II 0,089 36 0,086 27 225,8

III 0,088 39 0,085 89 224,0

------------------------------------------------

Diese Zahlen ergeben als Mittel 225. Sie sind, ebenso wie die früheren,

unter der Annahme berechnet, daß das Radium zweiwertig sei, daß also

sein Chlorid die Formel \text{RaCl}_2 habe, und unter Zugrundelegung

folgender Zahlen für das Silber und das Chlor: Ag = 107,8; Cl = 35,4.

Aus diesen Versuchen folgt als Atomgewicht des Radiums 225.[43-45] Ich

halte diese Zahl für auf eine Einheit genau.

Die Wägungen wurden mit einer genau justirten Curieschen aperiodischen

Wage gemacht, deren Empfindlichkeit {}^{1}/_{20} mg betrug. Diese direkt

ablesbare Wage erlaubt die Ausführung sehr schneller Wägungen, was sehr

wesentlich ist bei der Wägung von wasserfreien Radium- und

Baryumchloriden, die selbst bei Anwesenheit von Trockenmitteln im

Wagekasten langsam Wasser absorbiren. Die zu wägenden Substanzen

befanden sich in einem Platintiegel, der seit langer Zeit im Gebrauch

war; ich habe mich überzeugt, daß sein Gewicht sich während einer

Operation nicht um {}^{1}/_{10} mg änderte.

Das durch Krystallisation erhaltene, Krystallwasser enthaltende Chlorid

wurde in den Tiegel gebracht und durch Erhitzung im Trockenschrank in

Anhydrid verwandelt. Der Versuch ergiebt, daß, wenn das Chlorid einige

Stunden auf 100° gehalten wurde, sein Gewicht sich nicht mehr ändert,

selbst wenn man die Temperatur auf 200° erhöht und während einiger

Stunden erhält. Das so erhaltene wasserfreie Chlorid bildet also einen

wohldefinirten Körper.

Ich teile einige Messungen hierüber mit: Das Chlorid (1 dg) wird bei 55°

im Trockenschrank getrocknet und in einem Exsikkator mit

Phosphorsäureanhydrid gestellt; es verliert dann langsam an Gewicht,

woraus hervorgeht, daß es noch etwas Wasser enthält; während 12 Stunden

betrug dieser Verlust etwa 3 mg. Man bringt das Chlorid wieder in den

Trockenschrank und steigert die Temperatur auf 100°. Während dieser

Operation verliert das Chlorid 6,3 mg. Während weiterer 3 Stunden und 15

Minuten verliert es noch 2,5 mg. Man erhält die Temperatur 45 Minuten

lang zwischen 100° und 120°, wodurch ein Gewichtsverlust von 0,1 mg

entsteht. Weitere 30 Minuten auf 125° gelassen, verliert das Chlorid

nichts. Sodann 30 Minuten auf 150° gehalten, verliert es 0,1 mg. Endlich

4 Stunden lang auf 200° erhitzt, erfahrt es einen Gewichtsverlust von

0,15 mg. Während aller dieser Operationen änderte sich das Gewicht des

Tiegels um 0,05 mg.

Nach jeder Bestimmung des Atomgewichts wurde das Radium folgendermaßen

wieder in Chlorid zurückverwandelt: Die Flüssigkeit, die nach der

Analyse Radium- und Silbernitrat im Überschuß enthielt, wurde mit reiner

Salzsäure versetzt und das Chlorsilber durch Filtration beseitigt; dann

wurde die Flüssigkeit mehrer Male mit einem Überschuß reiner Salzsäure

zur Trockne eingedampft. Der Versuch ergiebt, daß man auf diese Weise

die Salpetersäure vollständig beseitigen kann.

Das zur Analyse dienende Chlorsilber war stets radioaktiv und

selbstleuchtend. Ich überzeugte mich, daß es keine wägbare Menge von

Radium mitgerissen habe, indem ich die darin enthaltene Silbermenge

bestimmte. Zu diesem Zwecke wurde das in dem Tiegel enthaltene

geschmolzene Chlorsilber durch Wasserstoff reducirt, der aus verdünnter

Salzsäure und Zink hergestellt war; nach Auswaschung wurde der Tiegel

mit dem darin enthaltenen metallischen Silber gewogen.

Ich habe ferner durch einen Versuch konstatirt, daß das Gewicht des

regenerirten Radiumchlorids ebenso groß war wie vor der Operation. Bei

anderen Versuchen begann ich die neuen Operationen, ohne eine

vollständige Verdampfung des Waschwassers abzuwarten.

Diese Prüfungen besitzen nicht dieselbe Genauigkeit wie die direkten

Versuche; sie erlaubten gleichwohl die Feststellung, daß kein merklicher

Fehler untergelaufen war.

Nach seinen chemischen Eigenschaften gehört das Radium zur Reihe der

Erdalkalimetalle. Es bildet in dieser Reihe das höhere Homologe des

Baryums. Nach seinem Atomgewicht kommt das Radium auch in der

Mendelejeffschen Tabelle hinter das Baryum in die Kolumne der

Erdalkalien und in die Zeile, die schon das Uran und das Thor enthält.

h) Eigenschaften der Radiumsalze.

---------------------------------

Die Radiumsalze: Chlorid, Nitrat, Karbonat, Sulfat sehen, in festem

Zustande dargestellt, ebenso aus wie die entsprechenden Baryumsalze, sie

färben sich jedoch alle im Laufe der Zeit.

Die Radiumsalze leuchten im Dunkeln.

In ihren chemischen Eigenschaften verhalten sich Radiumsalze genau so,

wie die entsprechenden Baryumsalze. Die Löslichkeit des Radiumchlorids

ist jedoch geringer wie die des Baryumchlorids; die Löslichkeit der

Nitrate in Wasser scheint merklich dieselbe.

Die Radiumsalze sind der Sitz einer fortwährenden selbsttätigen

Wärmeentwicklung.

Reines Radiumchlorid ist paramagnetisch. Seine Magnetisirungszahl k

(Verhältniß des magnetischen Moments der Masseneinheit zur

Feldintensität) ist von den Herren Curie und Cheneveau[46] mittels eines

eigens hierzu konstruirten Apparates gemessen worden. Die Messung

geschah durch Vergleich mit der Magnetisirungszahl des Wassers unter

Anbringung der Korrektion für den Magnetismus der Luft. Man fand so:

k = 1,05 ⋅ 10^{-6}. Reines Baryumchlorid ist diamagnetisch,

seine Magnetisirungszahl beträgt: k = -0,40 ⋅ 10^{-6}. Ganz

entsprechend diesen Resu1taten findet man für ein Radium-haltiges

Baryumchlorid mit etwa 17 Proz. Radiumchlorid diamagnetisches Verhalten

und eine Magnetisirungszahl:[^8] k = -0,20 ⋅ 10^{-6}.

i) Fraktionirung gewöhnlichen Baryumchlorids.

---------------------------------------------

Wir suchten festzustellen, ob das käufliche Baryumchlorid nicht kleine

Spuren von Radiumchlorid enthielte, die zu gering waren, um mit unsrem

Meßapparat wahrgenommen zu werden. Zu diesem Zwecke unternahmen wir die

Fraktionirung einer großen Menge von käuflichem Baryumchlorid, in der

Erwartung, eine etwa vorhandene Spur von Radiumchlorid dadurch

konzentriren zu können.

50 kg käuflichen Baryumchlorids wurden mit schwefelsäurefreier Salzsäure

gefällt, wobei 20 kg gefällten Chlorids erhalten wurden. Dieses wurde in

Wasser aufgelöst und wieder teilweise durch Salzsäure gefällt, wobei man

8,5 kg Niederschlag erhielt. Dieses Chlorid wurde der beim

Radium-haltigen Baryum angewandten Fraktionirungsmethode unterworfen,

wobei man an der Spitze der Fraktionirung 10 g Chlorid geringster

Löslichkeit ausschied. Dieses Chlorid zeigte in unsrem Meßapparat

keinerlei Aktivität; es enthielt also kein Radium; dieser Körper ist

demnach in den das Baryum liefernden Mineralien nicht enthalten.

Drittes Kapitel. Strahlung der neuen radioaktiven Substanzen.

=============================================================

a) Methoden zur Untersuchung der Strahlen.

------------------------------------------

Um die von den radioaktiven Substanzen emittirte Strahlung zu

untersuchen, kann man irgend eine Eigenschaft dieser Strahlung benutzen.

Man kann also entweder die Wirkung der Strahlen auf die photographische

Platte, oder ihre Eigenschaft, die Luft zu ionisiren und leitend zu

machen, oder endlich ihre Fähigkeit, die Fluorescenz gewisser Substanzen

zu erregen, benutzen. Ich werde im Folgenden, wenn ich von einem dieser

verschiedenen Verfahren spreche, zur Abkürzung folgende Ausdrücke

gebrauchen: Radiographische, elektrische, fluoroskopische Methode.

Die beiden ersteren wurden von Anfang an zur Untersuchung der

Uranstrahlen benutzt; die fluoroskopische Methode kann nur auf die

neuen, stark aktiven Substanzen angewandt werden, denn die schwach

radioaktiven Substanzen, wie Uran und Thor, bringen keine merkliche

Fluorescenz hervor. Die elektrische Methode ist die einzige, die präcise

Intensitätsmessungen erlaubt; die beiden andren sind von diesem

Gesichtspunkte aus betrachtet hauptsächlich zur Erlangung qualitativer

Resultate gegeignet, und können nur ganz grobe Intensitätsmessungen

liefern. Die mit den drei betrachteten Methoden erhaltenen Resultate

sind, wenn überhaupt, nur ganz roh mit einander vergleichbar und

gestatten manchmal überhaupt keinen Vergleich. Die empfindliche Platte,

das sich ionisirende Gas, der Fluorescenzschirm sind ebenso viele

Empfänger, welche Strahlungsenergie absorbiren und in eine andre

Energieform transformiren sollen; nämlich in chemische Energie,

Ionenenergie oder in Lichtenergie. Jeder Empfänger absorbirt einen

Bruchteil der Strahlung, dessen Größe wesentlich von seiner Natur

abhängt. Es wird weiter unten gezeigt werden, daß die Strahlung

zusammengesetzter Natur ist; die von den verschiedenen Empfängern

absorbirten Strahlungsbruchteile können sehr quantitativ und qualitativ

verschieden sein. Endlich ist es weder sicher, noch auch nur

wahrscheinlich, daß die absorbierte Energie von dem Empfänger

vollständig in die zur Beobachtung erwünschte Form transformirt wird:

ein Teil dieser Energie kann in Wärme verwandelt werden, oder in

Emission von Sekundärstrahlen, die je nachdem zur Hervorbringung der

beobachteten Erscheinung angenommen werden oder nicht, oder in chemische

Wirkungen, die verschieden sind von der zu beobachtenden usw., es hängt

somit auch der Nutzeffekt des Empfängers bezüglich der bescheinigten

Efficienz wesentlich von der Natur des Empfängers ab.

Vergleichen wir zwei Proben radioaktiver Substanz mit einander, von

denen die eine Radium, die andere Polonium enthält, und die in dem in

Fig. 1 dargestellten Plattenapparat gleiche Activität zeigen. Bedeckt

man beide mit einem dünnen Aluminiumblatt, so wird das zweite

beträchtlich schwächer aktiv erscheinen als das erste und dasselbe wird

bei Benutzung desselben Fluorescenzschirms für beide der Fall sein, wenn

der Schirm genügend dick ist oder sich in einiger Entfernung von den

beiden radioaktiven Substanzen befindet.

b) Energie der Strahlung

------------------------

Welche Untersuchungsmethode man auch anwendet, man findet immer, daß die

Strahlungsenergie der neuen radioaktiven Substanzen beträchtlich größer

ist, als die des Urans und Thors. So wird z. B. eine photographische

Platte bei kleiner Entfernung sozusagen augenblicklich beeinflußt,

während eine Exposition von 24 Stunden nötig ist, wenn man mit Uran oder

Thor operiert. Ein Fluorescenzschirm wird bei Berührung mit den neuen

radioaktiven Substanzen lebhaft erhellt, während man mit Uran oder Thor

keine Spur von Licht wahrnehmen kann. Endlich ist auch die Wirkung auf

die Luft vielmals stärker, etwa im Verhältniß 10^6. Es ist jedoch,

streng genommen, überhaupt nicht mehr möglich, die Totalintensität der

Strahlung wie beim Uran mit der eingangs beschriebenen elektrischen

Methode (Fig. 1) zu bestimmen. In der Tat wird beim Uran die Strahlung

nahezu vollständig in der Luftschicht zwischen den Platten absorbirt,

und der Grenzstrom wird bereits bei einer Spannung von 100 Volt

erreicht. Dies ist jedoch nicht mehr bei den stark aktiven Substanzen

der Fall. Ein Teil der Radiumstrahlung besteht aus sehr durchdringenden

Strahlen, die den Kondensator und die Metallplatten durchsetzen und

überhaupt nicht zur Ionisation der Luft zwischen den Platten ausgenutzt

werden. Ferner kann der Grenzstrom durchaus nicht immer mit den

verfügbaren Spannungen erreicht werden; so ist z. B. für das stark

aktive Polonium der Strom noch zwischen 100 und 500 Volt der Spannung

proportional. Die experimentellen Bedingungen, die den Messungen eine

einfache Bedeutung geben, sind hier also nicht erfüllt, und die

erhaltenen Zahlen können somit nicht als ein Maß der Totalstrahlung

betrachtet werden; sie bieten in dieser Hinsicht nur eine grobe

Annäherung.

c) Zusammengesetzte Natur der Strahlung.

----------------------------------------

Die Arbeiten verschiedener Physiker (der Herren Becquerel, Meyer und v.

Schweidler, Giesel, Villard, Rutherford, P. und S. Curie) haben gezeigt,

daß die Strahlung der radioaktiven Substanzen sehr komplicirter Natur

ist. Man kann drei Arten von Strahlung unterscheiden, die ich nach der

von Herrn Rutherford angenommenen Bezeichnungsweise durch die Buchstaben

α, β, γ unterscheiden will.

1. Die α-Strahlen sind wenig durchdringende Strahlen, die den

Hauptteil der Strahlung auszumachen scheinen. Diese Strahlen sind

durch die Art ihrer Absorption in der Materie charakterisirt. Das

magnetische Feld wirkt sehr wenig auf sie, so daß man sie zuerst für

magnetisch unablenkbar gehalten hat. In einem sehr starken

Magnetfeld werden die α-Strahlen jedoch ein wenig abgelenkt;

die Ablenkung erfolgt in derselben Weise wie bei den

Kathodenstrahlen, aber im umgekehrten Sinne; dasselbe gilt für die

Kanalstrahlen in den Entladungsröhren.

2. Die β-Strahlen sind im Ganzen weniger absorbirbar als die

vorigen. Sie werden im Magnetfelde in gleicher Weise und im gleichen

Sinne abgelenkt wie die Kathodenstrahlen.

3. Die γ-Strahlen sind durchdringende Strahlen, die vom

Magnetfelde nicht beeinflußt werden, und den Röntgenstrahlen

vergleichbar sind.

Die Strahlen einer Gruppe können ein in sehr weiten Grenzen variables

Durchdringungsvermögen haben, wie aus den Versuchen mit β-Strahlen

hervorgeht.

[Fig. 4]

Denken wir uns folgenden Versuch: Das Radium R befindet sich in einer

kleinen Höhlung, die in einen Bleiblock P eingegraben ist (Fig. 4). Ein

geradliniges und wenig sich verbreiterndes Strahlenbündel entweicht aus

dem Troge. Nehmen wir an, daß in der Umgebung der Vertiefung ein

gleichförmiges, sehr starkes magnetisches Feld erzeugt werde, senkrecht

zur Zeichnungsebene und von vorn nach hinten gerichtet. Dann werden die

drei Strahlengruppen von einander getrennt werden.

Die wenig intensiven γ-Strahlen setzen ihren geradlinigen Weg fort,

ohne eine Spur von Ablenkung. Die β-Strahlen werden wie

Kathodenstrahlen abgelenkt und beschreiben kreisförmige Bahnen in der

Zeichnungsebene, deren Krümmungsradius in weiten Grenzen variirt. Wenn

der Trog auf eine photographische Platte AC aufgesetzt wird, so wird der

von den β-Strahlen getroffene Teil BC der Platte beeinflußt. Die

α-Strahlen endlich bilden ein sehr intensives Bündel, das nur wenig

abgelenkt und ziemlich schnell in der Luft ebsorbirt wird. Diese

Strahlen beschreiben in der Zeichnungsebene eine Bahn von sehr großem

Krümmungsradius; der Sinn der Ablenkung ist der entgegengesetzte wie bei

den β-Strahlen.

Bedeckt man die Höhlung mit einem dünnen Aluminiumschirm (0,1 m dick),

so werden die α-Strahlen großenteils absorbirt, die β-Strahlen

viel weniger, und die γ-Strahlen überhaupt nicht in merklichem

Maße.

In der soeben beschriebenen Form kann der Versuch nicht wirklich

ausgeführt werden; die Versuche, aus denen die Wirkung des Magnetfeldes

auf die verschiedenen Strahlenarten hervorgeht, sollen weiter unten

besprochen werden.

d) Wirkung des Magnetfeldes.

----------------------------

Aus dem obigen ergiebt sich, daß die von den radioaktiven Substanzen

emittirten Strahlen eine große Zahl von Eigenschaften mit den

Kathodenstrahlen und den Röntgenstrahlen gemeinsam haben. Die

Kathodenstrahlen ionisiren ebenso wie die Röntgenstrahlen die Luft,

wirken auf die photographischen Platten, erregen Fluorescenz, erfahren

keine regelmäßige Reflexion. Aber die Kathodenstrahlen unterscheiden

sich von den Röntgenstrahlen darin, daß sie durch die Einwirkung eines

Magnetfeldes aus ihrer geradlinigen Bahn abgelenkt werden, und daß sie

eine negative elektrische Ladung mit sich führen.

Die Tatsache, daß das magnetische Feld auf die Strahlung der

radioaktiven Körper wirkt, wurde fast gleichzeitig von den Herren

Giesel[48], Meyer und v. Schweidler[49-52] und Becquerel[11]

entdeckt[^9]. Diese Physiker fanden, daß die Strahlen der radioaktiven

Körper in derselben Weise und im selben Sinne abgelenkt werden wie die

Kathodenstrahlen; ihre Beobachtungen bezogen sich auf die

β-Strahlen.

Herr Curie[54] zeigte, daß die Radiumstrahlung aus zwei wohl zu

unterscheidenden Strahlengruppen besteht, von denen die eine im

Magnetfelde stark ablenkbar ist (β-Strahlen), während die andre

unempfindlich gegen die Wirkung des Feldes zu sein scheint (α- und

γ-Strahlen, die unter der gemeinsamen Bezeichnung ablenkbare

Strahlen zusammengefaßt wurden).

Bei den von uns hergestellten Poloniumpräparaten hat Herr Becquerel

keine Emission von Strahlen, die den Kathodenstrahlen entsprechen,

beobachtet. Im Gegensatz hierzu hat Herr Giesel an einem von ihm

hergestellten Poloniumpräparat zuerst die Wirkung des Magnetfeldes

beobachtet. Unter allen von uns hergestellten Poloniumpräparaten hat

keines jemals den Kathodenstrahlen analoge Strahlen gezeigt.

Das Gieselsche Polonium emittirt die kathodenstrahlartige Strahlung nur

im frisch hergestellten Zustande, es ist wahrscheinlich, daß diese

Strahlung von der Erscheinung der inducirten Radioaktivität herrührt,

von der weiter unten die Rede sein wird.

Folgende Versuche dienten zum Nachweis, daß ein Teil der

Radiumstrahlung, und zwar nur ein Teil aus leicht ablenkbaren Strahlen

besteht (β-Strahlen). Die Versuche geschahen mittels der

elektrischen Methode[54].

[Fig. 5]

Der radioaktive Körper A (Fig. 5) sendet Strahlen in der Richtung AD

zwischen die Platten P und P'. Die Platte P wird auf einem Potential von

500 Volt erhalten, die Platte P' ist mit einem Elektrometer und einem

piezoelektrischen Quarz verbunden. Man mißt die Stärke des unter dem

Einfluß der Strahlung die Luft durchfließenden Stromes. Mittels eines

Elektromagneten kann man nach Belieben innerhalb des ganzen Bereiches

EEEE ein magnetisches Feld erzeugen, das senkrecht zur Zeichnungsebene

verläuft. Wenn die Strahlen auch nur schwach abgelenkt werden, so

gelangen sie nicht mehr zwischen die Platten, und der Strom wird

unterdrückt. Die Bahn der Strahlen ist durch die Bleimassen BB'B'' sowie

durch die Polschuhe des Elektromagneten begrenzt; wenn die Strahlen

abgelenkt werden, so werden sie von den Bleimassen B und B' absorbirt.

Die erhaltenen Resultate hängen wesentlich von dem Abstand AD der

Strahlungsquelle A von dem Beginn des Kondensators bei D ab. Ist die

Entfernung AD ziemlich groß (größer als 7 cm), so wird der größte Teil

(etwa 90 Proz.) der Radiumstrahlung, die den Kondensator erreicht, von

einem Magnetfelde von 2500 Einheiten abgelenkt und unterdrückt. Diese

Strahlen sind die β-Strahlen. Ist die Entfernung AD kleiner als

65 mm, so wird ein weniger beträchtlicher Teil der Strahlen vom Felde

abgelenkt; dabei wird dieser Teil bereits vollständig in einem Felde von

2500 Einheiten abgelenkt, so daß eine Erhöhung der Feldstärke auf 7000

Einheiten keine Vermehrung des beseitigten Bruchteiles der Strahlung

hervorbringt.

Der durch das Feld nicht abgelenkte Bruchteil der Strahlung ist um so

größer, je kleiner die Entfernung zwischen der Strahlungsquelle und dem

Kondensator. Für sehr kleine Abstände bilden die ablenkbaren Strahlen

nur noch einen ganz geringen Bruchteil der Gesamtstrahlung.

Die durchdringenden Strahlen bestehen also zum großen Teil aus

ablenkbaren Strahlen von der Art der Kathodenstrahlen (β-Strahlen).

Mit der soeben beschriebenen Anordnung konnte die Wirkung des

Magnetfeldes auf die α-Strahlen bei den angewandten Feldstärken

kaum beobachtet werden. Die sehr beträchtliche, scheinbar unablenkbare

Strahlung, die man bei kleinem Abstande von der Strahlungsquelle

beobachtete, bestand aus α-Strahlen; die bei großer Entfernung

beobachtete unablenkbare Strahlung bestand aus γ-Strahlen.

Filtrirt man das Bündel durch ein Absorptionsmittel (Aluminium, oder

schwarzes Papier), so werden die hindurchgehenden Strahlen fast alle im

Magnetfelde abgelenkt, so daß durch den Absorptionsschirm und das

Magnetfeld zusammen fast die ganze Strahlung im Kondensator unterdrückt

wird; der übrig bleibende Rest besteht nur noch aus γ-Strahlen,

deren Menge gering ist. Die α-Strahlen werden von dem Schirm

absorbirt.

Ein Aluminiumblatt von 0,01 mm Dicke genügt, um fast alle schwer

ablenkbaren Strahlen zu unterdrücken, wenn die Substanz sich ziemlich

weit entfernt vom Kondensator befindet; für kleinere Abstände (34 und

51 mm) sind zwei Aluminiumblätter von 1 bis 100 mm nötig, um dasselbe

Resultat zu erreichen.

Ähnliche Messungen mit ganz analogem Resultat wurden an vier strahlenden

Substanzen (Chloriden und Karbonaten) von sehr verschiedener Aktivität

gemacht.

Man findet bei allen Präparaten, daß die magnetisch ablenkbaren

durchdringenden Strahlen (β-Strahlen) nur einen geringen Bruchteil

der Gesamtstrahlung ausmachen; sie kommen bei den Messungen nur wenig in

Betracht, wenn man die Gesamtstrahlung benutzt, um die Luft leitend zu

machen.

Auch die Poloniumstrahlung kann mittels der elektrischen Methode

beobachtet werden. Wenn man die Entfernung AD des Poloniums vom

Kondensator variirt, so bemerkt man zuerst, so lange die Entfernung

ziemlich groß ist, gar keinen Strom; nähert man das Polonium, so bemerkt

man, daß für eine gewisse Entfernung, die bei dem untersuchten Präparat

4 cm betrug, die Strahlung sich plötzlich mit großer Intensität

bemerkbar macht; der Strom wächst dann gleichmäßig, wenn man das

Polonium weiter nähert, doch bringt das Magnetfeld unter diesen

Bedingungen keinen merklichen Effekt hervor. Es sieht so aus, als ob die

Poloniumstrahlen im Raume begrenzt wären und in Luft kaum eine Art von

Scheidewand überschritten, die die Substanz im Abstande von einigen

Centimetern umgiebt.

Ich muß hier einige wichtige allgemeine Einschränkungen bezüglich der

Deutung der soeben beschriebenen Versuche machen. Wenn ich von dem durch

den Magneten abgelenkten Bruchteil der Strahlung spreche, so handelt es

sich dabei nur um diejenigen Strahlen, die im Stande sind, einen Strom

im Kondensator zu erzeugen. Wenn man als Reagenz für die

Becquerelstrahlen die Fluorescenz oder die Wirkung auf die

photographische Platte benutzte, so würde der Bruchteil wahrscheinlich

ein andrer werden; eine Intensitätsmessung hat eben im allgemeinen nur

einen Sinn für die gerade angewandte Meßmethode.

Die Poloniumstrahlen sind von der Art der α-Strahlen. Bei den

soeben beschriebenen Versuchen wurde keinerlei Einfluß des Magnetfeldes

auf diese Strahlen bemerkt, doch war die Anordnung derartig, daß eine

schwache Ablenkung unbemerkbar bleiben mußte.

Versuche mittels der radiographischen Methode bestätigten die Resultate

der obigen Versuche. Benutzt man Radium als Strahlungsquelle und fängt

die Strahlen auf einer Platte auf, die parallel zum ursprünglichen

Strahlenbündel und senkrecht zum Felde steht, so erhält man die sehr

scharfe Spur zweier durch das Feld getrennter Strahlenbündel, von denen

das eine abgelenkt ist, das andre nicht. Die β-Strahlen bilden das

abgelenkte Bündel; die nur sehr wenig abgelenkten α-Strahlen

vermischen sich fast ganz mit dem unabgelenkten Bündel der

α-Strahlen.

e) Ablenkbare β-Strahlen.

-----------------------------

Es folgte aus den Versuchen der Herren Giesel und Meyer und v.

Schweidler, daß die Strahlung der radioaktiven Körper wenigstens zum

Teil vom Magnetfeld abgelenkt wird, und daß diese Ablenkung ebenso

geschieht wie bei den Kathodenstrahlen. Herr Becquerel[55-57] hat die

Wirkung des Feldes auf die Strahlen mittels der radiographischen Methode

untersucht. Die benutzte Anordnung war die der Fig. 4. Das Radium befand

sich in einer Bleischale P, die auf der Schichtseite einer in schwarzes

Papier eingehüllten photographischen Platte AC stand. Das Ganze befand

sich zwischen den Polen eines Elektromagneten, dessen Feld senkrecht zur

Zeichnungsebene verlief.

Wenn das Feld von vorn nach hinten gerichtet ist, so wird der Teil BC

der Platte von Strahlen getroffen, die nach Zurücklegung kreisförmiger

Bahnen auf die Platte zurückgeworfen werden und sie in rechtem Winkel

schneiden. Diese Strahlen sind β-Strahlen.

Becquerel zeigte, daß das Bild aus einem breiten diffusen Bande, einem

richtigen kontinuirlichen Spektrum besteht, woraus hervorgeht, daß das

von der Quelle ausgesandte ablenkbare Strahlenbündel aus einer

unendlichen Zahl verschieden ablenkbarer Strahlen besteht. Bedeckt man

die Schicht der Platte mit verschiedenen Absorptionsmitteln (Papier,

Glas, Metalle), so wird ein Teil des Spektrums unterdrückt, und es

ergiebt sich, daß diejenigen Strahlen, die am stärksten im Magnetfelde

abgelenkt werden, oder anders ausgedrückt, diejenigen, deren Bahn den

kleinsten Krümmungsradius hat, am stärksten absorbirt werden. Für jeden

Schirm beginnt die Einwirkung auf die Platte erst bei einem gewissen

Abstand von der Strahlungsquelle, und dieser Abstand ist um so größer,

je stärker der Schirm absorbirt.

f) Ladung der ablenkbaren Strahlen.

-----------------------------------

Die Kathodenstrahlen sind, wie Perrin[58,59] gezeigt hat, mit negativer

Elektrizität geladen. Sie vermögen ferner nach den Versuchen der Herren

Perrin und Lenard[60] ihre Ladung durch mit der Erde verbundene

Metallschirme und durch isolirende Substanzen hindurch zu transportiren.

An jeder Stelle, wo Kathodenstrahlen absorbirt werden, findet eine

kontinuirliche Entwicklung negativer Elektrizität statt. Wir stellten

fest, daß dasselbe für die ablenkbaren β-Strahlen des Radiums

stattfindet. Die ablenkbaren β-Strahlen sind mit negativer

Elektrizität geladen[61].

Die radioaktive Substanz sei auf einer der Platten eines Kondensators

ausgebreitet und die Platte zur Erde abgeleitet; die zweite mit dem

Elektrometer verbundene Platte empfängt und absorbirt die von der

Substanz emittirten Strahlen. Wenn die Strahlen geladen sind, so sollte

man einen kontinuirlichen Elektrizitätszufluß zum Elektrometer erwarten.

Als wir dieses Experiment in Luft ausführten, konnten wir keine Ladung

der Strahlen nachweisen, aber in dieser Form ist der Versuch auch nicht

empfindlich genug. Die Luft zwischen den Platten wird durch die Strahlen

leitend gemacht, das Elektrometer ist also nicht mehr isolirt und kann

nur ziemlich starke Ladungen anzeigen. Damit die α-Strahlen den

Versuch nicht stören, kann man sie durch Bedeckung der Strahlungsquelle

mit einem dünnen Metallschirm unterdrücken; das Resultat des Versuchs

wird dadurch nicht geändert.[^10]

Wir haben den Versuch in Luft ohne besseren Erfolg wiederholt, indem wir

die Strahlen in das Innere eines mit dem Elektrometer verbundenen

Faradayschen Cylinders eindringen ließen.[^11]

Man konnte sich schon nach den vorangehenden Versuchen davon

Rechenschaft geben, daß die Ladung der von dem angewandten Präparat

ausgehenden Strahlung nur schwach sein konnte.

Um eine schwache Elektrizitätsentwicklung auf einem die Strahlen

absorbirenden Leiter zu konstatiren, muß der Leiter elektrisch gut

isolirt sein; dazu muß man ihn aber vor der Einwirkung der Luft

schützen, indem man ihn entweder in ein sehr vollkommen evakuirtes Gefäß

bringt,[^12] oder ihn mit einem guten festen Dielektrikum umgiebt. Die

letztere Anordnung wurde von uns benutzt.

[Fig. 6]

Eine leitende Scheibe MM (Fig. 6) ist durch einen Metallstab t mit dem

Elektrometer verbunden; Scheibe und Stab sind vollständig von dem

Isolirmittel iiii umgeben; das ganze ist von einer Metallhülle EEEE

umgeben, die in leitender Verbindung mit der Erde steht. Auf einer Seite

der Scheibe sind Isolirschicht pp und Metallhülle sehr dünn. Diese Seite

ist der Strahlung des Radium-haltigen Baryumsalzes R ausgesetzt, das

sich frei in einem Bleitrog befindet.[^13] Die von dem Radium emittirten

Strahlen durchsetzen die Metallhülle und die isolirende Schicht pp und

werden in der Metallscheibe MM absorbirt. Diese wird dadurch der Sitz

einer kontinuirlichen und konstanten Entwicklung negativer Elektrizität,

die man am Elektrometer konstatirt und mittels des piezoelektrischen

Quarzes mißt.

Der so erzeugte Strom ist sehr schwach. Mit sehr aktivem Radium-haltigen

Baryumchlorid in einer Schicht von 2,5 cm Oberfläche und 0,2 cm Dicke

erhält man einen Strom von der Größenordnung 10^{-11} Ampere, nachdem

die benutzten Strahlen vor ihrer Absorption in der Scheibe MM eine

Aluminiumschicht von 0,01 mm und eine Hartgummischicht von 0,3 mm Dicke

durchsetzt haben.

Wir haben hintereinander Blei, Kupfer und Zink für die Scheibe MM,

Hartgummi und Paraffin als Isolirmittel benutzt; die erhaltenen

Resultate waren dieselben. Der Strom wird schwächer, wenn man die

Strahlungsquelle R entfernt, oder ein schwächer aktives Präparat

benutzt.

Dieselben Resultate erhielten wir, als wir die Scheibe MM durch einen

mit Luft gefüllten, aber von einem Isolirmittel umhüllten Faradayschen

Cylinder ersetzten. Die durch die dünne isolirende Platte pp

verschlossene Öffnung des Cylinders befand sich der Strahlungsquelle

gegenüber.

Endlich haben wir auch den umgekehrten Versuch gemacht, der darin

besteht, daß man den Bleitrog mit dem isolirenden Medium umgiebt und mit

dem Elektrometer verbindet (Fig. 7), während das Ganze mit einer

geerdeten Metallhülle umgeben ist.

[Fig. 7]

Bei dieser Anordnung beobachtet man am Elektrometer, daß das Radium eine

positive Ladung von gleicher Größe annimmt, wie die negative bei dem

ersten Versuch. Die Strahlen des Radiums durchdringen die dünne

Schicht pp und nehmen beim Verlassen des inneren Leiters negative

Elektrizität mit sich fort.

Die α-Strahlen des Radiums kommen bei diesen Versuchen nicht in

Betracht, da sie schon in sehr dünnen Schichten fester Substanz fast

vollständig absorbirt werden. Die soeben beschriebene Methode eignet

sich auch nicht für die Untersuchung der Poloniumstrahlen, da diese

ebenfalls wenig Durchdringungsvermögen besitzen. Wir bemerkten keine

Spur einer Ladung beim Polonium, das nur α-Strahlen emittirt; aus

dem eben genannten Grunde kann man jedoch aus diesem Versuch keinen

Schluß ziehen.

Es findet also bei den ablenkbaren β-Strahlen des Radiums, ebenso

wie bei den Kathodenstrahlen, ein Transport von Elektrizität statt. Nun

hat man bisher niemals die Existenz elektrischer Ladungen gekannt, die

nicht an Materie geknüpft waren. Man kam also dazu, sich für die

Untersuchung der ablenkbaren β-Strahlen des Radiums derselben

Theorie zu bedienen, die augenblicklich für die Kathodenstrahlen in

Gebrauch ist. Nach dieser ballistischen Theorie, die von Sir W. Crookes

aufgestellt, später von Herrn J. J. Thomson entwickelt und

vervollständigt ist, bestehen die Kathodenstrahlen aus äußerst feinen

Teilchen, die von der Kathode mit großer Geschwindigkeit

fortgeschleudert werden und mit negativer Elektrizität geladen sind. Man

kann also annehmen, daß das Radium negativ geladene Partikel in den Raum

hinaussendet.

Ein Radiumpräparat, das in einer dünnen, vollkommen isolirenden festen

Hülle eingeschlossen ist, muß sich von selbst auf ein sehr hohes

Potential laden. Nach der ballistischen Hypothese müßte dieses Potential

so lange anwachsen, bis die Potentialdifferenz gegen die umgebenden

Leiter genügend groß wird, um die Entfernung der emittirten

elektrisirten Teilchen zu verhindern und sie zur Strahlungsquelle

zurückzuführen.[^14]

Wir haben durch Zufall ein derartiges Experiment gemacht. Ein sehr

aktives Radiumpräparat war seit langem in einem Glasröhrchen

eingeschlossen. Um das Röhrchen zu öffnen, machten wir einen Strich mit

einem Glasmesser auf dem Glase. In diesem Moment hörten wir deutlich das

Geräusch eines Funkens, und als wir darauf das Glas mit einer Lupe

untersuchten, fanden wir, daß es an der durch den Strich geschwächten

Stelle von einem Funken durchbohrt war. Dieser Vorgang ist durchaus

vergleichbar mit der Durchbrechung des Glases einer zu stark geladenen

Leydenerflasche.

Die gleiche Erscheinung wiederholte sich mit einer andren Röhre. Ja,

Herr Curie, der die Röhre hielt, spürte sogar im Moment, als der Funke

übersprang, in seinen Fingern einen elektrischen Entladungsschlag.[^15]

Gewisse Gläser sind sehr gute Isolatoren. Wenn man das Radium in ein

zugeschmolzenes, gut isolirendes Röhrchen einschließt, kann man

erwarten, daß in einem bestimmten Moment die Röhre von selbst durchbohrt

wird. Das Radium ist das erste Beispiel eines Körpers, der sich von

selbst elektrisch ladet.

g) Wirkung des elektrischen Feldes auf die ablenkbaren β-Strahlen

des Radiums.

----------------------------------------------------------------------------------

Da die ablenkbaren β-Strahlen des Radiums den Kathodenstrahlen

vergleichbar sind, so müssen sie von einem elektrischen Felde in

derselben Weise wie diese abgelenkt werden, d. h. wie ein negativ

geladenes, träges Teilchen, das mit großer Geschwindigkeit in den Raum

hinausgeschleudert wird. Die Existenz dieser Ablenkung wurde einerseits

von Herrn Dorn,[64] andrerseits von Herrn Becquerel[57] nachgewiesen.

Betrachten wir einen Strahl, der den Raum zwischen den beiden Platten

eines Kondensators durchsetzt. Die Strahlrichtung sei parallel zu den

Platten. Wenn man zwischen diesen ein elektrisches Feld erzeugt, so ist

der Strahl der Einwirkung dieses gleichförmigen Feldes längs seines

ganzen Weges l zwischen den Kondensatorplatten unterworfen. Infolge

dieser Einwirkung wird der Strahl nach der positiven Platte hin

abgelenkt und beschreibt einen Parabelbogen; wenn er das Feld verläßt,

setzt er seinen Weg geradlinig fort in Richtung der Tangente an den

Parabelbogen im Austrittspunkt. Man kann den Strahl auf einer

photographischen Platte auffangen, die senkrecht zur ursprünglichen

Richtung steht. Man beobachtet die Wirkung auf die Platte für das Feld

Null und für eine bekannte Feldstärke, und leitet daraus den Wert δ

der Ablenkung ab, die gleich der Entfernung der beiden Punkte ist, in

denen die neue und die ursprüngliche Strahlrichtung dieselbe zur

ursprünglichen Richtung senkrechte Ebene treffen. Wenn h die Entfernung

dieser Ebene vom Kondensator, d. h. von der Grenze des Feldes ist, so

erhält man durch eine einfache Rechnung:

[delta = (e.F.l. (l/2 + h))/(m.v.v)]

wobei m die Masse des bewegten Teilchens, e seine Ladung, v seine

Geschwindigkeit und F die Feldstärke bedeutet.

Die Versuche Becquerels gestatteten ihm eine angenäherte Bestimmung

von δ.

h) Verhältniß von Ladung zur Masse eines vom Radium emittirten negativ

geladenen Teilchens.

-------------------------------------------------------------------------------------------

Ein träges Teilchen von der Masse m und der negativen Ladung e werde mit

der Geschwindigkeit v in ein gleichförmiges Magnetfeld

hineingeschleudert, das senkrecht zur ursprünglichen Geschwindigkeit

verläuft; das Teilchen beschreibt dann in einer Ebene, die durch die

Anfangsrichtung geht und senkrecht zum Felde steht, einen Kreisbogen vom

Krümmungsradius ρ, für den, wenn H die Feldstärke bedeutet, die

Beziehung gilt:

Hρ = mv/e.

Wenn man für ein und denselben Strahl die elektrische Ablenkung δ

und den Krümmungsradius ρ in einem magnetischen Felde gemessen hat,

so kann man aus den beiden Versuchen die Werte für e/m und die

Geschwindigkeit v berechnen.

Die Becquerelschen Versuche lieferten eine erste Annäherung hierfür. Sie

ergaben für e/m einen angenäherten Wert von 10^7 absoluten

elektromagnetischen Einheiten, und für v einen Wert von 1,6⋅10^{10}

cm/sek. Diese Zahlen sind von derselben Größenordnung wie bei den

Kathodenstrahlen.

Genaue Untersuchungen über denselben Gegenstand wurden von Herrn

Kaufmann[65-68] gemacht. Er unterwarf ein sehr feines Bündel von

Radiumstrahlen der gleichzeitigen Einwirkung eines elektrischen und

eines magnetischen Feldes, die beide gleichförmig und gleichgerichtet

waren, und zwar senkrecht zur ursprünglichen Richtung des Bündels. Das

Bild auf einer Platte, die senkrecht zur ursprünglichen Richtung und von

der Quelle aus gerechnet jenseits der Grenzen des Feldes aufgestellt

war, erhält die Form einer Kurve, von der jeder Punkt einem der Strahlen

des ursprünglichen heterogenen Bündels entspricht. Die am stärksten

durchdringenden und am wenigsten ablenkbaren Strahlen sind dabei

diejenigen, deren Geschwindigkeit die größte ist.

Aus den Versuchen Kaufmanns folgt, daß für die Radiumstrahlen, deren

Geschwindigkeit wesentlich größer ist als die der Kathodenstrahlen, das

Verhältniß e/m mit zunehmender Geschwindigkeit abnimmt.

Nach den Arbeiten von J. J. Thomson[69] und Townsend[70] müssen wir

annehmen, daß das bewegte Teilchen, aus dem der Strahl besteht, eine

Ladung besitzt, die gleich ist derjenigen, die ein Wasserstoffatom in

der Elektrolyse transportirt, daß also diese Ladung für alle Strahlen

dieselbe ist. Man muß daraus schließen, daß die Masse des Teilchens mit

zunehmender Geschwindigkeit wächst.

Nun führen aber theoretische Betrachtungen zu der Anschauung, daß die

Trägheit des Teilchens mit der Bewegung der Ladung eng zusammenhängt, da

die Geschwindigkeit einer in Bewegung befindlichen Ladung nicht ohne

Energieaufwand verändert werden kann. Anders ausgedrückt: Die Trägheit

des Teilchens ist elektromagnetischen Ursprungs und die Masse des

Teilchens ist wenigstens zum Teil eine scheinbare oder

elektromagnetische Masse. Herr Abraham[71] geht noch weiter und nimmt

an, daß die Masse des Teilchens völlig elektromagnetischen Ursprungs

ist. Wenn man nach dieser Hypothese die Masse m für eine gegebene

Geschwindigkeit v berechnet, so findet man, daß m unendlich groß wird,

wenn v sich der Lichtgeschwindigkeit nähert und daß m einen konstanten

Wert annimmt, wenn die Geschwindigkeit klein gegen die des Lichtes ist.

Die Versuche Kaufmanns sind in Übereinstimmung mit dieser Theorie, deren

Wichtigkeit groß ist, da sich die Möglichkeit voraussehen läßt, die

Grundlagen der Mechanik auf der Dynamik kleiner geladener und in

Bewegung befindlicher Centra aufzubauen.[^16]

Folgendes sind die von Herrn Kaufmann für e/m und für v erhaltenen

Zahlen[^17]:

-----------------------------------------------------------------

v⋅10^{-10} e/m⋅10^{-7} e/m⋅10^{-10} aus

beobachtet dem Wert von v

berechnet

------------------- ---------------------- ----------------------

2,90 0,692 0,722

2,82 0,835 0,861

2,74 0,972 0,953

2,60 1,07 1,08

2,48 1,16 1,18

2,36 1,24 1,25

2,24 1,29 1,32

2,12 1,33 1,38

0,53 1,865* 1,78

0,00 --- 1,80

-----------------------------------------------------------------

* (beobachtet von Simon[73] für Kathodenstrahlen.)

Herr Kaufmann schloß aus seinen Versuchen, daß der Grenzwert von e/m für

Radiumstrahlen sehr kleiner Geschwindigkeit[^18] derselbe sein würde,

wie für Kathodenstrahlen.

Seine genauesten Messungen hat Kaufmann mit einem ihm von uns zur

Verfügung gestellten kleinen Körnchen reinen Radiumchlorides gemacht.

Nach den Versuchen Kaufmanns besitzen gewisse Teile der β-Strahlung

des Radiums eine Geschwindigkeit, die der des Lichtes ganz nahe kommt.

Es ist verständlich, daß diese so schnellen Strahlen ein sehr großes

Durchdringungsvermögen der Materie gegenüber besitzen.

i) Wirkung des Magnetfeldes auf die α-Strahlen.

----------------------------------------------------

In einer neueren Arbeit kündigte Herr Rutherford[74] an, daß in einem

sehr starken elektrischen oder magnetischen Felde die α-Strahlen

des Radiums schwach abgelenkt werden, derart, wie es bei schnell

bewegten, positiv geladenen Teilchen der Fall sein würde. Rutherford

schloß aus seinen Versuchen, daß die Geschwindigkeit der α-Strahlen

von der Größenordnung 2,5⋅10^9 cm/sek und das Verhältniß e/m von der

Größenordnung 6⋅10^3 wäre, d. h. 10^4mal kleiner als die ablenkbaren

β-Strahlen. Weiter unten soll gezeigt werden, daß diese Schlüsse

Rutherfords mit den bisher bekannten Eigenschaften der α-Strahlen

in Einklang sind und zum Teil wenigstens von dem Absorptionsgesetz

dieser Strahlen Rechenschaft geben.

Die Versuche Rutherfords wurden von Herrn Becquerel[75,76] bestätigt.

Becquerel zeigte ferner, daß die Poloniumstrahlen sich im Magnetfelde

ebenso wie die α-Strahlen des Radiums verhielten und bei gleicher

Feldstärke denselben Krümmungsradius anzunehmen scheinen wie diese. Aus

den Becquerelschen Versuchen folgt ferner, daß die α-Strahlen kein

magnetisches Spektrum zu bilden scheinen, sondern sich wie eine homogene

Strahlung verhalten, bei der alle Strahlen gleich stark abgelenkt

werden.[^19]

k) Wirkung des Magnetfeldes auf die Strahlen andrer radioaktiver

Substanzen.

----------------------------------------------------------------------------

Es wurde im Vorangehenden gezeigt, daß das Radium drei Strahlenarten

emittirt, nämlich α-Strahlen, die den Kanalstrahlen,

β-Strahlen, die den Kathodenstrahlen verwandt sind, und nicht

ablenkbare durchdringende γ-Strahlen. Das Polonium emittirt nur

α-Strahlen. Von den andren radioaktiven Körpern scheint das

Aktinium sich wie das Radium zu verhalten, doch ist die Untersuchung der

Strahlung dieses Körpers noch nicht so weit fortgeschritten, wie die der

Radiumstrahlung. Von den schwach radioaktiven Körpern weiß man jetzt,

daß das Uran und das Thor sowohl α-Strahlen, als auch ablenkbare

β-Strahlen emittiren (Becquerel, Rutherford).

l) Verhältniß der ablenkbaren β-Strahlen in der Radiumstrahlung.

--------------------------------------------------------------------

Wie bereits gesagt, vermehrt sich die relative Intensität der

β-Strahlen mit zunehmender Entfernung von der Strahlungsquelle.

Dennoch treten diese Strahlen niemals allein auf, und für große

Entfernungen beobachtet man immer auch das Vorhandensein von

γ-Strahlen. Das Vorhandensein nicht ablenkbarer, sehr

durchdringender Strahlen in der Radiumstrahlung wurde zuerst von Herrn

Villard[78] beobachtet. Diese Strahlen bilden nur einen geringen Anteil

der Strahlung, wenn man sie mit der elektrischen Methode mißt, und ihr

Vorhandensein entging uns bei unsren ersten Versuchen, sodaß wir damals

mit Unrecht glaubten, daß bei großer Entfernung die Strahlung nur

ablenkbare Strahlen enthielte.

Folgendes sind die numerischen Resultate, die bei Versuchen nach der

elektrischen Methode mit einem Apparat entsprechend dem der Fig. 5

erhalten wurden. Das Radium war von dem Kondensator nur durch die

umgebende Luft getrennt. Ich bezeichne mit d den Abstand der

Strahlungsquelle vom Kondensator. Setzt man den Strom, der ohne

Magnetfeld für jede einzelne Entfernung erhalten wurde, gleich 100, so

bedeuten die Zahlen der zweiten Zeile den bei Erregung des Feldes

übrigbleibenden Strom. Diese Zahlen können als der prozentuale Anteil

der α- und γ-Strahlen betrachtet werden, da die Ablenkung der

α-Strahlen bei der benutzten Anordnung kaum bemerkbar sein konnte.

Bei großen Entfernungen hat man keine α-Strahlen mehr und die

unabgelenkte Strahlung besteht dann nur noch aus γ-Strahlen.

Versuche bei kleinem Abstand:

-------------------------------- ----- ----- ----- -----

d in cm 3,4 5,1 6,0 6,5

Unabgelenkte Strahlen in Proz. 74 56 33 11

-------------------------------- ----- ----- ----- -----

Versuche bei großem Abstand, mit einem bedeutend aktiveren Präparat als

bei der vorigen Reihe:

-------------------------------- ---- ---- ---- ---- ---- ----- -----

d in cm 14 30 53 80 98 124 157

Unabgelenkte Strahlen in Proz. 12 14 17 14 16 14 11

-------------------------------- ---- ---- ---- ---- ---- ----- -----

Man sieht, daß von einer gewissen Entfernung an der Anteil der nicht

abgelenkten Strahlen in der Strahlung annähernd konstant ist. Diese

Strahlen gehören wahrscheinlich alle zu den γ-Strahlen. Die

Unregelmäßigkeiten der Zahlen in der zweiten Zeile wollen übrigens nicht

viel bedeuten, wenn man bedenkt daß die Totalintensität des Stromes in

den beiden äußersten Versuchen im Verhältniß 660 zu 10 stand. Die

Messungen konnten bis zu einer Entfernung von 1,57 m von der

Strahlungsquelle ausgedehnt werden, und wir wären jetzt im Stande, noch

weiter zu gehen.

Bei der folgenden Versuchsreihe war das Radium in einem sehr engen

Glasröhrchen eingeschlossen, das unter dem Kondensator und parallel zu

den Platten sich befand. Die emittirten Strahlen hatten, ehe sie zu dem

Kondensator gelangten, eine gewisse Glas- und Luftschicht zu passiren:

-------------------------------- ----- ----- ----- ----- ----- ----- ------ ------ ------

d in cm 2,5 3,3 4,1 5,9 7,5 9,6 11,8 13,9 17,2

Unabgelenkte Strahlen in Proz. 88 33 21 16 14 10 9 9 10

-------------------------------- ----- ----- ----- ----- ----- ----- ------ ------ ------

Wie in den früheren Versuchen konvergiren die Zahlen der zweiten Zeile

gegen einen konstanten Grenzwert, wenn die Entfernung d wächst, aber die

Grenze wird praktisch schon für einen kleineren Abstand erreicht als in

den früheren Reihen, weil die α-Strahlen in dem Glase stärker

absorbirt werden, als die β- und γ-Strahlen.

Auch folgender Versuch zeigt, daß eine dünne Aluminiumschicht (von

0,01 mm Dicke) hauptsächlich die α-Strahlen absorbirt. Wenn das

Präparat 5 cm vom Kondensator entfernt war, so fand man, durch Erregung

des Magnetfeldes, daß das Verhältniß der übrigen Strahlen zu den

β-Strahlen 71 Proz. betrug. Bedeckt man das Präparat mit dem

Aluminiumblatt, so findet man, daß bei derselben Entfernung die

durcbgelassene Strahlung fast vollständig vom Magnetfeld abgelenkt wird,

weil die α-Strahlen von dem Blatt absorbirt worden sind. Dasselbe

Resultat erhält man mit Papier als Absorptionsschirm.

Der größte Teil der Radiumstrahlung besteht aus α-Strahlen, die

wahrscheinlich hauptsächlich von der Oberfläche der strahlenden Substanz

emittirt werden. Wenn man die Dicke der strahlenden Schicht variirt, so

wächst die Stromstärke mit dieser Dicke; die Vermehrung ist aber nicht

für die Gesamtheit der Strahlen der Zunahme der Dicke proportional; sie

ist für die β-Strahlen viel beträchtlicher als für die

α-Strahlen, derart, daß der relative Anteil der β-Strahlen mit

wachsender Schichtdicke zunimmt. Wenn die Strahlungsquelle sich 5 cm vom

Kondensator entfernt befindet, so findet man für eine Dicke der aktiven

Schicht von 0,4 mm, daß die Gesamtstrahlung durch die Zahl 28 gegeben

ist und der Anteil der β-Strahlen 29 Proz. beträgt. Macht man die

Schicht 2 mm dick, d. h. fünfmal dicker, so erhält man eine

Gesamtstrahlung gleich 102 und einen Anteil der β-Strahlen von

45 Proz. Die bei dieser Entfernung beobachtete Gesamtstrahlung ist also

auf das 3,6fache und die ablenkbare β-Strahlung auf das 5fache

gestiegen.

Die vorstehenden Versuche wurden mittels der elektrischen Methode

ausgeführt. Benutzt man die radiographische Methode, so scheinen gewisse

Resultate mit dem Vorstehenden in Widerspruch. Bei den Versuchen von

Herrn Villard wurde ein der Wirkung des Magnetfeldes ausgesetztes Bündel

von Radiumstrahlen auf einem Satze von photographischen Platten

aufgefangen. Das unablenkbare und durchdringende γ-Strahlenbündel

durchsetzte alle Platten und zeichnete seine Spur auf allen. Das

abgelenkte β-Bündel wirkte nur auf die erste Platte ein. Dieses

Bündel scheint also keine Strahlen von großem Durchdringungsvermögen zu

enthalten.

Im Gegensatz dazu besteht bei unsren Versuchen ein in Luft sich

fortpflanzendes Bündel bei den größten der Beobachtung zugänglichen

Entfernungen zu ungefähr {}^{9}/_{10} aus ablenkbaren β-Strahlen,

und dasselbe ist der Fall, wenn die Strahlungsquelle in eine kleine

zugeschmolzene Glasröhre eingeschlossen ist. Bei den Versuchen Villards

wirken diese ablenkbaren und durchdringenden β-Strahlen nicht mehr

auf die hinteren Platten ein, weil sie von dem ersten festen Hinderniß,

das sie treffen, nach allen Seiten diffundirt werden und dadurch

aufhören ein begrenztes Bündel zu bilden. Bei unsren Versuchen wurden

die von dem Radium emittirten und das Glas durchsetzenden Strahlen

wahrscheinlich auch von dem Glas diffundirt; da aber die Röhre sehr

klein war, so wirkte sie selbst als Strahlenquelle für die von ihrer

Oberfläche ausgehenden ablenkbaren β-Strahlen und wir konnten

dieselben bis zu großen Entfernungen von der Röhre beobachten.

Die Kathodenstrahlen der Entladungsröhren können nur sehr dünne Schirme

durchdringen (Aluminiumschirme bis zu 0,01 mm Dicke). Ein

Strahlenbündel, das senkrecht auf den Schirm trifft, wird nach allen

Seiten zerstreut; aber die Zerstreuung ist um so weniger beträchtlich,

je dünner der Schirm, und für sehr dünne Schirme existirt ein

austretendes Bündel, das merklich in die Verlängerung des einfallenden

Bündels fällt[79].

Die ablenkbaren β-Strahlen des Radiums verhalten sich ähnlich, doch

ist die Veränderung, die das Bündel bei einem Schirm von derselben Dicke

erfährt, viel weniger groß. Nach den Versuchen Becquerels werden die

stark ablenkbaren β-Strahlen des Radiums (d. h. diejenigen, deren

Geschwindigkeit klein ist) von einem Aluminiumschirm von 0,1 mm Dicke

stark zerstreut; die durchdringenderen und weniger ablenkbaren Strahlen

jedoch (kathodenstrahlartige mit großer Geschwindigkeit) durchdringen

denselben Schirm ohne merkliche Zerstreuung und ohne Deformation des

Bündels, und zwar unabhängig von der Neigung des Schirmes gegen das

Bündel. Die sehr schnellen β-Strahlen durchdringen ohne Zerstreuung

eine ziemlich dicke Schicht von Paraffin (einige Centimeter) und man

kann in dieser Schicht die Krümmung des Bündels unter der Einwirkung

eines Magnetfeldes verfolgen. Je dicker der Schirm ist und je

absorbirender seine Substanz, um so mehr wird das ursprüngliche

ablenkbare Bündel verändert, weil in dem Maße, wie die Schichtdicke

wächst, die Zerstreuung beginnt, sich an immer durchdringenderen

Strahlen bemerkbar zu machen.

Die Luft bewirkt eine Zerstreuung der β-Strahlen, die zwar für die

stark ablenkbaren Strahlen sehr bemerkbar ist, jedoch viel weniger in

Betracht kommt als die von gleichen Dicken fester Körper hervorgerufene.

Deshalb breiten sich die β-Stahlen des Radiums in Luft auf große

Entfernungen hin aus.

m) Durchdringungsvermögen der Strahlung der radioaktiven Substanzen.

--------------------------------------------------------------------

Vom Beginn der Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen an

beschäftigte man sich mit der Absorption, die verschiedene Schirme auf

die Strahlung dieser Körper ausüben. In einer ersten Notiz über diesen

Gegenstand veröffentlichte ich[15] einige Zahlen, die am Beginn dieser

Schrift mitgeteilt sind und aus denen das relative

Durchdringungsvermögen der Uran- und Thorstrahlung zu ersehen ist. Herr

Rutherford[17] untersuchte specieller die Uranstrahlung und wies ihre

Heterogenität nach. Herr Owens[26] kam zu demselben Schluß bezüglich der

Thorstrahlung. Als sodann die Entdeckung der stark aktiven Substanzen

erfolgte, wurde das Durchdringungsvermögen ihrer Strahlen sogleich von

mehreren Physikern untersucht (Becquerel[80], Meyer und

v. Schweidler[81], Curie, Rutherford). Die ersten Beobachtungen zeigten

unzweifelhaft die Heterogenität der Strahlung, die ein allgemeines

Phänomen zu sein und allen radioaktiven Stoffen zuzukommen scheint. Man

befindet sich da Strahlungsquellen gegenüber, die eine Gesamtheit von

Strahlen emittiren, deren jeder sein eigenes Durchdringungsvermögen hat.

Die Frage komplicirt sich noch dadurch, daß man untersuchen muß, in

welchem Maße die Natur der Strahlung beim Hindurchgang durch materielle

Körper modificirt werden kann, und daß infolgedessen jede Messungsreihe

eine präcise Bedeutung nur für die gerade angewandte Versuchsordnung

hat.

Unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen kann man versuchen, die

verschiedenen Versuche miteinander zu vergleichen und die Gesamtheit der

Resultate darzustellen.

Die radioaktiven Körper emittiren eine Strahlung, die sich in Luft und

im Vakuum fortpflanzt; die Fortpflanzung ist geradlinig; diese Tatsache

wird durch die Schärfe und die Form der Schatten bewiesen, die man

erhält, wenn man für die Strahlung undurchsichtige Körper zwischen die

Quelle und die photographische Platte oder den als Empfänger dienenden

Fluorescenzschirm stellt, wobei die Quelle klein sein muß gegen die

Entfernung vom Empfänger. Verschiedene Versuche, die die geradlinige

Ausbreitung der Strahlung des Urans, des Radiums und des Poloniums

beweisen, sind von Herrn Becquerel[82,83] ausgeführt worden.

Es ist interessant, die Entfernung von der Quelle zu bestimmen, bis zu

der die Strahlen sich in Luft fortpflanzen können, Wir stellten fest,

daß das Radium Strahlen aussendet, die in mehreren Metern Abstand in

Luft beobachtet werden konnten. Bei einigen unsrer elektrischen

Messungen fand eine Einwirkung der Strahlungsquelle auf die Luft im

Kondensator noch bei einer Entfernung von 2 bis 3 m statt. Ebenso haben

wir Fluorescenzwirkungen und photographische Wirkungen noch bei

Entfernungen von derselben Größenordnung erhalten.

Diese Versuche können nur mit sehr intensiven Strahlungsquellen

ausgeführt werden, da, abgesehen von der Absorption der Luft, die

Wirkung auf den Empfänger im umgekehrten Verhältniß des

Entfernungsquadrats variirt, wenn die Quelle von kleinen Dimensionen

ist. Diese sich in große Entfernung vom Radium ausbreitende Strahlung

enthält ebensowohl kathodenstrahlartige wie nicht ablenkbare Strahlen;

die ablenkbaren Strahlen sind jedoch in der Mehrzahl, gemäß den oben

angeführten Versuchen. Der größte Teil der Strahlen dagegen (die

α-Strahlen) ist in Luft auf einen Abstand von etwa 7 cm von der

Quelle begrenzt.

Ich machte einige Versuche mit Radium, das in einem kleinen Glasgefäß

eingeschlossen war. Die aus diesem Gefäß hervorkommenden Strahlen

durchmaßen einen gewissen Luftraum und wurden in einem Kondensator

aufgefangen, der in gewöhnlicher Weise zur Messung ihres

Ionisationsvermögens mittels der elektrischen Methode diente. Man

veränderte die Entfernung d der Quelle vom Kondensator und maß den im

Kondensator erhaltenen Sättigungsstrom. Folgendes sind die Resultate

einer Messungsreihe:

d cm i i⋅ d^2⋅ 10^{-3}

------ ------- -------------------------

10 127,0 13

20 38,0 15

30 17,4 16

40 10,5 17

50 6,9 17

60 4,7 17

70 3,8 19

100 1,65 17

Von einem gewissen Abstand an ändert sich die Intensität der Strahlung

merklich wie das Quadrat der Entfernung vom Kondensator.

Die Poloniumstrahlung breitet sich in Luft nur bis zu einer Entfernung

von einigen Centimetern (4 bis 6 cm) von der Strahlungsquelle aus.

Betrachtet man die Absorption der Strahlung durch feste Körper, so

findet man auch dabei einen fundamentalen Unterschied zwischen dem

Radium und dem Polonium. Das Radium emittirt Strahlen, die eine dicke

Schicht fester Körper zu durchdringen vermögen, z. B. einige Centimeter

Blei oder Glas. Die Strahlen, die eine große Schichtdicke eines festen

Körpers durchsetzt haben, sind außerordentlich durchdringend, und man

kann sie praktisch überhaupt nicht vollständig durch irgend einen Körper

absorbiren lassen. Aber diese Strahlen bilden nur einen geringen

Bruchteil der Totalstrahlung, die im Gegensatz hierzu zum größten Teil

bereits durch eine dünne Schicht fester Substanz absorbirt wird.

Das Polonium dagegen emittirt äußerst absorbirbare Strahlen, die nur

sehr dünne Schichten fester Körper durchdringen können. Ich gebe als

Beispiel einige Zahlen über die Absorption, die ein Aluminiumblatt von

0,01 mm Dicke hervorbringt. Dieses Blatt wurde über die Substanz gedeckt

und war beinahe mit ihr in Berührung. Die direkte und die von dem Blatt

durchgelassene Strahlung wurden mittels der elektrischen Methode

(Fig. 1) gemessen; der Sättigungsstrom wurde in allen Fällen merklich

erreicht. Ich bezeichne mit a die Aktivität der strahlenden Substanz,

die des Urans gleich 1 gesetzt.

---------------------------------------------------------------

a Von dem Blatt

durchgelassener

Bruchteil der

Strahlung

------------------------------------ -------- -----------------

Radium-haltiges Baryumchlorid 57 0,32

Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen von Marie Curie, übersetzt und mit Litteratur-Ergänzungen versehen von W. Kaufmann · 第 11 / 32 题