III.

Still versteckt der Mond sich draußen

Hinterm grünen Tannenbaum,

Und im Zimmer unsre Lampe

Flackert matt und leuchtet kaum.

Aber meine blauen Sterne

Strahlen auf in hellerm Licht,

Und es glüht die Purpurrose,

Und das liebe Mädchen spricht:

»Kleines Völkchen, Wichtelmännchen

Stehlen unser Brot und Speck,

Abends ist es noch im Kasten,

Und des Morgens ist es weg.

»Kleines Völkchen, unsre Sahne

Nascht es von der Milch, und läßt

Unbedeckt die Schüssel stehen,

Und die Katze säuft den Rest.

»Und die Katz' ist eine Hexe,

Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm

Drüben nach dem Geisterberge,

Nach dem altverfallnen Turm.

»Dort hat einst ein Schloß gestanden,

Voller Lust und Waffenglanz;

Blanke Ritter, Fraun und Knappen

Schwangen sich im Fackeltanz.

»Da verwünschte Schloß und Leute

Eine böse Zauberin,

Nur die Trümmer blieben stehen,

Und die Eulen nisten drin.

»Doch die sel'ge Muhme sagte:

Wenn man spricht das rechte Wort

Nächtlich zu der rechten Stunde,

Drüben an dem rechten Ort:

»So verwandeln sich die Trümmer

Wieder in ein helles Schloß,

Und es tanzen wieder lustig

Ritter, Fraun und Knappentroß;

»Und wer jenes Wort gesprochen,

Dem gehören Schloß und Leut',

Pauken und Trompeten huld'gen

Seiner jungen Herrlichkeit.«

Also blühen Märchenbilder

Aus des Mundes Röselein,

Und die Augen gießen drüber

Ihren blauen Sternenschein.

Ihre goldnen Haare wickelt

Mir die Kleine um die Händ',

Giebt den Fingern hübsche Namen,

Lacht und küßt, und schweigt am End'.

Und im stillen Zimmer alles

Blickt mich an so wohlvertraut;

Tisch und Schrank, mir ist als hätt' ich

Sie schon früher mal geschaut.

Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr

Und die Zither, hörbar kaum,

Fängt von selber an zu klingen,

Und ich sitze wie im Traum.

Jetzo ist die rechte Stunde,

Und es ist der rechte Ort;

Staunen würdest du, mein Kindchen,

Spräch' ich aus das rechte Wort.

Sprech' ich jenes Wort, so dämmert

Und erbebt die Mitternacht,

Bach und Tannen brausen lauter,

Und der alte Berg erwacht.

Zitherklang und Zwergenlieder

Tönen aus des Berges Spalt,

Und es sprießt, wie'n toller Frühling

Draus hervor ein Blumenwald.

Blumen, kühne Wunderblumen,

Blätter, breit und fabelhaft,

Duftig bunt und hastig regsam,

Wie gedrängt von Leidenschaft.

Rosen, wild wie rote Flammen,

Sprühn aus dem Gewühl hervor;

Lilien, wie krystallne Pfeiler,

Schießen himmelhoch empor.

Und die Sterne, groß wie Sonnen,

Schaun herab mit Sehnsuchtsglut;

In der Lilien Riesenkelche

Strömet ihre Strahlenflut.

Doch wir selber, süßes Kindchen,

Sind verwandelt noch viel mehr;

Fackelglanz und Gold und Seide

Schimmern lustig um uns her.

Du, du wurdest zur Prinzessin,

Diese Hütte ward zum Schloß,

Und da jubeln und da tanzen

Ritter, Fraun und Knappentroß.

Aber ich, ich hab' erworben,

Dich und alles, Schloß und Leut':

Pauken und Trompeten huld'gen

Meiner jungen Herrlichkeit!

Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster beim dritten

Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte

die schöne Sonne, immer neue Schönheiten beleuchtend. Der Geist des

Gebirges begünstigte mich ganz offenbar; er wußte wohl, daß so ein

Dichtermensch viel Hübsches wiedererzählen kann, und er ließ mich diesen

Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewiß nicht jeder sah. Aber auch mich

sah der Harz, wie mich nur wenige gesehen, in meinen Augenwimpern

flimmerten eben so kostbare Perlen, wie in den Gräsern des Thals.

Morgentau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauschenden Tannen

verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander, bewegten sich

herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Händen ihre

Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll, wie

Glockengeläute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seien die

Herdenglöckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind.

Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde

stieß, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir,

der große Berg, an dessen Fuß ich stände, sei der alte, weltberühmte

Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug,

daß mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns

nieder zu einem _Dejeuner dinatoire_, das aus Käse und Brot bestand; die

Schäfchen erhaschten die Krumen, die lieben blanken Kühlein sprangen um

uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren Glöckchen, und lachten

uns an mit ihren großen, vergnügten Augen. Wir tafelten recht königlich;

überhaupt schien mir mein Wirt ein echter König, und weil er bis jetzt

der einzige König ist, der mir Brot gegeben hat, so will ich ihn auch

königlich besingen.

König ist der Hirtenknabe,

Grüner Hügel ist sein Thron,

Über seinem Haupt die Sonne

Ist die schwere, goldne Kron'.

Ihm zu Füßen liegen Schafe,

Weiche Schmeichler, rotbekreuzt!

Kavaliere sind die Kälber,

Und sie wandeln stolz gespreizt.

Hofschauspieler sind die Böcklein;

Und die Vögel und die Küh',

Mit den Flöten, mit den Glöcklein,

Sind die Kammermusici.

Und das klingt und singt so lieblich,

Und so lieblich rauschen drein

Wasserfall und Tannenbäume,

Und der König schlummert ein.

Unterdessen muß regieren

Der Minister, jener Hund,

Dessen knurriges Gebelle

Wiederhallet in der Rund'.

Schläfrig lallt der junge König:

»Das Regieren ist so schwer,

Ach, ich wollt', daß ich zu Hause

Schon bei meiner Kön'gin wär'!

»In den Armen meiner Kön'gin

Ruht mein Königshaupt so weich,

Und in ihren lieben Augen

Liegt mein unermeßlich Reich!«

Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg

hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich

in jeder Hinsicht Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen

nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend

sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken

übersäet, und die meisten Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine

umranken oder sprengen, und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung

schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor

bildend, über einander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten

Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fuße derselben

den Boden erfassend, so daß sie in der freien Luft zu wachsen scheinen.

Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe empor geschwungen, und,

mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester

als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So

stehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das Überwinden früher

Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestärkt und befestigt haben.

Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und unter denselben

spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier

sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran

finden, es zu hetzen und zu töten. Solch ein Tier war barmherziger als

die Menschen, und säugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen

Genovefa.

Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte

Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall

schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten

Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle

und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser

unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und

Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so

belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und

das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser

aus den Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden.

Da läßt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vögel

singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bäume flüstern wie mit tausend

Mädchenzungen, wie mit tausend Mädchenaugen schauen uns an die seltsamen

Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig

gezackten Blätter, spielend flimmern hin und her die lustigen

Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne Märchen, es

ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein

uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint -- ach, daß sie so

schnell wieder verschwindet!

Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werden die

Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur

Heidelbeer- und Rotbeersträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird

es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke

werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Größe.

Das mögen wohl die Spielbälle sein, die sich die bösen Geister einander

zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und

Mistgabeln einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust

beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzählt, und wie es zu schauen ist

auf den hübschen Faustbildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger

Dichter, der auf einer Reise von Berlin nach Göttingen in der ersten

Mainacht am Brocken vorbei ritt, bemerkte sogar, wie einige

belletristische Damen auf einer Bergecke ihre ästhetische

Theegesellschaft hielten, sich gemütlich die »Abendzeitung« vorlasen,

ihre poetischen Ziegenböckchen, die meckernd den Theetisch umhüpften,

als Universalgenies priesen, und über alle Erscheinungen in der

deutschen Litteratur ihr Endurteil fällten; doch als sie auch auf den

»Ratcliff« und »Almansor« gerieten, und dem Verfasser alle Frömmigkeit

und Christlichkeit absprachen, da sträubte sich das Haar des jungen

Mannes, Entsetzen ergriff ihn, -- ich gab dem Pferde die Sporen und

jagte vorüber.

In der That, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann man

sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksberggeschichten zu

denken, und besonders an die große mystische deutsche Nationaltragödie

vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefuß neben mir hinauf

klettere, und jemand humoristisch Atem schöpfe. Und ich glaube, auch

Mephisto muß mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt;

es ist ein äußerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich

das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam.

Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, bloß aus

einem Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst

1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, für dessen Rechnung es auch

als Wirtshaus verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen

des Windes und der Kälte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte

desselben steht eine turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch

zwei kleine Nebengebäude, wovon das eine in frühern Zeiten den

Brockenbesuchern zum Obdach diente.

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas

ungewöhnliche, märchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen,

einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen plötzlich in ein

Wolkenhaus versetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen, und

oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft,

von welcher man, wie es an dergleichen Orten natürlich ist, fast wie ein

erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgiltig, empfangen

wird. Ich fand das Haus voller Gäste, und, wie es einem klugen Manne

geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines

Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der

Herr Brockenwirt war vernünftig genug, einzusehen, daß ich kranker

Mensch für die Nacht ein ordentliches Bett haben müsse. Dieses

verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger

Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich

etabliert hatte.

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von

verschiedenen Universitäten. Die einen sind kurz vorher angekommen und

restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnüren ihre

Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedächtnisbuch, erhalten Brockensträuße

von den Hausmädchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen,

gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg,

Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und

diese haben von der schönen Aussicht einen doppelten Genuß, da ein

Betrunkener alles doppelt sieht.

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte, und fand

daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer

ältlichen. Die junge Dame war sehr schön. Eine herrliche Gestalt, auf

dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen

weißen Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem

schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, daß die edlen Formen

hervortraten, und das freie, große Auge, ruhig hinabschauend in die

freie, große Welt.

Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber und

Wundergeschichten, und jede schöne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe

trug, hielt ich für eine Elfenkönigin, und bemerkte ich gar, daß die

Schleppe ihres Kleides naß war, so hielt ich sie für eine Wassernixe.

Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Naturgeschichte weiß, daß jene

symbolischen Federn von dem dümmsten Vogel herkommen, und daß die

Schleppe eines Damenkleides auf sehr natürliche Weise naß werden kann.

Hätte ich mit jenen Knabenaugen die erwähnte junge Schöne in erwähnter

Stellung auf dem Brocken gesehen, so würde ich sicher gedacht haben:

Das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen,

wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade

wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle

Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese, meistens

verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer

Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefühl.

Gelingt es uns, dieses Gefühl in seinem Begriff zu erfassen, so erkennen

wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl

in Hinsicht seiner Fehler, also auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein

Deutscher. Mit deutscher Gründlichkeit zeigt er uns klar und deutlich,

wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Städte, Städtchen und Dörfer,

die meistens nördlich liegen, und ringsum alle Berge, Wälder, Flüsse,

Flächen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine

scharfgezeichnete, rein illuminierte Specialkarte, nirgends wird das

Auge durch eigentliche schöne Landschaften erfreut; wie es denn immer

geschieht, daß wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen

Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken

können, das einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg hat auch

so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die

Dinge so weit und klar überschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine

Riesenaugen öffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge,

die wir mit unsern blöden Äuglein auf ihm herum klettern. Viele wollen

zwar behaupten, der Brocken sei sehr philiströse, und Claudius sang:

»Der Blocksberg ist der lange Herr Philister!« Aber das ist Irrtum.

Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe

bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philiströsität; aber, wie

bei manchen andern großen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es

ist sogar notorisch, daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen

Zeiten hat, z. B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe

jubelnd in die Lüfte, und wird, eben so gut wie wir Übrigen, recht

echtdeutsch romantisch verrückt.

Ich suchte gleich die schöne Dame in ein Gespräch zu verflechten; denn

Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle

darüber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam

sinnig. Wahrhaft vornehme Formen. Ich meine nicht die gewöhnliche,

steife, negative Vornehmheit, die genau weiß, was unterlassen werden

muß; sondern jene seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau

sagt, was wir thun dürfen, und die uns, bei aller Unbefangenheit, die

höchste gesellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen

Verwunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wißbegierigen

Schönen alle Namen der Städte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr

dieselben auf meiner Landkarte, die ich über den Steintisch, der in der

Mitte der Turmplatte steht, mit echter Docentenmiene ausbreitete. Manche

Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern

suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der

holden Dame orientierten, und dort schönere Partieen fanden, als

»Schierke« und »Elend«. Dieses Gesicht gehörte zu denen, die nie reizen,

selten entzücken, und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil

sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe lächeln. Die Dame war noch

unverheiratet; obgleich schon in jener Vollblüte, die zum Ehestande

hinlänglich berechtigt. Aber es ist ja eine tägliche Erscheinung, just

bei den schönsten Mädchen hält es so schwer, daß sie einen Mann

bekommen. Dies war schon im Altertum der Fall, und, wie bekannt ist,

alle drei Grazien sind sitzen geblieben.

In welchem Verhältnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu

denselben stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dünne,

merkwürdige Figur. Ein Köpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Härchen, die

über die kurze Stirn bis an die grünlichen Libellenaugen reichten, die

runde Nase weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder

ängstlich nach den Ohren zurück ziehend. Dieses Gesichtchen schien aus

einem zarten, gelblichen Thone zu bestehen, woraus die Bildhauer ihre

ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammen kniffen,

zogen sich über die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine

Fältchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn

die ältere Dame ihm etwas Freundliches zuflüsterte, lächelte er wie ein

Mops, der den Schnupfen hat.

Jene ältere Dame war die Mutter der jüngern, und auch sie besaß die

vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwärmerischen

Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frömmigkeit, doch schien mir's, als

ob er einst sehr schön gewesen sei, und viel gelacht und viele Küsse

empfangen und viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Kodex

palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mönchsschrift eines

Kirchenvatertextes die halberloschenen Verse eines altgriechischen

Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit ihrem Begleiter

dieses Jahr in Italien gewesen und erzählten mir allerlei Schönes von

Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzählte viel von den Raphaelschen

Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im

Theater Fenice. Beide waren entzückt von der Kunst der Improvisatoren.

Nürnberg war der Damen Vaterstadt; doch von dessen altertümlicher

Herrlichkeit wußten sie mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des

Meistergesangs, wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klänge

erhalten, ist erloschen, und die Bürgerinnen Nürnbergs erbauen sich an

welschem Stegreifunsinn und Kapaunengesang. O Sankt Sebaldus, was bist

du jetzt für ein armer Patron!

Derweil wir sprachen, begann es zu dämmern; die Luft wurde noch kälter,

die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte füllte sich mit

Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Bürgersleuten, samt

deren Ehefrauen und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen

wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt.

Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend, und sahen,

wie der schöne Feuerball im Westen allmählich versank; die Gesichter

wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hände falteten sich unwillkürlich;

es war, als ständen wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines

Riesendoms, und der Priester erhöbe jetzt den Leib des Herrn, und von

der Orgel herab ergösse sich Palestrina's ewiger Choral.

Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, daß neben mir

jemand ausruft: »Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!« Die

Worte kamen aus der gefühlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen

Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war

jetzt imstande, den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu

sagen, und sie ruhig, als wäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu

führen. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie

die Erde selbst, drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter

äußerte, die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine

rotglühende Rose, die der galante Himmel herabgeworfen in den

weitausgebreiteten, weißen Brautschleier seiner geliebten Erde. Die

Tochter lächelte und meinte, der öftere Anblick solcher

Naturerscheinungen schwäche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte

diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reisebriefen, und

frug mich, ob ich den Werther gelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von

Angorakatzen, etruskischen Vasen, türkischen Shawls, Maccaroni und Lord

Byron, aus dessen Gedichten die ältere Dame einige Sonnenuntergangsstellen,

recht hübsch lispelnd und seufzend, recitierte. Der jüngern Dame, die

kein Englisch verstand und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl

ich die Übersetzungen meiner schönen, geistreichen Landsmännin, der

Baronin Elise von Hohenhausen; bei welcher Gelegenheit ich nicht

ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, über Byrons

Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel weiß was

noch mehr, zu eifern.

Nach diesem Geschäfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz

dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete

die Umrisse der beiden Hügel, die man den Hexenaltar und die

Teufelskanzel nennt. Ich schoß meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo.

Plötzlich aber höre ich bekannte Stimmen, und fühle mich umarmt und

geküßt. Es waren meine Landsleute, die Göttingen vier Tage später

verlassen hatten, und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem

Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzählen und Verwundern und

Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in

unserm gelehrten Sibirien, wo die Kultur so groß ist, daß die Bären in

den Wirtshäusern angebunden werden, und die Zobel dem Jäger guten Abend

wünschen.

Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit

zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches

Universitätsgespräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die

Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher

Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schütz

wurden exegetisch beleuchtet. Dann erzählte man, daß die letzte Kur bei

dem König von Cypern sehr glänzend gewesen sei, daß er einen natürlichen

Sohn erwählt, daß er sich eine Lichtensteinsche Prinzessin ans linke

Bein antrauen lassen, daß er die Staatsmaitresse abgedankt, und daß das

ganze gerührte Ministerium vorschriftsmäßig geweint habe. Ich brauche

wohl nicht zu erwähnen, daß sich dieses auf Halle'sche Bierwürden

bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen aufs Tapet, die sich vor zwei

Jahren in Berlin sehen ließen, und jetzt in Halle zu Privatdocenten der

chinesischen Ästhetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man

setzte den Fall, ein Deutscher ließe sich in China für Geld sehen; und

zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die

Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, daß es

ein echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststücke aufgerechnet

wurden, die hauptsächlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld

bestanden, und worin noch schließlich bemerkt wurde, daß man um zwölf

Uhr, welches die Fütterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen dürfe,

indem diese dem armen Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen

pflegten.

Ein junger Burschenschafter, der kürzlich zur Purifikation in Berlin

gewesen, sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte

Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. »Schnell

fertig ist die Jugend mit dem Wort« u. s. w. Er sprach von

Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal u. s. w.

Der junge Mann wußte nicht, daß, da in Berlin überhaupt der Schein der

Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart »man so duhn«

hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht

florieren muß, und daß daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat für

die »Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird«, für die Treue der

Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von

wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist

notwendig. Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum

Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiß der Bankier Christian

Gumpel sich mit Recht beklagen, daß ihm dadurch alle Illusion verloren

gehe; und hätte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hose von Heinrich IV.

angezogen, so würde gewiß die Kriegsrätin von Steinzopf, geb. Lilientau,

diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche

täuschende Sorgfalt der Generalintendanz erstreckt sich aber nicht bloß

auf Schürzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten

Personen. So soll künftig der Othello von einem wirklichen Mohren

gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus

Afrika verschrieben hat; in »Menschenhaß und Reue« soll künftig die

Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem

wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen

Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu

verschreiben braucht. In der »Macht der Verhältnisse« soll ein

wirklicher Schriftsteller, der schon mal ein paar Maulschellen bekommen,

die Rolle des Helden spielen; in der »Ahnfrau« soll der Künstler, der

den Jaromir giebt, schon wirklich einmal geraubt oder doch wenigstens

gestohlen haben; die Lady Macbeth soll von einer Dame gespielt werden,

die zwar, wie es Tieck verlangt, von Natur sehr liebevoll, aber doch mit

dem blutigen Anblick eines meuchelmörderischen Abstechens einigermaßen

vertraut ist; und endlich, zur Darstellung gar besonders seichter,

witzloser, pöbelhafter Gesellen soll der große Wurm engagiert werden,

der große Wurm, der seine Geistesgenossen jedesmal entzückt, wenn er

sich erhebt in seiner wahren Größe, hoch, hoch, »jeder Zoll ein Lump!«

-- Hatte nun obenerwähnter junger Mensch die Verhältnisse des Berliner

Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, daß die

Spontini'sche Janitscharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten

und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk

kriegerisch zu stärken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero

staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge

Mensch die diplomatische Bedeutung des Ballets. Mit Mühe zeigte ich ihm,

wie in Hoguets Füßen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf, wie alle

seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner

Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z. B. daß er unser

Kabinett meint, wenn er, sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen

weitausgreift, daß er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf

einem Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, daß er die kleinen

Fürsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt,

daß er das europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein

Trunkener hin und her schwankt, daß er einen Kongreß andeutet, wenn er

die gebogenen Arme knäuelartig in einander verschlingt, und endlich, daß

er unsern allzugroßen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher

Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und

plötzlich in die erschrecklichsten Sprünge ausbricht. Dem jungen Manne

fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tänzer

besser honoriert werden, als große Dichter, warum das Ballet beim

diplomatischen Korps ein unerschöpflicher Gegenstand des Gesprächs ist,

und warum oft eine schöne Tänzerin noch privatim von dem Minister

unterhalten wird, der sich gewiß Tag und Nacht abmüht, sie für sein

politisches Systemchen empfänglich zu machen. Beim Apis! wie groß ist

die Zahl der exoterischen, und wie klein die Zahl der esoterischen

Theaterbesucher! Da steht das blöde Volk und gafft, und bewundert

Sprünge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen der

Lemiere, und applaudiert die Entrechats der Röhnisch, und schwatzt von

Grazie, Harmonie und Lenden -- und Keiner merkt, daß er in getanzten

Chiffern das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor Augen hat.

Während solcherlei Gespräche hin und her flogen, verlor man doch das

Nützliche nicht aus den Augen und den großen Schüsseln, die mit Fleisch,

Kartoffeln u. s. w. ehrlich angefüllt waren, wurde fleißig zugesprochen.

Jedoch war das Essen schlecht. Dies erwähnte ich leichthin gegen meinen

Nachbar, der aber mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte,

gar unhöflich antwortete, daß wir Deutschen, wie mit der wahren

Freiheit, so auch mit der wahren Genügsamkeit unbekannt seien. Ich

zuckte die Achseln und bemerkte, daß die eigentlichen Fürstenknechte und

Leckerkramverfertiger überall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt

werden, und daß überhaupt die jetzigen schweizerischen Freiheitshelden,

die so viel Politisch-Kühnes ins Publikum hineinschwatzen, mir immer

vorkommen wie Hasen, die auf öffentlichen Jahrmärkten Pistolen

abschießen, alle Kinder und Bauern durch ihre Kühnheit in Erstaunen

setzen, und dennoch Hasen sind.

Der Sohn der Alpen hatte es gewiß nicht böse gemeint, »es war ein dicker

Mann, folglich ein guter Mann,« sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von

der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene Äußerung sehr

pikiert; er beteuerte, daß deutsche Thatkraft und Einfältigkeit noch

nicht erloschen sei, schlug sich dröhnend auf die Brust, und leerte

eine ungeheure Stange Weißbier. Der Schweizer sagte: »Nu! nu!« Doch je

beschwichtigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder

ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Läuse gute

Tage hatten und die Friseure zu verhungern fürchteten. Er trug

herabhängend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen

altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer

Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbüschel von

Blüchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgröße. Ich mache mir

gern einige Bewegung beim Abendessen, und ließ mich daher von ihm in

einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland

müsse in achtunddreißig Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete,

es müßten achtundvierzig sein, weil man alsdann ein systematischeres

Handbuch über Deutschland schreiben könne, und es doch notwendig sei,

das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund

war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an

einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hermanns und der

Hermannsschlacht. Manchen nützlichen Wink gab ich ihm für die

Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er die

Sümpfe und Knüppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopöisch durch

wässrige und holprige Verse andeuten könne, und daß es eine patriotische

Feinheit wäre, wenn er den Varus und die übrigen Römer lauter Unsinn

sprechen ließe. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so

erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten

Illusion gelingen.

An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein

verdrängte das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken,

smoliert und gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von

W. Müller, Rückert, Uhland u. s. w. erschollen. Schöne Methfesselsche

Melodien. Am allerbesten erklangen unseres Arndts deutsche Worte: »Der

Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!« Und draußen

brauste es, als ob der alte Berg mitsänge, und einige schwankende

Freunde behaupteten sogar, er schüttle freudig sein kahles Haupt, und

unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden

leerer und die Köpfe voller. Der eine brüllte, der andere fistulierte,

ein dritter deklamierte aus der »Schuld«, ein vierter sprach Latein, ein

fünfter predigte von der Mäßigkeit, und ein sechster stellte sich auf

den Stuhl und docierte: »Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze,

die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut;

aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoßen hier und da an und

tönen, die einen oft, die andern selten, das giebt eine wunderbare,

komplizierte Musik, und diese heißt Weltgeschichte. Wir sprechen also

erst von der Musik, dann von der Welt, und endlich von der Geschichte;

letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen --« Und so

ging's weiter mit Sinn und Unsinn.

Ein gemütlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und

selig lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm

zu Mute, als stände er wieder vor dem Theaterbüffet in Schwerin. Ein

anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien

uns aufmerksam damit zu betrachten, während ihm der rote Wein über die

Backen ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, plötzlich

begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: »O, verständest du

mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glücklicher, ich werde wieder

geliebt, und, Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes Mädchen, denn

sie hat volle Brüste, und trägt ein weißes Kleid, und spielt Klavier!«

-- Aber der Schweizer weinte, und küßte zärtlich meine Hand, und

wimmerte beständig: »O Bäbeli! O Bäbeli!«

In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Gläser

fliegen lernten, saßen mir gegenüber zwei Jünglinge, schön und blaß wie

Marmorbilder, der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo

ähnlich. Kaum bemerkbar war der leise Rosenhauch, den der Wein über ihre

Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als

wenn einer lesen könnte in den Augen des andern, und in diesen Augen

strahlte es, als wären einige Lichttropfen hineingefallen aus jener

Schale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem

Stern zum andern hinüber trägt. Sie sprachen leise mit sehnsuchtbebender

Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein

wunderschmerzlicher Ton hervor klang. »Die Lore ist jetzt auch tot!«

sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzählte er von einem

Halle'schen Mädchen, das in einen Studenten verliebt war, und, als

dieser Halle verließ, mit niemand mehr sprach, und wenig aß, und Tag und

Nacht weinte, und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte

ihr einst geschenkt hatte. »Der Vogel starb, und bald darauf ist auch

die Lore gestorben!« so schloß die Erzählung, und beide Jünglinge

schwiegen wieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen.

Endlich sprach der andere: »Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in

die dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und die

Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deine Worte

tönen wie Rohrgeflüster, wie gleitende Ströme, sie tönen wieder in

meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!«

Nun erhoben sich die beiden Jünglinge, einer schlang den Arm um den

Nacken des andern, und sie verließen das tosende Zimmer. Ich folgte

ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine,

statt des Fensters, einen großen Kleiderschrank öffnete, wie beide vor

demselben mit sehnsüchtig ausgestreckten Armen stehen blieben und

wechselweise sprachen. »Ihr Lüfte der dämmernden Nacht!« rief der erste,

»wie erquickend kühlt ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt ihr mit

meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges wolkigem Gipfel,

unter mir liegen die schlafenden Städte der Menschen, und blinken die

blauen Gewässer. Horch! dort unten im Thale rauschen die Tannen! Dort

über die Hügel ziehen in Nebelgestalten die Geister der Väter. O, könnt'

ich mit euch jagen auf dem Wolkenroß durch die stürmische Nacht, über

die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit

Leid, und meine Seele ist traurig!« -- Der andere Jüngling hatte

ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank

ausgestreckt, Thränen stürzten aus seinen Augen, und zu einer

gelbledernen Hose, die er für den Mond hielt, sprach er mit wehmütiger

Stimme: »Schön bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines

Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen

deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die

Wolken, und es lichten sich ihre düstern Gestalten. Wer gleicht dir am

Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschämt in deiner Gegenwart sind die

Sterne, und wenden ab die grünfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens

dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich

mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern

vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten,

sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schönes Licht, und du

verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht,

und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade dort oben

verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grünen Häupter, die einst deine

Gegenwart beschämt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet

in deine Strahlenpracht, und schaust herab aus den Thoren des Himmels.

Zerreißt die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu

leuchten vermag, und die buschigen Berge erglänzen, und das Meer seine

schäumenden Wogen rolle in Licht!«

Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als

gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewöhnlich, eine

Portion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardelieutenants und ein

unschuldiges Kind satt geworden wären, dieser kam jetzt in allzugutem

Humor, d. h. ganz _en_ Schwein, vorbeigerannt, schob die beiden

elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach

der Hausthüre, und wirtschaftete draußen ganz mörderlich. Der Lärm im

Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beiden Jünglinge im

Schranke jammerten und wimmerten, sie lägen zerschmettert am Fuße des

Berges; aus dem Hals strömte ihnen der edle Rotwein, sie überschwemmten

sich wechselseitig, und der eine sprach zum andern: »Lebewohl! Ich

fühle, daß ich verblute. Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst

und sprichst: >Ich betaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit

meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blätter zerstört!

Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in meiner

Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich

nicht finden.<« -- Aber alles übertobte die wohlbekannte Baßstimme, die

draußen vor der Thüre unter Fluchen und Jauchzen sich gottlästerlich

beklagte, daß auf der ganzen dunkeln Weenderstraße keine einzige

Laterne brenne, und man nicht einmal sehen könne, bei wem man die

Fensterscheiben eingeschmissen habe.

Ich kann viel vertragen -- die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die

Bouteillenzahl zu nennen -- und ziemlich gut konditioniert gelangte ich

nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit

seiner kreideweißen Nachtmütze und safrangelben Jacke von

Gesundheitsflanell. Er schlief noch nicht, und suchte ein Gespräch mit

mir anzuknüpfen. Er war ein Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er

gleich von den Juden, die alles Gefühl für das Schöne und Edle verloren

haben, und die englischen Waren fünfundzwanzig Procent unter dem

Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu

mystificieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein Nachtwandler, und

müsse im voraus um Entschuldigung bitten für den Fall, daß ich ihn etwa

im Schlafe stören möchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir am

andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die

Besorgnis hegte, ich könnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette

lagen, im Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es

mir nicht viel besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht

geschlafen. Wüste, beängstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus

Dante's »Hölle«. Am Ende träumte mir gar, ich sähe die Aufführung einer

juristischen Oper, die Falcidia geheißen, erbrechtlicher Text von Gans

und Musik von Spontini. Ein toller Traum. Das römische Forum leuchtete

prächtig; Serv. Göschenus als Prätor auf seinem Stuhle, die Toga in

stolze Falten werfend, ergoß sich in polternden Recitativen; Marcus

Tullius Elversus, als _Prima Donna legataria_, all seine holde

Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie

_quicunque civis romanus_; ziegelrot geschminkte Referendarien brüllten

als Chor der Unmündigen; Privatdocenten, als Genien in fleischfarbigen

Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianeisches Ballet und bekränzten

mit Blumen die zwölf Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde

der beleidigte Geist der römischen Gesetzgebung; hierauf Posaunen,

Tamtam, Feuerregen, _cum omni causa_.

Aus diesem Lärmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den

Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende,

die sich die frierenden Hände rieben, andere, noch den Schlaf in den

Augen, taumelten herauf; endlich stand die stille Gemeinde von gestern

Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte

die kleine carmoisinrote Kugel empor stieg, eine winterlich dämmernde

Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere

schwammen, und bloß die Spitzen derselben sichtbar hervor traten, so daß

man auf einem kleinen Hügel zu stehen glaubte, mitten auf einer

überschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle

hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten fest zu halten,

zeichnete ich folgendes Gedicht:

Heller wird es schon im Osten

Durch der Sonne kleines Glimmen,

Weit und breit die Bergesgipfel

In dem Nebelmeere schwimmen.

Hätt' ich Siebenmeilenstiefel,

Lief' ich mit der Hast des Windes

Über jene Bergesgipfel,

Nach dem Haus des lieben Kindes.

Von dem Bettchen, wo sie schlummert,

Zög' ich leise die Gardinen,

Leise küßt ich ihre Stirne,

Leise ihres Munds Rubinen.

Und noch leiser wollt' ich flüstern

In die kleinen Lilienohren:

Denk' im Traum, daß wir uns lieben,

Und daß wir uns nie verloren!

Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frühstück war ebenfalls groß, und

nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten gesagt, eilte ich hinab,

um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that not; in meinem Magen

sah es so nüchtern aus, wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit

dem arabischen Trunk rieselte mir auch der warme Orient durch die

Glieder, östliche Rosen umdufteten mich, süße Bülbüllieder erklangen,

die Studenten verwandelten sich in Kameele, die Brockenhausmädchen mit

ihren Congreve'schen Blicken wurden zu Houris, die Philisternasen wurden

Minarets u. s. w.

Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt

es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle

Reisende, die den Berg ersteigen, ihre Namen schreiben, und die meisten

noch einige Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefühle hinzu

notieren. Viele drücken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht

man, welche Greuel entstehen, wenn der große Philistertroß bei

gebräuchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen

hat, poetisch zu werden. Der Palast des Prinzen von Pallagonia enthält

keine so große Abgeschmacktheiten, wie dieses Buch, wo besonders

hervorglänzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren verschimmelten

Hochgefühlen, die Komptoirjünglinge mit ihren pathetischen

Seelenergüssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren

Turngemeinplätzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten

Entzückungsphrasen u. s. w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als

Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majestätische Pracht

beschrieben; dort wird geklagt über schlechtes Wetter, über getäuschte

Erwartungen, über den Nebel, der alle Aussicht versperrt. »Benebelt

heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen!« ist ein stehender Witz,

der hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Karolina schreibt, daß

sie bei der Ersteigung des Berges nasse Füße bekommen. Ein naives

Hannchen hat diese Klage im Sinne, und schreibt lakonisch: Auch ich bin

bei der Geschichte naß geworden. Das ganze Buch riecht nach Käse, Bier

und Tabak; man glaubt einen Roman von Clauren zu lesen.

Während ich nun besagtermaßen Kaffee trank und im Brockenbuche

blätterte, trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller

Begeisterung erzählte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem

Turme genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der

Wahrheit, mit den nächtlichen Nebelmassen gekämpft, daß es ausgesehen

habe wie eine Geisterschlacht, wo zürnende Riesen ihre langen Schwerter

ausstrecken, geharnischte Ritter auf bäumenden Rossen einher jagen,

Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche Tierbildungen aus dem

wildesten Gewühle hervortauchen, bis endlich alles in den wahnsinnigsten

Verzerrungen zusammen kräuselt, blasser und blasser zerrinnt, und

spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte ich

versäumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich

versichern, daß ich von nichts weiß, als vom Geschmack des guten

braunen Kaffee's. Ach, dieser war sogar schuld, daß ich meine schöne

Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Thür mit Mutter und

Begleiter, im Begriff den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit,

hin zu eilen und ihr zu versichern, daß es kalt sei. Sie schien

unwillig, daß ich nicht früher gekommen; doch ich glättete bald die

mißmütigen Falten ihrer schönen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche

Blume schenkte, die ich den Tag vorher mit halsbrechender Gefahr von

einer steilen Felsenwand gepflückt hatte. Die Mutter verlangte den Namen

der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fände, daß

ihre Tochter eine fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke -- denn

wirklich, die Blume erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich

gewiß gestern auf ihrer einsamen Höhe nicht träumen ließ. Der

schweigsame Begleiter öffnete jetzt auf einmal den Mund, zählte die

Staubfäden der Blume, und sagte ganz trocken: Sie gehört zur achten

Klasse.

Es ärgert mich jedesmal, wenn ich sehe, daß man auch Gottes liebe

Blumen, ebenso wie uns, in Kasten eingeteilt hat, und nach ähnlichen

Äußerlichkeiten, nämlich nach Staubfäden-Verschiedenheit. Soll doch mal

eine Einteilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts,

der die Blumen mehr nach dem Geiste, nämlich nach ihrem Geruch,

einteilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der

Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach teile ich alles ein:

in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen

kann.

Jedoch der ältern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts

weniger als verschlossen, und unwillkürlich äußerte sie, daß sie von den

Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut

werde, daß hingegen ein leises Schmerzgefühl traumhaft beängstigend ihre

Brust durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe -- da eine

solche doch eigentlich eine Leiche sei, und so eine gebrochene, zarte

Blumenleiche ihr welkes Köpfchen recht traurig herabhängen lasse, wie

ein totes Kind. Die Dame war fast erschrocken über den trüben

Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit

einigen Voltaire'schen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein paar

französische Worte uns gleich in die gehörige Konvenienzstimmung

zurückversetzen können! Wir lachten, Hände wurden geküßt, huldreich

wurde gelächelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte langsam

und beschwerlich den Berg hinunter.

Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden

geschnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig ausfielen,

berichtigt; die empfänglichen Hausmädchen, auf deren Gesichtern die

Spuren glücklicher Liebe, brachten, wie gebräuchlich ist, die

Brockensträußchen, halfen solche auf die Mützen befestigen, wurden dafür

mit einigen Küssen oder Groschen honoriert, und so stiegen wir alle den

Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den

Weg nach Schierke einschlugen, und die andern, ungefähr zwanzig Mann,

wobei auch meine Landsleute und ich, angeführt von einem Wegweiser,

durch die sogenannten Schneelöcher hinab zogen nach Ilsenburg.

Das ging über Hals und Kopf. Halle'sche Studenten marschieren schneller

als die österreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die

kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon

hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag

vorher gesehen. Die Sonne goß schon ihre festlichen Strahlen herab und

beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter

durch das Dickicht drängen, hier verschwanden, dort wieder zum

Vorschein kamen, bei Sumpfstellen über die quergelegten Baumstämme

liefen, bei abschüssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in

den ergötzlichsten Tonarten empor johlten, und ebenso lustige Antwort

zurück erhielten von den zwitschernden Waldvögeln, von den rauschenden

Tannen, von den unsichtbar plätschernden Quellen und von dem schallenden

Echo. Wenn frohe Jugend und schöne Natur zusammen kommen, so freuen sie

sich wechselseitig.

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische

Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrüppe, blinkte es

hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe,

und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun

zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und

der große Troß der Zagenden wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen,

von Mut ergriffen, und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine

Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden

sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen

ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen und in

wunderlichen Windungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse,

die liebliche, süße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal,

an dessen beiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und

diese sind bis zu ihrem Fuße meistens mit Buchen, Eichen und

gewöhnlichem Blattgesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm

Nadelholz. Denn jene Blätterholzart wächst vorherrschend auf dem

»Unterharze«, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur

Westseite desselben, die der »Oberharz« heißt, und wirklich viel höher

ist, also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer.

Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die

Ilse sich hinunter stürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke,

die sie in ihrem Laufe findet, so daß das Wasser hier wild empor zischt

oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus vollen

Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt, und unten wieder über die

kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage ist

wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg

hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie

flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie funkeln und blitzen

ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vätern, die

verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die

weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt, und doch zugleich

ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein

wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die

Vöglein in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern

zärtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! -- aber

das lustige Mädchen springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift

sie den träumenden Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blumenregen

von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen

mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötensüße

Stimme:

Ich bin die Prinzessin Ilse,

Und wohne im Ilsenstein;

Komm mit nach meinem Schlosse,

Wir wollen selig sein.

Dein Haupt will ich benetzen

Mit meiner klaren Well',

Du sollst deine Schmerzen vergessen,

Du sorgenkranker Gesell!

In meinen weißen Armen,

An meiner weißen Brust,

Da sollst du liegen und träumen

Von alter Märchenlust.

Ich will dich küssen und herzen,

Wie ich geherzt und geküßt

Den lieben Kaiser Heinrich,

Der nun gestorben ist.

Es bleiben tot die Toten,

Und nur der Lebendige lebt;

Und ich bin schön und blühend,

Mein lachendes Herze bebt.

Und bleibt mein Herz dort unten,

So klingt mein krystallenes Schloß,

Es tanzen die Fräulein und Ritter,

Es jubelt der Knappentroß.

Es rauschen die seidenen Schleppen,

Es klirren die Eisensporn,

Die Zwerge trompeten und pauken

Und fiedeln und blasen das Horn.

Doch dich soll mein Arm umschlingen,

Wie er Kaiser Heinrich umschlang;

Ich hielt ihm zu die Ohren,

Wenn die Trompet' erklang.

Unendlich selig ist das Gefühl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer

Gemütswelt zusammenrinnt, und grüne Bäume, Gedanken, Vögelgesang,

Wehmut, Himmelsbläue, Erinnerung und Kräuterduft sich in süßen Arabesken

verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefühl, und darum mag

auch ein so holdselig ungläubiges Lächeln um ihre Lippen schweben, wenn

wir mit Schulstolz unsere logischen Thaten rühmen, wie wir alles so

hübsch eingeteilt in objektiv und subjektiv, wie wir unsere Köpfe

apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen

Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten

schlechter Witz, und in der fünften gar nichts, nämlich die Idee,

enthalten ist.

Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, daß wir die

Tiefe des Ilsethales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging

sehr steil und mühsam, und mancher von uns kam außer Atem. Doch wie

unser seliger Vetter, der zu Mölln begraben liegt, dachten wir im voraus

ans Bergabsteigen, und waren um so vergnügter. Endlich gelangten wir auf

den Ilsenstein.

Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der

Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschließen ihn die hohen, waldbedeckten

Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man

über das unten liegende Ilsenburg und die Ilse weit hinab ins niedere

Land. Auf der turmartigen Spitze des Felsens steht ein großes, eisernes

Kreuz, und zur Not ist da noch Platz für vier Menschenfüße.

Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Ilsenstein mit

phantastischen Reizen geschmückt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein

darüber ausgegossen. Gottschalk berichtet: »Man erzählt, hier habe ein

verwünschtes Schloß gestanden, in welchem die reiche schöne Prinzessin

Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer

so glücklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den

Felsen, wo ihr Schloß sei, geführt und königlich belohnt.« Andere

erzählen von der Liebe des Fräulein Ilse und des Ritters von Westenberg

eine hübsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter

romantisch in der »Abendzeitung« besungen hat. Andere wieder erzählen

anders: Es soll der altsächsische Kaiser Heinrich gewesen sein, der mit

Ilse, der schönen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die

kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr

Niemann, Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die

Gebirgshöhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Städte und

dergleichen mit löblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet

indes: »Was man von der schönen Prinzessin Ilse erzählt, gehört dem

Fabelreiche an.« So sprechen alle diese Leute, denen eine solche

Prinzessin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schönen Damen

besonders begünstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich

wußte es. Nicht umsonst hingen die altsächsischen Kaiser so sehr an

ihrem heimischen Harze. Man blättere nur in der hübschen Lüneburger

Chronik, wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen

Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem

gewappneten Schlachtroß, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte,

Scepter und Schwert in festen Händen; und auf den lieben, knebelbärtigen

Gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den süßen

Herzen ihrer Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der

Harzwälder zurücksehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in

dem citronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger

so oft verlockt wurden von dem Wunsche, römische Kaiser zu heißen,

einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kaiser und Reich zu Grunde gingen.

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an

Kaiser und Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu

denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich

plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie

sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten, und die roten

Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grünen Bäume in

der blauen Luft herum flogen, daß es mir blau und grün vor den Augen

wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund gestürzt

wäre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz

festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicher Stellung, dieses letztere

gethan habe, wird mir gewiß niemand verdenken.

* * * * *

Die »Harzreise« ist und bleibt Fragment, und die bunten Fäden, die so

hübsch hineingesponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu

verschlingen, werden plötzlich, wie von der Schere der unerbittlichen

Parze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in künftigen

Liedern, und was jetzt kärglich verschwiegen ist, wird alsdann vollauf

gesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann und wo man etwas

ausgesprochen hat, wenn man es nur überhaupt einmal ausspricht. Mögen

die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer

Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da

das Mangelhafte ergänzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe

gemildert werden. Dieses würde vielleicht schon bei den ersten Blättern

der Harzreise der Fall sein, und sie könnten wohl einen minder sauern

Eindruck hervorbringen, wenn man anderweitig erführe, daß der Unmut, den

ich gegen Göttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch größer ist, als

ich ihn ausgesprochen, doch lange nicht so groß ist wie die Verehrung,

die ich für einige Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es

verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teueren Mann, der

schon in frühern Zeilen sich so freundlich meiner annahm, mir schon

damals eine innige Liebe für das Studium der Geschichte einflößte, mich

späterhin in dem Eifer für dasselbe bestärkte, und dadurch meinen Geist

auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebensmute heilsamere Richtungen

anwies, und nur überhaupt jene historischen Tröstungen bereitete, ohne

welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen

würde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem großen Geschichtsforscher

und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit,

und dessen gastliches Herz offen steht für alle fremden Leiden und

Freuden, für die Besorgnisse des Bettlers und des Königs, und für die

letzten Seufzer untergehender Völker und ihrer Götter.

Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeuten, daß der Oberharz, jener

Teil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe,

bei weitem keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische

Unterharz gewährt, und in seiner wildschroffen, tannendüstern Schönheit

gar sehr mit demselben kontrastiert; sowie ebenfalls die drei, von der

Ilse, von der Bode und von der Selke gebildeten Thäler des Unterharzes

gar anmutig unter einander kontrastieren, wenn man den Charakter jedes

Thales zu personificieren weiß. Es sind drei Frauengestalten, wovon man

nicht so leicht zu unterscheiden vermag, welche die Schönste sei.

Von der lieben, süßen Ilse, und wie süß und lieblich sie mich

empfangen, habe ich schon gesagt und gesungen. Die düstere Schöne, die

Bode empfing mich nicht so gnädig, und als ich sie im schmiededunkeln

Rübeland zuerst erblickte, schien sie gar mürrisch, und verhüllte sich

in einen silbergrauen Regenschleier: aber mit rascher Liebe warf sie ihn

ab, als ich auf die Höhe der Roßtrappe gelangte, ihr Antlitz leuchtete

mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zügen hauchte eine

kolossale Zärtlichkeit, und aus der bezwungenen Felsenbrust drang es

hervor wie Sehnsuchtseufzer und schmelzende Laute der Wehmut. Minder

zärtlich, aber fröhlicher zeigte sich mir die schöne Selke, die schöne,

liebenswürdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle

sentimentale Familiarität entfernt hält, die aber doch durch ein

halbverstecktes Lächeln ihren neckenden Sinn verrät; und diesem möchte

ich es wohl zuschreiben, daß mich im Selkethal gar mancherlei kleines

Ungemach heimsuchte, daß ich, indem ich über das Wasser springen wollte,

just in die Mitte hineinplumpste, daß nachher, als ich das nasse Fußzeug

mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir abhanden, oder

vielmehr abfüßen kam, daß mir ein Windstoß die Mütze entführte, daß mir

Walddornen die Beine zerfetzten, und leider so weiter. Doch all dieses

Ungemach verzeihe ich gern der schönen Dame, denn sie ist schön. Und

jetzt steht sie vor meiner Einbildung mit all ihrem stillen Liebreiz,

und scheint zu sagen: Wenn ich auch lache, so meine ich es doch gut mit

Ihnen, und ich bitte Sie, besingen sie mich! Die herzliche Bode tritt

ebenfalls hervor in meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: »Du

gleichst mir im Stolze und im Schmerze, und ich will, daß du mich

liebst.« Auch die schöne Ilse kommt herangesprungen, zierlich und

bezaubernd in Miene, Gestalt und Bewegung; sie gleicht ganz dem holden

Wesen, das meine Träume beseligt, und ganz, wie Sie, schaut sie mich

an, mit unwiderstehlicher Gleichgiltigkeit und doch zugleich so innig,

so ewig, so durchsichtig wahr. -- Nun, ich bin Paris, die drei Göttinnen

stehen vor mir, und den Apfel gebe ich der schönen Ilse.

Es ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lebens ergießt sich der

Frühling über die Erde, der weiße Blütenschaum bleibt an den Bäumen

hängen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbreitet sich überall, in der

Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Häuser, an den Dächern

bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Straße wandeln die

Leute, und wundern sich, daß die Lust so angreifend, und ihnen selbst so

wunderlich zu Mute ist, die bunten Vierländerinnen bringen

Veilchensträußer, die Waisenkinder mit ihren blauen Jäckchen und ihren

lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen über den Jungfernstieg und freuen

sich, als sollten sie heute einen Vater wiederfinden, der Bettler an der

Brücke schaut so vergnügt, als hätte er das große Los gewonnen, sogar

den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem

spitzbübischen Manufakturwarengesicht einherläuft, bescheint die Sonne

mit ihren tolerantesten Strahlen, -- ich will hinauswandern vor das

Thor.

Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schöne Ilse -- oder soll

ich dich »Agnes« nennen, weil mir dieser Name am besten gefällt? -- ich

denke deiner, und ich möchte wieder zusehen, wie du leuchtend den Berg

hinabläufst. Am liebsten aber möchte ich unten im Thale stehen und dich

auffangen in meine Arme. -- Es ist ein schöner Tag! -- Überall sehe ich

die grüne Farbe, die Farbe der Hoffnung. Überall, wie holde Wunder,

blühen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blühen. Dieses

Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein bescheidenes

Veilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges

Blümchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mädchensinn erfreut, und sich

hübsch vor den hübschen Busen stecken läßt, und heute welkt und morgen

wieder blüht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abenteuerlichen

Blume aus den Wäldern Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre

nur einmal blüht. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eine solche Blume

gesehen. Wir hörten in der Nacht einen Schuß wie von einer Pistole, und

am folgenden Morgen erzählten mir die Nachbarskinder, daß es ihre »Aloe«

gewesen, die mit solchem Knalle plötzlich aufgeblüht sei. Sie führten

mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner Verwunderung, daß das

niedrige, harte Gewächs mit den närrisch breiten, scharfgezackten

Blättern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Höhe

geschossen war, und oben, wie eine goldene Krone, die herrlichste Blüte

trug. Wir Kinder konnten nicht mal so hoch hinaufsehen, und der alte,

schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute eine hölzerne Treppe

um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie die Katzen, und

schauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben

Strahlenfäden und wildfremden Düfte mit unerhörter Pracht hervordrangen.

Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blühen; so viel

ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblüht, und das mag

schon lange her sein, gewiß schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich

auch damals seine Blüte sich entfaltete, so mußte sie doch aus Mangel an

Sonnenschein und Wärme elendiglich verkümmern, wenn sie nicht gar von

einem dunkeln Wintersturme gewaltsam zerstört worden. Jetzt aber regt

und drängt es sich wieder in meiner Brust, und hörst du plötzlich den

Schuß -- Mädchen, erschrick nicht! ich hab' mich nicht totgeschossen,

sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schießt empor in

strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster Sangesfülle.

Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mädchen, so mach' es dir bequem,

und besteige die hölzerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein

blühendes Herz.

Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges

zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, daß es mir betäubend

zu Kopfe steigt, und ich nicht mehr weiß, wo die Ironie aufhört und der

Himmel anfängt, daß ich die Luft mit meinen Seufzern bevölkere, und daß

ich selbst wieder zerrinnen möchte in süße Atome, in die unerschaffene

Gottheit; -- wie soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne

am Himmel erscheinen, »die unglücksel'gen Sterne, die dir sagen

können -- --«

Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel hat heute das Recht,

sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest du es verwehren?

Ende.

Die Harzreise · 第 8 / 8 题