VORKOMMEN UND DAMIT IN VERBINDUNG STEHENDE FRAGEN.

So viel ich weiss, ist der Babirusa, was Celebes anlangt, nur aus der

Minahassa und dem Gorontaloschen nachgewiesen. Rosenberg (Mal. Arch.

1878, 269) sagt zwar: „Auf Selébes kommt der Babi-russa allein auf der

Nordhälfte der Insel vor, lebt aber ausserdem noch auf den Sulla-Inseln

und auf Buru“, was z. B. Brehm (Thierl. III, 529 1891) übernahm, allein

da man unter „Nordhälfte“ von Celebes zum Mindesten das ganze Gebiet

des Tominigolfes verstehen muss, so ist das zu viel gesagt. Wenn auch

nicht in Abrede gestellt werden soll, dass die Verbreitung des Babirusa

so weit gehen kann, so fehlt doch bis jetzt der Anhalt dafür. Es ist

auch nicht ganz wahrscheinlich, dass er hier überall haust, da man

sonst wohl schon Schädel oder Zähne daher erhalten hätte, denn die

Eingeborenen bewahren diese, wie sich auch denken lässt, mit Vorliebe,

oder verwenden sie als Schmuck. Derartiges ist aber von den Ufern des

Tominigolfes jenseit des Gorontaloschen nicht bekannt geworden.

Immerhin lässt sich noch kein Urtheil fällen, da diese Länder zu wenig

durchforscht sind. Auf dem Südwestarme soll er nach Erkundigungen der

Herren Sarasin, wie sie die Güte hatten mir mitzutheilen, nicht

vorkommen.

Das Ethnographische Museum erhielt kürzlich von Tonkean, gegenüber der

Insel Peling, also von der Nordosthalbinsel, eine Kopfbinde mit

Babirusa Hauern, was das Vorkommen des Thieres daselbst wahrscheinlich

macht, wenn auch nicht sicherstellt, denn die Zähne könnten anderswoher

stammen [35], allein P. und F. Sarasin hörten auch, dass es auf dem

Banggaiarme von Celebes zu finden sei.

Von der der Minahassa nahen Insel Lembeh kamen dem Museum 3 Exemplare

unter der inländischen Bezeichnung pisokan [36] zu; die Strasse

zwischen Celebes und Lembeh ist schmal, und der Babirusa wird daher

unschwer vom Festland übersetzen können. Hickson (Nat. N. Cel. 1889,

82) erwähnt das Vorkommen an den Bergen Klabat, Dua sudara, Kelekonde

und Soputan.

Ob er auch schwimmend von Nord Celebes nach Buru gelangte, oder ob er

vom Menschen hingebracht worden ist, oder welches die Ursache seines

dortigen Vorkommens sonst sei, lässt sich vorerst nicht mit Sicherheit

erschliessen. Es sind auch noch zu wenig Exemplare von Celebes und Buru

gut bekannt, um eine Meinung bezüglich ihrer Identität gewinnen zu

können. Man würde damit unter Umständen einen Anhalt über die Dauer der

Existenz des Babirusa auf Buru erhalten. Dass er den Weg von Nord

Celebes nach Buru, von Strömungen getragen, schwimmend zurückgelegt

haben sollte, ist bei der bekannten und oft besprochenen grossen

Schwimmfähigkeit der Schweine [37] denkbar; Jentink (T. Aardr. Gen. 2.

s. VI, 250 1889) lässt ihn „ursprünglich“ auf Buru zu Hause gehören,

doch bleibt es auffallend, dass er auf den dazwischen liegenden Sula

Inseln noch nicht nachgewiesen wurde. Wenn man der Möglichkeit, dass er

sich durch Schwimmen verbreiten kann, zu viel Spielraum gewährt, so

müsste man sich eher darüber wundern, dass seine Verbreitung nicht

weiter reicht.

Was das Vorkommen auf den Sula Inseln betrifft, so liegen zwar eine

Reihe positiver Angaben vor, sie sind jedoch mehr oder weniger nur von

einander abgeschrieben. Ich greife Einiges heraus: 1851 findet man in

der Natuurk. Tijdschr. Nederl. Ind. II, 454 als redactionelle Anmerkung

zu den in der „Samarang“-Zoologie gegebenen Fundorten Celebes und

Ternate (sic): „Buru, Mangoli, Bangay“. Dies vielleicht hat Schlegel

(Handleiding 1857 I, 111) übernommen, er sagt ebenfalls „Mangoli,

Bangay“. Daraus machte Brehm (Thierl. II, 744 1865) „Mangli und

Bangahi“ [38]. Wallace (Mal. Arch. D. A. I, 395 und II, 130 1869 [39]),

v. Rosenberg (Mal. Arch. 1878, 269), wie wir bereits sahen, und Jentink

(T. Aardr. Gen. 2. s. VI, 250 1889) führen ihn von den Sula Inseln auf.

Nehring (Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6) meint, dass er neben

Celebes und Buru vielleicht noch auf einigen anderen Inseln vorkomme;

van Bemmelen (Enc. N. I. 1895, 76) greift neuerdings wieder mit

„Mangoli, Bangai“ auf Schlegel etc. zurück. Diese Beispiele liessen

sich mehren, aber sie beweisen nicht das Mindeste. Die Reisenden unter

den angeführten Autoren, Wallace und v. Rosenberg, waren nicht selbst

auf den Sula Inseln, und weder Hoedt und Allen, noch Kühn (1885)

brachten etwa Schädel von dort mit; ich erhielt kürzlich Sammlungen von

Peling und Banggai, aber es war keiner dabei; man findet in den Museen

sehr viele, jedoch nicht mit der Bezeichnung Sula, selbst nicht in

Leiden (Jentink Cat. IX, 164 1887 und XI, 194 1892). Aber sowenig die

obigen positiven Angaben etwas beweisen, beweist das Fehlen in

Sammlungen mit Sicherheit das Nichtvorkommen, da die Inseln ungenügend

durchforscht sind, noch können die Autoren, welche die Sula Inseln

nicht als Fundort aufführen (z. B. Teijsmann Natuurk. Tijdschr. Nederl.

Ind. 38, 77 1879), beanspruchen, dass man ihnen unbedingt Glauben

schenke, wenn sie nicht selbst da waren. De Clercq (Ternate 1890, 121

Anm.) äussert sich negativ, aber er hielt sich nur kurz dort auf und

hat nicht zoologisch gesammelt. Trotzdem spricht Alles dafür, dass der

Babirusa nicht auf Sula lebt, so auffallend sein Fehlen zwischen

Celebes und Buru auch wäre; immerhin aber muss eine ausgiebigere

Untersuchung an Ort und Stelle abgewartet werden, ehe man endgültig

urtheilen kann. Übrigens wäre ein solches Thier auf kleinen Inseln auch

leichter vom Menschen auszurotten gewesen, als auf grösseren, und sein

jetziges Nichtvorhandensein im Sula Archipele bewiese noch nicht, dass

es nicht früher dort gelebt haben könnte.

Dass heute von Fundortsangaben, wie z. B. Gray sie machte, Nichts mehr

zu halten ist, bedarf keines Wortes [40], es lässt sich auch aufklären,

wie er dazu kam, dem Babirusa eine so weite Verbreitung zu geben. Er

sagt (P. Z. S. 1868, 43 und Cat. Carn ... Mamm. 1869, 348): „Borneo;

Malacca?; Celebes; Ceram; Timor; Java; Sumatra; New Guinea; New Ireland

(Fitzinger)“, hat dies aber nur missverständlich von Fitzinger (SB. Ak.

Wien L 1, 425 1864) abgeschrieben [41]; bei Diesem heisst es: „Celebes,

Bourou, Xulli-Mangoli und Bangay an der Westküste [sic!] von Celebes;

keineswegs aber Amboina, Ceram, Timor, Java, Sumatra und Borneo, noch

Neu Guinea und Neu Irland“. Gray hat das „keineswegs aber“ und das

„noch“ nicht verstanden, so dass von seinen Fundorten nur Celebes und

Malacca übrig bleiben, und letzteres ist ebenfalls zu streichen. [42]

Allein wenn auch diese Grayschen Angaben nur auf einem Missverstehen

beruhen, so liegen doch andere, gerade Melanesien betreffende, mehrfach

vor, die einer Erklärung bedürfen. So sagte Brehm (Thierl. II, 744

1865) — wie meist, ohne Quelle: „Möglich ist, dass es auch in Neuguinea

und Neuirland vorkommt; wenigstens fanden einige Reisenden dort die

unverkennbaren Hauzähne des Hirschebers in den Händen der

Eingeborenen.“ Ferner führte Schmeltz (Mus. Godeffroy 1881, 115) einen

Babirusa Schädel (Nr. 2600) von den Salomo Inseln mit folgenden Worten

auf: „Nach Kleinschmidts Meinung die Art und Weise zeigend, wie die

Eckzähne zum Zwecke der Verwendung für Halsschmuck künstlich deformirt

werden“ und (p. 149 Nr. 1033) von Viti: „Polirte Zähne des Hirschebers“

als Halsschmuck; zugleich Friedrichsen (Anthr. Album Mus. God. 1881, 9

Taf. 13 Nr. 202) einen Tanna Mann auf Viti mit „Halsschmuck aus

polirten Zähnen des Hirschebers“. Jentink endlich (T. Aardr. Gen. 2. s.

VI, 250 1889) bemerkt, dass der Babirusa von Celebes, Sula und Buru

ostwärts nach Neu Guinea und weiter gebracht worden ist, weil die

Eingebornen überall grossen Werth auf die gebogenen oberen Eckzähne

legen.

Es beruhen alle diese Angaben auf dem Irrthume, dass es sich bei den in

Frage kommenden Stücken um den Babirusa handle. Schädel in Museen mit

solchen Bezeichnungen mag es geben, aber diese sind eben verkehrt, von

verlässlichen Reisenden stammen sie nicht. Der Schädel im Museum

Godeffroy hatte gewiss Nichts mit dem Babirusa zu thun, sondern rührte

von einem Schweine mit abnorm gewachsenen unteren Hauern her, während

der Babirusa nur die oberen Hauer halbkreisförmig gebogen hat [43]; die

Ähnlichkeit mit diesen kann daher auch nur eine sehr entfernte gewesen

sein. Da die Zahnformel von Babirusa [44] und Sus bekanntlich differirt

(i 2/3 c 1/1 m 5/5 gegen i 3/3 c 1/1 m 7/7 bei Sus), so liesse sich

leicht darüber Gewissheit erlangen; der Schädel ist aber bis jetzt

weder in Hamburg noch in Leipzig, wo Theile des Godeffroy Museums sind,

auffindbar gewesen. Die „polirten Zähne des Hirschebers“ von Viti sind

abgeschliffene Potwalzähne, wie jetzt allgemein bekannt ist. Es bleibt

somit nur noch Jentinks Angabe, der ich indessen auch nicht

beipflichten kann, denn ein solcher Export von Celebes und Buru nach

Neu Guinea und weiter fand und findet nicht statt, es liegen keine

stichhaltigen Gründe dafür vor, und die betreffenden gebogenen Zähne

sind nur abnorm gewachsene untere Schweinehauer.

Die Entstehung dieser Irrthümer ist sehr wohl erklärlich, wenn man in

Betracht zieht, dass es in gewissen Theilen Neu Guineas und der

östlichen Inselwelt Brauch ist, jungen zahmen Schweinen die oberen

Eckzähne auszuschlagen, damit die unteren sich unabgewetzt und

unbeschränkt entwickeln können. Lässt man das Thier nur lang genug

leben, so entsteht ein mehr oder weniger geschlossener Ring, der dann

als sehr geschätzter, werthvoller Schmuck benutzt wird. Das

Ethnographische Museum besitzt eine Reihe solcher Stücke. Um

Babirusa-Zähne handelt es sich aber dabei nicht. Da der Querschnitt des

oberen Babirusa-Eckzahnes ein anderer ist, wie der des unteren

Schweine-Eckzahnes, so lassen sie sich leicht unterscheiden; beim

Babirusa ist er elliptisch, auch hat er eine ebene und schmelzlose

Oberfläche. Ebenso lassen sich die unteren Eckzähne bei näherem

Vergleiche sehr wohl unterscheiden. Beim Schwein ist der Querschnitt

mehr dreieckig, beim Babirusa eher fünfeckig, und der Zahn selbst

subpentaëdrisch; Owen (Odontogr. 1840–1845, 548) nennt ihn

„subtrihedral with rounded angles, except the inner one towards the

point“. Der untere Babirusa-Hauer hat jedoch Email, wie der des

Schweines, die Angabe von Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 287),

dass auch er „entirely without enamel covering“ sei, beruht auf einem

Irrthume. Zwei neben und an einander befestigte, abnorme, ganz

kreisrunde untere Schweine-Eckzähne, als Brustschmuck von Cap Arcona in

Deutsch Neu Guinea, einem im Kampfe getödteten Papúa abgenommen, sind

Tafel IX Fig. 1 dargestellt (Nr. 9175 der Ethnogr. Abth.). Es ist ein

linker (oben) und ein rechter (unten), und man erkennt, von wo an sie

in ihrer natürlichen Entwicklung gestört wurden; sie sind von da an

erheblich dünner und auch unregelmässig geformt, was durch Abfeilen am

Lebenden erzielt wird (s. unten).

Man könnte denken, dass, wenn durch eine so einfache Procedur, wie das

Herausnehmen der oberen Caninen es ist, so geschätzte und werthvolle

kreisrunde Zähne zu erhalten sind, Viele sie sich verschaffen würden,

allein dem ist nicht so. Hr. Br. Geisler (der Zeichner unserer Tafeln)

theilt mir auf Grund seiner mehrjährigen Erfahrungen aus der Gegend des

Astrolabe- und Huongolfes in Deutsch Neu Guinea Folgendes mit:

„Im Leben des Papúa spielt das Schwein eine grosse Rolle und man hütet

die geliebten Borstenthiere wie den grössten Schatz. Fast Alles dreht

sich um Schweine und schon das eben geworfene wird für Etwas bestimmt,

meist für einen Festschmaus oder zum Erbstück, aber der Eigenthümer

kann nicht frei darüber verfügen, es ist Dorfeigenthum. Manchmal wird

das Schwein, das zu irgend einem Festschmause bestimmt ist, verkauft

oder vertauscht, und für den Erlös ein anderes gekauft zum Schlachten.

Wer das Schwein aufgezogen hat, isst aus Mitleid nicht davon; die es

tödten, müssen sich viel Schimpfreden gefallen lassen, besonders von

den Weibern, welche nicht selten die dicksten Thränen dabei vergiessen.

Einem Weissen wird es in diesen Gegenden nie gelingen, ein Schwein zu

erstehen, wenn er auch noch so viele begehrenswerthe Tauschwaaren

vorlegt. Aber in den meisten Fällen erhält er von dem geschlachteten

ein Stück Fleisch. Stirbt eine Ehefrau, so fertigt sich der Mann einen

hohen Trauerhut von Baumbast, den er erst ablegen darf, wenn das für

den Trauerschmaus bestimmte Schwein erwachsen ist; passirt dem Schwein

ein Unglück, so dass der Wittwer kein anständiges Mahl geben kann, so

muss er den Trauerhut so lange tragen, bis das nächste Schwein

erwachsen ist. Die jungen Schweinchen werden sehr häufig, ebenso wie

junge Hunde, von den Weibern gesäugt und, wie die Kinder, aufs Feld zur

Arbeit mitgenommen. Jedes erhält seinen Namen und ist seinen Pflegern

so anhänglich wie ein Hund. Kommt ein Schwein des Nachts nicht ins Dorf

zurück, so geht ein allgemeines Suchen los: in den zärtlichsten Tönen

wird fortwährend der Name des Lieblings gerufen; hilft das Nichts, so

geht Alt und Jung, mit Bambusfackeln versehen, und sucht nach dem

Verlorenen. Junge Wildschweine werden manchmal eingefangen und gewöhnen

sich ebenso an das Dorf wie die zahmen [45]. Selten verwildert ein

zahmes Schwein so, dass es nicht mehr zurückkehrt, es wird dann von den

Männern aufgesucht und mit Speeren erlegt. Um recht schöne runde

Schweinezähne zu erhalten, werden dem jungen Eber die beiden oberen

Hauer ausgeschlagen, damit die beiden unteren im Wachsen nicht

gehindert sind. Die oft kreisrund gebogenen sind der werthvollste

Tauschartikel. Man kauft für solchen eine Frau oder ein Segelboot, oder

es ist ein Mordschilling“.

Hieraus geht hervor, und es lässt sich auch sonst erschliessen, dass es

dem Eingeborenen sehr schwer fällt, ein Schwein so viele Jahre in

Gefangenschaft zu halten bis der Hauer kreisrund gewachsen ist; es

treten an den Besitzer zu viele Anfechtungen und Nöthigungen heran, die

ihn zur Hergabe oder zur Tödtung des Thieres veranlassen oder zwingen,

so dass nur Reiche oder Charakterstarke in seltenen Fällen das Schwein

so lange aufsparen können, bis der werthvolle Zahn fertig ist. Man

trifft daher auch nur äusserst selten Lebende mit diesen Zähnen an,

während die fertigen Ringe von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden

und sich infolgedessen im Laufe der Zeiten mehr anhäufen.

Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 282 Anm.) z. B. sagen über die

Entstehung solcher Zähne: „If from any accidental circumstances these

teeth [can. inf.] are not constantly worn down by friction, they grow

into a complete circle, the point penetrating the bone of the jaw close

to the root of the tooth. The natives of the Fiji Islands avail

themselves of this circumstance to produce one of their most valued

ornaments—a circular boar’s tusk: the upper canines being extracted,

the lower ones are allowed to grow to the desired form.“ Hr. Parkinson

schrieb mir darüber: „Es ist eine allgemein bekannte Sache, dass man

hier in der Südsee, wo Schweinehauer als Schmuck verwendet werden, den

Schweinchen die oberen Eckzähne in der Jugend ausbricht, damit die

unteren nicht durch Abschleifen gegen die oberen in normaler Grösse

gehalten werden, sondern die beliebte kreisförmige Biegung erlangen. In

den Neu Hebriden [46] ist dies ganz üblich, ebenso in Kaiser

Wilhelmsland, wo ich das Ausbrechen der oberen Eckzähne z. B. auf der

Insel Siar (Friedrich Wilhelmshafen) zufällig zu beobachten Gelegenheit

hatte.“ Hr. Wahnes erzählte mir, dass diese kreisrunden Zähne besonders

auf den Tami Inseln, Rook, den Niedrigen Inseln (südlich von Rook) und

Neu Pommern hergestellt würden. Er selbst hat auf Rook gesehen, wie

einem Jährlinge mit Hülfe eines Holzmeissels der obere Eckzahn

ausgeschlagen wurde; vier Männer hielten das Schwein unter grossem

Halloh und Zulauf. Nicht immer würden (wie bei den von mir abgebildeten

Exemplaren) die Zähne dünner gefeilt, Jeder mache das, wie es ihm

gefiele. Auch Romilly kannte die Procedur (bei Finsch, der Mt. Anthr.

Ges. Wien XVII, 159 1887 über „Abnorme Eberhauer“ sehr ausführlich und

enthusiastisch schrieb, und ihre Entstehung als etwas Räthselhaftes

betrachtet hatte, bis er die bekannte Erklärung „entdeckte“). Wie ich

brieflich erfuhr, ist vor nicht langer Zeit auf Gross Key ein lebender

Eber mit solchem Kreiszahne gesehen worden. Hr. Geisler beobachtete in

Neu Guinea ferner, wie man mit Korallenstückchen an diesen Zähnen beim

Lebenden herumfeilte. Es dürfte nicht schwer halten, weitere Belege zu

beschaffen. Solches abnorme Wachsthum bei fehlendem gegenständigen

Zahne kennt man ebenfalls z. B. beim Hippopotamus (das Museum besitzt

ein derartiges schönes Stück) und an den Schneidezähnen beim Kaninchen,

Eichhörnchen, Hasen etc., sowie bei Elephas primigenius.

Die irrthümlich für Babirusa-Eckzähne gehaltenen künstlich deformirten

unteren Sus-Hauer aus Neu Guinea und der östlichen Inselwelt gaben also

Anlass zu der Annahme einer weiteren Verbreitung des Babirusa oder zu

der seines Exportes oder des Exportes seiner Zähne dahin. Wie mir Hr.

Geisler mittheilt, sprachen zu seiner Zeit (1890–92) selbst Europäer in

Deutsch Neu Guinea von einem solchen Importe von Babirusa-Zähnen „aus

den Molukken“ (es hatte einer der dort weilenden Gelehrten dies

aufgebracht), allein es seien das Europäer gewesen, die weder

Babirusa-Zähne, noch die Gebräuche der Eingeborenen kannten, noch die

Unmöglichkeit eines Exportes von Celebes oder Buru bis nach den Fidschi

Inseln zu beurtheilen vermochten.

Dr. Jentink machte mich, wofür ich ihm zu besonderem Danke verpflichtet

bin, darauf aufmerksam, dass auch beim Babirusa der untere Eckzahn

kreisförmig wachsen könne, und durch seine und die Güte von Prof. Weber

in Amsterdam bin ich in der Lage, Tafel IX Figur 2 einen solchen, im

Besitze des Letzteren befindlichen rechten Zahn im Kiefer in n. Gr.

abbilden zu können. Der Schädel gehörte einem alten Individuum an, und

soll aus der Minahassa stammen. Dass man solche kreisrunde

Babirusa-Zähne auf Celebes und Buru gelegentlich wohl als Schmuckstücke

verwenden könnte, wäre ja möglich, wenn mir auch kein solcher Fall

bekannt ist; dass man sie aber nach Neu Guinea und weiter exportirte,

ist auszuschliessen, denn derartige Handelsbeziehungen, directe oder

indirecte, gab und giebt es nicht, auch sind diese Stücke viel zu

selten; zudem sind die kreisrunden Zähne, die ich von dort kenne, alle

vom Schweine.

Dieser abnorme Babirusa-Hauer hat sich jedoch nicht, wie im gleichen

Falle beim Schweine, dadurch entwickelt, dass die Abwetzung der Spitze,

infolge der Ausschaltung des oberen Eckzahnes, nicht stattfinden

konnte, denn eine solche Abwetzung der Eckzähne aneinander findet beim

Babirusa überhaupt nicht statt. Zwar sagt Owen (Odontogr. 1840–1845,

548), dass die unteren „sometimes show upon their inner side slight

marks of abrasion against the outer side of the base of the upper tusk“

und Giebel (Odontogr. 1855, 71 u. Säugeth. 1855, 231) hat dieses

übernommen, indem er angiebt, dass sich die unteren an der Basis der

oberen abreiben, allein es ist ein Irrthum. Die oberen und unteren

Eckzähne berühren sich nicht. Die abgewetzte Fläche, welche die unteren

Babirusa-Eckzähne distal-medial mehr oder weniger aufweisen, rührt vom

Graben, Wühlen und vom Abschleifen an Gegenständen her, die das Thier

zu dem Zwecke zwischen Rüssel und Zahn bringt. Das ist möglich, da

dieser stets lateral ausladet. So bildet sich der weit vorstehende

untere Hauer zu einer formidablen Waffe aus, die um so mächtiger wirken

kann, als die Wurzel, wie bei Sus, sehr tief und kreisförmig im Kiefer

steckt. Würde sich der untere gegen den oberen Eckzahn, der nur als

Parierstange und nicht als Angriffswaffe dienen kann, abwetzen, so

müssten davon lateral an der Basis des oberen Spuren zu sehen sein, was

nicht der Fall ist. Der obere Eckzahn zeigt nur distal-lateral eine

mehr oder weniger ausgeprägte Abwetzungsfläche, sowie distal-medial, wo

die Hauer an einander liegen oder sich kreuzen, eine kleine;

proximalwärts werden sie nicht abgerieben.

Im vorliegenden Falle wurde die Abwetzung der Spitze des rechten

unteren Hauers seitens des Thieres nicht geübt, und der Zahn konnte

sich infolgedessen, der gebogenen Alveole gemäss, unbeschränkt

kreisförmig entwickeln (wie bei Sus, wenn der abwetzende obere Eckzahn

fehlt). Man erkennt noch seinen subpentagonalen Querschnitt, wenn auch

sehr abgeschwächt; dieser nähert sich mehr dem cylindrischen des oberen

Hauers. Ob das Thier in der Jugend im Stande gewesen ist, den Zahn

normalerweise medial-distal abzuwetzen, kann man nicht entscheiden, da

die mediale Fläche der Spitze nicht frei liegt. Sie ist in die im

Kiefer eingebettete Zahnwurzel lateral hineingewachsen, und hat die

Zahnsubstanz des subterminalen Wurzeltheiles in ihrer oberen Hälfte zum

Schwunde gebracht; das Ende dieses proximalen Wurzeltheiles hat sich

compensatorisch nach oben entwickelt, und steht in einer accessorischen

Knochenscheide über den oberen Rand des Kieferknochens etwas vor. Diese

Knochenscheide ist aufgetrieben, ihre äussere Wand aber obliterirt, so

dass der Zahn hier nur von Muskeln und Haut bedeckt war, wenn er nicht

frei gelegen hat. Der ganze Unterkiefer zwischen dem distalen und

proximalen Ende der Alveole ist ein wenig aufgetrieben und ladet etwas

(bis 5 mm) mehr als linkerseits nach unten aus. (Ein Theil der äusseren

Knochenplatte ist entfernt worden, so dass man durch ein Fenster die in

die Wurzel eingewachsene Zahnspitze sehen kann.) Medial ragt aus dem

distalen Ende der Alveole ein 15 mm langer und 3 mm breiter

accessorischer kleiner Eckzahn hervor, eine weitere seltene Anomalie.

Die Spitze des oberen in Figur 1 abgebildeten kreisrunden Sus-Zahnes

ist ebenfalls in die Wurzel hineingewachsen, aber in ihr Centrum, und

daher verborgen, während die des unteren der Wurzel nur aufliegt (an

der abgekehrten Seite).

Wenn dieser abnorme Zahn nicht lateral ausladen würde, wie die unteren

Babirusa-Hauer es stets thun, sondern steiler stünde, so würde man

denken können, dass das Thier nicht im Stande gewesen wäre, Gegenstände

zwischen Zahn und Rüssel zum Abwetzen zu bringen, weil der Zwischenraum

zu gering war; allein dies ist nicht der Fall, der Zahn steht gerade so

schräg wie die normalen Hauer, und hätte daher auch abgewetzt werden

können, wenn das Thier nicht anderweitig gehindert gewesen wäre.

Allerdings liegt die rechte Eckzahn-Alveole weiter zurück als die

linke, normale, und steigt auch steiler an, aber beides ist die Folge,

und nicht die Ursache der Anomalie, indem der kreisrund nach hinten

wachsende Zahn die Alveole mit nach hinten zog. Durch das Zurückweichen

der Alveole steht sie nicht so weit vor derjenigen des oberen Caninus,

wie im normalen Fall, und es könnte daher scheinen, dass es hierdurch

dem Thier unmöglich gemacht worden sei, Gegenstände zwischen Zahn und

Rüssel zum Wetzen zu bringen; allein ich habe auch andere Babirusa

Schädel vor mir, bei denen der Zwischenraum zwischen oberem und unterem

Eckzahne nicht grösser ist als hier, und wo doch die distal-mediale

Abwetzung erfolgte. Da der linke untere und die beiden oberen Hauer

abhanden gekommen sind, so lässt sich nicht beurtheilen, ob sie normal

waren oder nicht. Der linke untere war keinenfalls geschlossen

kreisförmig gewachsen, wie der rechte, denn der Kieferknochen ist ganz

normal; auch die Alveole dürfte es sein, und somit spricht die

Wahrscheinlichkeit nicht gerade dafür, dass der Hauer abnorm war.

Ebensowenig zeigen die Alveolen der oberen Hauer oder die Knochen des

Schädels die geringsten Zeichen einer Abweichung; allein wenn der

rechte so weit nach rechts ausgeladen hätte, dass er das Thier

verhinderte, die Spitze des unteren Hauers abzuwetzen, so wäre damit

die Anomalie des letzteren erklärt. Die einfachste Erklärung wäre aber

die, dass das Thier in der Gefangenschaft gelebt habe, unter Umständen,

die ein Abwetzen des Zahnes unmöglich machten.

Dass der Babirusa schon im Alterthume bekannt gewesen ist, scheint

auffallend in Anbetracht des Vorkommens auf so weit abliegendem und

beschränktem Gebiet, allein die betreffende Stelle des Plinius (l. VIII

c. 52 s. 78 § 212: ed. Sillig II, 134 1852) lässt keine andere Deutung

zu: „In India cubitales dentium flexus gemini a rostro, totidem a

fronte ceu vituli cornua exeunt“ — „bei den indischen Schweinen treten

zwei krumme, einen Cubitus lange Zähne aus dem Rüssel, und ebensoviel

aus der Stirne, wie die Hörner beim Kalbe heraus“ (Übers. Wittstein II,

152 1881). Die aus den Alveolen herausgenommenen Hauer des grössten

Exemplares des Museums — und viel grösser werden die Gewehre kaum —

messen der Rundung entlang: ein oberer 37, ein unterer 27.5 cm, und da

ein Cubitus 44 cm ist, so stimmt das ziemlich gut für den oberen. Herr

Prof. Mayhoff in Dresden, der gelehrte Herausgeber des Plinius, hatte

die Güte, mir Folgendes über die obige Stelle mitzutheilen:

„Leider ist nicht zu ermitteln, aus welcher Quelle Plinius diese Notiz

geschöpft haben mag. Aus Aristoteles’ Thiergeschichte, welche zu den

vorhergehenden Sätzen den Stoff geliefert hat, stammt sie nicht; auch

nicht von Ktesias, der das Vorkommen des Schweines in Indien überhaupt

geleugnet hat, eher vielleicht von einem der griechischen

Schriftsteller aus der Zeit nach Alexander, die als Reisende über

indische Verhältnisse berichtet haben, wie Patrokles oder Dionysius

oder endlich Megasthenes, den Plinius wiederholt für mehr oder minder

fabulose Nachrichten über Indien citirt. Oder es könnte ein Reisewerk

aus noch späterer Zeit die Quelle sein, da die Römer im 1. Jahrhundert

n. Chr. von Ägypten aus zur See Handelsverbindungen mit der

chinesischen Küste gehabt haben. Auffallend bliebe dann freilich, dass

Plinius nicht den Namen eines solchen fast zeitgenössischen

Gewährsmannes hinzusetzt, wie er es sonst thut; so erweckt er den

Anschein, als ob es sich um eine ganz bekannte Thatsache handle. — Was

den lateinischen Text betrifft, so haben die Handschriften alle gemina

ex rostro. Detlefsen hat darum auch so geschrieben mit der

Interpunction: In India cubitales dentium flexus. Gemina ex rostro,

totidem a fronte ceu vituli cornua exeunt, und ich selbst bin ihm, um

der handschriftlichen Überlieferung treu zu bleiben, in meiner Ausgabe

1875 gefolgt. Jetzt möchte ich indess zwar seine sachgemässe

Interpunction beibehalten, aber aus grammatischen Gründen doch lieber

zu der Correctur der ältesten Herausgeber gemini ex zurückkehren, wobei

sich dentes ohne Weiteres von selbst versteht. Denn die Worte am

Schluss ceu vituli cornua gehören als ein Ganzes für sich eng zusammen

und enthalten einen Vergleich, der sich offenbar nur auf die a fronte

heraustretenden Hauer beziehen kann. Wahrscheinlich ist gemini ita ex

fronte zu schreiben, woraus der Fehler sich erklären würde. Doch für

den Naturforscher ist diese textkritische Schwierigkeit, die das

Thatsächliche unberührt lässt, ohne Belang.“

Hiernach könnte man obige Stelle, dem Sinne nach übersetzt, etwa so

wiedergeben: In Indien sind die Hauer gebogen und einen Cubitus lang.

Die beiden unteren gehen vom Rüssel aus, die beiden oberen von der

Stirn, wie die Hörner beim Kalbe. Auch Flower & Lydekker (Intr. Mamm.

1891, 287) sagen, dass die oberen Eckzähne „resemble horns rather than

teeth“, und andere neue Autoren drücken sich ähnlich aus, man kann

daher kaum zweifeln, dass Plinius Kunde vom Babirusa gehabt habe.

Säugethiere vom Celebes- und Philippinen-Archipel · 第 22 / 190 题