Das Wohnzimmer auf Rosmersholm; gross und anheimelnd; alte Möbel.
Vorn rechts ein Kachelofen, der mit frischen Birkenzweigen und
Feldblumen geschmückt ist. Etwas weiter zurück eine Tür. An der
Hinterwand eine Flügeltür, die zum Vorzimmer führt. Links ein
Fenster, und vor diesem ein Aufsatz mit Blumen und Pflanzen. Neben
dem Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnstühlen. Rings an den Wänden
alte und neue Porträts, die Geistliche, Offiziere und Beamte in
Amtstracht darstellen. Das Fenster steht offen. Ebenso die Tür zum
Vorzimmer und die Haustür. Durch diese sieht man draussen in einer
Allee, die nach dem Hause führt, grosse alte Bäume.
Sommerabend. Die Sonne ist untergegangen.
REBEKKA sitzt in einem Lehnstuhl neben dem Fenster und häkelt an
einem grossen weissen Wollshawl, der nahezu fertig ist. Von Zeit zu
Zeit blickt sie zwischen den Blumen hindurch spähend hinaus. Kurz
darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.
FRAU HILSETH. Nicht wahr, Fräulein, 's ist wohl das beste, ich fang so
langsam an, den Abendtisch zu decken?
REBEKKA. Ja, tun Sie das. Der Pastor muß ja bald kommen.
FRAU HILSETH. Zieht es Fräulein denn nicht da am Fenster?
REBEKKA. Ja, ein wenig. Machen Sie lieber zu.
(FRAU HILSETH geht zur Vorzimmertür und schliesst diese; dann tritt
sie ans Fenster.)
FRAU HILSETH (will schliessen, sieht hinaus). Aber ist das nicht der
Pastor .. der da drüben?
REBEKKA (lebhaft). Wo? (Steht auf.) Ja, das ist er. (Hinter der
Gardine.) Gehn Sie beiseite. Daß er uns hier nicht sieht.
FRAU HILSETH (vom Fenster zurücktretend). Denken Sie, Fräulein, er
schlägt wieder den Mühlweg ein!
REBEKKA. Er kam schon vorgestern über den Mühlweg. (Blickt zwischen
Gardine und Fensterrahmen hindurch.) Nun woll'n wir aber mal sehn, ob er
auch --
FRAU HILSETH. Getraut er sich über den Steg?
REBEKKA. Das will ich ja grade sehn. (Kurz darauf.) Nein. Er kehrt um.
Geht auch heut oben herum. (Tritt vom Fenster zurück.) Ein langer Umweg.
FRAU HILSETH. Herrgott ja. Muß ja auch dem Herrn Pastor schwer fallen,
über den Steg zu gehn. Da, wo so was passiert ist; wo --
REBEKKA (legt ihre Häkelei zusammen). Sie hängen lang an ihren Toten
hier auf Rosmersholm.
FRAU HILSETH. Nein, Fräulein, ich glaub, die Toten hängen hier lange an
Rosmersholm.
REBEKKA (sieht sie an). Die Toten?
FRAU HILSETH. Ja, 's ist beinah, als könnten sie sich von den
Zurückgebliebnen nicht so recht trennen.
REBEKKA. Warum glauben Sie das?
FRAU HILSETH. Na, denn sonst, denk ich mir, würds hier doch dies weiße
Roß nicht geben.
REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, wie verhält sichs eigentlich mit diesem
weißen Rosse?
FRAU HILSETH. Äh, davon woll'n wir lieber nicht reden. An so was glauben
=Sie= ja doch nicht.
REBEKKA. Glauben =Sie= denn daran?
FRAU HILSETH (tritt ans Fenster und schliesst es). Ach, ich laß mich von
Fräulein nicht zum Narren halten. (Blickt hinaus.) Nein -- aber ist das
nicht wieder der Pastor da auf dem Mühlweg --?
REBEKKA (sieht ebenfalls hinaus). Der Mann da? (Tritt ans Fenster.) Das
ist ja der Rektor.
FRAU HILSETH. Ja richtig, das ist der Rektor.
REBEKKA. Das ist aber merkwürdig! Denn Sie sollen sehn, er kommt zu uns.
FRAU HILSETH. Wahrhaftig, =er= geht gradaus über den Steg. Und sie war
doch seine leibliche Schwester ... Na, Fräulein, nu geh ich den
Abendtisch decken.
(Sie geht rechts hinaus. -- REBEKKA bleibt eine Weile am Fenster
stehn; dann grüsst sie, lächelt und winkt hinaus. -- Es beginnt
dunkel zu werden.)
REBEKKA (geht an die Tür rechts und spricht durch diese hinaus). Ach,
liebe Frau Hilseth, Sie sorgen wohl für 'n bißchen extragutes. Sie
wissen ja, was der Rektor gern ißt.
FRAU HILSETH (draussen). Jawoll, Fräulein. Wird gemacht.
REBEKKA (öffnet die Tür zum Vorzimmer). Na, endlich mal --! Herzlich
willkommen, lieber Herr Rektor!
KROLL (im Vorzimmer, stellt den Stock fort). Danke. Ich stör also nicht?
REBEKKA. =Sie?= Pfui, schämen Sie sich --!
KROLL (eintretend). Immer liebenswürdig. (Sich umsehend). Ist Rosmer
vielleicht oben auf seinem Zimmer?
REBEKKA. Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Er bleibt heut etwas
länger als gewöhnlich. Aber er muß jeden Augenblick kommen. (Zeigt auf
das Sofa). Bitte, nehmen Sie so lange Platz.
KROLL (legt den Hut fort). Danke bestens. (Setzt sich und sieht sich
um.) Nein, wie freundlich Sie das alte Zimmer ausgeschmückt haben.
Überall Blumen, oben und unten.
REBEKKA. Rosmer hat immer gern frische lebende Blumen um sich.
KROLL. Na, Sie doch auch, scheint mir.
REBEKKA. Gewiß. Sie verbreiten einen so herrlichen betäubenden Duft.
Früher mußten wir uns ja dies Vergnügen versagen.
KROLL (nickt traurig). Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen.
REBEKKA. Und die Farben auch nicht. Sie wurde ganz wirr im Kopfe
davon --
KROLL. Ich erinnre mich. (In leichterm Ton.) Na, wie gehts denn hier
draußen?
REBEKKA. Nun, hier geht alles seinen ruhigen gleichmäßigen Gang. Ein Tag
wie der andre ... Und bei Ihnen? Ihre Frau?
KROLL. Ach, liebes Fräulein West, reden wir nicht von mir und den
meinen. In einer Familie gibts immer etwas, das nicht klappt. Namentlich
in solchen Zeiten wie diesen.
REBEKKA (nach kurzem Schweigen setzt sich neben das Sofa in einen
Lehnstuhl). Warum haben Sie uns während der ganzen Schulferien nicht ein
einziges mal besucht?