REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns
Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr älter als ich mich ausgebe.
KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?
REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, --
unverheiratet wie ich war, -- ich würde zu alt. Und so begann ich ein
Jahr abzulügen.
KROLL. Sie? Eine Freigewordne? =Sie= hegen noch Vorurteile inbezug auf
das heiratsfähige Alter?
REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, -- und obendrein lächerlich. Aber dies
und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem
haften. Wir sind nun mal so.
KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor
West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da
oben in der Finnmark.
REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr!
KROLL. Das ist nicht wahr?
REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzählt.
KROLL. Wirklich nicht?
REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!
KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein
Jahr zu überspringen? Grad so wie =Sie= eins übersprungen haben. Das ist
vielleicht ein Familienzug.
REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das
wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer!
In alle Ewigkeit nicht --!
KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen
nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich förmlich! Was soll ich da
glauben und denken --!
REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken.
KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese
Sache, -- diese Möglichkeit sich so zu Herzen nehmen.
REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe
nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten.
KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, -- vorläufig, -- bei dieser
Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch
ein gewisses -- Vorurteil bewahrt.
REBEKKA. Das scheint so.
KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem
meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen
ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen
einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, --
Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich
und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber dies alles, Fräulein
West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist
Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen.
REBEKKA (nachdenklich). Möglich, daß Sie recht haben.
KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es
so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes
Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, -- es heißt
schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich
als Abtrünnigen bekennen will! Bedenken Sie, -- er mit diesem scheuen
Gemüt! Stellen Sie sich =ihn= vor als verstoßen, -- verfolgt von dem
Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt
von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem
die Stirn zu bieten.
REBEKKA. All dem =muß= er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu
spät, sich zurückzuziehen.
KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist,
kann totgeschwiegen, -- oder doch jedenfalls als eine bloß
vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber
-- =eine= Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig.
REBEKKA. Und die wäre?
KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu
legalisieren.
REBEKKA. Das Verhältnis, in dem er zu mir steht?
KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen.
REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen,
unser Verhältnis bedürfe der -- Legalisierung, wie Sies nennen?
KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings
aber glaub ich beobachtet zu haben, daß man =dort= am leichtesten mit
allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um -- hm.
REBEKKA. Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie?
KROLL. Ja, -- offen gestanden, -- das glaub ich.
REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor
Kroll, beinah hätt ich gesagt, -- möchten Sie nur recht haben.
KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.
REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, --
da kommt er.
KROLL. Schon! Dann geh ich.
REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas
erfahren.
KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn.
REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden
Sie es später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas
bitte.
KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein
West. Es mag sein.
(Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.)
ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen). Was! -- =du=
hier!
REBEKKA. Am liebsten wär er dir nicht begegnet, Rosmer.
KROLL (unwillkürlich). Dir!
REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich -- wir duzen uns. Unser
Verhältnis hat das so mit sich gebracht.
KROLL. Wars =das=, was ich erfahren sollte?
REBEKKA. Das und -- noch etwas.
ROSMER (kommt näher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches?
KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und
zurückzugewinnen.
ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was =dort= steht?
KROLL. Ich habs nicht geschrieben.
ROSMER. Hast du Schritte getan, es zu verhindern?
KROLL. Das wär ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der
ich diene. Auch stand es nicht in meiner Macht.
REBEKKA (reisst die Zeitung in Stücke, ballt diese zusammen und wirft
sie hinter den Ofen). So. Nun ists aus den Augen. Und entfern es auch
aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht wieder.