An diesem unruhigen Tage malte Johann Veraguth sein großes Bild fertig.
Erschreckt und im Herzen beunruhigt war er von dem kranken Pierre
gekommen und es war ihm schwerer als je geworden, die in ihm arbeitenden
Gedanken zu bändigen und jene vollkommene Ruhe zu finden, die das
Geheimnis seiner Kraft war und die er so teuer bezahlen mußte. Aber sein
Wille war stark, es gelang ihm, und das Bild bekam in den Stunden des
Nachmittags, bei einem schönen, weichen Lichte, die letzten kleinen
Korrekturen und Zusammenziehungen.
Als er die Palette weglegte und sich vor die Leinwand setzte, war ihm
sonderbar öde zumut. Er wußte wohl, daß dies Bild etwas Besonderes sei
und daß er damit viel gegeben habe. Sich selbst aber fühlte er leer und
ausgebrannt. Und er hatte keinen Menschen, dem er sein Werk hätte zeigen
können. Der Freund war weit weg, und Pierre war krank, und sonst hatte
er niemanden. Wirkung und Widerhall seiner Arbeit würde er nur aus
gleichgültiger Ferne zu spüren bekommen, aus Zeitungen und Briefen. Ach,
das war nichts, das war weniger als nichts, der Blick eines Freundes
oder der Kuß einer Geliebten hätte allein ihn jetzt freuen, belohnen und
stärken können.
Eine Viertelstunde stand er still vor seinem Bilde, das die Kraft und
die guten Stunden einiger Wochen in sich getrunken hatte und ihm
leuchtend in die Augen sah, indessen er selbst erschöpft und fremd vor
seinem Werke stand.
„Ach was, ich werde es verkaufen und meine indische Reise davon
bezahlen,“ sagte er in wehrlosem Zynismus. Er schloß die Türen der
Werkstatt zu und ging ins Haus, um nach Pierre zu sehen, den er
schlafend fand. Der Knabe sah besser aus als am Mittag, der Schlaf hatte
sein Gesicht gerötet, der Mund stand halb offen, der Ausdruck von Qual
und Trostlosigkeit war verschwunden.
„Wie rasch das bei Kindern geht!“ sagte er in der Türe flüsternd zu
seiner Frau. Sie lächelte schwach und er sah, daß auch sie aufatme und
daß auch ihre Sorge größer gewesen sei, als sie gezeigt hatte.
Allein mit seiner Frau und Albert zu speisen, schien ihm nicht
verlockend.
„Ich gehe zur Stadt,“ sagte er, „und bin den Abend nicht hier.“
Der kranke Pierre lag schlummernd in seinem Kinderbett, die Mutter
verdunkelte das Zimmer und ließ ihn allein.
Ihm träumte, er gehe langsam durch den Blumengarten. Es war alles ein
wenig verändert und viel größer und weiter als sonst, er ging und ging
und kam an kein Ende. Die Beete waren schöner, als er sie je gesehen
hatte, aber die Blumen sahen alle sonderbar gläsern, groß und fremdartig
aus und das Ganze glänzte in einer traurig toten Schönheit.
Etwas beklommen umging er ein Rondell mit großblumigen Sträuchern, ein
blauer Schmetterling hing ruhig saugend an einer weißen Blüte. Es war
unnatürlich still, und auf den Wegen lag kein Kies, sondern etwas
Weiches, worauf man wie auf Teppichen ging.
Jenseits kam ihm seine Mama entgegen. Aber sie sah ihn nicht und nickte
ihm nicht zu, sie schaute streng und traurig in die Luft und ging
lautlos vorüber wie ein Geist.
Und bald darauf, auf einem anderen Wege, sah er ebenso den Vater gehen,
und später Albert, und jeder ging still und streng geradeaus und keiner
wollte ihn sehen. Verzaubert liefen sie einsam und steif umher, und es
schien, als müsse es allezeit so bleiben, als werde nie ein Blick in
ihre starren Augen und nie ein Lachen in ihre Gesichter kommen, als
werde niemals ein Ton in diese undurchdringliche Stille wehen und nie
der leiseste Wind die regungslosen Zweige und Blätter rühren.
Das Schlimmste war, daß er selber nicht zu rufen vermochte. Er war durch
nichts daran gehindert, es tat ihm nichts weh, aber er hatte keinen Mut
und keinen rechten Willen dazu; er sah ein, daß alles so sein müsse und
daß es nur noch schrecklicher würde, wenn man sich dagegen auflehnte.
Pierre spazierte langsam weiter durch die seelenlose Gartenpracht,
glänzend standen tausend herrliche Blumen in der hellen, toten Luft, als
wären sie nicht wirklich und lebendig, und von Zeit zu Zeit traf er
Albert oder die Mutter oder den Vater wieder an und sie wandelten an ihm
und aneinander stets in derselben starren Fremdheit vorüber.
Ihm schien, als sei es so schon lange Zeit, vielleicht Jahre, und jene
anderen Zeiten, da die Welt und der Garten lebendig und die Menschen
froh und gesprächig gewesen waren und er selber voll Lust und Wildheit,
jene Zeiten lägen undenkbar weit in einer tiefen, blinden Vergangenheit.
Vielleicht war es immer so gewesen wie jetzt, und das Frühere war nur
ein hübscher, närrischer Traum.
Schließlich kam er an ein kleines steinernes Wasserbecken, wo der
Gärtner früher die Gießkannen gefüllt und worin er selber einmal ein
paar winzige Kaulquappen gehalten hatte. Das Wasser stand regungslos in
grüner Helle, es spiegelte den Steinrand und die überhängenden Blätter
einer Staude mit gelben Sternblumen und sah hübsch, verlassen und
irgendwie unglücklich aus, wie alles andere.
„Wenn man da hineinfällt, dann ertrinkt man und ist tot,“ hatte der
Gärtner früher einmal gesagt. Es war aber gar nicht tief.
Pierre trat an den Rand des ovalen Beckens und beugte sich vor.
Da sah er sein eigenes Gesicht im Wasser gespiegelt. Es sah aus wie die
Gesichter der anderen: alt und bleich und tief in gleichgültiger Strenge
erstarrt.
Er sah es erschreckt und verwundert, und plötzlich stieg die heimliche
Furchtbarkeit und sinnlose Traurigkeit seines Zustandes übermächtig in
ihm auf. Er versuchte zu schreien, aber es gab keinen Ton. Er wollte
laut aufweinen, aber er konnte nur das Gesicht verziehen und hilflos
grinsen.
Da kam sein Vater wieder gegangen, und Pierre wendete sich zu ihm in
einer ungeheuren Anstrengung aller gebannten Seelenkräfte. Alle
Todesangst und alles unerträgliche Leid seines verzweifelten Herzens
flüchtete sich in stummem Schluchzen hilfebegehrend zum Vater, der in
seiner gespenstischen Ruhe herankam und ihn wieder nicht zu sehen
schien.
„Vater!“ wollte der Knabe rufen, und obwohl kein Ton zu hören war, drang
doch die Gewalt seiner furchtbaren Not zu dem stillen Einsamen hinüber.
Der Vater wendete das Gesicht und sah ihn an.
Er sah ihm aufmerksam mit seinem suchenden Malerblick in die flehenden
Augen, er lächelte schwach und er nickte ihm leise zu, gütig und
bedauernd, aber ohne Trost, als sei hier durchaus nicht zu helfen. Einen
kleinen Augenblick lief ein Schatten von Liebe und von verwandtem Leid
über sein strenges Gesicht, und in diesem kleinen Augenblick war er
nicht der mächtige Vater mehr, sondern eher ein armer, hilfloser Bruder.
Dann richtete er den Blick wieder geradeaus und ging langsam in
demselben gleichmäßigen Schritt davon, den er nicht unterbrochen hatte.
Pierre sah ihn gehen und verschwinden, der kleine Weiher und der Weg und
der Blumengarten wurden dunkel vor seinen entsetzten Augen und sanken
dahin wie Nebelgewölk. Er erwachte mit schmerzenden Schläfen und
brennend trockener Kehle, sah sich allein im dämmerigen Stübchen zu
Bette liegen, versuchte verwundert zurück zu denken, fand aber keine
Erinnerungen und legte sich erschöpft und mutlos auf die andere Seite.
Nur langsam kam ihm das volle Bewußtsein wieder und ließ ihn aufatmen.
Es war häßlich, krank zu sein und Kopfschmerzen zu haben, aber es war zu
ertragen, und es war leicht und süß im Vergleich mit dem tödlichen
Gefühl des Angsttraumes.
„Wozu soll all die Quälerei gut sein?“ dachte Pierre und kroch unter der
Decke eng zusammen. Wozu wurde man krank? Wenn es eine Strafe war – für
was sollte er denn gestraft werden? Er hatte nicht einmal etwas
Verbotenes gegessen, wie früher einmal, wo er sich an halbreifen
Pflaumen verdorben hatte. Die waren ihm verboten gewesen, und da er sie
trotzdem gegessen hatte, geschah es ihm recht und er mußte die Folgen
tragen. Das war klar. Aber jetzt? Warum lag er jetzt im Bett, warum
hatte er erbrechen müssen und warum stach es so jammervoll in seinem
Kopf?
Er war lange wach gelegen, als seine Mutter wieder ins Zimmer kam. Sie
zog den Vorhang am Fenster zurück, weiches Abendlicht floß voll und mild
herein.
„Wie geht’s, Liebling? Hast du schön geschlafen?“
Er gab keine Antwort. Auf der Seite liegend, wendete er die Augen empor
und blickte sie an. Verwundert hielt sie dem Blick stand, er war
merkwürdig prüfend und ernsthaft.
„Kein Fieber,“ dachte sie getröstet.
„Willst du jetzt etwas zu essen haben?“
Pierre schüttelte schwach den Kopf.
„Kann ich dir nichts bringen?“
„Wasser,“ sagte er leise.
Sie gab ihm zu trinken, doch nahm er nur einen Vogelschluck, dann schloß
er die Augen wieder.
Plötzlich klang von Mutters Zimmer her rauschend das Klavier. In breiter
Woge schwollen die Töne heran.
„Hörst du?“ fragte Frau Adele.
Pierre hatte die Augen weit geöffnet und sein Gesicht verzog sich wie in
Qualen.
„Nicht!“ rief er, „nicht! Laßt mich doch!“
Und er hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und wühlte den Kopf ins
Kissen ein.
Seufzend ging Frau Veraguth hinüber und bat Albert, er möge nicht
weiterspielen. Sie kam zurück und blieb an Pierres Bettchen sitzen, bis
er wieder eingeschlummert war.
Diesen Abend war es ganz still im Hause. Veraguth war fort, Albert war
verstimmt und litt darunter, daß er nicht Klavier spielen durfte. Man
ging früh zu Bett und die Mutter ließ ihre Türe offen stehen, um Pierre
zu hören, falls er in der Nacht etwas brauche.