Achtzehntes Kapitel

Die Sonne schien feurig durch die Ränder der schlaffen, müdgeregneten

Wolken, als die kleine Familie von Pierres Begräbnis nach Hause fuhr.

Frau Adele saß aufrecht im Wagen, ihr ausgeweintes Gesicht sah seltsam

hell und starr aus dem schwarzen Hut und dem hochgeschlossenen schwarzen

Trauerkleide. Albert hatte geschwollene Lidränder und hielt beständig

seiner Mutter Hand in der seinen.

„Also ihr reiset beide morgen,“ sagte Veraguth ermunternd. „Macht euch

keine Sorgen, ich werde alles tun, was hier noch notwendig ist. Mut,

mein Junge, es kommen wieder bessere Zeiten!“

Sie stiegen vor Roßhalde aus. Die tropfenden Zweige der Kastanien

funkelten brennend im Licht. Geblendet traten sie in das stille Haus, wo

die Mädchen flüsternd in Trauerkleidern warteten. Pierres Zimmer hatte

der Vater abgeschlossen.

Es war Kaffee bereit, und die drei setzten sich um den Tisch.

„Ich habe in Montreux Zimmer für euch bestellt,“ fing Veraguth wieder

an. „Seht zu, daß ihr euch gut erholt! Auch ich will reisen, sobald ich

hier fertig bin. Robert wird hierbleiben und das Haus in Ordnung halten.

Er wird meine Adresse haben.“

Niemand hörte auf ihn, eine tiefe, beschämende Nüchternheit drückte wie

ein Frost auf alle. Frau Adele sah starr vor sich nieder und las

Brosamen vom Tischtuch. Sie schloß sich in ihre Trauer ein und wollte

sich durch nichts daraus wecken lassen, und Albert ahmte ihr nach. Seit

der kleine Pierre tot lag, war der Anschein von Zusammengehörigkeit in

der Familie wieder dahingeschwunden, wie die Höflichkeit aus dem Gesicht

eines mühsam Beherrschten, wenn ein gefürchteter mächtiger Gast wieder

abgereist ist. Es war einzig Veraguth, der über alle Tatsachen hinweg

bis zum letzten Augenblick seine Rolle weiterspielte und die Maske

festhielt. Er fürchtete, irgendeine weibliche Szene möchte ihm den

Abschied von Roßhalde noch verderben, und im Herzen wartete er

sehnlichst auf die Stunde, wo die beiden abgereist sein würden.

So allein war er nie gewesen wie am Abend dieses Tages, als er in seinem

Stübchen saß. Drüben packte seine Frau ihre Koffer. Er hatte Briefe

geschrieben und Geschäfte besorgt, er hatte sich bei Burkhardt

angemeldet, der noch nichts von Pierres Tod wußte, hatte dem Anwalt und

der Bank die letzten Anweisungen und Vollmachten gegeben. Nun war der

Schreibtisch abgeräumt und er hatte das Bild des toten Pierre vor sich

aufgestellt. Der lag nun im Boden, und es war die Frage, ob Veraguth

jemals wieder so sein Herz an einen Menschen weggeben, eines andern

Leiden so würde mitleiden können. Er war jetzt allein.

Lange betrachtete er seine Zeichnung, die erschlafften Wangen, die über

eingesunkenen Augen geschlossenen Lider, den schmalen gepreßten Mund,

die grausam gemagerten Kinderhände. Dann verschloß er das Bild im

Atelier, nahm den Mantel um und ging ins Freie. Der Park war schon

nächtlich und alles still. Drüben im Hause leuchteten ein paar erhellte

Fenster, die gingen ihn nichts an. Aber unter den schwarzen

Kastanienbäumen, in der kleinen verregneten Laube, auf dem Kiesplatz und

im Blumengarten wehte noch etwas wie Leben und Erinnerung. Hier hatte

Pierre ihm einst – war es nicht Jahre her? – eine kleine gefangene Maus

gezeigt, und dort beim Phlox hatte er mit den Schwärmen der blauen

Falter gesprochen, und für die Blumen hatte er phantastisch-zärtliche

Namen erfunden. Hier überall, im Hof beim Geflügel und Hundehaus, auf

dem Rasenplatz und in der Lindenallee hatte er sein kleines Leben

geführt, seine Spiele gespielt, hier war sein leichtes, freies

Knabenlachen und der ganze Liebreiz seiner eigenwillig selbständigen

Person heimisch gewesen. Hier hatte er hundertmal, von niemand beachtet,

seine Kinderfreuden genossen und seine Märchen erlebt, hier hatte er

vielleicht zuweilen gezürnt oder geweint, wenn er sich vernachlässigt

oder unverstanden gefühlt hatte.

In der Dunkelheit irrte Veraguth umher und besuchte jeden Ort, der ihm

eine Erinnerung an seinen Knaben bewahrte. Zuletzt kniete er bei Pierres

Sandberg nieder und kühlte seine Hände im feuchten Sande, und als er

dabei ein hölzernes Ding zu fassen bekam und aufhob und Pierres kleine

Sandschaufel erkannte, sank er willenlos nieder und konnte endlich, zum

erstenmal in diesen drei furchtbaren Tagen, frei und fessellos weinen.

Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit Frau Adele.

„Tröste dich,“ sagte er zu ihr, „und vergiß nicht, daß Pierre ja mir

gehört hat. Du hattest ihn mir abgetreten – ich danke dir nochmals

dafür. Ich wußte schon damals, daß er sterben müsse – aber es war lieb

von dir. Und nun lebe ganz, wie es dir gefällt, und übereile nichts!

Behalte Roßhalde einstweilen, es könnte dich reuen, wenn du es zu bald

weggäbest. Darüber wird dich der Notar noch belehren, er meint, der

Bodenwert müsse hier bald steigen. Viel Glück dazu! Mir gehört hier

nichts mehr als die Sachen im Atelier, ich werde sie später abholen

lassen.“

„Danke ... Und du? Du willst nie mehr hierher kommen?“

„Nie mehr. Es hätte keinen Zweck. Und ich wollte dir noch sagen: es ist

bei mir gar keine Bitterkeit mehr vorhanden. Ich weiß, ich bin an allem

selbst schuldig gewesen.“

„Sage das nicht! Du meinst es gut, aber es quält mich nur. Da bleibst du

nun ganz allein zurück! Ja, wenn du Pierre hättest behalten können. Aber

so – nein, so hätte es nicht kommen dürfen! Ich habe auch schuld gehabt,

ich weiß ...“

„Das haben wir abgebüßt, Kind, in diesen Tagen. Du mußt ruhig sein, es

ist alles gut, es ist wirklich nichts mehr zu klagen. Sieh, jetzt hast

du Albert ganz für dich. Und ich, ich habe meine Arbeit. Damit läßt sich

alles ertragen. Auch du wirst glücklicher sein, als du es seit Jahren

warst.“

Er war so ruhig, daß auch sie sich überwand. Ach, es gab Vieles,

unendlich Vieles, was sie noch gerne gesagt hätte, wofür sie ihm noch

hätte danken, worum sie ihn hätte anklagen mögen. Aber sie sah, er hatte

recht. Für ihn war dies alles offenbar schon wesenlose Vergangenheit

geworden, was sie noch als Leben und bittere Gegenwart empfand. Es hieß

nun stille sein und das Alte vergangen sein lassen. Und so hörte sie mit

geduldiger Aufmerksamkeit an, was er anzuordnen hatte, und wunderte

sich, wie wohl er alles überlegt und an alles gedacht hatte.

Über die Scheidung wurde kein Wort gesprochen. Das konnte irgendeinmal

später geschehen, wenn er von Indien zurück war.

Nach Mittag fuhren sie zur Bahn. Da stand Robert mit den vielen Koffern,

und im Lärm und Ruß der großen Glashalle brachte Veraguth die beiden in

ihren Wagen, kaufte Zeitschriften für Albert und übergab ihm den

Gepäckschein, wartete vor dem Fenster bis zur Abfahrt, zog grüßend den

Hut und sah dem Zuge nach, bis Albert vom Fenster verschwand.

Auf dem Heimwege ließ er sich von Robert die Auflösung seines übereilten

Verlöbnisses erzählen. Zu Hause fand er schon den Tischler warten, der

die Kisten zu seinen letzten Bildern zimmern sollte. Wenn diese verpackt

und weggeschickt waren, wollte auch er gehen. Ihn verlangte sehnlich

nach der Abreise.

Und nun war auch der Tischler abgefertigt. Robert arbeitete im

Herrschaftshause mit der einen Magd, die noch da war, sie deckten die

Möbel zu und schlossen Fenster und Läden.

Veraguth ging mit langsamen Schritten durch seine Werkstatt, durch den

Wohn- und Schlafraum, dann ins Freie, um den Weiher und durch den Park.

So war er hundertmal hier umhergegangen, aber heute schien ihm alles,

Haus und Garten, See und Park vor Einsamkeit widerzuhallen. Der Wind

blies kalt im schon vergilbenden Laube und führte in niedrig hängenden

Zügen neue wollige Regenwolken heran. Der Maler schauerte fröstelnd

zusammen. Nun war niemand mehr da, für den er zu sorgen, auf den er

Rücksicht zu nehmen, vor dem er Haltung zu bewahren hatte, und nun erst

fühlte er in frierender Einsamkeit die Sorgen und Nachtwachen, das

zitternde Fieber und die ganze zerrüttende Ermüdung dieser letzten Zeit.

Er fühlte sie nicht nur in Kopf und Gliedern, er empfand sie noch tiefer

im Gemüt. Da waren die letzten spielenden Lichter von Jugend und

Erwartung ausgelöscht; aber er fühlte die kühle Isoliertheit und

grausame Nüchternheit nicht wie ein Schrecknis.

Unbeirrt suchte er, durch die nassen Wege weiterschlendernd, die Fäden

seines Lebens zurückzuverfolgen, deren einfaches Gewebe er nie so klar

und befriedigt überschaut hatte. Und er stellte ohne Erbitterung fest,

daß er alle diese Wege in Blindheit gegangen sei. Er war, das sah er

genau, trotz allen Versuchen und trotz aller nie ganz erloschenen

Sehnsucht am Garten des Lebens vorübergegangen. Er hatte niemals in

seinem Leben eine Liebe bis zum letzten Grunde erlebt und gekostet, nie

bis in diese letzten Tage. Da hatte er am Bett seines sterbenden Knaben,

allzu spät, seine einzige wahre Liebe erlebt, da hatte er zum erstenmal

sich selbst vergessen, sich selbst überwunden. Das würde nun für immer

sein Erlebnis und sein armer kleiner Schatz bleiben.

Was ihm blieb, das war seine Kunst, der er sich nie so sicher gefühlt

hatte wie eben jetzt. Ihm blieb der Trost der Draußenstehenden, denen es

nicht gegeben ist, das Leben selber an sich zu reißen und auszutrinken;

ihm blieb die seltsame, kühle, dennoch unbändige Leidenschaft des

Sehens, des Beobachtens und heimlich-stolzen Mitschaffens. Das war der

Rest und der Wert seines mißglückten Lebens, diese unbeirrbare

Einsamkeit und kalte Lust des Darstellens, und diesem Stern ohne Abwege

zu folgen, war nun sein Schicksal.

Er atmete tief die feuchte, bitter duftende Parkluft, und bei jedem

Schritt meinte er die Vergangenheit von sich zu stoßen wie einen unnütz

gewordenen Kahn vom erreichten Ufer. In seiner Prüfung und Erkenntnis

war nichts von Resignation; voll Trotz und unternehmender Leidenschaft

sah er dem neuen Leben entgegen, das kein Tasten und dämmerndes Irren

mehr sein durfte, sondern ein steiler, kühner Weg bergan. Später und

bitterer vielleicht, als Männer sonst es tun, hatte er von der süßen

Dämmerung der Jugend Abschied genommen. Jetzt stand er arm und verspätet

im hellen Tag, und von dem gedachte er keine köstliche Stunde mehr zu

verlieren.

Rosshalde · 第 27 / 42 题