Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum
Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne.
REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt
und ordnet die Blumen. Ihre Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. -- FRAU
HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt die
Möbel ab.
REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor
heut so lange oben bleibt.
FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald
runter.
REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn?
FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging
er ins Schlafzimmer und zog sich an.
REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war.
FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht
wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt hätte.
REBEKKA. Was könnte das wohl sein?
FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser
Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat.
REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?
FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie
der!
REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt?
FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal
davon gehört, daß er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr
Mann davongelaufen war?
REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher
kam.
FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch
verständiger sein müssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber
dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür
büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf
gekommen! 'S gibt so manche, die =den= Mann aufsuchen.
REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat
und Hülfe brauchen.
FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben,
die --
REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So?
FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche
Leute sein, Fräulein, von denen mans am wenigsten gedacht hätte.
REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch
bloß so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen können Sie sowas doch
nicht.
FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs
wissen kann! Nämlich, -- wenns denn absolut heraus muß, -- ich bin
selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.
REBEKKA (wendet sich). Nein, -- wirklich!
FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief -- wissen Sie, wo der
geschrieben war? Auf Rosmersholm!
REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth?
FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er
geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack.
REBEKKA. Und =Ihnen= ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe
Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war.
FRAU HILSETH. Na?
REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem
krankhaften Zustande --
FRAU HILSETH. =Das= behauptet Fräulein, nicht ich.
REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, -- das
können Sie ja nicht wissen.
FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte.
REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte?
FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn
gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so daß
ichs schon erraten konnte, was drin stand.
REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau
Hilseth, erzählen Sie mir das doch?
FRAU HILSETH. Nein nein, Fräulein. Nicht um alles in der Welt.
REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute
Freunde.
FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen =davon= was zu
erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß es was
abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt
hatten.
REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt?
FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Fräulein West. Schlechte Menschen.
REBEKKA. Schlechte --?
FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens
gewesen sein.
REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein.
FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine
Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die -- hm!
REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll.
FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig.
Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt.
REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie
den Brief an Mortensgaard schrieb?
FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne
wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht.
REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte
keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch.
FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau.
REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster).
Übrigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut für
den Herrn Pastor?
FRAU HILSETH. Was denn, Fräulein?
REBEKKA. Daß keine Kinder da waren. Nicht wahr?
FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.
REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer
ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhören.
FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder
nicht.
REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht?
FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit
Menschengedenken niemals geschrien.
REBEKKA. Das ist doch merkwürdig.
FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der
Familie. Und dann ist da noch was merkwürdiges. Wenn sie grösser werden,
lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.