, wanderte er mit offenem

Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter überhaupt zu bemerken, und

ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestöber Schutz zu suchen. Der Wind,

der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies,

verursachte ihm eine Halsentzündung. Nach Hause zurückgekehrt, war er

außerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Körper war geschwollen,

und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So groß ist mitunter

die Wirkung einer gründlichen Moralpauke!

Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der großmütigen Hilfe des

St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit

beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine

Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fühlte ihm den Puls, aber er konnte

nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn

doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu

lassen, und erklärte, daß der Kranke nur noch zwei Tage zu leben hätte.

Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: »Sie haben keine Zeit

mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz

machen, denn ein eichner wäre für diesen armen Mann wohl zu teuer.«

Hörte Akaki Akakiewitsch diese verhängnisvollen Worte? Waren sie es, die

eine so erschütternde Wirkung auf ihn ausübten? Beklagte er sich ganz

leise über sein trauriges Schicksal? Niemand hätte es sagen können,

redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten

unaufhörlich durch sein geschwächtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch

gegenüber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah

er Fußangeln für die Diebe, die er beständig unter seinem Bett zu

entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen,

und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum

die alte Kapuze noch an der Wand hänge, wo er doch einen neuen Mantel

habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit

Vorwürfen überhäufte, so daß er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald

verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flüche und Reden, daß

die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte

sie derartige Dinge von ihm gehört, und die zornigen Worte des Kranken

ließen sie um so mehr außer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz

jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Sätze

ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um

den Mantel.

Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus.

Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und

zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein

Päckchen Gänsefedern, ein Heft mit weißem Aktenpapier, drei Paar

Strümpfe, einige Hosenknöpfe und seinen alten Mantel hinterließ. Wem

fielen diese Reliquien zu? Das weiß Gott allein! Der Verfasser dieser

Erzählung muß gestehen, daß er es unterlassen hat, sich genauer darüber

zu informieren.

Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehüllt und nach dem

Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die große Stadt Petersburg

fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals

existiert hätte.

So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschützer,

noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches

Interesse eingeflößt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so

forschungswütigen Männer erregt hatte, jener Schnüffler, die es doch

sonst nicht verschmähen, eine gewöhnliche Fliege zum Zwecke einer

mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spießen. Ohne ein einziges

Wort der Klage hatte dieses Wesen die Mißachtung und den Spott seiner

Kollegen ertragen. Ohne daß es je ein außerordentliches Erlebnis gehabt

hätte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende

seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein

belebt hatte, mußte das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch

die Großen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....

Einige Tage nach seinem Tode ließ ihm sein Chef durch einen Boten

mitteilen, daß er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der

Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurück, daß der Titular-Rat

nicht mehr kommen könne.

»Und weshalb nicht?« fragten die Beamten.

»Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!«

So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.

Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel

robuster und gröber war und der sich nicht die Mühe nahm, beim Kopieren

der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel

schrägere Schrift hatte.

* * * * *

Es könnte scheinen, als müsse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier

endigen, und als hätten wir nichts mehr über ihn mitzuteilen. Allein der

bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen

Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung für sein bescheidenes

von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzählung nimmt hier ganz

unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung.

Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gerücht, daß in der

Nähe der Katharinenbrücke Nacht für Nacht ein Gespenst in der Uniform

eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen

Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kümmern,

ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bären-, Biberfell gefütterten

Mäntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr

eigenes Fell gegen die Kälte zu schützen, abnehme. Ein dermaliger

Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm

sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tödlich erschrocken, so

schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu

entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der

Faust drohen sehen. Überall erfuhr man, daß die Rücken und die Schultern

von Räten, -- nicht nur von Titular-Räten, -- sondern auch von

Staatsräten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schönen

warmen Kleidung den heftigsten Erkältungen ausgesetzt waren.

Die Polizei traf natürlich alle möglichen Maßregeln, um dieses Gespenst

-- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe

zu vollziehen; und das wäre ihr auch beinahe gelungen.

Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glück, das

Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten

Musiker, der vormals die Flöte gespielt hatte, seinen Friesmantel

fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute

ihnen den Gefangenen an, während sie mit der Hand in ihren Stiefel

langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male

erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von

solcher Art, daß selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum

hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Körnchen anvertraut,

während er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen

begann, daß die drei Soldaten fühlten, wie ein Nebel ihre Augen

verhüllte. Während sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst

spurlos, so daß sie nicht recht wußten, ob sie es auch wirklich in ihren

Händen gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so

große Furcht vor Gespenstern, daß sie nicht einmal einen lebendigen

Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschränkten, ihm von

ferne zuzurufen:

»Geht weiter! Geht weiter!«

Das Phantom fuhr fort, in der Nähe der Kalinkinbrücke umzugehen, und

verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen

ängstlichen Leuten.

Kehren wir jedoch zu der hohen Persönlichkeit, der ursprünglichen

Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte,

zurück. Der Wahrheit gemäß müssen wir zugeben, daß die hohe

Persönlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht

behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm

empfand. Ein gewisses Gefühl der Teilnahme war dem Herzen des hohen

Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein

einziger Fehler bestand darin, sie infolge des maßlosen Stolzes auf

seinen Titel zu unterdrücken. Als sein Freund gegangen war, hatte er

sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglücklichen bleichen Titular-Rat

beschäftigt, den er immer in seiner Verstörtheit vor sich sah, sich

krümmend unter den grausamen Vorwürfen, die er ihm gemacht hatte. Diese

Vision beunruhigte ihn derartig, daß er eines Tages einem seiner Beamten

den Auftrag gab, sich über Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten

und festzustellen, ob man noch etwas für ihn tun könne.

Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte

kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen

war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte

den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.

Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu

verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine

angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter

Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte.

Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken

enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in

liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen

wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.

Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel,

um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses

schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß

daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner

Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline

Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.

Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr

jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten

Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem

Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit

einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen

allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den

Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen.

Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot

ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie

nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich

die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte

und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt

schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten

spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine

Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so

sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen

zu wollen.

Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren

Schlitten und sagte zu dem Kutscher:

»Zu Karoline Iwanowna!«

Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der

angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer

Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem

Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender

sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen

braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die

glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft

verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis

zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte.

Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er

sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im

mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen.

Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich

ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht

schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen

Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren

und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus

ihm herauszuwinden.

Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie

am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit

einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki

Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und

abgezehrt wie die eines Toten.

Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie

bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog,

den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte

ausbrach:

»Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich

will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in

Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. -- Nun sollst du mir

deinen Mantel geben!«

Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen

Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er

brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder,

der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes

Äußeres warf: »Welch ein Charakter!«

Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein

Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick

war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte.

Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem

Kutscher zu:

»Schnell nach Hause! Schnell!«

Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen

Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang

hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten

begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine

Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger

als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen

Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und

begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu

fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine

so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des

Tees entsetzt ausrief:

»Du bist ja heute so bleich, Papa!«

Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er

gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte

dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte

er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art:

»Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?«

Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit

ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch

an.

Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr.

Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich

den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von

nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden.

Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die

sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das

Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige

... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen

gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war

jedoch von Natur ein wenig schwächlich -- hatte doch sogar ein

gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause

ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der

herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür

ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben,

um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er

also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu

verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit

nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und

schrie ihn an: »Was willst du?« wobei es ihm eine so schreckliche Faust

zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen

bekommt.

»Nichts,« antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus.

Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des

Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen

Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in

der dunklen Nacht.

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 12 / 31 题