trafen wir in dem Dorfe ein, wo unsere Kinder uns schon längst erwartet
hatten. Aber seit jener Zeit war meine Frau mit ihrem milden und
gerechten Herzen meine beste Freundin und kein Geheimnis mehr zwischen uns.
--So gingen die Jahre hin. Allmählich schien sie es vergessen zu haben,
daß ich ihre und der Kinder Wohlfahrt mit einem fremden Glück bezahlt
hatte, und auch in mir wurde es stiller. Nur wenn im Frühling die
Schwalben wiederkamen, oder auch später im Jahr, wenn sie in der Dämmerung
noch so allein von allen Vögeln ins Abendrot hineinsangen, dann überfiel's
mich mit der alten Pein, und ich hörte noch immer die liebe junge Stimme,
noch immer klang es mir in den Ohren: "Vergiß das Wiederkommen nicht!"
So war's auch heuer eines Abends. Ich saß vor unserer Haustür auf der
Bank und blickte in den vergehenden Tagesschein, der durch eine Lücke der
Straße über den jenseitigen Rebhügeln sichtbar war. Ein Töchterchen
unseres jüngsten Sohnes war mir auf den Schoß geklettert und hatte es sich
spielmüde in Großvaters Arm bequem gemacht. Bald fielen die kleinen Augen
zu, und auch das Abendrot verschwand, aber drüben auf des Nachbars Dach
saß noch im Dunkeln eine Schwalbe und zwitscherte leise wie von
vergangener Zeit.
Da trat meine Frau aus dem Hause. Sie stand eine Weile schweigend neben
mir, und als ich nicht aufblickte, fragte sie mich sanft: "Alter, was ist
dir?", und da ich nicht antwortete und nur der Vogelgesang aus der
Dämmerung herübertönte: "Ist's denn wieder einmal die Schwalbe?"
"Du weißt's ja, Mutter", sagte ich, "du hast ja allezeit mit mir Geduld
gehabt."
Aber ich kannte sie noch nicht ganz; sie hatte mehr als das für mich getan.
Sie legte beide Hände auf meine Schultern. "Was meinst?" rief sie,
indem sie mich mit ihren alten guten Augen anblickte. "Wir können's jetzt
ja leisten, du mußt die Agnes wiedersehen, du hättest ja sonst keine Ruh
im Grab bei mir!"
Ich war fast erschreckt durch diesen Vorschlag und wollte Einwendungen
machen, sie aber sagte: "Stell's Gott anheim!"--Das hab ich denn getan; und
so ist es gekommen, daß ich noch einmal heimkehre; aber wenn wir durchs
Tor fahren, der alte Jakob wird wohl nicht mehr blasen."
Mein Reisegefährte schwieg. Ich aber hielt nun nicht länger zurück, denn
ich war im Innersten bewegt. "Ich kenne Sie", sagte ich, "ich kenne Sie
sehr wohl, Harre Jensen; auch Agnes kenne ich; sie hat viele Jahre im
Hause meiner Großmutter gelebt, sie ist mir selbst wie meiner Mutter
Mutter. Aus ihrem eignen Munde habe ich alles erfahren, auch das, was Sie
verschwiegen haben." Der Alte faltete die Hände. "Großer, gnädiger Gott!"
sagte er, "so lebt sie noch und kann mir noch vergeben!"
Mir ahnte wenig, daß ich eine Hoffnung angeregt hatte, deren Erfüllung
schon im Reiche der Schatten lag. Ich erwiderte nur: "Sie kannte ihren
Jugendfreund; sie hat ihn niemals angeklagt."--Und nun erzählte ich. Er
hörte in atemlosem Schweigen und nahm begierig jedes Wort von meinen
Lippen.
Da klatschte der Postillion mit seiner Peitsche. Der stumpfe Turm unserer
Vaterstadt war am Horizonte aufgetaucht. Als ich mit dem Finger dahin
wies, faßte der Alte meine Hand. "Mein junger Freund", sagte er, "ich
zittre vor der nächsten Stunde."
Nicht lange, so rasselte unser Wagen über das Steinpflaster der Stadt.
Bei dem schönen Herbstwetter waren viele Leute auf den Straßen, und da ich
lange fort gewesen, so erhielt ich als allbekanntes Stadtkind fortwährend
lebhafte Grüße von den Vorübergehenden. Den fremden Greis an meiner Seite
streifte höchstens ein Blick der Verwunderung oder wohl auch der Neugierde.
Endlich hielten wir am Gasthofe, und hier dachte ich für heute von
meinem Freunde Abschied zu nehmen, denn er wünschte, seinen ersten Gang
nach St. Jürgen allein zu machen.
Ein paar Minuten später war ich zu Hause, umringt von Eltern und
Geschwistern. "Alles wohl?" war meine erste Frage.
"Du siehst es, hier ist alles gesund", erwiderte meine Mutter, "sonst
aber--eine findest du nicht mehr."
"Hansen!" rief ich; denn an wen anders hätte ich denken sollen.
Meine Mutter nickte. "Aber was erschreckt dich so, mein Kind? Ihre Jahre
waren daher; heut in der Frühe ist sie in meinen Armen sanft entschlafen."
Ich erzählte, wen ich mitgebracht, in fliegenden Worten, und während alle
noch tief erschüttert standen, verließ ich ohne meine Kleider zu wechseln,
das Haus; jetzt durfte ich den alten Mann nicht allein lassen. Ich ging
zuerst nach dem Gasthofe und, nachdem ich dort erfahren, daß er fort sei,
gradeswegs die Straße hinauf nach St. Jürgen.
Als ich dort anlangte, sah ich den Spökenkieker, den der Tod zu
verschmähen schien, mitten auf der Straße vor dem Stiftshause stehen. Die
Hände auf dem Rücken, wiegte er sich behaglich in den Knien, während er
unter dem breiten Schirme seiner Mütze nach dem einen Giebel hinaufstierte.
Als ich mit den Augen der Richtung folgte, sah ich dort auf den obersten
Treppen, ja sogar auf der Glocke, die oben in der durchbrochenen Mauer
hing, eine große Menge Schwalben eine neben der andern sitzen, während
einzelne um sie her schwärmten, sich hoch in die Luft erhoben und dann
wieder schreiend und zwitschernd zu ihnen zurückkehrten. Einige von
diesen schienen neue Gefährten mitzubringen, die dann neben den andern auf
den Mauerzinnen Platz zu finden suchten.
Es hielt mich unwillkürlich fest. Ich sah es wohl, sie rüsteten sich zur
Reise; die Sonne der Heimat war ihnen nicht mehr warm genug.--Der alte
Mensch neben mir riß die Mütze vom Kopf und schwenkte sie hin und her.
"Husch!" lallte er, "fort mit euch, ihr Sakermenters!"--Aber noch eine
Weile dauerte das Schauspiel dort oben auf dem Giebel. Da plötzlich, wie
emporgeweht, erhoben sich sämtliche Schwalben fast senkrecht in die Luft,
und in demselben Augenblick waren sie auch schon spurlos in dem blauen
Himmelsraum verschwunden.
Der Spökenkieker stand noch und murmelte unverständliche Worte, während
ich durch den dunkeln Torweg in den Hof des Stiftes ging.--Der eine
Fensterflügel von Hansens Stube stand wie einstens offen; auch das
Schwalbennest war noch da. Zögernd stieg ich die Treppe hinan und öffnete
die Stubentür. Da lag meine alte Hansen friedlich und still; das Leintuch,
womit man sie bedeckt hatte, war zur Hälfte zurückgeschlagen. Auf der
Kante des Bettes saß mein Reisegefährte, aber seine Augen waren über den
Leichnam weg auf die nackte Wand gerichtet. Ich sah es wohl, dieser
starre Blick ging über eine leere ungeheure Kluft; denn am jenseitigen
Ufer stand das unerreichbare Luftbild seiner Jugend, das jetzt mit
reißender Schnelle in Dunst zerfloß.
Ich hatte mich, anscheinend ohne von ihm bemerkt zu werden, in den
Lehnstuhl an das offene Fenster gesetzt und betrachtete das leere
Schwalbennest, aus dem noch die Halme und Federn hervorsahen, die einst
der nun flügge gewordenen Brut zum Schutze gedient hatten. Als ich wieder
ins Zimmer blickte, war der Kopf des alten Mannes dicht über dem der
Leiche. Er schien wie sinnverwirrt dies eingefallene Greisenantlitz zu
betrachten, das mit dem drohenden Ernst des Todes vor ihm lag. "Könnte
ich nur einmal noch die Augen sehen!" murmelte er. "Aber Gott hat sie
zugedeckt." Dann, als müsse er es sich beweisen, daß sie es dennoch selber
sei, nahm er eine Strähne des grauen glänzenden Haares, das zu beiden
Seiten vom Haupte auf das Leintuch herabfloß, und ließ es liebkosend durch
seine Hände gleiten.
"Wir sind zu spät gekommen, Harre Jensen", rief ich schmerzlich.
Er blickte auf und nickte. "Um fünfzig Jahre", sagte er, "das Leben ist
auch so vergangen." Dann, während er langsam aufstand, schlug er das Laken
zurück und deckte es über das stille Antlitz der Toten.
Ein Windstoß fuhr gegen das Fenster. Mir war, als höre ich von draußen,
fern aus der höchsten Luftströmung, darin die Schwalben ziehen, die
letzten Worte ihres alten Liedes:
Als ich wiederkam, als ich wiederkam,
War alles leer.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes In St. Jürgen, von Theodor Storm.