~Todtgeburt. Zweifelhafte Spätgeburt.~
Ein nicht in Betreff der Athemprobe, wohl aber zur Lehre von der
~Spätgeburt~ gewiss höchst interessanter, und nicht weniger scandalöser
Fall, als der bekannte bei _Louis sur les naissances tardives_. Man
höre, wie weit die Frechheit gehen kann! Ein ~zweiundachtzigjähriger~
ehemaliger Subalternbeamter hatte in seinen letzten Lebensjahren an
Carcinom der Blase und ~beider Hoden~ gelitten, und war endlich, nach
Jahre langen Leiden, am 22. August 18--, allgemein wassersüchtig,
gestorben. Er hatte ziemlich allein dagestanden, denn eine
verheirathete Tochter aus seiner frühern Ehe lebte auswärts. Aus
Dankbarkeit hatte er seine treue Pflegerin, seine Köchin, ein halbes
Jahr vor seinem Tode geheirathet. Die junge Wittwe trat nun im Januar,
fünf Monate nach dem Tode ihres Gatten, mit der Erklärung auf, dass
sie seit sechs Monaten schwanger sei (!!), und gebar am 1. Juni ein
Mädchen, dessen Legitimität sehr begreiflich von der inzwischen nach
Berlin zurückgekehrten ehelichen Tochter des Verstorbenen angefochten
wurde. Das Gewicht der uns vorgelegten Leiche betrug 7-1/2 Pfund,
ihre Länge 20 Zoll, der queere Durchmesser des Kopfes 3-1/4 Zoll,
der gerade 4 Zoll, der diagonale 5 Zoll, der Schulterdurchmesser
5 Zoll, der queere Durchmesser der Brust 4 Zoll, ihr gerader 3
Zoll, und der Hüftendurchmesser 3 Zoll, und wir mussten nach diesen
Zahlenverhältnissen, die, wie man sieht, die vollkommen normalen der
vierzigwöchigen Leibesfrucht darstellen, zunächst ~die~ Frage, die
uns vorgelegt ward: ~ob dies Kind elf Monate alt sei~? verneinen. Was
nun Leben und Tod des Kindes betraf, so ergab sich, dass nur zwei
Stückchen des untern Lappens der rechten Lunge hellröthlich aussahen
und schwammen, während alle übrigen Kriterien für Todtgeburt sprachen.
Wir nahmen an, dass bei dem Kinde noch in der Geburt ein Versuch zum
Athmen Statt gehabt habe, dass dasselbe aber schon in der Geburt
abgestorben, und todtgeboren worden sei. Diese Annahme wurde später
durch den Geburtshelfer bestätigt, indem derselbe erklärte, dass das
Kind in der Wendung apoplectisch gestorben, und todt geboren worden
sei. -- Der Fall giebt, wie der _Louis_'sche, einen lehrreichen Beweis
dafür, wie wichtig es in Fällen zweifelhafter Spätgeburt sei, auf die
Zeugungsfähigkeit des angeblichen Vaters zur Zeit der angeblichen
Schwängerung zurückzugehen. ~Dieser~ Mann, wie er oben geschildert
worden, sollte vier Wochen vor seinem Tode zeugungsfähig gewesen sein!!