In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, daß auch stu

Ein Verzeichnis von Ludwig Thomas Büchern

befindet sich am Schluß dieses Bandes

Nachbarsleute

von

Ludwig Thoma

13. bis 15. Tausend

Albert Langen, München

Übersetzungsrecht vorbehalten

Albert Langen Ludwig Thoma

Copyright 1916 by Albert Langen, Munich

Inhalt

Seite

Junker Hans 7

Das Volkslied 59

Auf dem Bahnsteig 73

Tja -- --! 81

Der Biedermann 91

Unser guater, alter Herzog Karl 99

Liebe um Liebe 107

Auf der Elektrischen 117

O Natur! 129

Das alte Recht 135

Anfänge 157

Junker Hans

Eine Kleinstadtgeschichte

Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger höflich oder in barschem

Tone das Schließen der Türe verlangt, ob Herr Tresser nach dieser

Aufforderung erst recht die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger

in rüder Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und hierauf von

Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel bezeichnet wurde, während Herr

Pfaffinger diesen, Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl schon

vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten Schilderungen der

angesehenen Bürger Dornsteins nicht unwiderleglich feststellen, --

Tatsache ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits an der

Gurgel packte, während Herr Pfaffinger andererseits diesem, dem Herrn

Tresser nämlich, eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der

Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales vernommen

wurde.

Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt, daß die Tochter des

Herrn Magistratsrates Trinkl, Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft

geklagt habe, was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger

veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre zu schließen, worauf Herr

Rechtspraktikant Tresser dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun,

weil er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß fanden, sei es, weil

er über die eigenmächtige Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet

war, was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als eine Beleidigung

seiner Dame erscheinen mußte, so daß er sich zu einem Schimpfworte

hinreißen ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden kann,

daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher den Ausdruck ungebildeter

Lümmel gebraucht hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend

oder verschieden berichtet wird, -- Tatsache ist, daß Herr Pfaffinger

von Herrn Tresser an der Gurgel gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser

eine dermaßen starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange anschwoll.

Mir war und ist es nur darum zu tun, eine vollkommen wahrheitsgetreue

Schilderung des Herganges zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr

Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn Pfaffinger oder, wie

Herr Sekretär Hundertkäs, das Benehmen des Herrn Tresser als absolut

berechtigt hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich die Tatsache

klarstellen, daß Herr Tresser einerseits Herrn Pfaffinger körperlich

anfiel, während Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige

Maulschelle applizierte.

Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch beschönigen, noch auf

irgendeine Weise aus der Welt schaffen, und es ist weiter nichts

zu erörtern als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung eines den

besseren Kreisen angehörigen Mannes haben konnte.

* * * * *

In der Tat wurde der Vorfall auch von den bürgerlichen Elementen nach

Verlassen des Höllbräusaales lebhaft erörtert, und Bäckermeister

Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der Gesinnung.

»Also mir ... net ... also mir bal oana so was saget ... net ... also

ung'hobelter Lackel oder so was ... net ... also i ... mei Liaba ...

i den bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d' g'hört ... und

nacha oani links und oani rechts abahau'n ... vastehst ... und nacha

no a paar ... also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung'hobelter

Lackel bin i ... moanst du vielleicht, weil di dei Vata studiern hat

lass'n ... derfst du an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt ... net

... und wo seine Familli rechtschaff'n ernährt ... schimpf'n ... sag i

... Wer is ung'hobelt? sag i ... vielleicht net a Beamta, der si a so

aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab Eahna i scho amal an Lackel

abgeb'n? Han? Du Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...«

»Plärr do net a so!« rief Magistratsrat Trinkl ... »Bleib'n ja d' Leut

steh' und schaug'n ...«

»Ja no ... muß ma si so was hoaß'n lass'n?«

»Zu dir hat er nix g'sagt!«

»Dös is sei Glück, mei Liaba ... mir bal er so was saget! Also den

schlaget i sei Batterie scho a so her, daß er alle Engel pfeif'n

hörat ... Ung'hobelter Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß'n ... so

a Schreibersg'sell, so a notiger, der wo si net amal was G'scheit's

z' fress'n kaff'n ko.... Dir gib i scho an Lackel ... also bloß sag'n

braucht er's zu mir ... nix als wia sag'n ... sag' i ...«

»Mir g'fallt de G'schicht gar net ... dös ... dös ... i woaß net ... da

derleb'n mir no was!« sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und

machte ein bekümmertes Gesicht ... »De G'schicht is no net firti ...«

»Was is net firti?« fragte Trinkl.

»Ja ... dös mit dera Schell'n ...«

»Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz'n, und gar is ...«

»Wer'n ma's sehen, ob die Sache so einfach verläuft, also gewissermaßen

im Sande,« erwiderte Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.

»Was will er denn mit a Klag?« höhnte Magistratsrat Trinkl.

»Bal er z'erscht 's Maul aufreißt, net, und ganz ordinär werd' ... und

nacha aufs G'richt laff'n! Na, mei Liaba!«

»G'richt laufen!«

»Ja ... da werd halt 's G'richt sag'n, Herr Rechtspraktikant,

werd's sag'n, bald Sie eine würkliche Bildung besitzen, dürfen Sie

nicht anfangen und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die Leute

aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese Behandlung gefallen lassen. A so

red't 's G'richt! Vastand'n?«

»Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht,« sagte Elfinger etwas

ungeduldig.

»Net?«

»Nein ... durchaus nicht. Das weiß man doch, daß diese Herren ...

also ... die wo auf der Universität studiert haben ... eine Ohrfeige

durchaus nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner ...«

»Geh! Hör' auf!«

»Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß für solchene Herren eine

Ohrfeige sozusagen eine tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie

nicht wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt ist ...«

»Geh! Hör' auf!«

»Na, frag' halt Leut', die 's wissen! Ob eine Ohrfeige nicht mit Blut

abgewaschen werden muß, und bald der Betreffende auch vielleicht nicht

will ...«

»Jetzt muaß i scho sag'n ... Elfinger ... red' net gar so saudumm

daher!«

»Ich rede durchaus nicht saudumm daher ... und überhaupts möchte ich

mir das verbitten ... net wahr ...«

»Kam er da mit'n Bluat o'wasch'n ... und solche Sprüch!«

»Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich seiner Lebtag in

Dornstein hockt als Lebzelter, weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse

sich auswachsen ...«

»O mei! Da balst net gehst!...«

»Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein Lieber, wo sich eine

Universität befindlich ist, und bald du das nicht woißt, kannst es ja

nachles'n im Sulzbacher Kalender ...«

»I huast dir auf dei Universatät!«

»Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das kann ich dir sagen ...«

»Han?«

»Jawohl! Da muß man einmal in der Welt herumgekommen sein, dann schaut

man die Sache etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser Beziehung,

und bald ein Student dem anderen eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn'

ich, und da entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende

nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft verlangen muß ...«

»Herrgottsakrament, jetzt sag' i 's nomal, a so a spinnata Tropf is ma

do aa no net fürkemma ...«

»Da spinnt niemand!«

»Net z' weni, sag' i ...«

»Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt der Satisfaktion, wennst

d' scho amal was g'hört hast von dem!...«

»Da müaßt da Schorschl ...?«

»Jawohl!!«

»Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an so an notinga Hanswurscht'n

nauf schiaßn lass'n?«

»Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß ja der Betreffende nicht,

ob ihn das Schicksal trifft, und äh ...«

»Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr de Brauerei von sein Vata

kriagt mit achtavierz'g Wirt ... und ...«

»Was hat denn das damit zu tun ...?«

»Und dös schöne Sach in Matzing drauß'n ... langa koane vierhundert

Tagwerk ...«

»... Also ...«

»Und a Stuck an achtz'g Küah im Stall ... der soll si ...? Geh! Wia no

a Mensch so daher red'n ko!«

»Wenn du oan net red'n laßt und all's besser woaßt, na brauch ja i net

red'n,« schrie Elfinger, den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte.

»Für dös red'n kriagst d' nix,« erwiderte der Herr Magistratsrat

Trinkl mit gleichfalls erhobener Stimme. »Kam er do mit sein

Student'nschmarr'n daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt'st scho Grean

Baamwirt wer'n!«

»Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!«

»An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl hat? An Diridari hat a!

Maxi hat a! Und auf dei Ehr is ...«

»Mit dir ko ma net streit'n; dös woaß ma scho! Weil du a Hammi bist!«

»I?«

»Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz Dornstoa!«

»Ah! Der is guat! Was bist na du?«

»Is scho recht!«

»Was bist na du? A spinnata Deifi bist d'. Mit'n Bluat o'wasch'n kam er

daher! Wasch da du 's Hirn mit Salmiak, dös werd g'scheiter sei!«

»Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl! Ich verkehre nicht mehr

mit Ihnen ...«

»Bleib' halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!«

Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten entfernt und war schon

in der Dunkelheit entschwunden, da schrie ihm Herr Trinkl noch durch

die hohlen Hände nach: »Druck di, du Hanswurscht, mit dein Duwäl!«

Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer erregt wendend, fragte

er: »Hast d' scho amal so was Dumm's g'hört? Der bracht's außa, als

wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent waar!«

»I hab'n net recht vastand'n,« sagte Herr Schwarz. »Moant er, daß de

mit'n Sabl da so aufanand trischak'n müaßt'n?«

»Oder schiaß'n, vastehst? Mit da Pistol'n! Der Pfaffinger Schorschl

werd si von so an Hungerleider aufi schiaß'n lass'n. Dös kost da

denk'n!«

»Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in Matzing!« rief Bäckermeister

Schwarz voll Hohn aus, denn auch er hatte sogleich die ganze

Lächerlichkeit dieses Gedankens erfaßt.

»Also mir sollt oana mit so a'ra Duwälforderung kemma!« setzte er

hinzu. »Grad kemma sollt oana! Was? sag i ... fordern möcht'n Sie mi?

Auf was denn, sag i ... und an Schiaßa fürag'langa hintern Bachofa

und den am Kopf aufi hau'n mit da Pretsch'n ... vastehst ... daß er

drei Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ... fordern möcht er mi

... so waar's recht! Fordern! An Bürger aa no koan Ruah lass'n mit

dena Duwälg'schicht'n! I an Nudelwalgla nehma und den aba scho so

umanandlass'n ... da hast dei Duwäl! sag i ... und hau eahm oani über

sein Gipskopf umi, daß er grad staubet ... da ... sag i ... und da ...

hast d' no oani ...«

»Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat aba!« schrie Trinkl.

»Muaßt scho entschuldinga ... aba da kunnt'st scho belzi wer'n ... net

... bal oan so was unterkimmt ... Fordern möcht oan der Schreiberg'sell

...«

Und man hörte noch lange ihre erregten Stimmen, da sie den Stadtplatz

mehrmals hinauf und wieder herunter gingen.

* * * * *

»Sie san aber einer!« lispelte Fräulein Fanny Trinkl, als sie in

Gesellschaft des Herrn Pfaffinger den Höllbräusaal verließ.

Der stattliche Brauereivolontär warf sich in die Brust und sagte mit

geheucheltem Gleichmute: »Da gibt's bei mir nix!«

»Ich bin #so# derschrocken, wie Sie auf einmal aufg'sprungen sind.

Jessas Maria! hab ich mir denkt, es werd doch kein Unglück geb'n, daß

er Ihnen was tut ...«

»Der -- mir?«

»Man weiß halt oft nicht ...«

Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus der Stirne.

»Solchene derfen drei daherkemma, nacha fürcht' i s' aa no net.«

Das üppige Mädchen sah bewundernd zu dem Ritter auf, der sich kraftvoll

in den Hüften wiegte und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu

beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von Gegnern läge.

Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen etwas hervorquellenden

wasserblauen und senkten sich sofort, indessen sie wiederum rief:

»Nein, Sie sind aber einer!«

Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche günstige Meinung von sich;

denn sein ganzes Gebaren verriet, daß er mit der Bewunderung seiner

Persönlichkeit beschäftigt war.

»Ich hätt' mir gar nicht denkt, daß Sie so heftig sein können ...«

sagte Fräulein Fanny.

»Ja, da kenn i nix.«

»Wie Sie den Stuhl z'ruckg'stössen haben, und auf und hin ...«

»Da gibt's koana Würschtel!...«

»Und wie Sie ihm eine hing'haut haben, daß 's ihn gleich draht hat!«

Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, und indessen

Herr Pfaffinger beim Schein einer Straßenlaterne respektvoll seine

große Hand betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifällig über

ihn hin.

Schön war er nicht --

Ein gewissermaßen viereckiger Kopf auf einem kurzen Halse; eine stumpfe

Nase, dicke Lippen, die sich nicht ganz schlossen, so daß man die

unregelmäßigen Zähne sah, der Teint von jener biersäuerlichen Blässe,

wie sie Schenkkellnern und Bräuburschen eigen ist ... All das ließ den

Pfaffinger Schorschl nicht gerade als verführerisch erscheinen, und

doch besaß er Reize, die ein altbayerisches Mädchen, wenn auch noch so

flüchtig, wohl bemerken konnte.

Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlächtigkeiten, die

vielverheißend waren.

»Eigentlich san S' wegen meiner in die G'schicht nein kommen, weil ich

mich beschwert hab', daß die Tür offen war, und mich hat's nachher

schon g'reut ...«

»Da braucht Ihnen nix reu'n, Fräulein Fannerl ...«

»Aber do, wenn S' jetzt solchene Unannehmlichkeiten hamm ...«

»Dös is mir ganz egal ...« Schorschl sagte wirklich egal ... »Bald ich

amal bei einer Dame sitz ... nacha muß ich auch für die Dame eintreten

...« Ein zärtlicher Blick traf ihn, und seine wasserblauen Augen

streiften wohlgefällig über den sehr stattlichen Busen des Mädchens und

blieben daran haften.

Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen Formen näher zu rücken,

vielleicht war es eine aufquellende Zärtlichkeit ... Schorschl streckte

seinen Ellbogen hin und fragte: »Darf ich Ihnen nicht meinen Arm

anbieten, Fräulein?«

Fanny hing sich ein, und beide fühlten wohlig eines die Wärme des

anderen.

»Da gibt's nix,« sagte Schorschl, »bal ich amal mit einer Dame

beisammen bin ...«

»Sie sind einer!«

»In Freising, wia 'r i studiert hab', da hat amal oana auf an Ball

meiner Dame auf 'n Fuaß tret'n. Dem hab i a paar abazog'n und hab'n

über d' Stiag'n abi g'schmiss'n, daß er dös halbe G'lander mitg'numma

hat ...«

»Jessas Maria!...«

»Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest g'habt ...«

»Waren's bei an Studentenkorps?«

»Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der Brauschul' ... und da hamm

mir a Gart'nfest g'habt, und da hat oana mit meiner Dame 's Speanzeln

o'g'fangt ... dem hab i aa zoagt, wo der Bartl an Most holt ...«

»Sie sind g'wiß ein rechter Don Schuang g'wesen?«

»Han?«

»Daß Sie recht poussiert hamm?«

»Gar so arg is 's net g'wes'n ...«

Schorschl lächelte aber doch vielsagend, und Fanny wollte hastig ihren

Arm zurückziehen und wurde festgehalten.

»Mit Ihnen sollt' man sich gar net geh'n trauen ... Sie sind vielleicht

ein ganz gefährlicher ...«

»Eahna waar i net Feind, Fräulein Fannerl!«

»Sie Schlimmer!«

»G'wiß is wahr, i hab's Eahna scho lang sag'n woll'n ...«

»Was?«

»Daß S' mir gar so guat g'fall'n ...«

Ein zärtlicher Blick streifte ihn.

»Sie möcht'n mich g'wiß derbleck'n!«

»G'wiß net ... überhaupts gibt's dös bei mir durchaus net ... Freil'n

Fannerl ... dös dürfens net glaub'n ... Fannerl ...«

Sie drückte sich näher an ihn, und er wurde eifriger.

»Moana S' denn, i hätt' mi so gift' über den Tresser, wenn i Eahna net

gern hätt ...«

»Das sagen S' halt so ...«

»Na! Wenn i no red'n kunnt ... aba da auf da Straß ko ma ja net red'n

... wenn S' mi bloß a bisserl ins Haus nei lasset'n, Fannerl!«

»Aba Herr Pfaffinger!«

»Bloß in Hausgang! Daß ma dischkrier'n kunnt'n ...«

»Aba dös geht doch net!«

»Warum denn net? Bloß red'n, Fannerl, weil i Eahna gar so gern hab'.«

»Dös merkt doch der Vata!«

»Der merkt nix!«

»Hören S' auf! Was Sie red'n!«

Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt genug war, um eine

Situation blitzschnell zu überschauen, bemerkte er doch den sachlichen

Ernst, der in der Abwehr des Mädchens lag.

»Geht's gar net ... Fannerl?«

»Genga's Sie!«

»I waar mäuserlstaad ...«

»Aba Herr Pfaffinger!«

»Geh! Wenn i d' Stiefeln ausziahg ...«

»Jessas na!«

»Höret mi koa Mensch ...«

»Ja, wia red'n denn Sie?«

»Fannerl!«

Er zog das Mädchen an sich. Seine linke große Hand verirrte sich auf

den prallen Busen, indes er mit der rechten die schwach sich Sträubende

rückwärts faßte und auch hier Anlaß zur stürmischen Werbung fand.

»Du Trutscherl, du liab's!«

»Herr Pfa ...«

Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme, und sie legten sich breit

und feucht auf ihren Mund. Ehrlich erwiderte sie den Kuß.

»Du Gschmacherl du!«

»Schorschl!«

-- -- -- -- --

»Also paß auf, Fannerl, i ziahg d' Stiefeln aus ... werst sehg'n, es

hört mi neamd ...«

»Aba da Vata schlaft do no net ...«

»Der schlaft scho!«

»Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...«

»Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er eing'schlaf'n is ... und du

machst mir d' Haustür auf!«

»Na ... Schorschl ... dös geht net ...«

»Leicht geht's.«

»Was denkst da denn du von mir? So schnell! Na ... dös geht amal net

...«

»Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt dös derfst mir net o'toa!«

»Was?«

»Jetzt hab' i mi a so g'freut ... und nacha waar's nix!«

»Aba wenn's net geht!«

»Und i hab' mi so für di ins Zeug g'legt!«

»Aba Schorschl!«

»Ja ... Und du tatst mir gar koan G'fall'n!«

»Wenn aba da Vata net so g'schwind ei'schlaft!«

»Na ... wart i a Stund ...«

Fannerl schien zu überlegen, und da die Ergebnisse solcher

Überlegungen immer die gleichen sind, sah Schorschl beseligt in die

Zukunft ...

»Aba daß d' ja net früher kummst ...«

»Na ...«

»Und net an d' Stiag'n hi stößst ...«

»I sag da ja ... daß i d' Stiefeln ausziahg ...«

»Jessas! Jessas! Was muaßt dir du von mir denk'n!«

»Daß du a G'schmacherl bist!«

»Dös hast g'wiß scho zu viele g'sagt!«

»Dös? Na ... dös hab i no zu gar koane g'sagt! Derfst d'as g'wiß

glaab'n ...«

Er war doch ein Don Schuang und kannte das weibliche Herz.

Ein neuer Kuß befestigte das Versprechen, und innig

aneinandergeschmiegt schritten die beiden dem Hause zu, in das

Schorschl so bald einzuschleichen gedachte.

Auf dem Stadtplatze hörten sie die rauhen Worte des Herrn Schwarz durch

die stille Nacht schallen und stießen auch bald auf den ahnungslosen

Vater, der sie freudig begrüßte.

»Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S' mei Fannerl begleit'?«

»Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht mehr g'sehen haben ...«

»Ja ... i hab da a kloane Aussprach' g'habt ... über Eahna, Herr

Pfaffinger ...«

»Ah so! Weg'n der Gaudi?...«

»Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger, der Hansdampf, der

spinnate, hätt erzähl'n mög'n. Daß Sie a Duwäl kriag'n ...«

»I?«

»Ja ...« sagt der Elfinger ...

»Um Gott'swill'n ... Herr Pfaffinger ... weg'n mir ...«

»Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben, Fräulein!«

»Dös hab i aa g'sagt ... so a Schmarrn, sag i ... auf d' Kirta laden S'

den Kerl ei, wenn er Eahna was will ...«

»Geh, Vata!«

»Is ja wahr aa ... dös is de richtige Antwort ... Also guat Nacht, Herr

Pfaffinger, und b'suachen S' mi amal ... werd mir an Ehr sei!«

»Guat Nacht, Fräulein!«

»Gut Nacht!«

Noch ein Blick, der alles auf ein neues bestätigte, dann huschte

das Mädchen ins Haus, die Türe klappte ins Schloß, Herr Pfaffinger

entfernte sich mit absichtlich lauten Schritten.

-- -- -- -- --

Ob es nun gerade eine Ehre für den Stadtvater Trinkl war, als Schorschl

eine schwache Stunde später und sehr viel leiser wieder zu dem Hause

kam, die Türe frohlockend geöffnet fand und auf den Fußspitzen gehend

sich einschlich? Für ihn war es jedenfalls ein Glück.

Da stand er im Dunkeln und fühlte die Nähe des Mädchens. Ein leises

Rascheln. »Pst!«

Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme flüsterte dicht an seinem

Ohr: »Ziahg' d' Stiefeln aus!«

Und er zog sie aus.

* * * * *

Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. Denn über allem darf nicht

vergessen werden, daß in der tätlichen Mißhandlung eines akademisch

gebildeten Mannes der Anlaß zu einem Ehrenhandel vorlag, jedenfalls

vorliegen konnte, wenn anders die uralten Gebote der Ehre auch in

diesem südlichen Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch nicht alle

Geltung verloren hatten.

Daß sie es #nicht# hatten, daß sie zum mindesten nicht stillschweigend

übergangen werden konnten, dafür bürgte die Existenz des Herrn Anton

Gumposch.

Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel reicher Gutsbesitzer,

der seine Stellung in der Gesellschaft wie seinen Bildungsfonds als

Hospitant einer Universität erhöht hatte, oder, genauer gesagt, als

Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein der Arbeit und war immer

bemüht, ihn sich zu geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter

Beschäftigung fehlte, war er doch Tag für Tag lebhaft und regsam und

beobachtete nicht ohne Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen.

Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, daß ihm Gumposch

wohlwollend auf die Achsel klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein

vorwärts brachte, konnte in dem anerkennenden Lächeln des Herrn

Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen erblicken.

Naturgemäß und ganz von selbst mußte sich ein so liebevolles Interesse

für die Umwelt auch auf das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war

denn auch rastlos bemüht, alle Maßnahmen, Fürsorgen, Veranstaltungen

und Anordnungen der städtischen Behörden Dornsteins einer sachlichen

Prüfung wie einer ständigen Besprechung zu unterziehen. Sein nie

ruhender Geist ersann täglich Pläne zur Hebung des Wohlstandes und

Ansehens der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt waren die

Leitmotive seiner unzähligen Probleme, und so sehr stand er unter ihrem

Banne, daß er nicht einmal die Möglichkeit eines Vorschlages prüfte,

wenn er unter dem Zeichen von Hebung und Fortschritt zu stehen schien.

Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung mit Drahtseilbahnen,

wollte auf den Höhen Riesenhotels anlegen, Bäche anstauen, um Seen für

den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande alle Wasserkräfte erwerben

zu großen städtischen Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen

nach allen Ausflugsorten, Konzertsäle und Kaffeehäuser in der Stadt,

und war immer mit einem neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner

Rückständigkeit den alten kopfschüttelnd abgelehnt hatte, und war immer

begeistert und ließ über den Häuptern einer grämlichen Philisterschar

die Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, der Hebung und

der Entwicklung.

Gumposch war als Politiker jenem früher allgemein üblichen Liberalismus

zugetan, der ohne eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar wurde,

wenn er sich gegen ultramontane Bedrückung aufbäumte oder sich bei

Festen in Liedern erging. In gewöhnlichen Zeitläuften machte er nicht

viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen und vermochte sie

auch wohl zu ändern und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche waren,

erhob Herr Gumposch einen starken Lärm, ließ sich auf den Schild heben

und vermaß sich, der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. Im

»Dornsteiner Boten« tauchten Nachrichten auf von Reden, die unser Herr

Gumposch hier und dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrücken,

die seine vaterländisch tiefempfundenen Worte auf die Bevölkerung

gemacht hatten.

Das »Dornsteiner Wochenblatt« hingegen strotzte von hämischen

Invektiven gegen den verdienten Bürger der Stadt und mußte in jeder

Nummer Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten Paragraphen

bringen, mit Repliken und Dupliken, in denen ein überlegener Hohn bald

auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.

In solchen Zeiten, da deutsche Männer ihre ganze Vaterlandsliebe

aufbieten müssen, um nicht vom Ekel übermannt zu werden, und ihre

ganze Kraft, um nicht erschöpft zusammenzubrechen, und ihren nimmer

versiegenden Glauben an Deutschlands Zukunft, um nicht daran zu

verzweifeln, in solchen Zeiten fühlte sich Gumposch am wohlsten.

Das Zielscheibesein für gewissenlose Angriffe oder für Pfeile aus dem

Hinterhalte war seiner Natur so recht entsprechend und stillte sein

Bedürfnis, ein Mittelpunkt zu sein.

In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, daß auch stumpfe

Naturen bei seinem Anblick in Bewegung gerieten, daß sonst

gleichgültige Bürger vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihm

begegneten, daß im Gasthause bei seinem Eintritte die Leute die Köpfe

zusammensteckten und es kam auch vor, daß der eine und andere ihm

lautes Lob erteilte.

Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt auf Kosten des Herrn Gumposch,

im Redaktionsfenster des »Dornsteiner Boten« nach ganz neuzeitlichen

Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem Glase auftauchten und

in diesem magischen Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, und war es

mit noch so wenig Stimmen des Durchfalles, dann bildete dieser Moment

einen schönen Abschluß beseligender Wochen. Man sieht, daß dieser Mann

ein Pol im Kreise der öffentlichen Interessen war, und darum noch

einmal: es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu reden.

Er stand vor der Tatsache, daß Herr Rechtspraktikant Tresser nach

einem heftigen Wortwechsel im überfüllten Höllbräusaale von Herrn

Pfaffinger geohrfeigt worden war, und er war keineswegs geneigt, diesen

Vorfall leicht zu nehmen oder ihn mit sattsam bekannten Vernunftgründen

aus der Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrüstung abtun

zu lassen.

Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal gegeben, an dem Leute

beteiligt waren, von denen der eine gewiß, der andere vielleicht zum

Verständnisse des tiefen Ernstes der Sache gebracht werden konnte.

Und Gumposch fühlte sogleich, daß er der Mann dazu war, diese

Angelegenheit in die Hand zu nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr

einen honetten Ausgang zu verschaffen.

War es ohne Bedeutung für den gebildeten Teil der Dornsteiner

Gesellschaft, wenn die bürgerliche Welt sah, daß dieses Renkontre nicht

anders und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa eine Schlägerei

in den niederen Schichten? War es ohne erzieherischen Wert, wenn das

Bürgertum einsehen lernte, daß zwischen seiner Auffassung von Händeln

und ihren Folgen und der Auffassung von satisfaktionsfähigen Männern

denn doch ein unüberbrückbarer Abgrund klaffte? War es zuletzt für die

Reputation der Stadt so gleichgültig, wenn hier Prügeleien nicht anders

bemessen wurden als in dem nächsten Bauerndorfe?

Noch einmal nein!

Hier war Gelegenheit geboten, mit höheren Ansichten durchzudringen,

dem Ehrenstandpunkte Geltung zu verschaffen gegenüber einer

Bevölkerung, die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu

sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.

Wenn diese Bevölkerung mit aus Grauen und Bewunderung gemischten

Empfindungen sehen mußte, daß in gewissen Sphären ein Mann eben doch

anders für seine Handlungen einzustehen habe als Krethi und Plethi --

jawohl Krethi und Plethi -- dann fiel von der abgerungenen Hochachtung

auch für den Mann ein gut Teil ab, der dem Ehrenstandpunkte zum Siege

verhalf und seine Zugehörigkeit zur besten Klasse klar und deutlich und

weithin sichtbar bewies.

Alle diese Gründe, in einem Selbstgespräche und vor dem Spiegel mit

Kraft vorgetragen, brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem

Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu schieben und das

pöbelhafte Ereignis auf ein höheres Niveau zu bringen.

Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. Daß Herr Tresser nicht

erst einer Überredung bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, war wohl

anzunehmen.

Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob Herr Georg Pfaffinger

nach Erziehung und Charakter in der Lage war, seine Pflicht zur

Genugtuung voll zu begreifen.

Hier also mußte der Leiter der Angelegenheit einsetzen.

Zum ersten war die Frage zu prüfen, ob der Brauereivolontär

satisfaktionsfähig war.

Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der Brauereiakademie den

Charakter einer Hochschule verliehen, und damit war offenbar nicht nur

dem Biersieder die Würde einer gelehrten Beschäftigung zugesprochen

worden, sondern auch den Kandidaten die Eigenschaft des akademischen

Bürgers.

Es bestand sohin gegründete Hoffnung, daß Herr Georg Pfaffinger auch

von strengen Beurteilern für satisfaktionsfähig betrachtet werden

konnte -- -- aber!

Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, in einem

Zeitpunkte, da sie für ihn brenzlich war, das mußte bezweifelt werden.

Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben wußte, kannte

Schorschl von einigen gemeinsamen Früh- und Abendschoppen her und hatte

einen Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes Wesen.

Der ungeschlachte Jüngling hatte von Welt und Menschen eine durchaus

bräuburschige Ansicht, und seiner Art lag es bestimmt näher,

Streitigkeiten mit Watschen als mit Pistolenschüssen auszutragen.

Vielleicht wäre jeder andere zurückgeschreckt vor der Aufgabe, einen

Pfaffinger über ritterliche Pflichten aufzuklären, vielleicht hätte

jeder andere dieses hoffnungslose und übel angebrachte Beginnen von

sich gewiesen, aber Gumposch hatte das stärkste Vertrauen auf die

Macht seiner Persönlichkeit, und er ging sogleich daran, sein Vorhaben

auszuführen.

Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt mit einem Zylinderhute,

und wenn dieser feierliche Aufzug an einem Werktage in Dornstein

Aufsehen erregen mußte, so war das ganz und gar nicht den Absichten des

Herrn Gumposch zuwider, denn er war nicht der Mann, eine so wichtige

Sendung in Heimlichkeit und Stille zu vollziehen.

Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag über den Stadtplatz

wandelte, verstärkte er so viel er nur konnte durch seine düstere Miene

die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte es gerne, daß man

die Hälse reckte und aus Fenstern nach ihm sah.

Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter ihm her, was denn los

wäre, und der Uhrmacher Haas nahm hastig das Vergrößerungsglas von

seinem Auge und humpelte ins Freie.

»Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch, is a Leich oder was?«

»Heut is keine Leich oder was,« sagte Gumposch ungnädig und wie ein

Mann, der nicht aufgehalten zu werden wünscht.

»Ja no! Weil S' an Bratlrock o'hamm. Machen S' an B'suach?«

»Besuch?«

Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher ins Auge und sagte, jede

Silbe betonend: »Jawohl, Herr Haas, ich mache einen Besuch!«

Haas verstand, daß hier irgend etwas im Hintergrunde lauere, und

erschrak beinahe darüber.

»S ... soo? Und bei wem, wenn i frag'n derf?«

»Sie dürfen eben nicht fragen.«

»Net?«

»Respektive,« sagte Herr Gumposch, »respektive ich darf Ihnen keine

Antwort nicht geben ...«

»Ja, aber ...«

»Was?«

»I moan, warum nacha net?«

»Weil es Dinge gibt, Herr Haas, über die man nicht spricht.«

Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe Wendung nach links in

die Hafnergasse und ließ den verblüfften Uhrmacher in tiefem Sinnen

stehen.

».... Wei ... weil ...?«

Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen

läßt, schlichter Bürger ...

Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit dem in die Stirne

gedrückten Zylinder, winken Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu,

der mit noch aufgekrempelten Ärmeln unter der Türe steht, wispert

miteinander, lacht oder klopft vielsagend an die Stirne, ihr ahnt es

nie, daß dieser Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod abhängen

kann!

Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch von hinten etwas anzusehen

wäre, was man Schicksalsschwere nennen könnte.

* * * * *

»Herein!«

Mit stark verschleimter Stimme: »Herein!«

Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem alle Haare wirr

durcheinander geraten waren, mühsam gegen die Türe hin und versuchte

es, die verklebten Augen zu öffnen.

Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau Margarete

Holdenried, die ihn eifrig und mehrmals anrief.

»Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!«

»Wos denn?«

»Da Herr Gumposch is da!«

»Da ... da ...?«

»Da Herr Gumposch!«

Das Erinnerungsvermögen Schorschels erstreckte sich offenbar nicht auf

diese bedeutende Persönlichkeit.

Er sagte »von mir aus!«, gähnte und drehte sich um.

»Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch möcht Ihnen doch sprechen!«

»Han?«

»Er muß Ihnen auf der Stell sprechen, hat er g'sagt ...«

»Mi?«

»Freilich, es muaß was Dringends sei ...«

»Er soll ma mei Ruah lass'n ...«

»Ja, aba, wenn er do sagt ...!«

»I steh net auf.«

Frau Holdenried stand ratlos unter der Tür und sah auf ihren

Zimmerherrn, der die Decke über die Schultern zog und zu schnarchen

anfing.

»Aba ...«

»Lassen S' mich nur herein,« sagte Herr Gumposch, schob sie höflich ein

wenig beiseite und betrat das Zimmer.

»Jessas, wia's aba da ausschaugt!« seufzte Frau Holdenried, »... und

... und ...« setzte sie bei und öffnete ein Fenster.

»Ich muß eine Viertelstund' allein sein mit 'n Herrn Pfaffinger,«

mahnte der Besucher.

»Aba wia's da ausschaugt!«

»Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb' ich gar nicht acht ...«

sagte Herr Gumposch.

»Ja no, wenn S' meinen, aba ...«

Frau Holdenried schüttelte mißbilligend das Haupt und übersah noch

einmal mit einem Blick die wüste Unordnung im Zimmer, hob die Weste vom

Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, schüttelte wieder das Haupt

und ging.

Es war still in dem Zimmer; vom Bett her tönte es leise und gleichmäßig

wie der Klang einer langsam gezogenen Säge.

»Herr Pfaffinger!«

Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, welche in den Kissen lag,

geriet nicht in die geringste Bewegung.

Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, einmal, zweimal, öfter.

»Herr Pfaffinger!«

Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob sich die Decke ein wenig

herunter, und langsam schob sich der Deckel des einen Auges so weit

hinauf, daß dieses verständnislos auf Herrn Gumposch starren konnte.

Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten in das Zimmer. Sein

Kinn stützte er fest auf die Hände, die er über der Krücke seines

Spazierstockes gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst und

unverwandt auf den jungen Menschen, dem er eine Pause gönnte, um die

Wichtigkeit des Augenblickes wie jene des Besuchers allmählich zu

begreifen.

Schorschl schloß vor den strengen Blicken des Herrn Gumposch die Augen

und öffnete sie nur zögernd wieder, und immer auf ein neues zeigte sich

darin Erstaunen über die Erscheinung des Sendboten der Ehre.

Dieser räusperte sich etliche Male und sagte mit tiefer Stimme:

»Ja, ja ... das ist eine böse Sache, Herr Pfaffinger!«

Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs geordnet aneinander.

»Wia?« fragte er.

»Sie haben sich was Böses eingerührt, gestern nachts ...«

Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, an eine Türe, die beim

Schließen ein wenig geächzt, an eine Hand, die ihn geführt hatte, die

Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen Hals geschlungen hatten,

tauchte in Herrn Pfaffinger auf und vermochte ihn, seine Augen weiter

zu öffnen.

Da saß vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst anblickte und beinahe

traurig mit dem Kopfe nickte ... irgendein Grund mußte ihn doch

hergeführt haben ... sollte wirklich der Vater was gemerkt ... die

Tochter was gestanden haben?

Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.

»Wia?« fragte er unsicher, beinahe ängstlich.

Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, sah wohl, daß seine

Anwesenheit Gemütsbewegungen verursachte, und das freute ihn und

erregte in ihm sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.

»Tja!« sagte er, »lieber Pfaffinger, wie stellen Sie sich das vor, daß

die Sach 'nausgeht?«

Wie stellte man sich das vor?

Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam auf ein paar

Möglichkeiten, Unannehmlichkeiten, auf Verdruß daheim, Verlust an Geld,

auf lange Weibsbilderreden.

Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch anrechnete, und da er

nun den Augenblick gekommen sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede

einfallen mußte, erhob er sich und wandelte im Zimmer hin und wieder

und war darauf bedacht, seine Perioden abzurunden.

»Da haben wir die alte Geschichte,« sagte er, »die Jugend, die einfach

... brrr ... drauf los stürmt, nichts überlegt, an keine Folgen nicht

denkt, hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am andern Tag auf,

dann kommt die Überlegung. Jetzt sieht der Mensch, was er für eine

Dummheit gemacht hat. Wie? Was sagen S'?«

Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte wohl etwas in die

Bettdecke hinein, aber es gehörte nicht unbedingt zur Sache und paßte

keineswegs zu dem würdigen Ton, den Herr Gumposch angeschlagen hatte

und festhielt. Bemerkenswert war nur, daß der junge Mensch in diesem

Augenblicke beschloß, faustdick zu lügen und nichts zu gestehen, nicht

das geringste zu gestehen und faustdick zu lügen. »Ja, da brummen Sie!«

konnte nun der Redner fortfahren, »das verdrießt Sie womöglich noch,

daß man Ihnen die Wahrheit sagt, aber die müssen Sie schon annehmen

von einem Manne, der das Leben kennt und der in solchen Dingen seine

Erfahrung hat. Seine reichliche Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und

Sie müssen ja nicht glauben, daß ich über die Sache urteile, wie ...

wie ... sagen wir ... ein Prolet oder ein Bürger ... Ich sage auch

nicht, daß so was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber Gott! Ich

war auch kein Guter, wie ich so alt war wie Sie, ich war ein verdammt

scharfer Kerl, das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe ich das

Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie müssen nicht glauben, daß ich

Ihnen Vorwürfe machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe,

Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...«

Schorschl fand, daß dieser Mann sehr lange brauchte, bis er die Katze

aus dem Sack ließ, und er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen,

wie er da auf und ab schritt und redete wie ein Buch.

Er sollte endlich einmal herausrücken mit der Farbe, damit man

frischweg lügen konnte ...

»Pfaffinger,« sagte Herr Gumposch nun väterlich und zutunlich und sah

den jungen Menschen wohlwollend an, »Pfaffinger, Sie betrachten sich

doch selber als satisfaktionsfähig?«

»... Wia?«

»Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule ist, nicht wahr, haben

doch die Angehörigen dieser Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das

Bestreben, als satisfaktionsfähig zu erscheinen ...?«

»Wia?«

Gumposch wurde ärgerlich.

»Also, das ist doch klar, daß Sie dem Herrn Rechtspraktikant Tresser

nicht bloß eine herunterhauen können und damit fertig! Wir leben doch

nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter den Bauern ...«

»Ja so!« Schorschl sagte es nicht eigentlich und deutlich. Seine

ganze ängstliche Spannung löste sich auf in einem »Ja so!« Er rutschte

mit einem kaum zu beschreibenden wohligen Gefühle tiefer unter die

Decke, er streckte froh und erleichtert die Beine aus und spielte

behaglich mit den Zehen und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes

Wesen war nur ein »Ja so!« »Wir leben doch nicht unter den Aschantis!«

wiederholte Gumposch, der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte,

weil er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder aufnahm. »Wenn ihr

Weihenstephaner das Bestreben habt, unter die Gebildeten aufgenommen

zu werden, so müßt ihr auch klar sein, daß es hier, daß es in solchen

Dingen nur ein Entweder -- Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man

gehört zu den Leuten, welche die Verantwortung für ihre Handlungen auf

sich nehmen. Ist man Knote, will man Knote sein, -- gut! Dann war es

nicht notwendig, daß ich mich hierher bemüht habe, dann war es sehr

überflüssig, sich den Rat eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf

gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen. Dann war

es ganz und gar nicht angebracht, sage ich, einem solchen Manne die

Entscheidung zu überlassen, die Entscheidung darüber, ob hier anständig

oder proletenhaft, jawohl, ich sage proletenhaft, verfahren werden

soll; denn darüber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten sind,

und jedenfalls würde ich es mir ganz energisch verbitten, in diesem

Punkte Zweifel zu haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach:

»Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, Herr Pfaffinger? Ja

oder nein?«

Es ertönte weder das eine noch das andere. Sondern, erst leise

einsetzend, dann zäh und wuchtig, als gelte es, Verlorenes nachzuholen,

schnarchte der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie uneigennützig

ins Gewissen geredet worden war. Schnarchte dergestalt, daß jede

Aussicht auch auf zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien.

Gumposch war mehr als indigniert, er war angefüllt mit Verachtung. Er

nahm Stock und Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen stechenden

Blick auf diese jedes Pflichtgefühles bare und trotzdem in tiefstes

Behagen versunkene Masse.

»Also Knote!« sagte er und ging.

* * * * *

Aber, wie gesagt, über all dem darf man nicht vergessen, daß

ein Mitglied der besseren Stände, und einer, dem die Laufbahn im

Staatsdienste eröffnet war, vor einem zusehenden Publikum das erhalten

hatte, was auch eifrigste Beschönigung eine Maulschelle heißen mußte.

Daß sie nicht einfach hingenommen werden konnte, war die Meinung aller

Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gänzlich unter Aktenstaub

erloschen war, und so konnte denn ein aufmerksamer Beobachter wohl

bemerken, daß zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter Frühschoppen

im Gasthofe zur Post herrschte. Der gebildete Teil der Bevölkerung

trank hier ein Glas Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit einem

Gefühle, das man seiner weisen Mäßigung halber Indignation nennen

könnte.

Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch erklärte, daß der

ungehobelte Flegel, nämlich Herr Georg Pfaffinger, nicht das geringste

Verständnis für das Wesen der Satisfaktion besitze.

Solange darüber nicht Klarheit herrschte, hatten die alten

Studenten und freien Burschen das unangenehme Nebengefühl gehabt,

daß ein Waffengang in Dornstein auch für entfernt Beteiligte große

Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könne. Jetzt, da für ängstliche

Bedenken kein Platz mehr war, traute sich bei Oberamtsrichter

Herzensfroh wie bei jedem der tiefe Ingrimm über den Lümmel hervor. Man

war sich sogleich darüber einig, daß unter diesen Umständen dem ganzen

klobigen Spießbürgertum ein heilsamer Schrecken eingejagt werden müsse

durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.

Natürlich würde sie Pfaffinger nicht annehmen, wie Herr Gumposch immer

wieder versicherte, aber die bange Erkenntnis würde in ihm aufdämmern,

daß er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, deren scharfkantige

Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen mußten. Ihm und den anderen, die

gegenüber von der Post beim Lammwirt saßen und, wie man recht gut

wußte, ein unflätiges Vergnügen an dem bisherigen Gang der Ereignisse

bezeigten.

Also über diese Notwendigkeit war man sogleich einig, und nun warf

Oberamtsrichter Herzensfroh die wichtige Frage auf, wer das Amt

des Kartellträgers, des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen

Kartellträgers übernehmen sollte.

In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: Anton Gumposch und der

pensionierte Leutnant Hans Mühlritter, denn es stand fest, daß kein

Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil die Expedition nicht

geheimbleiben konnte und sollte.

Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen Pflichten vertrauter

Mann, mußte die Wahl ablehnen, da er schon in anderer Eigenschaft, als

Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, nämlich Herrn Georg

Pfaffinger, nähergetreten war, und so blieb nur Mühlritter übrig, der,

ohne einen Augenblick zu zögern, seine Zusage gab.

»Für einen alten Soldaten,« sagte er, »gibt es da kein langes hin

und her. Man stellt sich auf den Posten. _Bong!_« Alle dankten ihm

herzlich, fast lärmend, und Gumposch, der, wie immer, den günstigen

Augenblick ersah und das Richtige traf, bestellte eine Flasche guten

Rheinweines.

Unter ihrem Einflusse wurde Mühlritter sehr gesprächig, und da er

in seinem Leben wohl nie derartig in den Mittelpunkt des Interesses

gestellt gewesen war, nützte er diese einzige und späte Gelegenheit

nach Kräften aus.

Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, als Inspektor einer

Lebensversicherung Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft

hatte er sich eine hinströmende und bilderreiche Redeweise angeeignet.

So verbreitete er also eine Atmosphäre von Ritterlichkeit und rauher

Soldateska um sich und gab zu verstehen, daß solche Gänge, wie der

vorhabende, zu seinen Gewohnheiten gehört hätten in jenen Tagen, die er

mit Zungenschnalzen und Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit

hieß.

Da Gumposch fleißig einschenkte und die Tafelrunde ihn mit

Wohlwollen anhörte, geriet er immer tiefer in seine waffenklirrende

Vergangenheit und berichtete Abenteuer, als wäre er bei Pappenheims

Kürassieren gestanden und nicht im glorreichen Jahr 1866 zum Leutnant

auf Kriegsdauer ernannt worden, und er überschüttete die Krämer,

Brezelbäcker und Kälberstecher Dornsteins mit unsäglicher Verachtung,

ganz vergessend, daß sie seine Mitbürger und Gläubiger waren.

Als die Mittagsglocke läutete, erwachten alle Familienväter aus ihren

Heldenträumen und erhoben sich.

Junker Hans Mühlritter sah jedem vielversprechend ins Auge und teilte

derbe Händedrücke aus und vermaß sich noch einmal und immer wieder,

er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein anschüren, an dem die

Frechheit Pfaffingers wie Butterschmalz zergehen werde.

Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der Leutnant-Inspektor,

Anton Gumposch und Tresser.

Die Gläser klangen hell und häufig aneinander, und Mühlritter trank,

wie es recht war, Bruderschaft mit dem Jüngling, dessen Fehdebrief er

dem Gegner überbringen sollte, und der Korpsphilister Gumposch hielt

nicht an sich, sondern bot dem alten Kriegsknecht das traute »Du« an

und küßte ihn auf das weinsäuerlich duftende Maul.

Und ein rauhes Wort gab das andere, und jugendliche Abenteuer tauchten

auf und verschwanden wieder im Nebel des Zigarrenrauches, und Tresser

versank in tiefe Traurigkeit darüber, daß sein Feind nicht auf dem Plan

erscheinen werde.

»Und nacha,« so erzählt die Kellnerin Zenzi, »und nacha hat der Herr

Gumposch an Schampaniger zahlt, und da san 's allaweil b'suffener worn,

und der notige Leitnant is auf an Sessel durchs Zimmer g'ritt'n und

hat kummadiert, und de andern san hinter eahm drei' g'ritt'n, und wenn

er Galopp g'schriean hat, sans mit die Stühl so umanandbockelt, daß

zwoa brocha san, und g'sunga ham 's, und da Herr Gumposch hat mit sein

Steck'n umanandg'fuchtelt, als wenn er an Sabl in da Hand hätt', und

nacha hat er a Lamp'n aba g'haut, und nacha san 's hoam.«

* * * * *

Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, sondern Junker Hans

marschierte über den Stadtplatz, und obwohl er krampfhaft sein Ziel,

den Eingang der Hafnergasse, ins Auge faßte, landete er dennoch in

schräger Linie seitab davon auf dem jenseitigen Bürgersteig und

gelangte erst nach mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der Frau

Holdenried, welche erschrocken über den heftigen Klang der Glocke

herausstürzte.

Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft Bolivia

gab sich die größte Mühe, finster und ahnungsschwer auszusehen und das

selige Lächeln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.

Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser Georg Pfaffinger anwesend

und gegenwärtig sei.

»Nein, der komme erst in einer guten Stunde heim, und Jessas -- Jessas

na! was es denn schon wieder gebe?«

»Nichts für Weiber!« war die Antwort, und da schaute nun die gute

Witwe Holdenried dem über die Treppe hinab Polternden in banger, aber

ungestillter Neugierde nach und faltete die Hände ineinander, wie es

die Frauenzimmer in solchen Lagen tun.

»Jessas na! Also seit zwei Täg' is keine Ruh und kein Fried mehr im

Haus ...«

Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche

durch den lauten Abstieg Mühlritters in Argwohn versetzt worden war,

aus ihrer Wohnung.

»Was gibt's denn, Frau Holdenried?«

»Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat

nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt ...«

»Der Mühlritter?«

»Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt

hat ... na ... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr

krieg'n derf ...«

Nachbarsleute · 第 1 / 7 段