Die Müllerin nickte froh. „Der Florian wird es sein.“

Er war es!

18.

Als er tot war, sprachen die Leute anders.

„Er ist von Haus aus ein guter Bursch’ gewesen!“ -- „Freilich, er wär’

auch nie verwildert, hätte man ihn nur die Reindorfer Leni heiraten

lassen!“ -- „Weiß der Himmel, was dem Alten eingefallen ist, daß er

sie ihm verweigert hat!“ -- „Er ist halt doch schon zu viel alt, der

Alte.“

Und am Abende vor dem Tage, wo er begraben werden sollte, verließ ein

kleines Mädchen Zirbendorf, lief barfuß die ganze Nacht durch und kam

den Vormittag darauf in Langendorf an; es schlich nach dem Friedhofe,

verbarg sich hinter einem Leichensteine und blickte scheu von seinem

Verstecke nach zwei offenen Gruben.

Der Pfarrer hatte die Beerdigung der beiden Toten seines Sprengels

auf einen Tag und die gleiche Stunde angeordnet, möglich, daß er eine

Begegnung der Leidtragenden wünschte.

Zur selben Zeit, als sie in der Mühle den Sarg hoben, schlossen sie den

im Reindorferhofe. Der Bauer stand abseits und da fiel sein Blick auf

das Tischchen, an dem er vor drei Nächten schreibend gesessen, als der

Pfarrer die Sterbende besuchte, es war in einen Winkel gerückt worden

und noch lag der Brief an Magdalene offen darauf. Er schüttelte den

Kopf, wie er so vergessen hatte sein können, setzte sich hinzu, und

fügte hastig einige Zeilen bei. „Der Brief ist in der Wirrnis liegen

geblieben, weil vorgesehen und unversehens zugleich uns viel Trauriges

überkommen hat. Erschrick nicht, Magdalen’, vorgestern früh ist deine

Mutter gestorben und in der Nachtzeit haben sie den Müller Florian tot

heimgebracht. Du wirst wohl schon darum wissen, wie sich das geschickt,

denn es war groß Gered’ darüber und im Kreisblatt ausführlich

beschrieben; wie der Lehrer sagt, auch in den großen Stadtzeitungen.

Tröste Gott allbeide! Zurzeit, wo ich den Brief in den Postkasten

werfe, sind wir eben auf dem Wege, sie zu begraben.“

Dann schloß er das Schreiben, erhob sich und trat hinter den Sarg,

der eben hinausgetragen wurde, und als der eine Leichenzug das Gehöft

verließ, kam der andere die Straße herunter und so bewegten sich beide

langsam dahin und blieben sich immer in Sicht.

Als sie bei dem Krämer, der zugleich Posthalter war, vorüberschritten,

trat der Alte aus der Reihe und warf den Brief in den Sammelkasten,

dann nahm er wieder seinen Platz an der Spitze der Leidtragenden ein.

Sie gelangten in die Kirche, dort mußten sie warten, bis der andere

Leichenzug nachkam, die Särge wurden nebeneinander gestellt und die

Einsegnung fand statt.

Dann zogen sie nach dem Kirchhofe, eine Schar hart an der anderen, wie

+eine+ Reihe Trauernder um zwei Heimgegangene. Man senkte die Leichen

in die Tiefe und streute Erde über sie, da rieselte der Sand hernieder,

eine derbe Scholle oder ein Stein schlug polternd auf, dann ward es

stille und die Überlebenden gingen von den Toten.

An dem Tore des Friedhofes trafen der alte Reindorfer und der Müller

aufeinander, da traten die Leute zurück und ließen die beiden

zusammen hinausgehen, der Müller griff an den Hut und murmelte einen

unverständlichen Gruß.

Aber der alte Bauer wies hinter sich nach den Gräbern und sagte bitter:

„Zwei sind daran gestorben, ist viel auf einmal, gelt?“

Da suchte ihn der Müller an der Hand zu fassen. „Reindorfer“ -- er

preßte die Linke an die Brust --, „da drinnen, da drinnen ...! O, ich

war glücklicher als bettelarmer Herumstreicher!“

Er, der Reichste in der Gemeinde! der Stolzeste!

Der Alte entzog ihm die Hand nicht und so gingen sie ein paar Schritte,

als er aber dem Pfarrer die Absicht anmerkte, heranzukommen, da machte

er sich rasch frei. „Erbarmen tust mir,“ sagte er, „zu mehr beredet

mich niemand. Reu’ kommt des Weges von der anderen Seite und bringt

nichts zurück.“ Er wandte sich und ging hinweg.

Der Müller hatte, wie es sein Brauch war, aufhorchend den Kopf gesenkt,

er erhob ihn auf dem ganzen Heimwege nicht wieder. Hörte er vielleicht

auf das Schluchzen des Weibes, das an seiner Seite ging? Er fand nur um

so weniger Mut aufzublicken.

Die Leute hatten sich nach und nach verloren, und als der Friedhof

wieder ganz verlassen lag, da trat das Mädchen an das offene Grab des

jungen Mannes, kniete zur Erde nieder, zog unter dem Brusttüchelchen

einen kleinen Strauß hervor, Blumen, wie sie wild wuchsen am Rande der

Schlucht, und ließ ihn in die Grube auf den Sargdeckel fallen.

Dann betete das Kind lange, erst der Totengräber, der mit dem Spaten

herankam, scheuchte es von dem Grabe weg und es schickte sich zur

Heimkehr an. Was nahm es mit sich? Das feste Vertrauen, daß auch der

Ärmste auf der Welt nicht ungestraft gekränkt werde, daß immer gute und

hilfreiche Menschen für ihn einstünden, wie ja einer derselben durch

seine Blutzeugenschaft bekräftigt.

Es war ein kurzes, jäh abgerissenes Menschenleben, ein zernichtetes,

verkommenes Sein, das sich da in kühler Erde barg, beklagt und

betrauert von denen, die es mit angesehen, wie es verkam und verging;

aber nun deckt die Scholle dasselbe und alsbald auch sein Gedächtnis.

Doch über das Grab hinaus, in Jugendfrische, wie er dahingeschieden,

der Schönste, der Stärkste im Land, ja, er wohl im ganzen Lande, im

Unglück selbst dem Tod zu Trotz noch Herr und Meister, der Bravste,

lebt er im Angedenken der kleinen Everl. Die Kinder des jungen Weibes,

die Enkel des Mütterchens, sie werden zu erzählen wissen von dem

Müllerssohn zu Langendorf.

* * * * *

Der Föhrndorfer Briefbote war ein alter Mann und betrieb sein Amt mit

Verstand. Er sichtete genau die ihm anvertrauten Briefschaften, ehe

er sie in seine Ledertasche steckte, nicht nur nach ihren Adressen,

denn das verstand sich ja von selbst, daß er seinen alten Beinen

kein unnötiges Gelaufe zumutete und alles hübsch ordnete, wie es der

Straße und der Nummer nach lag, sondern er unterschied sie auch ihrer

Art nach. Postkarten händigte er ohne Bedenken den auf der Straße

spielenden Kindern der Adressaten ein, denn die Postkarte galt ihm

als der „Arme Leut’-Brief“ und wo die Kunden mit dem Porto sparten,

da durfte es wohl auch der Bote mit den Schritten so halten. Dagegen

verabsäumte er nie, einen rechtschaffen frankierten und ordentlich

geschlossenen Brief den Leuten selbst ins Haus zu tragen und -- seine

zwei Kreuzer Botengebühr in Empfang zu nehmen. Aber auch da unterschied

er zwischen den nur zugeklebten und den mit einem Siegel versehenen

Schreiben, die ersteren nahm er für leichte Ware, die kamen von

fremd woher, waren Allerweltsbriefe; wer Wichtiges und obendrein an

die Freund- oder Verwandtschaft zu schreiben hatte, der sparte wohl

die paar Tropfen Lack nicht und drückte sein Petschaft darauf, dann

wirkten schon außen die bekannten Wappen oder Buchstaben des Siegels

wie ein Gruß und auch die Farbe des Lackes hatte ihre Bedeutung. An

dem Tage, wo der Alte vom Posthause wegging, den Langendorfer Brief

an „Magdalena Reindorfer, bedienstet bei Kaspar Engert, genannt der

Grasbodenbauer“ in der Tasche, bewahrte er Weges über eine ernste,

besorgliche Miene, denn er hatte es wohl in acht genommen, daß das

Schreiben ein schwarzes Siegel trug.

Die ersten paar Tage nach dem Feste des heiligen Kirchenpatrons waren

der Grasbodenbauer und Magdalene einander geflissentlich über die Wege

gelaufen und hatten mehr als einmal versucht, gleichmütigerweise eine

harmlose Zwiesprach’ anzuknüpfen, denn es galt ja zu zeigen, daß es

zwischen ihnen beiden kein’ Arg habe; klopfte sich aber der Bauer unter

seiner Rede auf den Brustlatz, an welchem die Dirne jenen Abend mit dem

Köpfchen geruht hatte, da wurde sie so brennendrot wie das Tuch und ihr

Blick scheu, und das verwirrte den Bauer, oder wenn sie im Eifer des

Gespräches ihm so nahe trat, daß er, um nicht an sie zu rühren, die

Arme hinter sich bergen mußte, da wurde er verlegen und sie mit ihm.

Nach jeder solchen vergeckten Begegnung dauerte es immer längere und

längere Zeit, bis sie sich wieder aufsuchten, dann begannen sie sich

auszuweichen und manch zufälliges Zusammentreffen, das sie wortlos

einander gegenüberstehen ließ, machte die Sache nicht besser, so daß

schließlich das Erscheinen eines genügte, um das andere in die Flucht

zu jagen. In Gegenwart eines Dritten aber fühlten sie sich vollkommen

unbefangen. „Es ist eine Dummheit,“ ärgerten sich beide im stillen.

„Und eine höllmentische dazu,“ sagte laut der Bauer, etwa am sechsten

Tage der „verlegenen“ Woche. „Weil wir uns scheuen, das Red’ zu haben,

was wir uns eigentlich zu sagen hätten und worüber wir sich ausreden

sollten.“

Er stand im Hofe an dem Gartenzaune, hinter welchem er, wenige

Schritte entfernt, Magdalene auf einer Bank sitzen sah. Entschlossen

stieß er das Gartentürchen auf und trat ein, aber schon hatte sich über

dem Geräusch die Dirne erhoben und schritt jetzt, von ihm abgekehrt,

einen Baumgang entlang. Den Weg nach dem Hause hatte er ihr verlegt,

und wenn er ihr bis an das andere Ende nachfolgt, wird sie ihm wohl

nicht ins freie Feld entlaufen.

Als Magdalene merkte, daß er ihr nachginge, blieb sie, halb abgewendet,

stehen.

„Wir sind schon zwei Närrische,“ sagte er herantretend. „Wir mögen uns

gut leiden, aber weil wir uns nit sagen wollen, daß’s anders gemeint

is, wie sonst wohl unter zwei verschiedene Leut’, und sich jed’s

fürcht’, ’s andere könnt’s in der Art ausdeuten und falsch verstehn, so

rennen wir ganz unklug umeinander.“

„Da is mir völlig ein Stein vom Herzen,“ sagte sie, „daß du so red’st.“

„Na, und mir wär’ hitzt kein kleiner drauf, wann ich anders g’red’t

hätt’, als ich’s mein’,“ lachte der Bauer. „Aber demselben setz’ ich

mich nit aus, das wär’, als trät’ mer in ein Fuchseisen und könnt’

ein’ klemmen, daß’s schier z’wider wurd’; lieber bin ich aufrichtig!

’n Weibsleuten gegenüber halt’ wohl mancher, der sonst der Wahrheit

nit feind is, a Lug’ für erlaubt, vermutlich weil er denkt, die reden

auch gern feine Wort’ durch die Reuter[23] und behalten das Grobe

für sich; aber ich hab’ mich mein’ Tag’ nit dazu verstehen können,

anders zu sagen, als wie mir ums Herz ist, oder wie mir nicht ist, und

seit meiner Bäu’rin Tod -- Gott tröst d’ arme Seel’ -- hab’ ich mich

gehüt’, einer ein gut Wort zu geben, obwohl mir, wie schon der Welt

Brauch ist, d’ erste Zeit danach mehr als ein’ Saubere und Wohlhäbige

selber freundlich unter d’ Augen ’gangen, oder von andere nahgeruckt

worden ist. D’ Leut’ hat’s freilich wunder g’nommen, daß ich, noch in

schönsten Monjahr’n, Witiber verbleib’, aber sie hab’n sich’s derweis

z’rechtg’legt, ich tät’s der Burgerl wegen; soweit richtig, ’m Kind

ein’ Stiefmutter geb’n, is all’weil ein’ gewagte Sach’, denn einer

solchen wird all’weil ’s eigene Kind lieber sein wie’s fremde, und dann

gar eine ausz’finden, die sich dazu verstanden hätt’, mein arm’ siech’

Hascherl rechtschaffen zu betreu’n -- --, ich hab’ nach keiner g’sucht!

Aber laß dir sagen!“

Er faßte Magdalene an der Hand und leitete sie ein paar Schritte, dann

ließ er sie los und sie gingen nun, nebeneinander her, den Kiesweg auf

und nieder.

„Nit allein der Burgerl willen war’s! Mein Gott, wenn einer

weibsnarrisch is, so schwätzt sich ihm bald eine hinauf, red’t ihm

all seine Bedenken aus, meint’s wohl selber ganz ehrlich dabei und

z’letzt nehmen’s gar noch d’ Kinder zur Ausred’, daß’s wieder heiraten

müßten z’weg’n dö! Nach der Hand weist sich wohl da und anderswo,

’s Versproch’ne war nur verred’t. Bei mir hat’s in derer Hinsicht

kein’ G’fahr g’habt, denn mich hat der Ehstand weibsscheu g’macht.

Ja, schau nur wunderig, es is nit anderst. Wann ein’s, so rechn’ ich

dich zum Haus g’hörig, ich hab’ dir schon einmal vertraut, wovon

zwar alle g’wußt hab’n, aber z’ fürchten war, sie bemengen dir ’s

Wahre mit Lug’n, hitzt aber will ich dir anvertrau’n, wo niemand drum

weiß, als ich allein, nit mal der doch der Nächste dazu wär’, mein

Schwiegervater; d’ andern, die s’ noch ang’gangen is, sein schon aus

der Welt. Z’erst hab’n auch nur dieselb’n davon g’wußt, nachtraglich

hab’ ich’s erfahren, hätt’s umkehrt sein mög’n, ’s wär’ besser g’west

für mich und, denklich, auch für ein anders!

Auf mein’ Vater kann ich mich nit entsinnen, ich war noch z’ klein,

wie mir der verstorb’n is, ich kenn’ nur mein’ Mutter; auf die bin ich

nit wenig stolz g’west, das war ein groß’, stark’, bildsaub’res Weib,

ehrbar und herrisch, geg’n die hat sich keiner mucken dürfen, die hat

af’m Grasboden g’haust und g’schafft über ein’ Mann, und d’ Leut’ hab’n

ihr nachg’sagt, sie hätt’ auch Verstand wie ein solcher, mag ja sein,

is oft wenig g’nug damit g’sagt, g’wiß is, sie wollt’ mit’m Verstand

auch in Sachen aufkommen, wobei nie keiner war, so lang d’ Welt steht.

All’s war bei ihr schön g’nau ein’teilt und vorg’sehn af Tag’, Wochen,

Monat’, ja af Jahr’ hinaus, sie hat ’n Kalender nit nur der heiligen

Zeiten wegen aufblattelt, auch ’s Obstbaumstutzen, Rubenstecken, ’s

Kalben der Küh’ und d’ Säumast hat sein afg’merkte Zeit g’habt, und

wie endlich dö kämma is, wo ich zun Verheiraten war, durft’ mer’s nit

verabsäumen und schon Ordnung halber mußt’ ich auch verheirat’t werd’n.

Natürlich hat sich mein’ Mutter um ein Weib für mich umg’schaut,

dagegen wär’ nix z’ machen g’west, wenn ich auch gewollt hätt’, aber

von den Dirnen hat mir’s noch keine angetan g’habt und denen gegenüber

war ich der Ungeschickt’ und verstund mich nit af das Spaßen, aus dem

mer g’legentlich Ernst macht, und so war’s mir nit z’wider, daß d’

Mutter selb’ Sach’ af sich g’nommen hat und ich hab’ all’s Zutrau’n

zu ihrer G’scheitheit g’habt. Die hat sich’s Suchen leicht g’macht.

Kein’ Arme, G’ringe wär’ ihr nit zu G’sicht g’standen und uns gleich

war niemand in der Gegend als in Hinterwalden der Bauer vom Hof auf

der weiten Hald’, daß dessen einzig’ Kind just ein’ mannbare Dirn’

war, hat sich mein’ Mutter für ein günstig Zeichen ausdeut’t und die

Haldhofbäuerin hat nur recht und billig g’funden, daß kein anderer wie

der junge Grasbodenbauer ihr’ Lois heimführt. Gescheite Leut’ halten

sich ja in ihr’n Tun wohl gern an g’scheite Sprüch’ und einer von dö

g’scheitesten dünkt ihnen: gleich und gleich gesellt sich gern, und

da danach g’sell’n’s oft zwei Leut’ z’samm’, dö nit ungleicher sein

könnten. Aber wo mal zwei alte Weiber über so was eins sein, da haben’s

hundert Kniff’ für ein’, daß ’s zwei so blutjunge Füllen, wie ich und

mein’ Weib damal, wenn gleich eins hüst und ’s andere hott will, doch

in ein G’schirr spannen!

Wie wir ’m Bauer vom Hof af der weiten Hald unsern ersten B’such

g’macht hab’n, da war ich in mein’ Sunntagstaat, kein Stäuberl, kein

Falterl, kein Spritzerl von Kopf bis zun Fuß, mein’ Mutter hat während

der Fahrt die Aug’ngläser nit von der Nasen ’bracht; d’ Lois aber hat

sich im Werktagg’wand betreffen lassen, natürlich, sie mußt’ ja auch

gleich als brave Hausnerin belobt werd’n, sie hat aber so ein reinlich

und nett’ Ansehn g’habt, daß mer wohl g’merkt hat, die ist auch von

ihrer Mutter dazu herausputzt g’west. Allzwei war’n wir wie aus’m

Schachterl g’hob’n. Na, unfreundlich konnt’ die Dirn’ mit mir nit sein,

das wär’ doch nit gut angangen geg’n ein’ Gast, und so sind wir halt

randweis ich von meiner Mutter und sie von der ihren zun Reden ’bracht

worden und schließlich hat’s mir ganz gut an ihr g’fall’n, daß ’s nit

weniger verlegen g’west is wie ich. Sauber war’s und kein Wunder, wie

wir uns zum Abschied d’ Händ’ gereicht hab’n und ich mir sie daraufhin

ang’schaut hab’, wie bisher noch kein’ Dirn’: dö könnt’ dein sein, daß

mir da mit einmal ganz eigen word’n is!

Na und drauf is daheim kein Tag vergangen, wo nit d’ Mutter in all’m

Guten und Schön’ von der Lois g’red’t hätt’, und so, schätz’ ich,

wird’s wohl auch d’ Haldhofbäuerin meiner weg’n g’halten haben und

wär’ was Wahr’s d’ran, daß ein’, von dem fern wo die Red’ is, der

Schnackerl[24] stößt, so müßt’n mer damal allzwei dran z’ Grund ’gangen

sein.

Acht Tag’ danach hab’n die von Hinterwalden uns ’n Gegenbesuch g’macht.

Da mußt’ ich ’n Hausnerischen vorstell’n, durft’ in Tagwerkg’wand

herumstehn, aber beileib’ nit wo Hand anleg’n, daß ich mich nit

schmutzig mach’. Dösmal war d’ Lois im Putz und da is ’s mir so schön

und lieblich vorkämma, gar keiner Dirn mehr gleich, als ob’s schon ein’

junge Bäu’rin wär’ und d’ säuberste und rarste dazu! Wie ’s g’merkt

hat, daß mer der G’fallen an ihr noch mehr d’ Red’ verlegt wie ’s erste

Mal, is sie mit eins freundlich und g’sprächig word’n, und nun hab’

ich mich freilich ganz täppig g’fühlt geg’n ihr und manchmal hat mir

g’schienen, sie wußt’ wohl auch mehr, als sie Red’ gibt, aber ’s is

mir damal schon g’sagt word’n, in den Stücken wär’n d’ Weibsleut’ von

klein auf so findig, wie nie unsereiner. Kurz, von Stund’ an war ich so

verliebt wie a Marzikater und da ich lauthals ja g’schrie’n hab’ und

sie nit nein g’sagt hat, so hat sich in kurzen alles g’schickt. Sechs

Wochen drauf hab’ ich’s vom Altar wegg’führt und sie hat dabei g’weint

wie nit g’scheit. D’ Leut’, die neb’ng’standen sein, hab’n wohl g’sagt:

A weinende Braut, a lachet’s Weib, und wie jede weinen tät’, denn von

Eltern weg ein’m Fremden zugehn, wär’ a schwerer Schritt, und ’s tat

sich nit allein um’s Abg’wöhnen, sondern auch um’s Ang’wöhnen handeln,

und was der’ Reden mehr sein, ich aber hab’ mich gleich nit recht

dreinfinden können; wann mer freudig mit ein’m geht, is doch kein

Anlaß zum Weinen, und geht mer unfreudig, so lieber nit. Und seither,

wann ich eine seh’ plärrend aus der Kirch’ weggehn, denk’ ich mir mein

Teil.

So hab’ ich denn mein’ Bäu’rin af’m Hof sitzen g’habt und dö mich

af ihrer Kittelfalten, denn d’ erst’ Zeit hab’ ich g’meint, der Tag

langt nit für das, was ich ihr Lieb’s, Gut’s und Schön’s sag’n und

erweisen möcht’. Sie hat mir’s aber nit in Gleichem heim’zahlt, oft

hat’s mich von ihr wegg’schob’n oder gar gehn g’heißen; ich aber hab’s

der Scheu zug’schrieb’n, die man ja auch ’n Weibsleuten nachsagt, oder

ihrer Wirtschaftlichkeit, der z’folg sie mich lieber an der Arbeit

hätt’ sehn mög’n, denn freilich, Schöntun bringt nichts herein. Na,

dadrauf hin hab’ ich g’meint, es stünd’ mir auch nimmer an, daß ich ’n

Aufdringlichen mach’, oder mich zur Arbeit mahnen lass’, und war nit

mehr so zutatig, wie ’m Anfang, doch is mein’ Lieb kein Bissel minder

g’west, nur deren Bezeigen halt. Na, aber jetzt schau, kaum hat sie

g’merkt, daß ich mich änder’ -- wobei ich doch ’glaubt hab’, daß ihr’s

z’ G’fallen g’schieht --, so verdrießt’s dös nit wenig, sie is sich

auch nit gleich ’blieb’n, und war’s früher z’wider, so is’s von Stund’

an wild g’west. Na, dadrein konnt’ ich mich wieder nit schicken. Zum

Sackra h’nein, tu’ ich so, is’s nit recht und anders auch nit, und Mann

und Weib war’n wir einmal, dös kann doch ’s eine nit wie aus Gnad’ sein

und verlangen, daß sich’s andere eine draus machen müßt’! Freilich,

anfangs, wie mein’ Bäu’rin ang’hob’n hat, mir mit ung’schliff’ne Wörter

zuz’steig’n, da hab’ ich die still hing’nommen. Aber man denkt nit,

wie ein Weib beharrlich is und was ’s all’s aufwend’t, um ein’ Mann in

Gunst oder Ungunst zum Reden z’ bringen, da laßt keine locker, bis er

in Gutem oder Bösem laut h’rausbellt; es muß ihnen ornd’lich leichter

g’schehn, wenn’s ein’ so oder so, aus Lieb’ z’ ihnen oder aus Ärger

über sö, ganz unb’sinnt machen, ob mer ihnen Schön’s oder Schiech’s

sagt, aber g’sagt’ muß’s werd’n, h’raus muß’s, hör’n woll’n sie’s!

Na, und da hat mich halt die meine schließlich auch dazu ’bracht, daß

ich ihr Red’ gib, und d’ Wartlerei is angangen. ’n Tag über hat sie

sich g’scheut, -- der Leut’ wegen! O, ich sollt’ noch mehr hören, was

der Leut’ wegen g’schehn und unterblieb’n is! Aber nachts haben wir

g’stritten, manchmal bis zum ersten Hahn’nschrei, und war ihr’s erst

drum z’ tun, daß ich aufbegehr’, so war ihr’s jetzt, daß sie mich

niederkriegt. Na, da hat’s mir denn in einer Nacht auf’n Kopf zu g’sagt

-- worüber mir wohl der Atem ausg’blieben is und ich g’meint hab’, ’s

Herz müßt’ mir mit einmal still stehn, -- daß sie ihrseits niemal a

Lieb’ zu mir g’habt hätt’, noch haben könnt’, daß s’ mit Herz und Sinn

ein’m andern zug’tan war, ein’m armen Hauerssohn nah’ von ihr’m Ort,

zu dem sie sich noch ’n selben Abend vor unserm Hochzeitstag g’flücht’

hätt’, bis dö zwei alten Weiber, d’ ihr’ Mutter und d’ mein’, sie mit

G’walt von dort heimg’holt hätten. Natürlich hab’n dö Alten dasselbe

Stückl nie laut werden lassen, der Leut’ wegen, und d’ Hochzeit durft’

’n Morgen drauf nit unterbleiben, auch der Leut’ wegen!

Versteh’ mich recht, Leni, ich sag’ nit, es hätt’ a Unehrbarigkeit

zwischen den Zweien stattg’funden, dazu war d’ Lois a zu stolze Dirn’,

ob sie aber auch als Bäuerin stolz verblieben wär’, das weiß nur der

liebe Gott allein! Der Bursch’ is bald dran zun Militär abg’stellt

word’n, mußt’ ins Feld rucken und is verschollen. Vor er aber ’gangen

is, wußt’ er meiner Bäuerin ein’ Abschiedsbrief zuz’stecken, und

denselben hat’s mir z’letzt noch fletschmäulig als Trumpf unter die

Augen g’ruckt; af’m Herzen hat’s den Wisch liegen g’habt, worunter s’

z’ selb’n Zeit mein Kind ’tragen hat, denn sie ist just damal mit der

Burgerl schwanger ’gangen.

Wahrhaftig’n Gott, ich brauch mich nit z’schamen, wenn ich’s sag’, da

hab’ ich mich hinumg’wend’t, das G’sicht in die Pölster druckt und zun

Weinen ang’hebt wie ein Kind. Das hat’s wohl stutzig g’macht, nach

einer Weil’ hör’ ich’s auch schluchzen, mir hat’s gleich ’golten, sie

hätt’ ebenso gut lachen und sich freuen mögen. Vermutlich hat sie ’s

Eing’ständnis g’reut, daß d’ Haldbauer-Lois auch auf ein’ Bub’n ein Aug

g’habt hätt’; mit einmal beugt sie sich über mich und sagt mit ein’m

Maul, wie d’ Katz’ Milch leckt: „Kaspar, ’s is ja alles nit wahr!“ Daß

ich sie da nit von mir g’stoßen, mich nit an ihr vergriffen hab’, davor

hat mich nur d’ himmlische Gnad’ bewahrt, die mich ihr’n Zustand nit

hat vergessen lassen.“

Bisher war der Bauer mit ziemlich raschen Schritten laut sprechend und

lebhaft gestikulierend, den Kiesweg entlang auf und nieder geschritten,

jetzt hielt er plötzlich inne und schöpfte tief Atem, ehe er mit

gedämpfter Stimme fortfuhr:

„Magst dir wohl denken, was wir von derselben Nacht ab für ein Leben

geführt haben? Schön- und falschtuerisch vor ’n Leuten, stumm, trutz’

und ärgerlich, wo wir allein verkehrt haben. Und doch sind Tag’ g’west,

wo d’ Bäuerin auch unter vier Augen von ein’m Bezeigen geg’n mich war,

als säh’ s’ ihr Unrecht an mir ein, und fing’ an, es aufrichtig mit

mir z’ meinen. Da hab’ ich oft gedacht, sollt’st doch ’s Vergangene

vergessen, ’s is ja all’s nur ein Unsinn. Heut und morgen geht dir nah,

mit ’m gestern quält sich eins nur selber. ’s wär’ nit dumm g’west

und nach dem Sprüchel hätt’ ein Bruder Lüderian lustig in Tag h’nein

leben können; aber mir war’s nit gegeben, daß ich mich änder’ wie

meiner Bäu’rin nit, daß sie sich gleichbleibt, denn fort drauf hat’s

ihr’n alt’n Widerwill’n hervorkehrt. Ich konnt’ und ich konnt’ kein

Herz fassen zu dem Weib, trau überhaupt seither kein’m mehr und hüt’

mich vorm Verlieb’n; man is da so unb’sinnt und wo dabei sich jed’s nur

selber betrügt, geht’s noch am ehrlichsten zu. Und wenn ich mir auch

an ihrer Bahr’, ihr’n plötzlichen Tod eingedenk -- Gott tröst’ sie --

gedacht hab’, sie war wohl all ihr Lebtag nit recht g’sund und hat mich

an ihrer Krankheit mitleiden lassen, so mußt’ ich mir doch sagen, wie

ich Umschau g’halten hab’, und dafür waren mer d’ Augen g’schärft, sie

war ein Weib wie hundert andere, nit einmal die schlechteste, allweil

noch von +der+ Art, wie ihrer volle zwölf aufs Dutzend kommen.

Und wozu all’m verstund sie sich? Ein’ lieb’n und der Verkuppelei mit

ein’m andern, den s’ nit mag, in d’ Hand arbeiten! Dem ein’ auf G’fahr

von Ehr’ und Ruf zulaufen und doch ’n Morgen drauf mit’m andern vorn

Altar gehn! Solang ’s Reden noch von Nutz und ’m Brautwerber geg’nüber

rechtschaffen, brav und ehrlich g’west wär’, ’s Maul halten und ’s

hinterher erst aus Gift, Gall’ und Abgunst geg’n ’n Mann auftun, wo ’s

nur Schimpf und Zwietracht ins Haus bringt! Ein’m in Gedanken ang’hör’n

und sich ’m andern hingeb’n, so daß der Seg’n Gottes zum G’spött wird

und sie von ein’m Unlieb’n ein Kind unterm Herzen tragt!

Herr, du mein Gott! Wozu versteht sich denn dann ein Weib nit, wenn zu

dem allem?!

Und was ’s auch für Stückeln angibt, ’s tragt eine wie die andere

gleich lange Haar, und wo die nit reichen, stecken s’ ein’ falschen

Zopf auf, -- und dieselben Haar waren mir eben zu fein. Zu +der+

Art, der d’ Lieb’ Spaß macht und Spaß bleibt, die sich unb’sinnt

z’samm’tut und auseinand’ geht, zähl’ ich nit, mir war’s damit von

Grund auf ernsthaftig g’west und ich hab’ für mein Teil sattsam an

dem Erlebten g’nug g’habt, wollt’s nit erproben, was sich etwa ein

zweit’s Mal gegen ’s frühere bessert oder schlechtert. Dös wußt’ ich

doch, daß mein Hof der Kuppler is und daß s’ dem zulaufen, aber einer,

die denkt wie ich, der müßt’ so himmelangst ums Herz werd’n, daß s’

mir vom selben davonrennt. Ich vermein’ nit, daß ich auf selbe triff

und vermöcht’s auch nit z’sag’n, ob ich d’Kurasche hätt’, daß ich sie

z’ruckhalt’.“

Gegen Ende seiner Rede war der Grasbodenbauer stehen geblieben und

hatte in das Grün einer Baumkrone gestarrt, jetzt, wo er die letzten

Worte vor sich hinmurmelte, ließ er den Zweig, den er anfaßte und der

unter seinem Griffe entblätterte, aus der Hand schnellen.

Magdalene stand halb abgewandt und brach welke Blätter von einer

Bohnenranke, sie blickte nun nach ihm hinüber und sagte leise: „Ich

versteh’ dich schon, Bauer, und mag dir wohl recht geben, auch mir hat

’s die Lieb’ schon einmal nit gut g’meint.“

Da kehrte er ihr den Rücken und ging, laut räuspernd, ein paar Schritte

von ihr hinweg. Doch hielt es ihn und er tat eine halbe Wendung, um sie

sich darauf hin anzusehen, und als die großen, braunen Augen befremdet

und zugleich ängstlich in die seinen blickten, da winkte er begütigend

mit der Rechten: „In Ehren! Weiß ’s wohl, Leni, du meinst in Ehren.“

Sie neigte bekräftigend den Kopf.

„Ja, ja, vernünftig sein ist halt doch ’s Gescheiteste,“ sagte er

hinwegschreitend.

Als Leni wieder aufblickte, sah sie ihn neben dem Postboten an dem

Zauntürchen stehen. Der Bauer wies nach ihr.

Der Alte kam auf sie zu.

„Magdalena Reindorfer,“ fragte er.

„So heiß’ ich.“

„Ein’ Brief hätt’ ich da.“ Er schüttelte ihn zwischen den Fingern und

drehte ihn dann um, daß das schwarze Siegel sichtbar wurde. „Schau her

’mal. Vielleicht nix Guts drin. Mußt dich halt z’samm’nehmen.“

Leni griff nach dem Schreiben.

Er zog es zurück. „Und zwei Kreuzer krieg’ ich. Weißt, Dirn’, davon muß

ich leb’n.“

Das Mädchen haschte mit zitternder Hand die Münzen aus der Rocktasche,

nahm den Brief, und als es allein war, erbrach es hastig das Siegel,

entfaltete das Papier und begann zu lesen.

Und als sie zu Ende gekommen, da setzte sie sich auf den Rasen und

schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte darunter.

* * * * *

Tot -- allbeid’ tot! Weggestorben an +einem+ Tage!

Ja, die Mutter, die war bejahrt und mocht’ wohl auch kein’ rechte

Freud’ mehr am Leben haben, nach dem, was die arme Seel’ auf ihr g’habt

hat. Und jetzt ist sie erlöst und man kann, ohne ein Unrecht geg’n den

Vater, wieder lieb und gut von ihr denken!

* * * * *

„Der Herr schenk’ ihr und allen christgläubigen Seelen die ewige Ruh’

und das ewige Licht leuchte ihnen. Der Herr lasse sie ruhen in Frieden.

Amen!“

Leni faltete die Hände und versuchte das Vaterunser zu sprechen, doch

wie sie so dasaß mit gesenkten Lidern, da war es mit einmal, als

schiene Mondlicht und von ganz nahe wehe der Geruch von Weißdornblüte

heran. --

Bisher hatte sie alle Erinnerungen an ihre erste Liebe wacker

niedergekämpft. Während Florian sich nicht darein zu finden vermochte,

daß er sein Glück um eine Schwester verlor, waren bei ihr, nachdem sie

ihn als Bruder wußte und nahm, alle anderen Gefühle wie ausgelöscht,

alle Liebe, außer der geschwisterlichen, gegenstandslos geworden; aber

nun der Bruder tot war, erwachten die Erinnerungen mit aller Macht und

zogen in lebendigen Bildern vor ihrem Geiste vorüber, von den ersten

Begegnungen in der Kindheit bis zu jener Vollmondnacht, wo sie den

Zweig vom blühenden Weißdorn brach, und der letzten, wo der Dorn des

verblühten sie am Kleide festhielt.

Sie löste die Hände und preßte sie gegen die schwer atmende Brust.

„O, du mein Herr und Gott! Nix mehr von der Lieb’, die ein’m so weh’

mitspiel’n kann! Wie recht hat der Bauer, daß er nach keiner zweiten

sucht; auch ich hab’ ’s sattsam am Erlebten, soll’s tot sein und

begrab’n mit’m -- --“

Sie schauerte zusammen und auf ihrem Schoße knitterte das Papier.

„Jesus! Maria!“ rief sie und drückte die Hände gegen die Stirne und

spreitete die Finger über die Scheitel. „Es muß sich ja was zutrag’n

hab’n! ’s muß ihm ein Unglück g’schehn sein?!“

„Magdalen’,“ schrie der Grasbodenbauer.

Sie erhob sich rasch und sah ihn mit hastigen Schritten herankommen,

der Schullehrer und Burgerl folgten ihm nach.

„Magdalen’,“ sagte der Bauer tief Atem schöpfend, „grad hat mer der

Schulmeister aus der Zeitung eine schreckbare G’schicht vorgelesen,

die sich dort herum, wo du heim bist, zutrag’n hat. Denk’, du wirst

auch darum wissen woll’n und hab’ ’n gebeten, daß er uns ’s nochmal

vorlest. Seid also so gut, Schulmeister. Horch nur auf!“

Und der Lehrer begann nun einen weitschweifigen Bericht über den

„Raufhandel mit tödlichem Ausgange zu Zirbendorf“; der Eingang ließ

es nicht an den üblichen Bemerkungen über die Roheit der ländlichen

Bevölkerung fehlen und den Schluß bildete der mit peinlicher

Genauigkeit nachgeschriebene Befund der Leichenschau. Der Lehrer las

das Ganze fertig, aber eintönig herunter, nur wo er einer Stelle

besonderen Nachdruck verleihen wollte, erhob er die Stimme.

Bei der Schilderung des Absturzes der beiden Ringenden schrieen

Magdalene und Burgerl, die sich an die Freundin angeklammert hielt,

zugleich auf, als es aber zur gerichtsärztlichen Beschreibung der

zerschmetterten Körper kam, da schrie Burgerl plötzlich: „Um Jesu

willen, Leni, was hast?“ und riß dem Schulmeister das Blatt aus der

Hand.

Der Bauer hatte bisher mit in die Zeitung geblickt, Jetzt sah er auf,

in ein todbleiches Gesicht, aus dem, wie irre, zwei dunkle Augen

starrten. „Was ist dir?“ fragte er erschreckt.

„Nichts,“ kam es ihr tonlos aus trockener Kehle und der Kopf sank ihr

nach der Brust.

„Du zitterst ja am ganzen Leib. Es geht dir wohl nah, es geht dir wohl

gar nah, merk’ ich. Burgerl führ’ s’ nach eurer Kammer. Wein dich aus,

Dirn’, wein dich nur recht aus, es tut nichts besser in solcher Sach’,

wie sich ausweinen.“

Er sah den langsam Hinwegschreitenden eine Weile gedankenvoll nach,

dann nickte er vor sich hin.

„Freilich! So ’n grundbrave Dirn’ und so ’n wilder Bub’!“

Er glaubte nun alles zu wissen.

19.

Gar vereinsamt fühlten sie sich auf der Mühle zu Langendorf. Wochen

waren vergangen. Der erste stürmische Schmerz, der auf die Herzen

der Hinterbliebenen preßt, als wollte er auch diese stille stehen

machen, war einer tiefen Wehmut gewichen, die aus allem, was an den

Verstorbenen erinnern konnte, ihre Nahrung sog und mit Heißhunger immer

nach neuen Gegenständen suchte, die seine Erscheinung, wie leibhaft und

lebend, ins Gedächtnis zu rufen vermöchten.

Da hatte denn die Müllerin eines Abends mit dem Müller ein längeres

Gespräch. „Wirst sehen,“ sagte er am Schlusse, „es wird nicht so, wie

du denkst, du stellst es dir nur anders vor.“ Und sie entgegnete:

„Es tät’ mich halt doch trösten und freuen, es wär’ doch etwas ihm

Gleiches.“ Da sprach der Müller nichts mehr und am nächsten Morgen

früh machte er sich auf. Von dem jungen Reindorfer hatte er sich sagen

lassen, wo und bei wem dessen Schwester bedienstet sei. Er bestieg sein

Wägelchen und ließ das Pferd bedächtig einher traben, einigemal griff

er nach dem Zügel und fuhr im Schritt, er hatte es nicht eilig, an Ort

und Stelle zu kommen.

In der Kreisstadt stellte er sein Fuhrwerk bei einem befreundeten Wirte

ein. Beide kannten sich von ihren wildesten Burschenjahren her und

hatten später als Soldaten in einem Regimente gedient. Als der Müller

mit dem ehemaligen Kameraden, der um all seine Jugendstreiche und

Soldatenstückchen wußte, in der Stube an dem Tische saß und ein Krug

Wein um den andern zur Ehr’ der Begegnung und Erinnerung an vergangene

lustige Tage geleert wurde, da ward er gesprächig; von den Bildern

einer tollen Vergangenheit, über die Gegenwart, die ihn bedrückte,

hinweg, spann er einen Faden nach einer behäbigen Zukunft, wo er

wieder mit Weib und Kind in seinem Heim säße.

Bei der Erinnerung an die verstorbene Reindorferin schmunzelte der

Wirt. „Hast mir’s ja erzählt, wie d’ damal vom Urlaub wieder eingerückt

bist.“

Der Müller nickte und sprach eifrig weiter.

„Die Dirn’ wollt ihr zu euch nehmen?“ fragte der Wirt erstaunt. „Hör

mal Kerl, du mußt ein Kapitalweib haben, wie du eigentlich gar nit

verdienst! Ein Kapitalweib, auf das wir wohl eins trinken können. Stoß

an!“

„Dadrum,“ sagte der Müller, indem er mit dem Rockärmel über den Mund

wischte, „bin ich jetzt auf dem Weg nach Föhrndorf, daß ich das Mädl

heimhol’, wenn sie zugreift.“

„Das wird’s wohl mit beiden Händen,“ lachte der Wirt, „dumm wird sie

nit sein.“

„Ich hoff’s,“ brummte der Müller. „Aber jetzt laß einspannen.“

„Hast ja noch Zeit.“

„Keine mehr.“

„Überg’nug, sag’ ich dir; du müßt’ dir nur kein’ andern Weg wissen, als

den nebenher der Eisenbahn.“

„Weiß mer auch kein’ andern.“

„Aber ich. Zwei Stunden, rechn’ ich g’ring, erspart uns der. Nimm mich

mit, ich lenk’ dir dein Zeugl. Es verinteressiert mich eh’ kein klein

wenig, die Dirn’ z’ sehen. Nimmst mich mit, -- abg’macht!“

Der Müller kraute sich hinter dem Ohre. Es war ihm verdrießlich,

daß er so viel geplaudert hatte, und mit einemmal erschien ihm die

Vergangenheit gar abträglich für sein Ansehen und die Zukunft sehr

ungewiß. Mürrisch reichte er die Hand hin. „Komm halt mit. Aber das,

was d’ heut erfahren hast und etwa noch erfahrst, das bleibt unter uns,

grad so wie all’s früher Gewesene.“

„Das versteht sich,“ beteuerte der Wirt, „das versteht sich doch. Wir

gehören alther zu einer verschwiegenen Bruderschaft, ’n Männern Hörner

aufsetzen und ’n Weibern Stroh in d’ Zöpf’ flechten, das därf mer nit

verlauten lassen, sonst könnt’ den einen einfallen, z’ stoßen, und d’

andern möchten uns in d’ Haar’ g’raten. Übrigens, du könnt’st mer’s

übel eintränken, wenn ich über dich plauder’, brauchtest bloß mein’

Alte aufz’klären, daß ich nit der Ausbund bin, für den ich mich gib und

für den sie mich nimmt; geg’n die spiel’ ich ’n Nachsichtigen und dös

is ’s einzige, was mich ihr überlegen macht, wußt’ die erst, daß sie

mir grad so viel vorwerfen könnt’, wie ich ihr, dann g’nad’t mer kein

Gott und half mer kein Teufel! Komm, gehn wir durch d’ Kuchel. Schau

dir’s an, mein Weib.“

Die Wirtin war ein kleines, kugelrundes, aber sehr behendes Frauchen,

unter der ehrbaren Haube guckte ihr über den sorgfältig geglätteten

Scheiteln ein widerspenstiges Haarschöpfchen hervor. Sie sah mit

ihren großen, braunen, brennenden Augen den Müller aus Langendorf

forschend an, der ihr als „lieber, alter, guter Freund und Ehrenmann

wie unsereins“ vom Wirte vorgeführt worden war; während dieser in den

Hof trat, um den Wagen instand setzen zu lassen, sprach sie laut und

lebhaft mit dem Gaste, schlug ihm ein paarmal auf die Schulter und zum

Abschiede faßte sie ihn mit beiden Armen über den Ellbögen, schüttelte

ihn und hieß ihn, „sich bald wieder anschau’n lassen“.

Die beiden Männer stiegen auf und fuhren dahin.

Der Wirt plauderte lustig, er wies auf den augenscheinlichen

Vorteil hin, in fremden Familien eigene Kinder zu haben, pries in

überschwenglichen Ausdrücken die diesbezügliche Vorsicht seines

Freundes und riß einen lockern Witz um den andern, so daß dem Müller

zuletzt die ganze Fahrt wie ein guter Spaß vorkam und er nichts dagegen

hatte, daß das Gefährt immer rascher des Weges auf Föhrndorf zurollte.

Als das Dorf in Sicht kam, fragte er einen Knecht, der längs der Straße

auf dasselbe zuschritt, um den Hof des Grasbodenbauers; behend sprang

er vom Wagen, als derselbe erreicht war, bat seinen Freund, nach dem

Gemeindewirtshaus zu fahren und dort einzustellen, versprach, bald mit

der Dirne nachzukommen, und trat durch den Torbogen ein.

Die alte Sepherl hatte den Wagen halten hören und war neugierig aus dem

Hause getreten.

„Guten Abend,“ sagte der Müller, „dient die Reindorfer Leni wohl noch

da bei euch?“

„Ei wohl, dieselbe dient da.“

„Ist sie fein anstellig und brav?“

„Mer könnt’ nit anders sagen, als daß sie das sein tät’,“ leitete

die Alte ein, denn wenn ein Fremder jemand nachfragte, schien es ihr

geboten, zu loben, das erweckte ja auch für das übrige Gesind’ ein

günstig Vorurteil; sie stand im Begriff recht gesprächig zu werden,

aber der Müller unterbrach sie:

„Wo find’ ich die Leni?“

„Im Garten,“ sagte sie kurz.

Der Müller stieß das Zauntürchen auf und betrat den Kiesweg. Er fand

die Gesuchte mit Burgerl in der Laube sitzen. Er hatte die Dirne bisher

gemieden, sie höchstens -- wo einer Begegnung nicht auszuweichen war --

mit flüchtigen Blicken gemustert, als er sie nun jetzt mit einemmal vor

sich sah, schmuck, von den welligen Scheiteln bis zur Sohle der kleinen

Schuhe, da wandelte ihn etwas wie Stolz an, sein Auftrag gefiel ihm je

mehr und er fühlte sich auch den Mann, ihn auszuführen.

„Grüß Gott,“ sagte er hinzutretend.

„Grüß Gott,“ erwiderte Leni. Als sie aufblickte und den Müller

erkannte, da wich die Farbe aus ihrem Gesichte und sie sah ihn mit

großen Augen befremdet an.

„Dein Vater?“ fragte neugierig Burgerl, welche wohl die Erregung der

Freundin merkte, aber falsch deutete.

Der Müller tat rasch einen vielsagenden Blick nach Magdalena, es hätte

ihm Freude gemacht, sie verlegen zu sehen, aber auf ihr „Nein“, das so

hart und schroff abweisend klang, wie er dem Mädchen nicht zugetraut

hätte, senkte er wieder die Augen und sagte: „Ich bin nur ein Bekannter

aus dem Orte, wo sie her ist.“ Und da er die Frage von dem Gesichte des

Mädchens ablas, fuhr er gegen dasselbe fort: „Was ich dir will? Ich

hätte was Wichtiges mit dir zu reden, tu mir den Gefallen und komme mit

mir.“

„Ich weiß nicht ...“

„Aber ich weiß und mir liegt daran,“ erklärte bestimmt der Müller.

Da sah ihm das Mädchen starr in die Augen. „Du sollst deinen Willen

haben,“ sagte es. „Gelt, Burgerl, du gerat’st[25] mich wohl für ein’

kurze Weil’ und gibst mir Urlaub? Ich bleib’ dir kein’ Minute länger

weg, als not tut, und das wird nit lang sein. Gehn wir jetzt, Müller!“

Und so gingen denn die beiden über den Hof und dann über die Gasse,

die kurze Strecke bis zum Gemeindewirtshaus, hastig, schweigend

und getrennt, als schritte ein dritter zwischen ihnen einher. Bei

ihrem Eintritte in die Gaststube, die sie ziemlich leer fanden,

grüßte der Freund des Müllers vertraulich und maß Magdalene, die dem

keck aufdringlichen Blicke verwundert mit zusammengezogenen Brauen

standhielt. Sie setzten sich in einen Winkel, abseits von den wenigen

Anwesenden. Der Müller ließ Wein bringen.

„Ich trinke keinen Tropfen,“ sagte Magdalene, dann nach einer Weile,

als der Müller noch immer wortlos neben saß, fragte sie: „Was ist’s,

das du mir zu sagen hast?“

Er seufzte schwer auf. „Du kannst dir denken, wie gar traurig es jetzt

daheim bei uns auf der Mühle ist. Du wirst ja gehört haben von unserem

armen Flori?“

Die Augen des Mädchens wurden feucht und dessen Rechte, die spielend

das Glas umspannt hielt, glitt herab auf die Tischplatte.

Der Müller ergriff die Hand und drückte sie. „Nun haben wir alten Leute

niemand mehr auf der Welt, der uns bekümmern möchte, als dich.“

„Als mich? Ich gehöre doch nicht zu euch.“

„Du gehörst, du sollst zu uns gehören, darüber denkt mein Weib nicht

anders wie ich, es wär’ ihr ein rechter Trost, wenn du zu uns auf die

Mühle ziehen möchtest.“

„Wohin denkst du! Ich sollte heim auf die Mühle, wo ich mich und andere

allzeit erinnern müßt’ an die traurigsten Begebniss’? Das geschäh’ wohl

jedem zum Herzleid und keinem zum Trost!“

„Red nicht unüberlegt. Die Zeit tut viel hinweg von aller Kränkung und

drei tragen leichter an einer als zweie. Ich nehm’ dich als eigen an,

und ich denk’, was ich dermaleinst nachzulassen hab’, wär’ nicht zu

verachten.“

„Weiß mein Vater darum?“

„Wer?“ Der Müller blickte erstaunt auf. „Ja so, du meinst den alten

Reindorfer. Nun, von ihm aus möchtest du all dein Lebtag ein armer

Dienstbote verbleiben, und ich glaub’, wenn er von meinem Vorhaben

hört, so wird er deinem Glück nicht in den Weg treten.“

„Das säh’ ihm wohl gleich. Aber meinst du nicht, daß dem alten Mann

dabei hart und weh’ geschehen möcht’?“

„Warum denn auch?“

Die Dirne atmete hoch auf, sie blickte scheu um sich, weil sie mitten

unter fremden Leuten saßen, und zum erstenmal sollte sie, was ihr das

Herz preßte, nicht laut heraussagen dürfen; sie neigte sich etwas über

den Tisch. „Frag nicht warum, ich kann da nicht reden. Ich verlass’ den

Vater nicht.“

Der Müller schüttelte mißbilligend den gesenkten Kopf. „Nenn’ ihn nicht

immer so, du weißt gar wohl, wer es dir ist und magst es jetzt auch

verspüren. Handle ich nicht schön an dir?!“

„Nachträglich.“

Da schlug der Müller mit der flachen Hand auf den Tisch. „Dirn’,“ sagte

er aufbrausend, „da säßest du nicht und könntest nicht so in den Tag

hineinreden, wenn ich nicht wär’!“

„Wohl. Es wär’ ein schwermächtiger Unsinn, wenn ich sagte, ich

vermöchte, eines andern Kind, ebenso da zu sitzen, die ich bin, auch

ohne dich; aber ich dank’ dir nicht für mich. Wie ich geworden bin, ist

doch nicht dein Verdienst, und das Leben allein ist das Wenigste, das

ihr einem geben, und das Geringste, das man euch schulden kann, schon

eines, das ehrlos und verlassen zur Welt kommt, mag sich des Dankes

für quitt halten, aber ich -- wär’s lieber nie geschehen, -- bin wider

Ehr’ und Recht gekommen, du hast mir die Mutter elend gemacht und den

mir liebsten Menschen auf der Welt gekränkt, ich kann kein Herz zu dir

fassen.“

Der Müller blickte nicht auf, als er jetzt leise sagte: „So magst du

reden, wo doch in weiter Welt selbst das Tier -- das Tier -- das eigene

Blut anerkennt?!“

„Beruf dich nicht darauf, Müller. Was auch die Leute schwätzen von

verwandtem Blut, das ordentlich aufsieden müßt’, wenn sich Kind und

Eltern, auch ungekannt, zusammenfinden, es ist doch nur gefabelt,

aber für allzeit wahr bleibt Dankbarkeit und Lieb’ -- nicht für den,

der einmal Vater gewesen war --, sondern für den, der es auch immer

geblieben ist!“ Sie erhob sich vom Sitze. „Und das ist mir der alte

Mann bis auf den heutigen Tag. Ich heiße nicht nur, ich bin auch

Reindorfers Magdalen’, und das erlebt er nie, daß ich mich von ihm

abwend’ und dem zulauf’, der vielleicht der einzige auf der Welt ist,

den er nicht leiden kann. Wie ich auf die Welt gekommen bin, hab’ ich

ihn gekränkt, das war unverschuldeterweis’, verschuldeterweis’ kränk’

ich ihn, seit ich bei Verstand bin, nimmer, auch um deine Mühl’ nicht

und hätt’ sie sieben Gäng’ und mahlte pur’ Gold!“

Der Müller hielt sie an der Hand zurück und sagte, jedes Wort aus der

beklommenen Brust heraufholend: „Wohl -- d’ mein’ hat nur zwei und

mahlt Korn -- doch überleg’s -- ’s könnt’ dich reu’n.“

Sie preßte die geschlossenen Lippen fester gegeneinander, riß sich los,

schritt aus der Gaststube und eilig, ohne umzublicken, die Straße dahin.

Da überleg’, wer jede Sorge fürchtet und harte Arbeit scheut. Sie läßt

sich dem Vater nicht wegkaufen, den hat sie über Sorge und Arbeit alt

werden sehen, sie fürchtet nicht die erste und scheut nicht die letzte,

sie ist Reindorfers Magdalen’ und sie bleibt es!

Wie gern hätte sie den Vater zur Stelle haben oder sich gegen jemanden

aussprechen mögen, an dessen Meinung ihr gelegen war, etwa gegen den

Grasbodenbauer! Aber das ging doch nicht an. Sie horchte auf den Schall

ihrer Tritte, unter welchen die Sohle des einen Schuhes knarrte, und

wie sie so stramm ausschritt, da klang es ihr ganz deutlich: „Recht --

ge -- tan! Recht -- ge -- tan -- --“

Der Müller warf die Zeche auf den Tisch.

Sein Freund trat hinzu. „Ein Kernmädl, das, ohne dir z’ schmeicheln.

Schad’, daß d’ d’ Freud’ daran ein’m andern überlassen mußt. Begreif’s,

du möcht’st gern die auch noch, aber, lieber Freund, der Mensch muß nit

alles woll’n!“

Sie stiegen auf und fuhren davon.

Gar bedächtig trottete das Rößlein an dem Gehöfte des Grasbodenbauers

vorüber, aber hinter keinem Fenster, unter keiner Türe, um keine

Ecke zeigte sich, was der Müller zu sehen hoffte; da senkte er den

Kopf, starrte vor sich hin und kargte mit den Worten, kein Witz des

lustigen Wirtes verfing mehr, so daß dieser gar bald auch verstimmt und

verstummt dasaß und erst, als sie der Kreisstadt nahe kamen, aufatmete.

„No sind wir gleich heim,“ sagte er, „und da trinken wir eins und da

spülst all den Gift, Gall’ und Ärger h’nunter.“

„Dagegen half freilich ’s Trinken, aber geg’n das nit,“ sagte seufzend

der Müller, „was mich bedrückt. Ich mag gar nit einkehr’n.“

„Was, nit ’mal einkehr’n, in d’ Nacht h’neinfahren willst?“ rief der

Wirt. „No, weißt, ich red’ dich nit ab, ich sieh’s, mer muß dir dein’

Willen lassen, mit dir is nix anz’fangen; aber da halt’ dich jetzt auch

nur der Straße nach, ich find’ mein’ Weg, d’ Stadt h’nein, schon z’

Fuß. B’hüt Gott!“

Der Müller hielt an, der Wirt sprang vom Wagen. Beiden war es lieb,

einander loszuwerden.

Das Gefährt rädelte langsam in der immer lautloser werdenden Gegend

dahin, und der Mann, der gesenkten Hauptes auf dem Kutschbocke saß,

seufzte oft schwer auf.

* * * * *

„Wenn man jung ist, da drängen sich Freundschaft und Lieb’ an einen

heran und wenn man sie gleich im Übermut mißbraucht, aber schier meine

ich, sie merken sich’s, und wenn man alt und vereinsamt danach sucht,

dann bleiben sie weg!

Hinterher gilt kein Besinnen, da tritt alles Elend, worauf man keinen

Gedanken gehabt, einem wahr und leibhaftig entgegen. Wie gut tun

die, die sich von dem Halunken, der in unser jedem steckt, nicht

kitzeln, nicht zu schadenfrohem, bübischem Tun reizen lassen, die ihn

unterducken und in dem verschwiegensten Winkel der Brust versperren,

daß er da verdirbt und verdorrt. Wie wohl mag denen sein, die niemandem

weh getan!

Wenn nicht heut’, sicher morgen, schreibt die Dirn’ dem Alten, daß sie

nicht von ihm gelassen hat und nicht von ihm läßt, nicht um eine Mühle

mit sieben Gängen, die pur’ Gold mahlt! Und er mag -- er muß wohl seine

Freude an ihr haben. Wer nicht, der eines so mit Leib und Seele sich

anhangen weiß?!

Der Mensch muß nicht alles wollen.

O, nur eines wollte ich, daß ich den Reindorferhof all meine Tage mit

keinem Auge gesehen, mit keinem Fuße betreten hätt’! Wir gingen uns

jetzt nicht gott- und weltverlassen daheim unter den Augen herum, mir

wäre nicht, wenn meine Alte herankommt oder sich wegschleicht, als gäbe

sie mir an allem Schuld, mag sein, sie denkt nicht daran, aber mir ist

so -- mir ist so, sie mag kommen oder gehen!

Falsch’ Glück hat mich nach dem Ort gelockt, wo mich der Jammer in die

Arbeit genommen, und er wird nicht früher ablassen, bis er mit mir

fertig ist, es soll nichts hinzu, was ihn mindert. Was tut’s? An allem

liegt nicht viel und an mir wenig. Wart’ es ab, länger wie ich kann es

nicht dauern, und das ist nimmer lang!“

* * * * *

Die Müllerin fragte ihn bei seiner Rückkehr nicht, was er ausgerichtet,

und eine Zeit darauf sagten die Leute: „Dem Müller merkt man’s wohl an,

ihn freut’s nimmer.“

20.

War die erste Mahnung an die Heimat, unter welcher Magdalenens Herz

schmerzhaft zusammenzuckte, wie ein plötzlicher rauher Riß, der die

kaum verharschte Wunde aufs neue bloßlegte, so war die zweite -- die

Begegnung von dorther -- brutal, aber heilend wie ein chirurgischer

Eingriff, der sie wieder schloß. Jene waren tot, vor deren Begegnen,

selbst in ihren Gedanken und Träumen, sie sich ängstigte, weil ein

Wirrsal zwiespältiger Gefühle auf sie einstürzte, jetzt konnte sie mit

ihnen in wehmutreicher Erinnerung verkehren und ihnen jedes liebende

Anrecht auf sich einräumen, desto schroffer mußte sie den Anspruch

auf ein solches von seiten des Müllers zurückweisen, dem sie immer

ferngestanden hatte und dem nahezustehen sie sich nicht denken konnte,

ohne daß er ihr all dies Erinnern und Empfinden verderbte und befleckte.

Wenn eine Wunde verharscht, dann bleibt freilich eine Narbe, aber

wie man die körperlichen danach beurteilt, ob sie durch ein Gebrest

entstanden, oder von persönlichem Mute zeugen, so auch die seelischen,

und nicht nur jenen, die im Schlachtgewühl der Gefahr trotzten, auch

den tapfern Seelen, die mutig im Kampfe des Lebens sich bewährten,

stehen Narben schön.

* * * * *

Seit auf dem Grasbodenhof der Bauer und Magdalene wußten, „daß sie

einander nichts wollten“, hatten sie bei jeder Gelegenheit, die sich

schickte, die sie nicht suchten, noch ihr auswichen, einen freundlichen

Gruß, oder ein kurzes, munteres Wort. Gleich nach der entscheidenden

Auseinandersetzung meinte der Bauer ein rechtes Einsehen zu haben,

indem er es vermied, fürder mit der Dirn’ und Burgerl allein auf

seiner Stube zu mahlzeiten; er führte die alte Sitte wieder ein

und aß gemeinsam mit dem Gesinde in der unteren Stube. Da, wenn

alle durcheinander schwatzten, ließ er sich auch in ein halblaut

geführtes Gespräch mit Leni ein, wobei es oft geschah, daß beide

plötzlich aufhorchten, sich allein reden hörten und aller Augen auf

sich gerichtet sahen, dann verstummten sie und wurden verlegen und

wußten nicht warum, und die halbblöde Traudel schlug dann jed’mal ein

Gelächter auf. Das war dumm. Sie gaben sich daher bei Tisch und vor dem

Gesinde nur Gruß und kurze Reden und versparten die rechte Ansprache

für unter sich, und sie redeten sich so gut und leicht, während sie

im Garten den Baumgang auf und nieder schritten. Freilich hätten sie

merken können, daß, seit sie außerm Gesicht des Gesindes sprachen,

dieses damit hinter ihrem Rücken anhob, aber sie hatten es nicht acht,

wenn sie plötzlich in irgendeiner Ecke auf ein Paar stießen, das bei

ihrer Annäherung mit einmal im Texte nicht weiter wußte.

So schritten sie denn über den Kiesweg dahin und es begannen unter

ihren Füßen die welken Blätter zu rascheln und vom Rasen hingen die

bereiften, dürren Halme nieder und dann starrten die nackten, kahlen

Äste über ihnen, die Schneeflocken fielen und die weiße, flaumige Decke

behielt die Fußstapfen auf.

Der Weihnachtsabend kam und der Bauer stellte sich bei Magdalenen mit

Geschenken ein, über welche das ganze Gesinde kopfschüttelte. „Alles

was recht is! Was eines verdient und sich zu ihm schickt, das soll

ihm vergönnt sein; aber hat er der Dirn’ nit ein Sonntagsspenzer und

obendrein ’s Zeug zu ein’ Rock h’naufgenötingt, wie ihn rundum schöner

und reicher kein’ Bäu’rin tragt?“

Am Morgen nach der heiligen Nacht, als außen die Morgensonne über dem

glitzernden Schnee aufstieg und das Herdfeuer in der Küche prasselte,

sagte die alte Sepherl, indem sie sich bückte und einige Reiser auflas,

ohne zur Angeredeten aufzublicken: „Na, Leni, du kannst wohl mit deiner

Christbescher z’frieden sein.“

„Wahrhaftig, Sepherl,“ sagte treuherzig die Dirne, „ich weiß nit, wie

ich dazukomm’.“

Die Alte richtete sich auf und sah dem Mädchen ins Gesicht. „So? No,

mein’sweg’n, jetzt glaub’ ich dir noch, aber wann d’ nit in Unehr’n

davon erfahren willst, so schenk du mir auch Glauben, wenn ich dir

sag’, der Bauer hat’s auf dich abgesehen.“

„Geh weg,“ lachte Leni, „dazu is er z’viel vernünftig!“

Sepherl wandte sich brummend ab und störte im Feuer.

Plötzlich schattete es im Türrahmen. Der Großknecht Heiner hatte sich

im Flur breit hingepflanzt. „Guten Morgen, Sepherl,“ rief er. „Guten

Morgen, Dirn’! Neujahr is vor der Tür, verlaubst schon, daß ich dir

gleich heut mein Sprüchel aufsag’. Ich wünsch’ dir nur, daß d’ es

ebensogut triffst, dir ’n Bauer vom Leib z’ halten, wie unserein’n.“

Leni trat auf ihn zu. „’s selb’ hat’s auch gar nit not, daß d’ es

weißt,“ sagte sie trotzig. „Er will mir nix nit.“

Heiner tat einen langen, halbleisen Pfiff.

„Sie meint,“ sagte Sepherl, indem sie die Schultern in die Höhe zog,

„dazu wär’ er z’viel vernünftig.“

Der Knecht schlug ein kurzes Gelächter auf.

„Wohl, weil ihr ihn nit kennt, wie er is,“ sagte Leni, der die Zornröte

ins Gesicht stieg.

„Brauchst dich über ein’ ehrlichen Rat nit zu erbosen und rot z’

werden wie ein Biberhahn,“ sagte Heiner und schritt hinweg, hinaus in

den Garten und folgte dort den breiten Fußspuren im Schnee, bis er am

anderen Ende auf den Bauer traf, der in das weite Feld hinausstarrte

und seine Morgenpfeife qualmte.

„Guten Morgen, Bauer!“

„Auch so viel, Heiner. Frisch is ’s heut.“

„Frisch is ’s.“

„’s macht der viele Schnee, aber das is ’n Feldern recht und ’m

Menschen g’sund.“

„Wohl, wohl. Aber laß dir sagen, Bauer, jetzt mein’ ich schon, ich

hätt’ mich bei dir vom Anfang an recht gut auskennt und was mer ein’m

andern nit vergunnt, drauf hat mer selber a Schneid’.“

„Red’tst übernächtig? Was hätt’ ich dir nit vergunnt?“

„No, hast mich ’leicht nit vom Hof gehn g’heißen, wann ich mit der

Dirn’, der Leni, was anfang? Und bei mir hätt’ sich doch all’s noch in

Ehr’n schicken können, wozu führt’s denn aber bei dir?“

„Was red’tst denn für narrisch Zeug? Es is doch da gar nix zu Weg, daß

’s wohinzu führen müßt’! Ich will doch, gottswahrhaftig, nix mit der

Dirn’.“

„Aber, du mein Gott,“ sagte Heiner, indem er die herabhängenden Hände

ineinanderfaltete und den Bauer mit weitgeöffneten Augen anstierte,

„dann treibst doch mit ihr a ganz verfehlt’ Wesen! Welche Dirn’ möcht’

sich da keine Gedanken in’ Kopf setzen?!“

„Dazu is die viel z’ g’scheit,“ sagte der Bauer.

Heiner öffnete die gefalteten Hände und ließ die Arme am Leibe

herunterbaumeln, während er seitwärts nach der Krone eines Baumes

aufblickte.

„Na, sei nit dumm,“ sagte ärgerlich der Bauer.

Da kam die Sepherl herangeschritten. „Laßt nit warten,“ sagte sie, „die

Schüssel steht af’m Tisch.“

Der Bauer schritt voran.

„Hör, Bauer,“ sagte die Alte, die einen Schritt hinter ihm

nachtrippelte, „der gestrig’ heilige Christ, laß dir sag’n, der war

all’s z’viel; magst ’s ja gut meinen, aber glaub mir, du tust dir und

der Dirn’ nix Gut’s damit, wann du s’ einbilderisch machst.“

„Dazu, meint der Bauer, wär’ dö viel z’ g’scheit,“ sagte trocken Heiner.

Der Bauer wandte sich hastig nach den beiden um und sagte zornig: „So

mein’ ich, und ich bin’s nit gewohnt, daß auf mein’m Hof ein’s anders

meint, wie ich!“

Großknecht und Altdirn’ blieben eine Weile an der Stelle stehen,

dann folgten sie in gemessener Eile und Entfernung; sie lüpften die

Schultern, hoben die Hände mit ausgespreiteten Fingern und strichen

sich über die Scheitel und führten so eine stumme aber beredte Sprache

verblüfften Verwunderns.

Verstimmt trat der Bauer in die Gesindestube und an den Tisch. Er und

Leni grüßten sich befangen. Es sollte aber noch ganz anders kommen!

Burgerl saß, wie gewöhnlich, zwischen den beiden, und als alle eifrig

die Löffel handhabten, -- wer darauf hielt, besaß seinen eigenen

-- stieß sie leise mit den Ellbögen rechts und links an und sagte:

„Jesses, ich hab’ eure Löffel verwechselt.“

Leni legte den ihren sofort neben den Teller des Bauers.

„Könnt’st auch aufschau’n, dumm’s Ding,“ murrte der, zu Burgerl

gewendet, goß die Milchsuppe in den Teller zurück und reichte den

Löffel hinüber.

Burgerl zog die Kniee an sich und schlang die Arme darum, so kauerte

sie eine kleine Weile, dann blickte sie auf mit Augen wie ein Kobold,

der sich eines gelungenen Streiches freut, und sagte: „Jetzt schmeckt’s

besser.“

Der Bauer stieß ein paar kurze Laute aus, die er gerne als das Lachen

eines Unbefangenen an den Mann gebracht hätte, als er aber Leni vor

Verlegenheit bis unter die Haarwurzeln erröten sah, blickte er so wild

um sich, daß allen das Lachen verging bis auf Traudel, die Stalldirn’,

die denn auch der Bauer anfaßte und zur Türe hinauswarf.

„Vermaledeiter Saufratz!“ schrie er und hob den Arm gegen Burgerl.

Keines auf dem Gehöft erinnerte sich, ihn je so zornig gesehen zu

haben. Erschreckt schlang Leni beide Arme um das Kind und riß es an

sich.

Er ließ den Arm sinken und sprudelte stoßweiße heraus: „Dank’s der

Len’! -- Aber das laß dir g’sagt sein -- nur einmal noch -- nur einmal

-- in der Weis’ -- spiel’ du vernünftigen und g’scheiten Leuten mit! --

Nur einmal!“

Jene, die im kritischen Augenblicke den Löffel aus der Hand legen und

Schürze oder Ärmel, unter dem plausiblen Vorwande des Mundabwischens,

vor das Gesicht bringen konnten, schätzten sich sehr glücklich.

Qualvoll gestaltete sich die Situation für die anderen, bei denen sich

das Lachen und der Löffel Suppe auf dem Wege nach hinauf und hinunter

trafen; die Armen spannten die Backen, als ob sie Posaune bliesen, und

die Augen quollen ihnen aus den Höhlen, als sie aber merkten, daß,

vermutlich der lustigen Gesellschaft halber, die Sauermilchsuppe kehrt

machte und nun vor dem Lachen einherlief, und um nur ja rechtzeitig

dabei zu sein, den kleinen Umweg durch die Nase nicht scheute, da

fuhren sie verzweifelt von ihren Sitzen empor und stürzten sich in die

Stubenecke und begannen dort auf das erbarmungswürdigste zu pfeifen und

zu husten. Ihr Elend kam den andern Knechten und Mägden sehr erwünscht

und bald war jeder Luftschnappende von zwei oder drei Helfern umgeben,

die ihm den Rücken abklopften, wobei freilich auch Püffe unterliefen,

mit denen mancher sich, aber nicht dem Bedrängten Luft machte; dazu

lachten sie wie närrisch, „daß sich der Naz’, die Cenz’, der Michl, die

Gundl -- na, aber so -- hat verkutzen können!“

Ärgerlich wandte sich der Bauer ab und ging hinweg.

Leute, deren guten Rat und wohlmeinende Mahnung man kurzweg von der

Hand weist, fühlen sich in der Regel beleidigt und Heiner und Sepherl

waren keine Ausnahmen. Wenn von nun ab der Bauer, um Heiners Meinung

oder Zustimmung einzuholen, fragte, wie etwas recht zu machen sei,

oder ob es recht gemacht wäre, so beteuerte der Knecht in erheuchelter

Bescheidenheit: er wisse es nicht zu sagen, denn er sei lang nit so

vernünftig -- wie andere! Und wenn Magdalene in gleicher Absicht sich

an Sepherl wandte, so wies die Alte in hinterhältiger Demut jede Frage

von sich, denn sie habe nicht die Gescheitheit mit Löffeln gegessen --

wie andere!

Da der Bauer und Magdalen’ von zehn Fragen neun nur des guten

Einvernehmens wegen stellten, so ärgerte sie das unfreundliche Gehaben

des Großknechtes und der Altmagd nicht wenig, aber sie verwanden allen

Ärger im stillen und kamen darüber nie zur Sprache, denn das hätte

ja ausgesehen, als ob sie sich über falsches Meinen der Leute nicht

hinwegzusetzen wüßten, und möchte etwa nur das eine von ihnen an dem

anderen irregemacht haben.

Desto eifriger sorgten Heiner und Sepherl dafür, daß das, was man

sich bisher nur auf dem Gehöfte zugeflüstert hatte, nun auch auf die

Straße und unter die Leute käme, und um die Zeit, da der Tag sich

jährte, an welchem Magdalen’ bei dem Grasbodenbauer in Dienst getreten

war, erlebten sie die freudige Genugtuung, daß sich schon das ganze

Dorf darin gefiel, den Bauer und die Favoritdirn’ mit Spitznamen zu

bezeichnen.

Wenn Sonntags der Bauer mit der Dirn’ an seiner Seite -- zwei Schritte

Raum und die kleine Burgerl zwischen beiden -- der Kirche zuschritt,

so flüsterte hier einer: „Schaut, da kommt der Vernünftige mit der

G’scheiten,“ und dort stob ein Rudel Bursche auf die halblaute

Aufforderung: „Macht’s doch ’n G’scheiten und Vernünftigen Platz,“ mit

unterwürfigem Gruße auseinander.

Als sich aber das Fest des heiligen Kirchenpatrons jährte und der

Bauer Leni und Burgerl nach dem Wirtshause, ja sogar auf den Tanzboden

brachte, wo ihm bei seinem Weggehen ein Vierzeiliger nachhallte:

„Vernünftig und g’scheit,

Und tun, was ein’ g’freut!

So vernünftig, o mein,

Möcht’ ich selber gleich sein,“

da wollte der Ruf der „vernünftigen und g’scheiten Zweisiedlerei af’m

Grasbodenhof“ schier über das Dorf hinaus sich ausbreiten, denn zu dem

Föhrndorfer Kirchtag fanden sich viele aus den Nachbarorten ein, und

war jeder darauf aus einen Spaß von hier mit heim zu nehmen. Da auch

der Knecht Hiesl von Hinterwalden herübergekommen war, so erfuhr noch

in der nämlichen Nacht der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ um die

ganze Geschichte.

Der Alte schüttelte den Kopf. Er warf sich die Sache durch die Reuter,

das heißt, er siebte davon hinweg, was ihm als böswilliges oder müßiges

Geschwätz erschien, aber auch mit dem, was nun verblieb, konnte er

nicht zurecht kommen und fand in all der „Vernunft und Gescheitheit“

keinen Sinn.

„Was die nur denken?“ murmelte er. „Sich geg’nseits ’n Ruf verschänden!

’s is doch toll! Die Sach muß in die Richt’! Und weiß ’s kein’s von dö

beim rechten Trum anz’fassen, so muß halt ich ihnen ’s weisen. Aber so

oder so, dö Sach’ muß in die Richt’!“

Er trug Hiesl auf, für kommenden Morgen den Wagen bereitzuhalten.

* * * * *

Der Grasbodenbauer befand sich auf seiner Stube. Er hatte dem Gesinde

sagen lassen, daß er nicht zum Frühstücke hinabkäme; sie würden auch

ohne seiner das Essen fertig bringen, das traue er ihnen zu. Bei dem

einen geöffneten Fenster strich würzige Morgenluft herein, an dem

anderen, das geschlossen war, saß er und stützte den schweren Kopf

in die Hände und beobachtete eine große Fliege, die ab und zu an die

Scheibe prallte und dann eine Weile an derselben auf und nieder surrte,

bis sie wieder nach der Mitte der Stube zurückschoß und einen neuen

Anlauf nahm, um sich den Kopf anzurennen.

Der Bauer zog die Brauen zusammen, das Gedröhn der Fliege begann ihn zu

verdrießen, es erinnerte ihn an das Geschnurre der Baßgeige, das ihn

gestern nachts noch aus ferner Weite durch das ganze Dorf verfolgte.

Er hatte das Spottliedl wohl gehört und gute Lust bezeigt, unter der

Schwelle umzukehren und den Takt dazu zu schlagen, aber Leni hatte ihn

bittend am Arme gefaßt und fortgezogen. Heut frühmorgens ging einer

unter dem Fenster vorüber und pfiff denselben Ländler und wenn der Lump

auch die Worte für sich behielt, so war doch sicher, daß er sie in

Gedanken vom ersten bis zum letzten dabei hatte.

„Dö Himmelherrgottssackermenter! Was sie’s angeht, wenn zwei Leut’

sich nichts wollen und ihnen auch nichts? Was geht sie’s denn an, die

elendigen ...“

Pom! schlug die Fliege an die Fenstertafel und dann klang es: Srr --

surr -- sum -- summ -- -- Vernünftig und g’scheit -- -- --

„Höllment’sch Vieh,“ schrie der Bauer und schlug danach, daß die

Scheiben klirrten; die erschreckte Musikantin fuhr in einem großen

Bogen durch die Stube und gewann dabei zu ihrem Glücke das offene

Fenster.

Der Bauer stützte wieder den Kopf, er preßte die Handflächen gegen die

Stirne und kraute sich mit allen zehn Fingern sachte in den Haaren, er

konnte es nicht leugnen, daß ihm darunter gar wüst und wirr sei, und

als jetzt ein Wagen, den er schon eine Weile über heranrädeln hörte,

plötzlich jäh und polternd durch den Torbogen in den Grasbodenhof

einfuhr, da war es schier schmerzhaft, wie jeder Hufschlag und Radstoß

im dumpfen Gehirn nachzitterte.

Wer mag auch kommen? dachte der Bauer, und daß ihm jetzt jeder

ungelegen käme.

Er sollte nicht lange im Zweifel über die Person des Ankömmlings

bleiben, denn vom Hofe her hörte er Burgerls Stimme, welche freudig:

„Der Ehnl! der Ehnl!“ rief.

Einigermaßen dadurch zufriedengestellt, daß ihm kein anderer Besuch

zugedacht sei, erhob sich der Bauer bedächtig von seinem Sitze.

Burgerl war dem Großvater an der Hand Magdalenens entgegengeeilt. Der

alte Mann, nachdem er sich vom Wagen herabgeholfen, streichelte das

krause Köpfchen seines Enkelkindes und Hiesl sah dazu lächelnd vom

Kutschbocke herunter, freilich bemerkte er dabei in allernächster Nähe

in netten Schnallenschuhen ein paar Füße mit zierlichen Knöcheln,

darauf eine stand, die im Begriff war, ein ganz unerlaubtes Glück zu

haschen; als diese ihm einen Gruß zurief, blickte er gar nicht auf, er

nickte verdrießlich und wandte sich ab.

„Du verstehst’s,“ murmelte er, „du verstehst’s! Wann ich nochmal af

d’ Welt kimm’, werd’ ich auch a saubere Dirn’ und verleg’ mich af ’n

Reich’n-Mon-Fang.“

Ehe der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ Magdalenen die Hand bot,

sah er sie forschend an. Als ihre Augen, die mit offenbarem Befremden

nach dem unhöflichen Knechte gerichtet waren, sich wandten und frei und

treuherzig in die des alten Mannes blickten, streckte ihr dieser die

Rechte dar.

„Grüß Gott, Dirn’,“ sagte er, dann kneipte er Burgerl in die Wange. „Wo

steckt denn der Vater?“

„Auf seiner Stub’n. Komm, Ehnl, ich führ’ dich zu ihm.“ Die Kleine

faßte ihn an der Hand.

„Hast recht, führ mich zu ihm. Wir werd’n heut eh’, denk’ ich, ein

lang’s und ein breit’s miteinand’ hab’n, je bälder wir damit anheb’n,

je früher krieg’n wir’s kürzer und schmäler.“

Sie schritten auf das Haus zu.

„No, kannst d’ Magdalen’ noch so gut leiden, wie z’ Anfang?“

„Mein’ liebe Leni? No wie net?“

„Und is der Vater auch mit ihr z’frieden?“

Burgerl kniff die Lippen ein und sah mit verschmitzt lachenden Augen

auf.

„Schau einer! Du Grasteufel, beginn’ du schon ’s Reden mit dö Augen!

Damit hat’s noch Weil’!“ schalt der Alte und, während Burgerl vor ihm

die Treppe hinanlief und er langsam Stufe für Stufe nahm, sagte er

kopfschüttelnd: „No, no, dös Nestküchl lernet da nit übel zu. Es is

höchste Zeit, daß einer, dem’s zukommt, ’s Maul braucht.“

Burgerl stieß die Türe auf und schrie zur Stube hinein: „Voda, der

Ehnl!“

„Grüß Gott, Schwieger!“ sagte der junge Bauer. „Nit schön, daß d’ dich

gar so rar machst; es is ja schon a Ewigkeit her, seit d’ dich ’s

letztmal af’n Grasboden hast sehen lassen.“

„Na, a ganze wohl nit, a halbe dürft’ reichen. Grüß Gott, Kaspar!“

Die Männer schüttelten sich die Hände, dann sagte der Großvater sehr

wohlwollend zur Enkelin: „Burgerl, dir pfeift im Garten a Vogel; druck

d’ Tür’ ins Schloß, eil’ dich hinunter und los’ fein zu.“

Burgerl folgte der Weisung, soweit sie ihr anstand; hinunterzukommen,

eilte ihr eben nicht und der Vogel pfiff ihr lang gut.

Als sich der Alte mit seinem Schwiegersohne allein sah, rückte er sich

einen Stuhl zurecht. „Du verlaubst schon?“

„Ei, du mein, freilich, sitz nieder, sitz nur nieder,“ sagte der

Grasbodenbauer, „daß ich dich’s nit g’heißen hab’, mußt mir für kein’

Grobheit ausleg’n, ich hab’ heut ’n Kopf nit recht bei’nander.“

Er setzte sich dem Alten gegenüber.

„Versteh’s schon,“ sagte der, „bist halt übernachtig, noch von

gestern her, vertragst nit viel und kommst selten dazu; is ja kein

Wunder. Gleichwohl red’t mer sich vielleicht heut leichter mit dir,

wo d’ deine Gedanken z’samm’nehmen mußt, als wie sonsten, wo du’s

durcheinand’wurlen laßt und dich dabei -- nach der Leut’ Reden -- auf’n

Vernünftigen und G’scheiten h’nausspielst.“

Aber der Grasbodner nahm den Schalk, der zwischen den Fältchen der

Augenwinkel des Alten lauerte, nicht wahr und brauste auf: „Dös hat

noch g’fehlt, daß du, der d’ einer mir z’nächst bist, dö Übelwort’ mir

af’n Hof, in d’ Stub’n, zwischen meine vier Mäuern tragst!“

„So, so nimmst’s auf?“ erboste sich nun der vom Hof auf der weiten

Hald’. „No gut, wann dir’s nit anderscht ansteht, so kann ich dir auch

grob geigen und g’radzu sag’n, daß kein Sinn und kein Verstand drein

liegt, wann d’ dich und ein ander’s vorm G’sind und ’m ganzen Dorf zum

G’spött machst und neb’nzu vor dein’m Kind seine sehenden Aug’n und

losenden Ohr’n! Und drum und eben, weil ich einer dir z’nächst bin, so

bin ich hitzt da, um drauf z’ bestehn, daß du der Sach’ so oder so ein

End’ machst!“

„Wieso?“ fragte der junge Bauer.

„Wieso?“ wiederholte der Alte und zog die Brauen in die Höhe und

starrte seinen Schwiegersohn an, als sähe er ihn das erste Mal im Leben

und noch dazu als einen, mit dem es nicht recht richtig wäre; dann aber

kniff er wieder die Augen zusammen und sagte: „No, gibst halt die Dirn’

weg.“

„Das kannst nit verlangen, schon der Burgerl wegen nit.“

„Ah, bah, dem ist leicht abg’holfen. Ich nehm s’ alle zwei, die große

und die kleine Dirn’, af mein’ Hof und af dö Entfernung zwischen

Hinterwalden und Föhrndorf spinnt sich kein G’red’.“

„Wär’ eh’ recht, wann ich’s Kind so leicht von mir ließ’,“ sagte der

Grasbodenbauer.

Der Alte brachte die Hand vor den Mund und stieß unter einem leichten

Hustenanfalle die Worte hervor: „Bist du ein guter Vater!“

„Schwieger, laß dir sagen,“ fuhr der andere eifrig fort, „ich verkenn’

ja nit dein’ Absicht; aber vertrau’ auch du mir, daß d’ hinter dem

Ganzen nix z’suchen hast, als der Leut’ Unvernünftigkeit und Bosheit;

laß nur a weng Zeit mit dein’m Einmengen und wirst sehn, sie werden’s

von selber müd’ und d’ Wahrheit b’halt’ recht.“

„Um d’ Wahrheit handelt sich’s ja gar nit, sondern um ’n Anschein und

der wird, je länger mer’s anstehn laßt, je übler! Weißt, Kaspar, ich

hab’ die Dirn’ da auf dein’ Hof ’bracht, und drum halt’ ich mich auch

in mein’ G’wissen für verpflicht’t, daß ich, soweit an mir liegt,

draufschau’, daß s’ Ruf und Ehr’ von da fortnimmt, wie sie s’ herbracht

hat. Es is eh’ ’s Allermindest’, was ich tun kann, daß ich mich

hinsetz’ und ihren Leuten schreib’, daß dö entscheiden, ob s’ die Dirn’

dalassen oder heimholen wollen.“

Der junge Bauer erhob sich und legte die Hand auf den Arm seines

Gegenübers „Das wirst nit tun, Ehnl![26] Und ich sag’ dir auch, warum.

Döselb’n Leut’ sein nit da am Ort und können sich von nix überzeugen,

du aber kannst s’ nur falsch berichten, denn du gehst nur nach’m Gered’

und fragst der Wahrheit nit nach.“

Er schritt erregt die Stube ein paarmal auf und nieder, dann stellte er

sich an den Tisch und begann auf den Alten einzureden:

„Seit Jahr und Tag, wo die Dirn’ af mein’ Hof is, kommt mir mein

Hauswesen erst wie a solch’s vor; der Burgerl is sie a zweite Mutter,

wo ich sie auch prob’ und prüf’, zeigt sie sich als tüchtige Hausnerin

und mir als a ehrliche und aufrichtige Freundin. Die Dirn’ is unter

mein’ Dach so sicher wie unter ihrer Mutter Augen, und das laß dir

sagen, die steht für sich selber in so aufrechter Ehrbarkeit da, daß

s’ jed’s unlautere Wesen von ihr wegscheucht, und von mir kannst ’s

glauben, -- ich bin nit der Mon, der a Lug’ sagt, -- wie ich mich

auch zeither ihr erkenntlich bezeugt hab’, in Worten und Begegnen und

Präsentern, niemal hab’ ich vergessen, was wir beid’ einander schuldig

sein; nie bin ich auch nur entfernt auf ein’ unerlaubten Gedanken

verfallen ... Eh’ zun Teufi h’nein, Ehnl, was lachst denn wie nit

g’scheit? -- Bist narr’sch? -- Was gibt’s denn da zun Lachen?!“

Der alte Mann saß zurückgelehnt und lachte lauthals, erst als er

seinen Schwiegersohn vor zorniger Ungeduld die Fäuste ballen und

die Arme schütteln sah, beeilte er sich aufzustehen und faßte ihn

begütigend mit beiden Händen über den Ellbögen an. „Kaspar,“ schrie

er lustig, „hitzt heißet ich dich gern was, aber es fallt mer in der

G’schwindigkeit nix ein, was zutrifft! Ist’s denn möglich, kann’s

denn sein? Wo dö Dirn’ die Seel’ von dein’m Hauswesen is, dein’m Kind

a zweite Mutter, dir a aufrichtig Freundin und in all’n Stucken ein

ehrbar’ Weibsleut’, braucht’s denn da erst a Jurament von dir, daß d’

auch nit entfernt af ein’ unerlaubten Gedanken verfall’n bist?! Aber

du Himmelsackermentslalli, warum verfallst denn nit, wo ’n er so nah

liegt, af ’n verlaubten!?“

„’n verlaubten?“

„Was machst sie denn nit zu deiner Bäuerin, wann d’ schon in sie

verliebt bist und sie in dich, daß ihr allzwei vor lauter G’scheitheit

und Vernünftigkeit gar nit wahrnehmt, was ihr für Dummheiten vor’n

Leuten angebt?!“

Der Grasbodenbauer hatte mit der Rechten über sich gegriffen und

sich an den Hinterkopf gefaßt, so stand er nun und sah vor sich und

hörte den Alten vom Hof auf der weiten Hald’ wieder lachen, „wie nit

g’scheit“, und da wagte er so einen Seitenblick nach dessen Gesicht mit

den zwinkernden tränenden Augen und dem luftschnappenden Maule, und

da stieg ihm selbst ein Schmunzeln in die Mundwinkel, die Heiterkeit

wirkte ansteckend, er ließ die Rechte sinken und stimmte in das Lachen

ein, worunter er häufig mit dem Kopfe schüttelte, wie einer, der des

Verwunderns kein End’ fände, und so kam es, daß die beiden Männer bei

dem Lärm, den sie in der Stube vollführten, das helle Gelächter ganz

überhörten, das unmittelbar vor der Türe erschallte.

Heiterkeit wirkt ansteckend. Leni saß unten auf der Stufe vor dem

Hausflur und wartete auf Burgerls Rückkehr. Als das Lachgebrause von

oben an ihr Ohr schlug, lächelte sie unwillkürlich: „Was die nur haben,

daß sie so närrisch lachen mögen?“

Da kam Burgerl die Treppe herabgelaufen, sie preßte mit der Rechten die

Schürze an den Mund und legte die Linke um Lenis Nacken. „Weißt, was

der Ehnl da will?“

„Wie sollt’ ich?“

„Kuppeln,“ kicherte die Kleine.

„Sei nit ungeziem!“

„Und du nit narr’sch,“ sagte Burgerl, „Bäuerin sollst du werd’n da af’m

Hof.“

Lenis Gesicht wurde glührot, sie schob das Kind von sich, „das sind

keine Späß’!“

„Beileib nit,“ lachte Burgerl und hüpfte um sie her. „Der Vater macht

ja Ernst.“

„Burgerl!“

„Aber, Leni, hast denn auch du kein’ Merk’s? Muß mer’s ’leicht auch dir

noch sag’n -- wie der Ehnl ’m Vatern --, daß der in dich verliebt is

und -- du in ihn?!“

Da wich alles Blut aus Magdalenens Wangen, sie wehrte mit beiden Händen

ab, ungelenk schnellte sie vom Sitze empor und nur mit dem einen

Gedanken: auf und davon mußt du, eilte sie die Treppe zur Bodenkammer

hinan.

Burgerl stand so verblüfft, daß sie sich nicht einmal umwandte, um

der Flüchtenden nachzusehen. Sie wickelte paarmal ihre Ärmchen in

die Schürze und wieder heraus. Plötzlich überkam sie ein drückendes

Angstgefühl, Tränen traten ihr in die Augen und ihre Mundwinkel

begannen zu zucken; sie lief zur Stiege und hastete hinauf.

* * * * *

„No, Kaspar,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, „mir

scheint, dö Weis’, der Sach’ ein End’ und aus der Dirn’ ein’ Bäu’rin z’

machen, kimmt dir nit hart an?“

„Nein, nein, das wär’ g’laugnet, g’logen,“ lachte der Grasbodenbauer,

doch setzte er sofort bedenklich hinzu: „Aber halt, ob sie auch woll’n

wird?“

„Sei nit so dumm! Laß dir sagen, daß eine auch um ’n Herzallerliebsten

kein Spottwörtl und kein’ Neckerei vertragt und sich drum vor’n Leuten

ganz ungebärdig geg’n ihn anstellt, das kommt vor; daß aber eine ’s

G’spött nit acht’ und nach ein’ Trutzliedl den im Arm b’halt, den s’

nit mögen möcht’, das gibt’s in der weiten Welt nit! Lern du mich

Weiberart kennen!“

„Du mußt’s aber a bissel gut kennen, die Weiberart!“

„Ah, da schau! Und dir muß ’s einwendig a bissel gut gehn! Sonst hört

mer von dir Jahr und Tag kein’ G’spaß und heut ’traust dich gar geg’n

mich, du Sackerlot!“

„O, ich trau’ mich auch gleich mehr. Hitzt bin ich schon drein in

Trau’n. Soll’s in ein’m hingehn! Ich such’ mir die Leni und frag’s um

ihr Meinen.“

„Sei g’scheit, Kaspar, übereil’ dich nit, laß d’ Hastigkeit sich

setzen, überleg’ dir voreh’ deine Reden, damit d’ dir nix vergibst. Nur

nix vergeben, dös is gar g’fahrlich z’ Anfang.“

„’s Vergebens hab’ ich kein’ Sorg’, aber Eil’.“

„Ja so.“

„No ja, daß d’ Sach’ in Ordnung kimmt, es is ja doch dein Reden, daß

mer’s eh’ schon z’ lang hätt’ anstehen lassen! Oder nit?“

„No freilich, freilich! Wann d’ es schon nimmer aushalten kannst, so

kimm halt, such’ mer die Dirn’, drüber vergeht auch a Neichtl Zeit und

während dem überleg’ dir dein Reden. Nur nix vergeben, dös wär’ z’

Anfang weit g’fehlt und spater gar.“

Als die beiden Männer aus der Stube traten, ward oben eine Türe hastig

aufgestoßen und Burgerl schrie unter Schluchzen: „Voda, Voda, mein’

Leni will mer davon!“

Die beiden eilten nach der Bodenkammer.

An dem Türpfosten lehnte Burgerl, zuckend an Armen und Beinen. Zwei

Schritte von ihr kniete Leni und in der Ecke lag ein Bündel, das diese

weggeschleudert haben mochte, als sie nach dem Kinde stürzte.

Der Großvater griff Burgerl auf, sein linker Arm trug das Kind und mit

der Rechten liebkoste er es. „Unsinn,“ grollte er, „no muß ’s Kind auch

noch leiden unter euerer Dösköpfigkeit. No macht’s aber schnell ein

End’.“

Burgerl hatte ihre Arme um den Hals des Großvaters geschlungen, das

Köpfchen aber drehte sie zurück und sah ängstlich nach dem Vater und

nach Magdalene. Diese hatte sich beim Kommen der Männer mit scheuem

Blicke erhoben und stand nun mit schlaff herabhängenden Armen und sah

vor sich auf den Boden.

„Leni,“ sagte der Grasbodenbauer leise und seine Stimme durchzitterte

eine freudige Erregung, „sei du so grundaufrichtig gegen mich, wie

ich’s gegen dich sein will! B’sinnst dich noch, wie ich g’sagt hab’,

daß eine, die denkt wie ich, wenn s’ mich ernsthaftig lieb g’winnt,

eh’ mir trotz mein’m Hof auf und davon rennen müßt?! Und dieselbe, die

nämliche bist du! Denn was sonst möcht’ dich von da wegtreib’n?“ Er

wies nach dem Bündel in der Ecke.

Leni tat einen Schritt zurück und streckte den Arm, als wolle sie das

Bündel vor seinen Blicken decken.

„O, laugn’ ’s nit! Ich g’steh’ ’s ja auch freibrüstig und offen ein,

wenn ich damals g’sagt hab’, ich wüßt’ nit, ob ich die Kurasche hätt’,

d’selbe Ausreißerin z’ruckz’halten, heut, wo du vor mir stehst in

all’n Stucken d’ Rechte und d’ Richtige, weiß ich’s wohl, daß ich dir

nachlaufet bis ans End’ der Welt, und weil dös G’lauf -- Gott sei Dank

-- nit nötig is, daß ich dich nit fort lass’! Da ist mein’ Hand, Leni,

schlag ein und werd’ mein Weib!“

Sie sah mit leuchtenden Augen in die seinen, dann faltete sie die

Hände vor sich. „Du tust mir eine große Ehr’“ -- stammelte sie, -- „du

tust mir ...“ Da versagte ihr die Stimme, sie entfaltete die Hände und

drückte die ausgespreiteten Finger gegen die Brust.

„Lenerl!“

„Nit, Kaspar!“ Sie wehrte ihn ab. „Ich muß dir voreh’ noch ein’s sagen;

es is a hartfällige Aussag’ und wenn auch meinseits kein Verschulden

dabei is, so könnt’s dich doch anders b’sinnen machen.“

„Dös nit! Nix nit und nie nit!“

„Übereil’ dich mit kein’m Wort, eh’ ich ausg’red’t und dir all das

g’sagt hab’, um was du jetzt wissen mußt.“

„Burgerl,“ sagte der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’, indem er

den kleinen Finger in der Ohrmuschel schlenkerte und tat als ob er

aufhorche, „Burgerl, hitzt scheint mir, pfeift uns all’n zwei der

Vogel.“ Damit trug er das Kind zur Türe hinaus, die Treppe hinab, nach

der unteren Stube.

Dort saß der alte Mann, hielt die Kleine auf seinem Schoße

und beschwichtigte sie vorerst dadurch, daß er auf ihre immer

wiederkehrende Frage, ob Leni wohl bleiben werde, jedesmal unverdrossen

antwortete: „Freilich, freilich, bleibt sie! Versteht sich, daß s’

bleibt!“

Plötzlich hob Burgerl das Köpfchen und brachte ihren Mund seinem Ohre

nah’. „Großvater, laß dir sagen, dann kommt wohl auch ein kleiner Bauer

auf’n Hof?“

„Wohl, wohl,“ lachte der Alte unbefangen, dann aber zog er die Brauen

zusammen und sah die Kleine von der Seite an. „Schau du,“ sagte er,

„wie verfallst auf solche Fragen? Das laß du unterwegs. Du hast noch

von nix z’ wissen.“

„Nein, Ehnl,“ sagte sie, dabei biß sie auf ihre geballte Faust und warf

ihm einen Blick zu, vor welchem er hastig die Augen zur Zimmerdecke

kehrte.

„Burgerl,“ sagte er nach einer Weile.

„Ja, Ehnl,“ sagte sie.

„Du weißt ’s vierte Gebot?“

„Ja.“

„Ah, nix nit, ja. Aufsag’n!“

„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir

wohl gehe auf Erden.“

„Brav! So laut’t ’s Gebot. Hitzt aber gib Achtung, Burgerl, hitzt werd’

ich a Frag’ tun, was d’ Auslegung angeht. Wann also d’ Leni dein

Mutter wird, was bist ihr nach ’n göttlichen Vorschriften schuldig?“

„Daß ich s’ gern hab’.“

„G’fehlt! Von gern hab’n steht nix g’schrieb’n. Du sollst Vater und

Mutter ehren, heißt’s, ehren! Verstehst? A wahrhaftige Achtung mußt ihr

bezeig’n.“

Burgerl wendete den Kopf und zupfte an ihrer Schürze. „Hör, Ehnl, warst

auch einmal in mein’ Jahr’n?“

„Was das für a Frag’ is! Meinst ’leicht, ich bin als alter Mon, wie d’

mich da siehst, af d’ Welt kämma?“

„Da hast wohl ’s nämlich’ Ansehn g’habt wie so ein Büberl?“

„Eh’! Wozu fragst denn so verquer?“

„Ich mein’, weil d’ selber klein warst, hast du mich gern, und weil ich

groß werd’, ich dich.“

„Is recht, is ja recht, aber ’n Respekt nit vergessen.“

„Tu nit bös. Du bist ja doch mein lieber, lieber Ehnl.“ Die Kleine

umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihn an sich.

„Marschier’, falsche Katz’,“ sagte er und hob sie von seinem Schoß

und schritt durch die Stube ans offene Fenster. „Dö ganz Ahnl --

Gott tröst’s -- sie dürft’ ihr’s abg’lernt hab’n,“ lächelte er

kopfschüttelnd. „Nur bissel z’ frühzeitig g’rat’s mir der und ’n andern

nach. Red’t mer ’n Weibern von Respekt, spiel’n sie ’s af d’ Lieb’

h’naus!“

* * * * *

Als der Grasbodenbauer hinter den Weggehenden die Tür ins Schloß

gedrückt hatte, begann Leni: „Was ich dir mitteilen muß, is nit mein

allein. Du hast mich seinzeit -- ’s war brav von dir -- nit falsch

verstanden, wie ich g’sagt hab’, auch mir hätt’s d’ Lieb’ schon

einmal nit gut g’meint. Heut bin ich dir’s schuldig, daß ich dich

drüber aufklär’, damal hab’ ich’s unterlassen, weil unter döselb’n

G’schehniss’ unser mehr g’litten haben, am härt’sten der, den ich Vater

nenn’, und wenngleich das, was ich jetzt Wort haben muß, mich in dein’

Augen unehrlich machen sollt’, dem alten Mon sein’ Ehr’ möcht’ ich

g’wahrt wissen! Gelt, du b’halt’st’s bei dir? Aber ich weiß ja, wem

ich’s anvertrau’, wenn ich dir’s anvertrau’, und dir will ich alles

verzähl’n!“

Und sie erzählte alles!

Der Grasbodenbauer strich die Haare zurück, die ihm, während er mit

gesenktem Kopfe und öfter nickend zuhörte, in die Stirne gefallen

waren. „Ei, du mein,“ sagte er, „was gibt’s doch für Heimsuchung af der

Welt, die ’m Schuldlos’ ungleich mehr zumeßt wie ’m Schuldig! Versteh

wohl, wie das hart von der Zung’ will und nit für jedwed’ Ohr is. Ich

dank’ dir für dein Vertrau’n. Aber das wüßt’ ich nit, was mich da

sollt’ anders b’sinnen machen, wo du dich in all dein’ Meinen und Tun

so ehrbar und brav bezeigt hast, nit anders, wie ich dich dafür d’ Zeit

her hab’ kennen g’lernt, und das wüßt’ ich nit, wie dich in mein’ Augen

verunehr’n könnt’, daß d’ nit Reindorfers bluteigen Kind bist? Mocht’

dir der’s Licht der Welt gönnen, wie viel mehr ich, der dir all’n

Sonn’schein, den der liebe Himmel gibt, gönnt! Mehr nur halt’ ich auf

dich, seit ich weiß, wie du zu dem alten Mon stehst, denn wie ich mir’n

als rechtb’sinnt und herzoffen denk’, so muß das wohl a gutg’raten Kind

sein, dem er, obgleich’s ihm fremd, erlaubt Vater z’ sag’n! Der Mon is

mir wert, dein’thalben doppelt, und du sinnst ihm wohl all’s Liebe und

Gute, und wann sich’s schicken sollt’, daß er uns braucht, so hat’s

nit not, daß du mehr sagst als: der Vater is da, -- und ich führ ’n an

der Hand in unser Haus!“

„Dö Red’ dank’ ich dir von Herzen,“ sagte freudig Magdalen’, „aber“ --

setzte sie leicht den Kopf schüttelnd, hinzu, -- „wann er mal mein’

bedürft’, so wär’s für mich a alleinige, liebe Sorg’, doch für ein’

andern nur Plag’ und Ung’legenheit.“

„Hast denn du nit schon von der mein’ dein’ rechtschaffen Teil auf dich

g’nommen und vermeinst, ich vermöcht’ dir z’lieb’ nix zu ertragen?!

Woll’n wir uns denn nur z’samm’tun zu Lust und Freud’? Soll’s denn nit

auch für Leid und Trübsal gelten? Ei wohl, für gut’ und bös’ und alle

Zeit und ich erwart’ nur dein’ Red’, daß’s gelten soll, Lenerl! Nur a

Wörtel!“

Er war nah’, ganz nahe an sie herangetreten.

Sie aber sagte das Wort nicht. Ohne die Hände, die an den

Schürzenrändern zerrten, zu erheben, sank sie an seine Brust und

schluchzte laut und er faßte sie mit beiden Armen um die Hüfte und

hielt sie so. Plötzlich sah sie unter Tränen lächelnd zu ihm auf. „Ich

mach’ dich da ganz naß,“ sagte sie. Sie legte die Rechte auf seine

Schulter und griff mit der Linken einen Schürzenzipfel auf und wischte

damit über den feuchten Brustfleck.

Da prallte die Tür auf und Burgerl stürzte hinein.

„Müßt’s schon verzeih’n,“ sagte der Ehnl, der an der Schwelle

stehenblieb. „Ich konnt’ s’ nimmer unten verhalten.“

Das Kind lief auf seine Lieben zu, umklammerte beide mit seinen Ärmchen

und drückte sie hart gegeneinander.

Kaspar legte die eine Hand auf den dunklen Krauskopf. „Bist da,

Burgerl? Freilich, du mußt dabei sein, du g’hörst ja zu uns.“

Laue Luft fächelte zum Fenster herein, helles Sonnenlicht durchgleißte

die Stube, durch den Hausflur drang es die gewundenen Treppen hinan und

webte ein sattes, freundliches Halbdunkel.

* * * * *

Nicht ein Leben aus Einem Stück galt es! Was noch traut anheimelnd vom

zernichteten Jugendtraume nachwirkte, der den Gespielen zum Gefährten

verhieß, das zerstiebte vor der Macht, die hier zwei getrennte Lose zum

Aufbau gemeinsamer Zukunft einte, und nimmer in dämmernder Mondnacht,

im heißen Tagesglanze lag die Welt; kein Eigen, müh’los zu teilen,

großmütig an andere zu schenken! Nur mit offenen Augen und rührigen

Händen erringen wir unser Teil an ihr und machen nur andere an ihre

Stelle rücken, die es da anfassen, wo wir es gelassen, die müssen, wie

wir gemußt haben, da einmal jede Kraft, die wir in uns verspüren, sich

zu betätigen drängt.

-- ’s is nix Geschenktes, ’s liebe Leben, mein Haserl! --

Die Hand des Weibes fand sich zu der des Mannes, die auf dem Haupte des

Kindes ruhte.

Mag das Leben nur ein großer Werktag sein, so ist doch klüger,

frohgemut das Unsre tun, bis Feierabend wird, als mürrisch und

verdrossen wirken bis ans Ende. Hat dieser Tag doch eine Stunde, die

aller Unbill und jedes Mühsals uneingedenk macht, die Stunde, wo man

in eine liebe Hand einschlägt, die sich einem in Treuen darreicht:

Schaffen wir miteinander!

* * * * *

Der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ räusperte sich. „Wann ihr lang’

g’nug werd’t so g’standen haben, so tut mer’s sagen. Nit, daß mir just

d’Zeit dabei lang wurd’ -- euch ja auch nit --, und ich versteh wohl,

wo’s Zusammenfinden so lang g’braucht und so schwere Müh’ kost’t hat,

da kann mer auch nit so g’schwind und so leicht loslassen, und ’s wär’

mir auch nit unlieb’, wenn ihr euch jetzt zum voraus davon nehmen

tätet, was so auf a paar Wochen Alleinsein zureicht! Ja, Kaspar, schau

nur! Wirst mir freilich bös’ sein, aber dö zwei Dirndl führ’ ich dir

doch vom Fleck weg af mein’ Hof. Wann der Hiesl ausg’strängt hat, muß

er gleich wieder einspannen.“

„Aber, Ehnl, warum denn?“

„So g’scheit wirst wohl sein, Kaspar, und ’s Einsehn hab’n, daß d’

Leni, wie d’ Sachen hitzt stehen, nimmer mit dir unter Ein’m Dach

verbleiben kann, hitzt wär’s wohl nit schicksam.“

„’s selb’ is richtig und für d’ Gastfreundschaft, dö d’ ihr und mein’

Kind erweisen willst, sag’ ich dir tausend Dank; aber wozu die Eil’?

Bleibt doch zun Mittag!“

„Die Eil’ hat zwei Gründ’ und noch a paar andre, die ich aber bei mir

b’halt’, weil’s nit von G’wicht sein. Erstens, bin ich dir unversehens

ins Haus g’fall’n, du hast nit auf mich antragen können und du weißt,

’s Essen is mein’ schwache Seiten, und damit triff ich’s heut wohl

besser daheim, als bei dir, und d’ Leni mag’s auch zufrieden sein, daß

s’ als Dirn’ nimmer an dein’ Tisch z’sitzen kommt, sondern erst als

Bäu’rin. Zweitens, wird sich’s wie a Lauffeuer da am Hof und übers

ganze Ort verbreiten, daß ihr euch endlich doch z’samm’g’funden habt.

Dich braucht ’s nit z’ irren, aber d’ Leni hätt’ ich gern von da weg,

eh’ ’s g’fahrlich wird, und ersparet ihr neidische G’sichter, dumme

Neckereien und heuchlerisch’ Glückwünschen. Drum treib’ ich fort und

soweit wär’n wir auch alle bereit, ’s hat nur noch d’ Burgerl ihr

Binkerl zu schnüren, der Leni bleibt d’ Arbeit erspart.“

„Gar nit,“ sagte Burgerl, „denn sie ließ mehr wie d’ Halbscheid z’ruck.“

Kaspar betrachtete das leichte Bündel und sah lächelnd und

kopfschüttelnd nach Leni. „Mein Seel’, da drein nähm’ s’ nit mehr mit,

als s’ af’n Hof ’bracht hat.“

„Ei, so bind’s auf und wieder zu und schaut, daß bald alles g’rechtelt

is. Ich laß einspannen!“ Damit lief der Alte zur Tür hinaus und

polterte die Treppe hinunter.

Im Hofe sah er seinen Knecht an der Deichsel des unbespannten Wagens

lehnen und mit der alten Sepherl plaudern.

„Hiesl,“ schrie er ihn an.

„Jo, Bauer.“

„Hast g’futtert?“

„Jo.“

„Hast g’wassert?“

„Jo.“

„Dann spann ein. Wir fahr’n gleich.“

„Schon recht.“

„Und breit’ dir d’ Pferddecken unter, daß sich ’s Sitzen weicher

anlaßt. Mußt zurucken, ich kimm z’ neb’n dir, denn wir nehmen d’

Burgerl und die Dirn’ mit.“

„D’ Leni?“ fragte Sepherl.

„Ja, d’ Leni.“

„No, da hast wohl a recht’s Einsehn, weiter Haldhofbauer, daß d’ dö

fortnimmst.“

„Sie kimmt aber wieder z’ruck.“

„Z’ruck kommt’s wieder?“

„Ja, als Bäu’rin af’m Hof da.“

„Was sagst?“

„Als Bäu’rin, sag’ ich. Hörst schon schlecht, alte Guckahnl?“

„Jesses!“

„Soll sein’ Seg’n dazu geb’n, -- meinst? Ich weiß’s eh’.“ Er kehrte

sich ab, trat in den Garten und überließ es der Alten und dem Knechte,

sich in ihrer Weise zu wundern; auf und nieder schreitend, tat er es

in der seinen. Er gedachte des Tages, an dem er sein Kind hierher

verheiratete, der Jahre, die er es als junges Weib hier schaffen und

schalten sah, und als wär’s heut, entsann’ er sich, wie er durch den

Torbogen mit der Dirn’ einfuhr, die nun auf die Wirtschaft zu sitzen

und zu hausen kommt, die sie nie mit keinem Aug’ gesehen, hätt’ er sie

nicht zum Kommen beredet und auf seinem Gefährt’ zur Stelle geschafft,

just, als wär’ ihm bestimmt, den Grasbodenhof mit Bäuerinnen zu

versorgen.

Indes saß Kaspar oben im Dachstübchen rittlings auf einem Stuhle und

sah zu, wie sie die Laden räumten und sich die Sachen zurechtlegten. Er

verfolgte jede Bewegung Magdalenens, und so lieblich und ehrheischig

zugleich vom Ansehen und im Gehaben wußt’ er keine wie dieselbe, die

seine Bäu’rin sollt’ werden! Weder er, in seiner Herzfreudigkeit, noch

sie, in ihrer frohen Geschäftigkeit, gedachten der Trennung über Hals

und Kopf; sie schickten sich nur um ein paar Stunden früher in das, was

sie mußten, und beachteten allein, für wie kleine Weit’ und kurze Zeit

das wär’!

Oft sah Magdalene unter dem Herumkramen zu Kaspar auf und wenn sich die

Blicke begegneten, so lag in jedem etwas so wundernd Freudiges, das

die beiden Leute unwillkürlich lächeln machte. Über zwei Gegenstände,

welche da zur Hand lagen, verständigten sie sich ohne Worte. Als

Leni die Korallenschnur vorwies, lächelte sie dabei schalkhaft und

er spielte den Verlegenen und sah davor zur Seite, und als sie den

Sonntagsspenzer aufgriff, der Anlaß zu allem Gered’ und freilich

auch zu dem heutigen Entscheid gab, da lachte Kaspar und winkte ihm

freundlich grüßend mit der Hand zu, während sie sich zornig stellte,

die Brauen zusammenzog und das feine Stück ein paarmal schüttelte, eh’

sie es -- sorgsam zu den anderen legte.

Und wenn sie eine Weile über nur dem, was sie unter Händen hatte,

zugewendet blieb und es dem Kaspar dünkte, sie hätt’ ihm schon zu lang’

kein liebes Aug’ gegönnt, da rief er sie an: „Lenerl!“

Der Schandfleck · 第 21 / 33 题