BRENDEL. Du hast dir dein Kindergemüt bewahrt, Johannes. Kannst du mir
ein Darlehn gewähren?
ROSMER. Jawohl, von Herzen gern!
BRENDEL. Kannst du ein paar Ideale entbehren?
ROSMER. Was sagen Sie?
BRENDEL. Ein paar abgelegte Ideale. Dann tust du ein gutes Werk. Denn
nun bin ich blank, mein guter Junge. Gesiebt und gebeutelt.
REBEKKA. Haben Sie Ihre Vorträge nicht gehalten?
BRENDEL. Nein, meine verlockende Dame. Denken Sie: just da ich parat
stehe mein Füllhorn auszuschütten, mach ich die schmerzhafte Entdeckung,
daß ich bankrott bin.
REBEKKA. Aber all Ihre ungeschriebnen Werke?
BRENDEL. Fünfundzwanzig Jahr hab ich da gesessen wie der Geizhals auf
seiner verschlossnen Geldkiste. Und da gestern abend, -- als ich öffne
und den Schatz hervorholen will, -- ist keiner drin! Der Zahn der Zeit
hatte ihn zu Staub zernagt. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts übrig
geblieben, -- assolutamente niente.
ROSMER. Aber wissen Sie das auch ganz bestimmt?
BRENDEL. Für Zweifel, mein Liebling, ist hier kein Raum mehr. Der
Präsident hat mich davon überzeugt.
ROSMER. Der Präsident?
BRENDEL. Na, meinetwegen -- Seine Exzellenz. Tant qu'il vous plaîra.
ROSMER. Aber wen meinen Sie denn?
BRENDEL. Peter Mortensgaard natürlich.
ROSMER. Was!
BRENDEL (geheimnisvoll). Pst, pst, pst! Peter Mortensgaard ist der Herr
und Häuptling der Zukunft. Niemals stand ich vor eines Größern
Angesicht. Peter Mortensgaard besitzt die Gabe der Allmacht. Er kann
alles, was er will.
ROSMER. Ach glauben Sie doch das nicht.
BRENDEL. Doch, mein Junge! Denn Peter Mortensgaard will niemals mehr als
er kann. Peter Mortensgaard ist kapabel, das Leben ohne Ideale zu leben.
Und das, -- siehst du, -- =das= ist das große Geheimnis des Handelns und
des Erfolges. Das ist auf diesem Erdball die Summe aller Weltweisheit.
Basta!
ROSMER (leise). Jetzt begreif ich, daß Sie ärmer von hier fortgehn als
Sie kamen.
BRENDEL. Bien! Nimm dir also ein Exempel an deinem alten Lehrer. Lösch
alles aus, was er dir einst eingeprägt hat. Baue dein Schloß nicht auf
Flugsand. Und sieh dich vor, -- und untersuche erst deine Fahrstraße, --
eh du auf dies anmutreiche Wesen baust, das dir hier das Leben versüßt.
REBEKKA. Meinen Sie mich?
BRENDEL. Jawohl, verlockendes Meerweib.
REBEKKA. Warum sollt auf mich nicht zu bauen sein?
BRENDEL (kommt einen Schritt näher). Mir ist die Mitteilung geworden,
daß mein ehmaliger Jünger eine Lebensaufgabe zum Siege führen will.
REBEKKA. Nun -- und?
BRENDEL. Der Sieg ist ihm sicher. Aber, -- wohlgemerkt, -- unter einer
unerläßlichen Bedingung.
REBEKKA. Und die wäre?
BRENDEL (fasst sie zart am Handgelenk). Daß die Frau, die ihn liebt,
fröhlich in die Küche geht und ihren feinen rosaweißen kleinen Finger
abhackt, -- =hier=, -- just hier am Mittelglied. Item, daß bemeldetes
liebendes Weib -- wiederum fröhlich -- sich dies so unvergleichlich
geformte linke Ohr abschneidet. (Lässt sie los und wendet sich zu
ROSMER). Leb wohl, Johannes der Siegreiche.
ROSMER. Sie wollen jetzt fort? In der finstern Nacht?
BRENDEL. Die finstre Nacht -- das ist noch mein bester Freund. Friede
sei mit euch.
(Er geht. -- Eine Weile ist es still im Zimmer.)
REBEKKA (atmet schwer auf). Ach, wie dumpf und schwül es hier ist! (Sie
geht ans Fenster, öffnet es und bleibt dort stehen.)
ROSMER (setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen). Es bleibt uns wohl nichts
andres übrig, Rebekka. Ich sehs. Du =mußt= reisen.
REBEKKA. Ja, ich habe keine andre Wahl.
ROSMER. Nützen wir die letzten Augenblicke. Komm, setz dich hier zu mir.
REBEKKA (geht hin und setzt sich aufs Sofa). Was wünschest du von mir,
Rosmer?
ROSMER. Zunächst möcht ich dir sagen, daß du um deine Zukunft nicht
besorgt zu sein brauchst.
REBEKKA (lächelt). Hm. =Meine= Zukunft.
ROSMER. Ich hab an alle Möglichkeiten gedacht. Schon lange. Was auch
kommen mag, für dich ist gesorgt.
REBEKKA. Auch das, du guter Mann.
ROSMER. Das hättest du dir doch selbst sagen können.
REBEKKA. Seit Jahr und Tag hab ich an so etwas nicht mehr gedacht.
ROSMER. Ja ja -- du meintest wohl, es könnte nie anders zwischen uns
werden als es war.
REBEKKA. Ja, das glaubt ich.