8. Susi und der Kräutermann.

Der alte Köhler Christoph saß mit seinem Weibe Else an einem lauen

Sommermorgen vor seinem Hüttchen. Vor ihnen führten Kinder ihren

Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel,

sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater

Christophs Glieder waren seit Jahren gelähmt, so daß es wenig Verdienst gab

und Armut und Entbehrung waren die ständigen Gäste in der armen,

baufälligen Hütte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und für den

Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mußte.

Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da

Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen.

Vater Christoph stöhnte ob all des Kreuzes und Tränen rannen ihm über die

Wangen.

»Vater,« hob da Else an, »laß deinen Mut und deine Freudigkeit nicht

sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der

mit den Worten beginnt:

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,

Daß du von Gott verlassen seist.

Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den

lieben Gott läßt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber

Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und tröstet,

erzählte, in so bittere Not geraten, daß er seine liebe Geige versetzen

mußte. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen

reichen Gönner, der ihm half. Aus Freude darüber sang er sein Lied: >Wer

nur den lieben Gott läßt walten<. Das hat seither schon manche Träne

getrocknet und manchen Kreuzesträger gestärkt.« Vater Christoph wurde ruhig

und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen:

»Denn welcher seine Zuversicht

Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.«

Da schritt auf der Landstraße ein hübsches Mädchen einher, dem Dorfe zu. Es

mußte einen weiten Weg zurückgelegt haben und schien ermüdet zu sein. Unter

dem Arme trug die Kleine ein Bündel Kleider.

Als sie sich der Hütte näherte, rief sie den beiden Alten zu: »Grüß Gott!

Könnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Köhler Christoph

wohnt?«

»Der bin ich selbst,« antwortete der Alte und im nächsten Augenblicke lag

das Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Ihr seid mein Oheim. Ich bin

Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gruß

galt Euch.«

Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach:

»Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns.

Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind.«

Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: »Gott segne dich.«

Nun mußte Susi -- so war ihr Name -- in die Hütte eintreten, daß sie sich

ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blättern

und auf ihrem ärmlichen Lager ruhte Suschen so süß wie auf weichem Flaum

und liebliche Träume umgaukelten sie während der Nacht.

Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frühmorgens schon

sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend

mit der Zither, fröhliche Geschichten erzählte sie dem Oheim, so daß ihm

zuweilen ein Lächeln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrückt. Sie

sann immer darüber nach, wie sie dem Mädchen Kleidungsstücke und ein

besseres Lager schaffen könnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das

gute Mütterchen fand trotz allen Grübelns keinen Ausweg.

So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um dürres Holz zum

Feuermachen zu sammeln, als sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich

vernahm. Es war ein Kräutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und

Kräutern für Kranke auf der Schulter trug. Er grüßte Else und bot ihr seine

Waren an.

»Ach,« erwiderte diese, »das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewiß

nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt;

ich würde für das Kraut, das ihm helfen könnte, mein liebstes Andenken,

eine große Silbermünze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit

Freuden daran geben.«

Der Fremde ging mit ihr zur Hütte. Dort hatte Susi schon fleißig

gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die

Fenster geöffnet. Der Kräutermann verwandte kein Auge von dem schmucken,

flinken Mädchen.

»Ist das Eure Tochter?« fragte er Else.

»Nein, lieber Herr,« antwortete diese, »sie ist meiner Schwägerin Kind aus

dem Böhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns.«

Nun wandte sich der Kräutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines

Leidens und nahm aus seiner Kräuterbüchse einen Büschel grünen, stark

riechenden Krautes. Das mußte Else kochen und mit dem Wasser die lahmen

Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann

zurück und erklärte, er wolle nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen.

Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die

Base, was sie nun schaffen solle.

»Kannst du spinnen, mein Kind?« erwiderte diese. Susi schüttelte den Kopf.

»Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den

Faden, während die andere die Spindel dreht.«

Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: »Ich habe ein neues Spinngerät

zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und

wette, daß Susi in kürzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else.«

Schon wenige Stunden später kam der Kräutermann mit einem Spinnrade zurück,

dessen Gebrauch den alten Köhlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein

zierlich gedrechseltes Gerät, oben stak auf dem Wockenstock ein Bündel

Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein

sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rädchen, daß es summte

und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Füßen trat, den

Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn füllte.

»Das Spinnrad schenke ich dir, Susi,« sagte der Kräutermann, »du wirst viel

Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde

ich dir einen Garnhändler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt.«

Nun spann das fröhliche Mädchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige

Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Oheim und Base ihre

helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhändler kam jeden Sonnabend, um

das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmäßige Arbeit und zahlte

reichlichen Lohn.

Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden

die Glieder wieder gesund und kräftig und im nächsten Frühjahr hatte er

seine völlige Gesundheit wiedererlangt.

Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch

hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte

nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt

und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der »neuen Erfindung«,

wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder

verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die

arme kleine Hütte einkehrte.

Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu

schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf

dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins

gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt

hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte.

Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor

ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund

geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete

nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt,

daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte.

Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften

und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von

welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf

seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr

flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem

Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu.

Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte

sich an, das Bett in das Haus zu tragen.

Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde,

wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde.

Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in

der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand

Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre

freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß

ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen

sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit

Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt.

Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen

Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die

neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für

die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden.

So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an

die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr

freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr

die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden.

Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein

Zettel, worauf geschrieben stand: »Der fleißigen Susi zum Brautschatz.«

Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche

Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals

und jubelte wie ein Kind.

So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger

Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide

prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der

jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender

Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles

Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut

herabsah.

Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da

stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen

frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: »Die schönsten Tugenden eines

Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und

wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die

du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die

Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie

welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.« --

Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und

»Rübezahl« erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der

Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen

armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 12 / 20 题