1. Durch Strahlung (elektrisch geladene und ungeladene Strahlen).

2. Durch Leitung, d. h. durch direkte Übertragung von Punkt zu Punkt an

die umgebenden Körper, wobei Gase und Flüssigkeiten als

Zwischenträger dienen können (Entwicklung von Emanation und

Umwandlung in inducirte Radioaktivität).

Der Verlust an radioaktiver Energie sowohl durch Strahlung wie durch

Leitung wächst mit der in dem radioaktiven Körper angesammelten

Energiemenge. Es muß sich notwendig ein Gleichgewicht herstellen, wenn

dieser soeben genannte zweifache Verlust den vom Radium herrührenden

kontinuirlichen Zufluß kompensirt. Diese Anschauungsweise entspricht der

bei den Wärmeerscheinungen üblichen. Wenn im Innern eines Körpers aus

irgend einem Grunde eine kontinuirliche und konstante Wärmeentwicklung

stattfindet, so häuft sich die Wärme in dem Körper an und die Temperatur

steigt, bis der Wärmeverlust durch Strahlung und Leitung mit dem

fortwährenden Zufluß im Gleichgewicht ist.

Im allgemeinen findet, abgesehen von einigen besonderen Fällen, keine

Übertragung der Radioaktivität durch feste Körper hindurch statt. Wenn

man eine Lösung in geschlossenem Gefäß aufbewahrt, so bleibt bloß der

Verlust durch Strahlung übrig und die Radioaktivität nimmt einen

erhöhten Wert an.

Wenn dagegen die Lösung sich in einem offenen Gefäß befindet, so wird

der Verlust an Aktivität durch Leitung von Punkt zu Punkt beträchtlich,

und wenn der Gleichgewichtszustand erreicht ist, so ist die

Strahlungsenergie der Lösung nur noch sehr schwach.

Die Strahlungsenergie eines festen Radium-haltigen Salzes vermindert

sich an der Luft nicht merklich, weil eine Fortpflanzung der

Radioaktivität in festen Körpern nicht stattfindet, und deshalb nur eine

sehr dünne Oberflächenschicht an der Erzeugung der inducirten

Radioaktivität teilnimmt. In der Tat konstatirt man, daß eine Lösung

desselben radioaktiven Präparates viel intensivere inducirte

Radioaktivität hervorbringt. Bei einem festen Salze sammelt sich die

Energie der Radioaktivität in dem Salze an und zerstreut sich

hauptsächlich durch Strahlung. Wenn dagegen das Salz seit einigen Tagen

in Wasser aufgelöst ist, so hat sich die radioaktive Energie zwischen

dem Wasser und dem Salze geteilt; wenn man sie dann durch Destillation

trennt, so nimmt das Wasser einen großen Teil der Aktivität mit, und das

feste Salz ist viel (10- bis 15 mal) weniger aktiv als vor der

Auflösung. Nachher gewinnt das feste Salz allmählich seine ursprüngliche

Aktivität wieder.

Man kann versuchen, die vorstehende Theorie noch weiter zu präzisiren,

indem man sich vorstellt, daß die Radioaktivität des Radiums selbst auf

dem Umwege über die in Form der Emanation emittirte Energie entsteht.

Man kann annehmen, daß jedes Radiumatom eine kontinuirliche und

konstante Quelle von Emanation ist. Gleichzeitig mit ihrer Erzeugung

erfährt diese Energieform eine fortschreitende Umwandlung in die

radioaktive Energie der Becquerelstrahlung; die Geschwindigkeit dieser

Umformung ist proportional der angehäuften Menge von Emanation.

Wenn eine Radium-haltige Lösung in ein Gefäß eingeschlossen ist, so kann

die Emanation sich innerhalb des Gefäßes und auf den Wänden ausbreiten.

An dieser Stelle wird sie also in Strahlung verwandelt, während die

Lösung nur wenig Becquerelstrahlen emittirt, – die Strahlung ist in

gewissem Sinne exteriorisirt. Beim festen Salz dagegen häuft sich die

Emanation, da sie nicht entweichen kann, an und wird auf derselben

Stelle, wo sie entstanden ist, in Becquerelstrahlen verwandelt; diese

Strahlung erreicht dadurch einen höheren Betrag[129].

Wenn diese Theorie der Radioaktivität allgemein sein sollte, so müßte

man annehmen, daß alle radioaktiven Körper Emanation aussenden. Dies ist

für Radium, Thorium und Aktinium konstatirt worden; der letztgenannte

Körper besitzt diese Fähigkeit in enormem Maße selbst in festem

Zustande. Uran und Polonium scheinen keine Emanation zu entwickeln,

obgleich sie Becquerelstrahlen emittiren. Diese Körper erzeugen auch

keine inducirte Radioaktivität in geschlossenen Gefäßen, wie die

vorgenannten. Diese Tatsache ist mit der obigen Theorie nicht in

absolutem Widerspruch. Wenn nämlich das Uran und das Polonium

Emanationen emittirten, die sich sehr schnell zerstörten, so würde es

sehr schwer sein, die Fortführung dieser Emanationen durch Luft und die

Erzeugung inducirter Radioaktivität auf benachbarten Körpern zu

beobachten. Eine derartige Hypothese hat durchaus nichts

unwahrscheinliches an sich, da die Zeiten, während denen die Emanationen

des Radiums und Thoriums auf die Hälfte sinken, sich zu einander wie

5000 zu 1 verhalten. Es wird übrigens noch gezeigt werden, daß unter

gewissen Umständen das Uran inducirte Radioaktivität erzeugen kann.

i) Andre Form der inducirten Radioaktivität.

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Nach dem Entaktivirungsgesetz aktivirter fester Körper in freier Luft

ist die Strahlungsenergie nach Verlauf eines Tages beinahe unmerklich.

Gewisse Körper machen jedoch eine Ausnahme hiervon; dazu gehören

Celluloid, Paraffin, Kautschuk usw. Wenn diese Körper längere Zeit

aktivirt worden sind, so entaktiviren sie sich viel langsamer als das

Gesetz verlangt, und es bedarf manchmal einer Zeit von 15 bis 20 Tagen,

bis die Aktivität unmerklich wird. Es scheint, als ob diese Körper die

Fähigkeit hätten, sich mit radioaktiver Energie in Gestalt von Emanation

zu imprägniren; sie verlieren sie dann allmählich, indem sie inducirte

Radioaktivität in ihrer Umgebung erzeugen.

k) Langsam entstehende inducirte Radioaktivität.

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Man beobachtet noch eine ganz andre Form inducirter Radioaktivität, die

auf allen Körpern zu entstehen scheint, wenn sie Monate lang in einem

Aktivirungsgefäß gelegen haben. Wenn diese Körper aus dem Gefäß

herausgenommen werden, so sinkt die Aktivität zuerst nach dem

gewöhnlichen Gesetz (auf die Hälfte in einer halben Stunde); wenn aber

die Aktivität auf etwa {}^{1}/_{20 000} des Anfangswertes gesunken ist,

so vermindert sie sich nicht mehr, oder wenigstens nur noch äußerst

langsam, manchmal tritt sogar eine Vermehrung ein. Wir besitzen Platten

aus Kupfer, Glas, Aluminium, die eine derartige Restaktivität seit über

sechs Monaten bewahren.

Diese Erscheinungen der inducirten Aktivität scheinen ganz andrer Natur

als die gewöhnlichen zu sein und zeigen eine viel langsamere

Entwicklung.

Sowohl für die Entwicklung wie für das Verschwinden dieser Form der

inducirten Radioaktivität ist eine beträchtliche Zeit nötig.

l) Inducirte Radioaktivität auf mit Radium zusammen gelösten Substanzen.

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Wenn man ein radioaktives Mineral, das Radium enthält, behufs Extraktion

dieses Körpers behandelt, so erhält man, solange das Verfahren noch

nicht weit vorgeschritten ist, chemische Trennungen, bei denen die

Radioaktivität sich vollständig in einem der Reaktionsprodukte befindet,

während das andre Produkt vollständig inaktiv ist. Man trennt so auf der

einen Seite die strahlenden Produkte, die mehrere 100mal aktiver sein

können als das Uran, auf der andren Seite Kupfer, Arsenik, Antimon usw.,

die absolut inaktiv eind. Gewisse andre Körper dagegen (Eisen, Blei)

ließen sich niemals in völlig inaktivem Zustande trennen. Wenn die

Konzentration der strahlenden Körper zunimmt, wird das Verhalten ein

andres; keine Trennung liefert dann völlig inaktive Produkte mehr; alle

von einer Trennung herrührenden Portionen sind immer in verschiedenem

Grade aktiv.

Nach der Entdeckung der inducirten Radioaktivität versuchte Herr

Giesel[130] zuerst gewöhnliches inaktives Wismut zu aktiviren, indem er

es mit sehr aktivem Radium zusammen in Lösung hielt. Er erhielt so

radioaktiven Wismut und schloß daraus, daß das aus der Pechblende

gewonnene Polonium wahrscheinlich Wismut sei, das durch die

Nachbarschaft des in der Pechblende enthaltenen Radiums aktivirt sei.

Ich habe ebenfalls aktivirtes Wismut hergestellt, indem ich Wismut mit

sehr aktivem Radiumsalz in Lösung hielt.

Die Schwierigkeiten dieses Versuches bestehen in der außerordentlichen

Sorgfalt, die man anwenden muß, um das Radium aus der Lösung zu

entfernen. Wenn man bedenkt, welche unmeßbar kleine Menge von Radium

genügt, um in einem Gramm Materie eine sehr merkliche Radioaktivität

hervorzubringen, so glaubt man, das aktivirte Produkt niemals genug

gewaschen und gereinigt zu haben. Jede Reinigung aber zieht eine

Verminderung der Aktivität des aktivirten Produktes nach sich, sei es,

daß man wirklich Spuren von Radium entfernt, sei es, daß die unter

diesen Bedingungen inducirte Radioaktivität den chemischen Umwandlungen

nicht widersteht.

Die Resultate, die ich erhalte, scheinen jedoch mit Sicherheit zu

ergeben, daß eine Aktivirung stattfindet und nach der Abtrennung des

Radiums bestehen bleibt. So finde ich nach sorgfältiger Reinigung des

aktivirten Wismutnitrates, daß bei einer fraktionirten Fällung der

Nitratlösung mit Wasser es sich fraktionirt wie Polonium, indem seine

aktiveren Bestandteile zuerst ausfallen.

Wenn die Reinigung ungenügend ist, so findet das Gegenteil statt, was

darauf hinweist, daß sich in dem aktivirten Wismut noch Spuren von

Radium befinden. Ich erhielt so aktivirtes Wismut, bei dem der Sinn der

Fraktionirung eine große Reinheit anzeigte, und das 2000mal aktiver war

als Uran. Dieses Wismut verminderte seine Aktivität mit der Zeit. Ein

andrer Teil desselben Präparate dagegen, der mit denselben

Vorsichtsmaßregeln hergestellt war und sich im gleichen Sinne

fraktionirte, bewahrte seine Aktivität ohne merkliche Verminderung seit

einer Zeit, die gegenwärtig ungefähr drei Jahre beträgt.

Diese Aktivität ist 150mal grösser als die Urans. Ich aktivirte in

gleicher Weise Blei und Silber, indem ich sie mit Radium in Lösung

hielt. Meistens sinkt die so erhaltene inducirte Radioaktivität kaum mit

der Zeit, dagegen widersteht sie im allgemeinen nicht aufeinander

folgenden chemischen Umwandlungen des aktivirten Körpers. Herr

Debierne[131] hat Baryum aktivirt, indem er es mit Aktinium zusammen in

Lösung hielt. Dieses Baryum bleibt nach verschiedenen chemischen

Umwandlungen aktiv, seine Aktivität ist also eine ziemlich stabile des

Atoms. Das aktivirte Baryumchlorid fraktionirt sich wie Radium-haltiges

Baryumchlorid; die aktivsten Teile sind in Wasser und in verdünnter

Salzsäure am wenigsten löslich. Das getrocknete Chlorid ist

selbstleuchtend; seine Becquerelstrahlung ist analog der des

Radium-haltigen Baryums. Herr Debierne erhielt aktivirtes Baryumchlorid,

das 1000mal aktiver war als Uran. Gleichwohl hatte dieses Baryum nicht

alle Eigenschaften des Radiums angenommen, denn es zeigte im Spektroskop

keine der stärksten Radiumlinien. Ausserdem verminderte sich seine

Aktivität mit der Zeit und nach drei Wochen war es dreimal schwächer als

im Anfang.

Über die Aktivirung der Körper in Lösung mit radioaktiven Substanzen

müssen noch ausgedehnte Untersuchungen gemacht werden. Es scheint, als

ob man je nach den Versuchsbedingungen mehr oder weniger stabile Formen

von dem Atom anhaftender inducirter Radioaktivität erhalten könne. Die

unter diesen Bedingungen erhaltene inducirte Radioaktivität ist sogar

vielleicht dieselbe, wie die sich langsam entwickelnde Form, die man

durch lange dauernde Aktivirung aus der Ferne im Aktivirungsgefäß

erhält. Man muß sich auch fragen, bis zu welchem Grade die dem Atom

anhaltende inducirte Radioaktivität die chemische Natur des Atomes

afficirt, und ob sie die chemischen Eigenschaften desselben

vorübergehend oder dauernd modificiren kann.

Die chemische Untersuchung der aus der Ferne aktivirten Körper ist

dadurch erschwert, daß die Aktivirung auf eine sehr dünne

Oberflächenschicht beschränkt ist, und daß deshalb die von der

Umwandlung etwa betroffene Substanzmenge äußerst gering ist.

Inducirte Radioaktivität kann auch erhalten werden, wenn man gewisse

Substanzen mit Uran zusammen gelöst erhält. Der Versuch gelingt mit

Baryum. Wenn man, wie es Debierne machte, der Uran und Baryum

enthaltenden Lösung Schwefelsäure zusetzt, so reißt das

niedergeschlagene Baryumsulfat die Aktivität mit sich; gleichzeitig

verliert das Uran seine Aktivität zum Teil. Herr Becquerel fand, daß man

bei mehrmaliger Wiederholung dieses Verfahrens fast inaktives Uran

erhält. Man könnte danach glauben, daß man durch dieses Verfallen einen

vom Uran verschiedenen Körper abgetrennt hat, dessen Anwesenheit die

Aktivität des Urans hervorbrachte. Dem ist Jedoch nicht so, denn nach

einigen Monaten gewinnt das Uran seine anfängliche Aktivität wieder; das

niedergeschlagene Baryumsulfat dagegen verliert die seinige.

Ein ähnliches Phänomen findet beim Thorium statt. Herr Rutherford

schlägt eine Lösung von Thoriumsalz durch Ammoniak nieder; er trennt die

Lösung ab und dampft zur Trockenheit ein. Er erhält so einen sehr

aktiven Rückstand, während das niedergeschlagene Thorium sich weniger

aktiv zeigt als vorher. Dieser aktive Rückstand, dem Rutherford den

Namen Thorium-X giebt, verliert seine Aktivität mit der Zeit, während

das Thor seine ursprüngliche Aktivität wiedergewinnt.[132]

Es scheint, daß bezüglich der inducirten Radioaktivität in Lösungen die

verschiedenen Körper sich nicht alle gleich verhalten, und daß einige

unter ihnen viel empfänglicher für die Aktivirung sind als andre.

m) Zerstreuung radioaktiven Staubes und inducirte Aktivität des

Laboratoriums.

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Bei den Untersuchungen stark radioaktiver Substanzen muß man besondere

Vorsichtsmaßregeln anwenden, wenn man dauernd feine Messungen ausführen

will. Die verschiedenen im chemischen Laboratorium gebrauchten

Gegenstände, ebenso wie die zu den physikalischen Versuchen dienenden,

werden bald alle radioaktiv und wirken auf die photographische Platte

durch schwarzes Papier hindurch. Der Staub, die Zimmerluft, die Kleider

sind radioaktiv. In dem Laboratorium, in dem wir arbeiten, ist das Übel

dermaßen akut geworden, daß wir keinen Apparat mehr in gut isolirendem

Zustande halten können.

Es ist also gut, wenn man besondere Vorsichtsmaßregeln anwendet, um so

viel als möglich die Zerstreuung radioaktiven Staubes und das Auftreten

inducirter Radioaktivität zu vermeiden.

Die chemischen Gerätschaften dürfen niemals in den physikalischen

Arbeitsraum gebracht werden, und man muß soviel als möglich vermeiden,

aktive Substanzen in diesem Raume liegen zu lassen. Vor Beginn dieser

Untersuchungen hatten wir die Gewohnheit, bei elektrostatischen

Versuchen die verschiedenen Apparate durch Drähte zu verbinden, die

durch an Erde gelegte Metallröhren gegen jede äußere elektrische Störung

geschirmt waren. Bei Untersuchungen über radioaktive Körper ist diese

Anordnung durchaus fehlerhaft; die Luft wird leitend, die Isolation

zwischen Draht und Schutzrohr wird schlecht, und die unvermeidliche

elektromotorische Kontaktkraft zwischen Draht und Röhre sucht einen

Strom durch die Luft hindurch hervorzubringen und das Elektrometer

abzulenken. Wir verlegen jetzt die Drähte unter völligem Ausschluß der

Luft, indem wir sie z. B. in die Mitte von mit Paraffin oder einem

andren Isolirmittel gefüllten Röhren legen. Es wäre auch vorteilhaft,

bei diesen Versuchen vollständig geschlossene Elektrometer zu verwenden.

n) Aktivirung ohne Mitwirkung radioaktiver Substanzen

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Verschiedene Versuche wurden gemacht, um eine Aktivirung ohne

Zuhilfenahme radioaktiver Substanzen hervorzurufen.

Herr Villard[133] unterwarf ein Stück Wismut als Antikathode einer

Entladungsröhre der Einwirkung von Kathodenstrahlen; das Wismut wurde

dadurch radioaktiv, jedoch in äußerst schwachem Grade, denn es bedurfte

einer Exposition von acht Tagen, um eine photographische Wirkung zu

erzielen.

Herr Mc.Lennan[134] exponirt verschiedene Salze der Wirkung von

Kathodenstrahlen und erhitzt sie sodann leicht. Diese Salze erwerben

dadurch die Fähigkeit, positiv geladene Körper zu entladen.

Untersuchungen dieser Art bieten ein großes Interesse. Wenn es möglich

wäre, durch Anwendung bekannter physikalischer Agentien ursprünglich

inaktiven Körpern eine merkliche Radioaktivität zu erteilen, so könnten

wir hoffen, dadurch die Ursache der spontanen Radioaktivität gewisser

Körper aufzufinden.

o) Änderung der Aktivität radioaktiver Körper; Wirkung der Auflösung.

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Das Polonium vermindert, wie bereits gesagt, seine Aktivität mit der

Zeit. Diese Abnahme ist langsam und scheint nicht für alle Proben gleich

schnell vor sich zu gehen. Eine Probe von Wismut-Poloniumnitrat verlor

die Hälfte ihrer Aktivität in 11 Monaten und 95 Proz. in 33 Monaten.

Andre Proben verhielten sich ähnlich. Eine Probe von metallischem

Wismut-Polonium wurde aus einem Subnitrat hergestellt, das nach seiner

Herstellung 100 000 mal aktiver war als Uran. Dieses Metall ist jetzt

nur noch ein mäßig aktiver Körper (2000 mal aktiver als Uran). Seine

Aktivität wird von Zeit zu Zeit gemessen. Während sechs Monaten hat es

67 Proz. seiner Aktivität verloren.

Der Aktivitätsverlust scheint durch chemische Reaktionen nicht

beschleunigt zu werden. Bei schnellen chemischen Operationen konstatirt

man im allgemeinen keinen beträchtlichen Verlust an Aktivität.

Im Gegensatz zu dem Verhalten des Poloniums scheinen die Radium-haltigen

Salze eine permanente Radioaktivität zu besitzen, die im Verlauf einiger

Jahre keine nennenswerte Einbuße erleidet.

Wenn man ein festes Radiumsalz frisch hergestellt hat, so besitzt es

anfangs noch keine konstante Radioaktivität. Seine Aktivität wächst vom

Augenblick der Herstellung an und erreicht einen merklich

unveränderlichen Grenzwert nach etwa einem Monat. Das Gegenteil findet

für die Lösung statt. Wenn man sie frisch hergestellt hat, so ist sie

zuerst sehr aktiv, aber an freier Luft stehen gelassen entaktivirt sie

sich schnell und nimmt schließlich einen Grenzwert an, der bedeutend

schwächer sein kann als der Anfangswert. Diese Änderungen der Aktivität

wurden zuerst von Giesel[102] beobachtet. Sie lassen sich vom Standpunkt

der Emanationstheorie leicht erklären. Die Aktivitätsverminderung der

Lösung entspricht dem Verlust an Emanation, die sich im Raume zerstreut;

diese Verminderung wird stark verlangsamt, wenn man die Lösung im

geschlossenen Gefäß aufbewahrt. Eine an freier Luft entaktivirte Lösung

nimmt eine viel größere Aktivität wieder an, wenn man sie in ein

zugeschmolzenes Gefäß einschließt. Die Zeit, die das Wachstum der

Aktivität eines nach vorheriger Auflösung in festen Zustand

übergeführten Salzes gebraucht, ist nötig zur Aufspeicherung der im

festen Salz neu entstehenden Emanation.

Ich teile einige Versuche hierüber mit:

Eine Lösung von Radium-Baryumchlorid stand zwei Tage lang an der Luft

und wurde dabei 300 mal weniger aktiv. Eine Lösung befindet sich im

geschlossenen Gefäß; man öffnet das Gefäß und gießt die Lösung in eine

Schale; eine Messung der Radioaktivität ergiebt:

--------------------------------- ------

Aktivität sofort nach Ausgießen 67

Aktivität nach zwei Stunden 20

Aktivität nach zwei Tagen 0,25

--------------------------------- ------

Eine Lösung von Radium-Baryumchlorid, die an freier Luft gestanden hat,

wird in ein Glasröhrchen eingeschlossen. Eine Messung der Strahlung der

Röhre ergab:

------------------------- -----

Aktivität unmittelbar 27

Aktivität nach 2 Tagen 61

Aktivität nach 3 Tagen 70

Aktivität nach 4 Tagen 81

Aktivität nach 7 Tagen 100

Aktivität nach 11 Tagen 100

------------------------- -----

Die Anfangsaktivität eines festen Salzes nach seiner Herstellung ist um

so schwächer, je länger es in Lösung befindlich war. Um so größer ist

die an das Lösungsmittel übertragene Aktivität. Die folgenden Zahlen

stellen die Anfangsaktivitäten eines Chlorides dar, dessen Endaktivität

gleich 800 ist, und das während einer gegebenen Zeit in Lösung gehalten

wurde; man trocknete dann das Salz und maß seine Aktivität unmittelbar

darauf:

----------------------------------------------------------------- -----

Endaktivität 800

Anfangsaktivität nach Auflösung und sofortiger Trocknung 440

Anfangsaktivität nach 5tägiger Lösung und sofortiger Trocknung 120

Anfangsaktivität nach 18tägiger Lösung und sofortiger Trocknung 130

Anfangsaktivität nach 32tägiger Lösung und sofortiger Trocknung 114

----------------------------------------------------------------- -----

Bei diesem Versuch befand sich die Lösung in einem bloß mit einem

Uhrglas bedeckten Gefäß.

Aus demselben Salz stellte ich zwei Lösungen her, die ich in fest

verschlossenem Gefäß 13 Monate lang aufbewahrte; die eine dieser

Lösungen war 8 mal konzentrirter als die andre.

Anfangsaktivität des Salzes unmittelbar nach der Trocknung:

------------------------------ -----

aus der konzentrirten Lösung 200

aus der verdünnten Lösung 100

------------------------------ -----

Die Entaktivirung des Salzes ist also um so größer, je größer die Menge

des Lösungsmittels, da die an die Flüssigkeit übertragene radioaktive

Energie ein größeres Flüssigkeitsvolumen zu sättigen und einen größeren

Raum zu erfüllen hat. Die beiden Proben desselben Salzes, die eine so

verschiedene Anfangsaktivität hatten, vermehrten übrigens ihre Aktivität

mit sehr verschiedener Anfangsgeschwindigkeit; nach einem Tage hatten

sie dieselbe Aktivität, und das weitere Anwachsen hatte für beide bis

zum Grenzwert genau gleichen Verlauf.

Wenn die Lösung sehr verdünnt ist, so erfolgt die Entaktivirung sehr

schnell, wie die folgenden Versuche zeigen: Drei gleiche Portionen

desselben Salzes werden in gleichen Wassermengen aufgelöst. Die erste

Lösung a wird eine Stunde lang an freier Luft gelassen, dann getrocknet.

Die zweite Lösung b wird eine Stunde lang mit einem Luftstrome

durchspült, dann getrocknet. Die dritte Lösung c wird 13 Tage lang an

freier Luft gelassen, dann getrocknet. Die Anfangsaktivitäten der drei

Salze sind:

---------------- -------

Für den Teil a 145,2

Für den Teil b 141,6

Für den Teil c 102,6

---------------- -------

Die Endaktivität des Salzes beträgt ungefähr 470. Man sieht also, daß

der größte Teil des Effektes schon nach einer Stunde erreicht ist. Die

relative Salzmenge in der Lösung betrug ungefähr 0,5 zu 100.

Die radioaktive Energie breitet sich in Emanationsform schwer vom festen

Radium in die Luft aus; denselben Widerstand erfährt sie auch beim

Übergang vom festen Radium in eine Flüssigkeit. Wenn man Radiumsulfat

während eines ganzen Tages mit Wasser schüttelt, so ist seine Aktivität

nach dieser Operation merklich dieselbe, wie die einer Portion desselben

Sulfats, das sich an freier Luft befunden hat.

Erzeugt man ein Vakuum über Radium-haltigem Salz, so entfernt man

dadurch alle disponible Emanation. Gleichwohl wurde die Aktivität eines

Radium-haltigen Chlorides, das wir sechs Tage lang im Vakuum erhielten,

hierdurch nicht merklich geschwächt. Dieser Versuch zeigt, daß die

Radioaktivität des Salzes hauptsächlich von im Innern der Körner

aufgespeicherter radioaktiver Energie besteht, die durch Erzeugung eines

Vakuums nicht entfernt werden kann.

Der Aktivitätsverlust, den das Radium bei der Auflösung erfährt, ist

relativ größer für die durchdringenden als für die absorbirbaren

Strahlen, wie aus folgenden Beispielen hervorgeht:

Ein Radium-haltiges Chlorid, das seine Endaktivität 470 erreicht hat,

wird aufgelöst und bleibt eine Stunde lang in Lösung; dann wird es

getrocknet und die Anfangsaktivität mit der elektrischen Methode

gemessen. Man findet, daß die totale Anfangsstrahlung 0,3 der totalen

Endstrahlung beträgt. Macht man die Intensitätsmessung nach Bedeckung

der Substanz mit einem Aluminiumschirm von 0,01 mm Dicke, so findet man,

daß die den Schirm durchdringende Anfangsstrahlung 0,17 der den­selben

Schirm durchdringenden Endstrahlung beträgt.

Wenn das Salz 13 Tage lang in Lösung war, so findet man für die totale

Anfangsstrahlung 0,22 der totalen Endstrahlung, und für die eine 0,01 mm

dicke Aluminiumschicht durchdringende Anfangsstrahlung 0,13 der

Endstrahlung.

In beiden Fällen ist das Verhältniß der Anfangsintensität nach der

Auflösung zur Endintensität für die Gesamtstrahlung 1,7 mal größer als

für die 0,01 mm Aluminium durchdringende Strahlung.

Hierzu ist jedoch zu vermerken, daß man es nicht vermeiden kann, daß

während der Zeitdauer der Trocknung das Präparat sich in einem schlecht

definirtem Zustande sich befindet, in dem es weder fest noch völlig

flüssig ist. Ebenso wenig läßt sich eine Erhitzung des Präparates behufs

schnellerer Entfernung des Wassers vermeiden.

Aus diesen beiden Gründen ist es kaum möglich, dem wahren Anfangszustand

des aus dem gelösten in den festen Zustand übergehenden Präparates zu

bestimmen. Bei den eben beschriebenen Versuchen waren gleiche Mengen

strahlender Substanz in gleichen Wassermengen aufgelöst; die Lösungen

wurden dann unter möglichst gleichen Bedingungen zur Trockne eingedampft

und ohne die Erhitzung über 120° bis 130° zu treiben.

[Fig. 13]

Ich untersuchte das Gesetz, nach dem die Aktivität eines festen

Radium-haltigen Salzes zunimmt, vom Augenblick der völligen Trocknung an

bis zu der Zeit, wo es seinen Grenzwert erreicht hat. Die folgenden

Tabellen enthalten die Intensität I der Strahlung als Funktion der Zeit;

dabei wird die Endstrahlung gleich 100 gesetzt und die Zeit vom

Augenblick der völligen Trocknung an gerechnet. Die Tabelle I (Fig. 13,

Kurve I) bezieht sich auf die Gesamtstrahlung. Die Tabelle II (Fig. 13,

Kurve II) bezieht sich nur auf die durchdringenden Strahlen (die 3 cm

Luft und 0,01 mm Aluminium durchsetzt haben).

Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen von Marie Curie, übersetzt und mit Litteratur-Ergänzungen versehen von W. Kaufmann · 第 19 / 32 题