Ihr ergebenster

Josef Kürschner.

Das Honorar, welches ich von Pustet bekam, war

gegen diese tausend Mark so unbedeutend, daß ich mich

scheue, seinen Betrag hier zu nennen. Wenn ich Pustet

trotzdem vorgezogen habe, so ist das ein gewiß wohl mehr

als hinreichender Beweis, daß ich für den "Hausschatz"

nicht geschrieben habe, um "mehr Geld zu machen, als

ich von Andern bekam". Auch meine andern Verleger

zahlten bedeutend mehr als Pustet. Das muß ich, um

diesen böswilligen Ausstreuungen zu begegnen, hiermit

konstatieren. Ueber den Inhalt dieser meiner

Hausschatzerzählungen berichte ich an anderer Stelle. Ich habe,

der Logik der Tatsachen gehorchend, mich von Pustet

zurück zu Münchmeyer zu wenden.

Es war ihm Jahre 1882, als ich mit meiner Frau

auf einer Erholungstour nach Dresden kam. Ich hatte

ihr Münchmeyer so lebhaft geschildert, daß sie sich ein

ganz richtiges Bild von ihm machen konnte, obgleich sie

ihn noch nicht gesehen hatte. Sie wünschte aber sehr,

ihn kennen zu lernen, von dem ihr auch Andere gesagt

hatten, daß er ein hübscher Kerl, ein glanzvoller Unterhalter

und für schöne Frauen begeistert sei. Er pflegte

in dieser Jahreszeit um die Dämmerstunde in einer

bestimmten Gartenrestauration zu verkehren. Als ich ihr

das sagte, bat sie mich, sie hinzuführen. Ich tat es,

obgleich es mir widerstrebte, ihm diejenige zu zeigen, die ich

seiner Schwägerin vorgezogen hatte. Ich hatte mich

nicht geirrt. Er war da. Der einzige Gast im ganzen

Garten. Die Freude, mich wiederzusehen, war aufrichtig;

das sah man ihm an. Aber gab es nicht vielleicht auch

geschäftliche Ursachen zu dieser Freude? Er hatte gar

so zusammengedrückt und niedergeschlagen dagesessen, den

Kopf in beide Hände gelegt. Nun aber war er plötzlich

froh und munter. Er strahlte vor Vergnügen. Er

machte mir in seiner Kolportageweise die unmöglichsten

Komplimente, eine so schöne Frau zu haben, und meiner

Frau gratulierte er in denselben Ausdrücken zu dem

Glück, einen so schnell berühmt gewordenen Mann zu

besitzen. Er kannte meine Erfolge, übertrieb sie aber,

um uns beiden zu schmeicheln. Er machte Eindruck auf

meine Frau, und sie ebenso auf ihn. Er begann, zu

schwärmen, und er begann, aufrichtig zu werden. Sie

sei schön wie ein Engel, und sie solle sein Rettungsengel

werden, ja, sein Rettungsengel, den er brauche in seiner

jetzigen großen Not. Sie könne ihn retten, indem sie

mich bitte, einen Roman für ihn zu schreiben. Und nun

erzählte er:

Als ich aus seinem Geschäft getreten war, hatte er

keinen passenden Redakteur für die von mir gegründeten

Blätter gefunden. Er selbst verstand nicht, zu redigieren.

Sie verloren sehr schnell ihren Wert; die Abonnenten

fielen ab; sie gingen ein. Dabei blieb es aber nicht. Es

wollte überhaupt nichts mehr gelingen. Verlust folgte

auf Verlust, und jetzt stand es so, daß er die Hamletfrage

Sein oder Nichtsein nicht länger von sich weisen

konnte. Er habe soeben, in diesem Augenblick, darüber

nachgedacht, durch wen oder was er Rettung finden könne,

doch vergeblich. Da seien wir beide gekommen, grad wie

vom Himmel geschickt. Und nun wisse er, daß er gerettet

werde, nämlich durch mich, durch einen Roman von mir,

durch meine schöne, junge, liebe, gute Herzensfrau, die

mir keine Ruhe lassen werde, bis dieser Roman in seinen

Händen sei. Der Pfiffikus hatte sich durch diese derben

Lobeserhebungen der Mithilfe meiner unerfahrenen Frau

vollständig versichert. Er drang in mich, ihm seinen Wunsch

zu erfüllen, und sie bat mit. Er stellte mir klugerweise

vor, daß eigentlich nur ich schuld an seiner jetzigen schlimmen

Lage sei. Vor sechs Jahren habe alles außerordentlich

gut gestanden; aber daß ich seine Schwägerin nicht habe

heiraten wollen und aus der Redaktion gegangen sei, das

habe alles in das Gegenteil verwandelt. Um das wieder

gut zu machen, sei ich also moralisch geradezu verpflichtet,

ihm jetzt unter die Arme zu greifen.

Was diesen letzteren Gedanken betraf, so fühlte ich

gar wohl, daß etwas Wahres daran sei. Man hatte

damals meine Bereitwilligkeit, die Schwester der Frau

Münchmeyer zu heiraten, für so selbstverständlich gehalten,

daß überall davon gesprochen worden war. Dadurch, daß

ich den Plan zurückwies, hatte nicht nur dieses Mädchen,

sondern auch die ganze Familie eine beinahe öffentliche

Zurücksetzung erlitten, an der ich zwar nicht die Schuld

trug, die mich aber geneigt machte, Münchmeyer als Ersatz

dafür irgend eine Liebe zu erweisen. Hierzu kam, daß

wir uns nicht gezankt hatten, sondern als Freunde

auseinander gegangen waren. Es konnte also wohl einen

geschäftlichen, nicht aber einen persönlichen Grund geben,

seinen Wunsch zurückzuweisen. Aber auch in geschäftlicher

Beziehung lag kein zwingender Grund vor, mich zu weigern.

Zeit hatte ich; ich brauchte sie mir nur zu nehmen. In

dem Umstand, daß Münchmeyer Kolportageverleger war,

lag kein Zwang für mich, ihm nun auch meinerseits nichts

Anderes als nur einen Schund- und Kolportageroman zu

schreiben. Es konnte etwas Besseres sein, eine organische

Folge von Reiseerzählungen, wie ich sie Pustet und anderen

Verlegern lieferte. Tat ich das, so war damit zugleich

auch meinem Lebenswerke gedient, und ich konnte das,

was ich für Münchmeyer schrieb, ganz ebenso später für

mich in Bänden erscheinen lassen, wie das für meine

Hausschatzerzählungen bestimmt worden war.

Diese Erwägungen gingen mir durch den Kopf, während

Münchmeyer und meine Frau auf mich einsprachen.

Ich erklärte schließlich, daß ich mich vielleicht entschließen

können, den gewünschten Roman zu schreiben, doch nur

unter der Bedingung, daß er nach einer bestimmten Zeit

mit sämtlichen Rechten wieder an mich zurückfalle. Es

dürfe an meinem Manuskripte absolut kein Wort geändert

werden; das wisse er ja von früher her. Münchmeyer

erklärte, hierauf einzugehen, doch möge ich ihn mit dem

Honorar nicht drücken. Er sei in Not und könne nicht

viel zahlen. Später, wenn mein Roman gut einschlage,

könne er das durch eine "feine Gratifikation" ausgleichen.

Das klang ja gut. Er bat, ihm keine Zeit zu setzen, an

welcher der Roman wieder an mich zurückzufallen habe,

sondern lieber eine Abonnentenzahl, nach welcher, sobald

sie erreicht worden sei, er aufzuhören und mir meine Rechte

wiederzugeben habe. Er berechnete, daß er mit sechs- bis

siebentausend Abonnenten auf seine Rechnung komme;

was darüber hinausgehe, sei Verdienst. Darum schlug

ich vor, im Falle, daß ich den Roman schreiben werde,

solle Münchmeyer bis zum zwanzigtausendsten Abonnenten

gehen dürfen, weiter nicht; dann habe er mir eine "feine

Gratifikation" zu zahlen, und der Roman falle mit allen

Rechten an mich zurück. Ob ich ihn dann gegen das

entsprechende Honorar bei ihm oder bei einem anderen

Verleger weiter erscheinen lasse, sei lediglich meine Sache.

Hierauf ging Münchmeyer sofort ein, ich aber gab meine

Zusage noch nicht definitiv; ich erklärte, mir die Sache

erst noch reiflich überlegen und meine Entscheidung dann

morgen geben zu wollen.

Münchmeyer kam schon am folgenden Morgen in unser

Hotel, um sich meinen Bescheid zu holen. Ich sagte ja,

halb freiwillig und halb gezwungen. Meine Frau hatte

nicht nachgelassen, bis ich ihr das Versprechen gab, ihm

seinen Wunsch zu erfüllen. Er bekam den Roman zu den

erwünschten Bedingungen, nämlich nur bis zum

zwanzigtausendsten Abonnenten. Dafür hatte er für die Nummer

35 Mark zu bezahlen und beim Schluß eine "feine

Gratifikation". Er gab den Handschlag. Unser Kontrakt

war also kein schriftlicher, sondern ein mündlicher. Er sagte,

wir seien beide ehrliche Männer und würden einander

nie betrügen. Es klinge für ihn wie eine Beleidigung,

von ihm eine Unterschrift zu verlangen. Ich ging aus

zwei guten Gründen hierauf ein. Nämlich erstens durften

nach damaligem sächsischem Gesetz bei Mangel eines

Kontrakts überhaupt nur tausend Exemplare gedruckt werden;

Münchmeyer hätte sich also, wenn er unehrlich sein wollte,

nur selbst betrogen; so dachte ich. Und zweitens konnte

ich mir den fehlenden schriftlichen Kontrakt sehr leicht und

unauffällig durch Briefe verschaffen. Ich brauchte meine

Geschäftsbriefe an Münchmeyer sehr einfach nur so

einzurichten, daß seine Antworten nach und nach Alles

enthielten, was zwischen uns ausgemacht worden war. Das

habe ich denn auch getan und seine Antworten mir heilig

aufgehoben.

Er wünschte sehr, daß ich mit dem Roman sofort

beginne. Ich tat ihm diesen Gefallen und kehrte schleunigst

nach Hohenstein zurück, um unverweilt anzufangen. Meine

Frau trieb fast noch mehr als Münchmeyer selbst. Er

hatte eine persönliche Vorliebe für den nichtssagenden

Titel "Das Waldröschen". Ich ging auch hierauf ein,

hütete mich aber, ihm sonst noch irgendwelche Konzessionen

zu machen. Schon nach einigen Wochen kamen günstige

Nachrichten. Der Roman "ging". Dieses "ging" ist ein

Fachausdruck, welcher einen nicht gewöhnlichen Erfolg

bedeutet. Ich bekam weder Korrektur noch Revision zu

lesen, und das war mir ganz lieb, denn ich hatte keine

Zeit dazu. Beleghefte gingen mir nicht zu, weil sie mich

verzettelt hätten. Ich sollte meine Freiexemplare nach

Vollendung des Romans gleich komplett bekommen. Damit

war ich einverstanden. Freilich bekam ich dadurch keine

Gelegenheit, mein Originalmanuskript mit dem Druck zu

vergleichen, aber das machte mir keine Sorge. Es war

ja bestimmt worden, daß mir kein Wort geändert werden

dürfe, und ich besaß damals die Vertrauensseligkeit, dies

für genügend zu halten.

Der Erfolg des "Waldröschens" schien nicht nur ein

guter, sondern ein ungewöhnlicher zu werden. Münchmeyer

zeigte sich in seinen Briefen sehr zufrieden. Er

schrieb wiederholt, daß er sich schon jetzt, nach so kurzer

Zeit für gerettet halte, denn er hoffe doch, daß der Roman

so zugkräftig bleibe, wie er bis jetzt gewesen sei. Er regte

den Gedanken an, daß wir nicht in Hohenstein bleiben,

sondern nach Dresden ziehen möchten, da er mich in seiner

Nähe haben wolle. Meine Frau griff diesen Gedanken

mit Begeisterung auf und sorgte dafür, daß er so schnell

wie möglich ausgeführt wurde. Ich sträubte mich keineswegs.

Hatte ich doch während der Hohensteiner Zeit mehr

und mehr an jene Warnung denken müssen, welche in dem

Buche des Katecheten zu lesen gewesen war. Ich hatte,

dieser Warnung zum Trotz, mich nicht nur an der Stelle,

an der ich geboren worden war, seßhaft niedergelassen,

sondern mir auch eine Frau von dort genommen. Ich

war für einige Zeit geneigt gewesen, den Inhalt dieser

Buchstelle als Aberglauben zu betrachten, sah sie aber

gar bald wieder mit dem Auge des Psychologen an und

wurde sodann durch die Schwere der Tatsachen gezwungen,

einzusehen, daß ein einzelner Schwimmer unbedingt leichter

über trübe Gewässer hinüberlangt, als wenn er eine

zweite Person mitzunehmen hat, die weder schwimmen

kann noch schwimmen will. Darum war mir diese

Ortsveränderung ganz recht, doch zog ich aus Vorsicht nicht

nach Dresden selbst, sondern nach Blasewitz, um mir

Ellbogenfreiheit zu sichern. Münchmeyer stellte sich auch da

sofort ein, und zwar wöchentlich mehrere Male. Es entwickelte

sich ein anfangs ganz förderlicher Verkehr zwischen

ihm und uns. Ich arbeitete so, daß ich mir fast keine

Ruhe gönnte. Der Roman schritt sehr schnell vorwärts,

und sein Erfolg wuchs derart, daß Münchmeyer mich bat,

noch einen zweiten und womöglich noch einige weitere

zu schreiben. Ich ahnte nicht, daß meine Entscheidung

über diesen seinen Wunsch eine für mich hochwichtige sei

und daß sie mir, falls sie bejahend ausfallen sollte, zu

einer Quelle unsagbaren Elendes und unaussprechlicher

Qual werden könne. Ich betrachtete nur die angeblichen

Vorteile, sah aber nicht die Gefahr.

Diese Gefahr entwickelte sich, wie schon einmal, aus

meinen literarischen Plänen heraus. Münchmeyer hatte

diese Pläne nicht vergessen; er kannte sie noch ganz gut.

Er erinnerte mich jetzt an sie. Ich hatte sie damals nicht

ausführen können, weil ich meine Stellung bei ihm aufgab.

Jetzt aber war ich kein Angestellter, sondern ein

freier Mann, der durch nichts verhindert werden konnte,

das zu tun, was ihm beliebte. Und die Hauptsache, ich

brauchte das, was ich schreiben wollte, nicht, wie bei

Pustet, auf viele Jahrgänge auseinander zu dehnen, sondern

ich konnte es flottweg hintereinander schreiben, um das,

was jetzt als Heftroman erschien, später in Buchform

herauszugeben. Das bestrickte mich. Hierzu kam das

beständige Zureden meiner Frau, welche die geringen Einwände,

die ich zu erheben hatte, sehr leicht zum Schweigen

brachte. Kurz, ich gab meine Zustimmung, noch einige

Roman zu schreiben, und zwar zu ganz denselben Bedingungen

wie das "Waldröschen". Diese Arbeiten hatten

mir also auch nach dem zwanzigtausendsten Abonnenten

mit allen Rechten wieder zuzufallen, und dann war mir

eine "feine Gratifikation" zu zahlen. Es gab nur eine

einzige Aenderung, nämlich die, daß ich für diese Romane

ein Honorar von fünfzig Mark pro Heft bezog, anstatt

nur fünfunddreißig bei dem "Waldröschen".

Infolge dieser Abmachungen begann für mich von

jetzt an eine Zeit, an die ich heut nicht ohne Genugtuung,

zugleich aber auch nicht ohne tiefe Beschämung denken

kann. Ich frage nicht, ob ich mich durch diese Aufrichtigkeit

blamiere; meine Pflicht ist, die Wahrheit zu sagen, weiter

nichts. Es war ein fast fieberhafter Fleiß, mit dem ich

damals arbeitete. Ich brauchte nicht, wie andere

Schriftsteller, mühsam nach Sujets zu suchen; ich hatte mir ja

reichhaltige Verzeichnisse von ihnen angelegt, in die ich

nur zu greifen brauchte, um sofort zu finden, was ich

suchte. Und sie alle waren schon fertig durchdacht; ich

hatte nur auszuführen; ich brauchte nur zu schreiben.

Und dieses letztere tat ich mit einem Eifer, der mich weder

rechts noch links schauen ließ, und grad das, das war

es, was ich wollte. Ich hatte einsehen müssen, daß es

für mich kein anderes Glück im Leben gab, als nur das,

welches aus der Arbeit fließt. Darum arbeitete ich, so

viel und so gern, so gern! Dieser ruhelose Fleiß ermöglichte

es mir, zu vergessen, daß ich mich in meinem Lebensglück

geirrt hatte und noch viel, viel einsamer lebte, als es

vorher jemals der Fall gewesen war. Dieses tiefe, innere

Verlassensein drängte mich, um die trostlose Oede auszufüllen,

zu rastlosem Fleiße und machte mich leider gleichgültig

gegen die Notwendigkeit, geschäftlich vorsichtig zu

sein. Es kam bei Münchmeyer so viel vor, was mich

veranlassen konnte, auf der Hut zu sein, daß mehr als

genugsam Grund vorlag, die Zukunft und Integrität alles

dessen, was ich für ihn schrieb, so sicher wie möglich zu

stellen. Daß ich hieran nicht dachte, war ein Fehler, den

ich zwar entschuldigen, mir aber selbst heut noch nicht

verzeihen kann.

Münchmeyer war Hausfreund bei uns geworden.

Er hatte sich in Blasewitz eine Art Garçonlogis gemietet,

um seine Sonnabende und Sonntage bequemer bei uns

verbringen zu können. Er kam auch an Abenden der

andern Tage und brachte fast immer seinen Bruder, sehr

oft auch andere Personen mit. Er wünschte zwar, daß

ich mich dadurch ja nicht in meiner Arbeit stören lassen

möge, doch konnte mich das nicht hindern, Herr meiner

Wohnung zu bleiben und dann, als mir dies nicht mehr

möglich erschien, diese Wohnung aufzugeben und aus

Blasewitz fort, nach der Stadt zu ziehen. Meine neue

Wohnung lag in einer der stillsten, abgelegensten Straßen,

und mein neuer Wirt, ein sehr energischer Schloß- und

Rittergutsbesitzer, duldete keinen ruhestörenden Lärm und

überhaupt keine Ueberflüssigkeiten in seinem Hause. Grad

das war es, was ich suchte. Ich fand da die innere und

äußere Stille und die Sammlung, die ich brauchte.

Münchmeyer kam noch einige Male, dann nicht mehr. Dafür

aber stellten, ich wußte nicht, warum, sich Einladungen

von Frau Münchmeyer ein, sie auf ihren Sonntagswanderungen

durch Wald und Heide zu begleiten. Diese

Wanderungen waren ihr vom Arzt geraten, der ihr tiefe

Lufteinatmung verordnet hatte. Ich mußte mich wohl

oder übel an ihnen beteiligen, weil dies der Wunsch

meiner Frau war, deren Gründe ich leider nicht zu würdigen

verstand. Sie fand sich nicht in die Abgeschiedenheit unserer

jetzigen Wohnung; sie entzweite sich mit dem Wirte. Ich

mußte kündigen. Wir zogen aus, nach einer Radauwohnung

des amerikanischen Viertels, die über einer Kneipe

lag, so daß ich nicht arbeiten konnte. Da wurde sie krank.

Der Arzt riet ihr sehr frühe Spaziergänge nach dem großen

Garten, dem weltbekannten Dresdener Park. Solchen

ärztlichen Verordnungen hat man zu gehorchen. Es gab

für mich keinen Grund, diese Spaziergänge zu verhindern,

die morgens vier bis fünf Uhr begannen und ungefähr

drei Stunden währten. Ich wußte nicht, daß Frau

Münchmeyer auch nicht gesund war und daß auch sie

von ihrem Arzt die Weisung erhalten hatte, frühe

Morgenspaziergänge nach dem Großen Garten zu machen. Erst

nach langer, sehr langer Zeit erfuhr ich, was während

dieser Spaziergänge geschehen war. Meine Frau war

mir nicht nur seelisch, sondern auch geschäftlich verloren

gegangen. Die beiden Damen saßen tagtäglich früh morgens

in einer Konditorei des großen Gartens und trieben eine

Hausfrauen- und Geschäftspolitik, deren Wirkungen ich

erst später verspürte. Ich machte Schluß und zog von

Dresden fort, nach Kötzschenbroda, dem äußersten Punkt

seiner Vorortsperipherie.

Schon vorher war ich mit meinem letzten Romane

für Münchmeyer fertig geworden. Ich hatte ihm fünf

geschrieben, in der Zeit von nur vier Jahren. Wenn

man später vor Gericht behauptet hat, daß ich für Münchmeyer

nicht fleißig, sondern faul gewesen sei, so bitte ich,

mir einen Verfasser zu nennen, der mehr geleistet und

zugleich auch noch für andere Verleger gearbeitet hat.

Hiermit sei für heut mit meiner "Kolportagezeit"

abgeschlossen. -- -- --

_________

VII.

Meine Werke.

_____

Wenn ich hier von meinen Werken spreche, so meine ich

diejenigen meiner Bücher, mit denen sich die Kritik

beschäftigt hat oder noch beschäftigt. Diejenigen, über

welche die Kritik, ob mit oder ohne Absicht, geschwiegen

hat, können auch hier übergangen werden. Zu diesen

gehören meine Humoresken, meine erzgebirgischen

Dorfgeschichten und einige andere Sachen, die noch in den

Zeitungen verborgen liegen, ohne gesammelt worden zu

sein. Ich könnte hierzu auch noch meine "Himmelsgedanken"

rechnen, die man nicht erwähnen zu wollen scheint, seit

es Herrn Herman [sic] Cardauns passierte, daß er sich mit

ihnen so wundersam blamierte. Er schrieb bekanntlich:

"Als lyrischen Dichter aber müssen wir uns ihn verbitten,"

obgleich sich in dieser ganzen Sammlung nicht ein einziges

lyrisches Gedicht befindet! Auch meine sogenannten "Union-

oder Spemannbände" brauche ich hier nicht zu besprechen,

weil man sie nirgends angegriffen hat, obgleich ich nur

als Jugendschriftsteller angegriffen werde und sie die

einzigen Sachen sind, die ich für die Jugend geschrieben

habe. Es handelt sich also nur um die Fehsenfeldschen

"Reiseerzählungen" und um die bei Münchmeyer

erschienenen "Schundromane", welch letztere im nächsten

Kapitel behandelt werden.

Meine "Reiseerzählungen" haben, wie bereits erwähnt,

bei den Arabern von der Wüste bis zum Dschebel Marah

Durimeh und bei den Indianern von dem Urwald und

der Prärie bis zum Mount Winnetou aufzusteigen. Auf

diesem Wege soll der Leser vom niedrigen Anima-Menschen

bis zur Erkenntnis des Edelmenschentums gelangen.

Zugleich soll er erfahren, wie die Anima sich auf diesem

Wege in Seele und Geist verwandelt. Darum beginnen

diese Erzählungen mit dem ersten Bande in der "Wüste".

In der Wüste, d. i. in dem Nichts, in der völligen

Unwissenheit über Alles, was die Anima, die Seele und

den Geist betrifft. Indem mein Kara Ben Nemsi, das

"Ich", die Menschheitsfrage, in diese Wüste tritt und die

Augen öffnet, ist das Erste, was sich sehen läßt, ein

sonderbarer, kleiner Kerl, der ihm auf einem großen

Pferde entgegengeritten kommt, sich einen langen berühmten

Namen beilegt und gar noch behauptet, daß er Hadschi

sei, obgleich er schließlich zugeben muß, daß er noch

niemals in einer der heiligen Städte des Islams war, wo

man sich den Ehrentitel eines Hadschi erwirbt. Man

sieht, daß ich ein echt deutsches, also einheimisches,

psychologisches Rätsel in ein fremdes orientalisches Gewand

kleide, um es interessanter machen und anschaulicher lösen

zu können. Das ist es, was ich meine, wenn ich behaupte,

daß alle diese Reiseerzählungen als Gleichnisse, also bildlich

resp. symbolisch zu nehmen sind. Von einem Mystizismus

oder dergleichen kann dabei gar keine Rede sein.

Meine Bilder sind so klar, so durchsichtig, daß sich hinter

ihnen gar nichts Mystisches zu verstecken vermag.

Dieser Hadschi, der sich Hadschi Halef Omar nennt

und auch seinen Vater und Großvater noch als Hadschis

hinten anfügt, bedeutet die menschliche Anima, die sich

für die Seele oder gar für den Geist ausgibt, ohne selbst

zu wissen, was man unter Seele oder Geist zu verstehen

hat. Dies geschieht bei uns nicht nur im gewöhnlichen,

sondern auch im gelehrten Leben alltäglich, aber man

ist derart blind für diesen Fehler, daß ich eben arabische

Personen und arabische Zustände herbeiziehen muß, um

diese blinden Augen sehend zu machen. Ich schicke darum

diesen Halef gleich in den ersten Kapiteln nach Mekka,

wodurch seine Lüge zur Wahrheit wird, weil er nun

wirklich Hadschi ist, und lasse ihn dann sofort seine

"Seele" kennen lernen -- -- -- Hannah [sic], sein Weib.

Ich hoffe, dieses Beispiel, welches ich gleich meinem

ersten Bande entnehme, sagt deutlich, was ich will und

wie man meine Bücher lesen muß, um ihren wirklichen

Inhalt kennen zu lernen. Ein zweites Beispiel mag

folgen: Kara Ben Nemsi befindet sich bei dem persischen

Stamme der Dschamikun. Dieser Stamm soll von dem

Volke der Sillan vernichtet werden. Da schickt der

Ustad, der Oberste der Dschamikun, einen Boten zum

Schah, um ihn um Hilfe zu bitten. Dieser Bote hat

aber den Schah noch nicht erreicht, so kommen ihm schon

die Heerscharen desselben entgegen, die ihm sagen, daß

sie vom Schah gesandt worden seien, den Dschamikun

Hilfe zu bringen. Der Schah hat also die Bitte des

Ustad erhört, noch ehe sie zu ihm gelangte. Der Schah

ist aber Gott, und so interpretiere ich durch diese

Erzählung die christliche Liebe vom Gebete in Math. 6,8:

"Euer Vater weiß, was Ihr bedürfet, ehe Ihr ihn

bittet!" Uebrigens ist der Ustad kein Anderer als Karl

May, und die Dschamikun sind das Volk seiner Leser,

welches von den Sillan vernichtet werden soll. Ich

erzähle also rein deutsche Begebenheiten im persischen

Gewande und mache sie dadurch für Freund und Feind

verständlich. Ist das nicht Gleichnis? Nicht bildlich?

Gewiß! Und ist es etwa mystisch? Nicht im

Allergeringsten! Es ist so offenbar Gleichnis, und so wenig

mystisch, daß mir, offengestanden, ein Jeder, der das Erstere

bestreitet und das Letztere behauptet, als ein Mensch

erscheint, der einen Namen verdient, den ich nicht nennen will.

Wer guten Willens ist und nicht mit unbedingt feindlicher

Absicht an das Lesen meiner Bücher geht, wird ohne Weiteres

finden, daß ihr Inhalt fast nur aus Gleichnissen besteht.

Und ist er einmal zu dieser Einsicht gelangt, so bleiben

ihm ganz sicher die zahlreichen Himmelsmärchen nicht

verborgen, die in diesen Gleichnissen eingestreut liegen

und den eigentlichen, tiefsten Inhalt meiner Reiseerzählungen

zu bilden haben. Diese Märchen sind es auch,

aus denen sich mein eigentliches Lebenswerk am Schlusse

meiner letzten Tage zu entwickeln hat.

Ist doch gleich meine erste Gestalt, nämlich Hadschi

Halef Omar, ein Märchen, nämlich das Märchen von

der verloren gegangenen Menschenseele, die niemals

wiedergefunden werden kann, außer sie findet sich selbst.

Und dieser Hadschi ist meine eigene Anima, jawohl, die

Anima von Karl May! Indem ich alle Fehler des

Hadschi beschreibe, schildere ich meine eigenen und lege

also eine Beichte ab, wie sie so umfassend und so

aufrichtig wohl noch von keinem Schriftsteller abgelegt

worden ist. Ich darf also wohl behaupten, daß ich

gewisse Vorwürfe, die mir von meinen Gegnern gemacht

werden, keineswegs verdiene. Würden diese Gegner es

einmal wagen, so offen über sich selbst zu sprechen wie

ich über mich, so würde das sogenannte Karl May-Problem

schon längst in jenes Stadium getreten sein, in

welches es zu treten hat, mag man wollen oder nicht.

Denn dieses Karl-May-Problem ist auch ein Gleichnis.

Es ist nichts Anderes, als jenes große, allgemeine

Menschheitsproblem, an dessen Lösung schon ungezählte Millionen

gearbeitet haben, ohne etwas Greifbares zu erreichen.

Ganz ebenso hat man schon Jahrzehnte lang an mir

herumgearbeitet, ohne es weiter zu bringen als zu der

traurigen Karikatur, als die ich in den Gehirnen und

in den Schriften Derer lebe, die sich berufen wähnen,

Probleme zu lösen, dies aber immer nur da tun, wo

keine vorhanden sind.

Ich nenne ferner das Märchen von "Marah Durimeh",

der Menschheitsseele, von "Schakara", der edlen,

gottgesandten Frauenseele, der ich die Gestalt meiner

jetzigen Frau gegeben habe. Das Märchen vom "erlösten

Teufel", vom "eingemauerten Herrgott", vom

"versteinerten Gebete", von den "verkalkten Seelen",

von den "Rosensäulen des Beit-Ullah", von dem "Sprung

in die Vergangenheit", von der "Dschemma der Lebendigen

und Toten", von der "Schlacht am Dschebel Allah",

vom "Mahalamasee", vom "Berg der Königsgräber",

vom "Mir von Dschînnistan", vom "Mir von Ardistan",

von der "Stadt der Verstorbenen", vom "Dschebel Muchallis",

von der "Wasserscheide von El Hadd" und noch

viele, viele andere. Wie man bei einem geistig und

seelisch so bedeutsamen, ja schweren Inhalte meine Bücher

als "Jugendschriften" und mich als "Jugendschriftsteller"

bezeichnen kann, würde unbegreiflich sein, wenn man nicht

wüßte, daß Alle, die diesen Fehler begehen, sie entweder

nicht begriffen oder überhaupt nicht gelesen haben. Selbst

"Winnetou", der so leicht zu lesen zu sein scheint,

bedarf, wenn er sich im vierten Bande zum Schlusse neigt,

eines Nachdenkens und eines Verständnisses, welches doch

gewiß keinem Quartaner und keinem Backfisch zuzutrauen

ist! Wenn man trotzdem noch ferner bei den Ausdrücken

"Jugendschriften" und "Jugendschriftsteller" bleibt, so

muß ich das als einen gewollten Unfug bezeichnen, zu

dem sich kein anständiger, ernster Kritiker hergeben wird.

Gibt man aber ehrlich und der Wahrheit gemäß zu,

daß meine "Reiseerzählungen" nicht als Jugendschriften

verfaßt worden sind, so ist der jetzt landläufig

gewordenen Behauptung, daß sie schädlich sind, aller Boden

entzogen. Es lese sie doch nur der, dem sie nicht

schädlich sind; ich zwinge ja keinen Andern dazu! Weshalb

und wozu die Vorwürfe alle, die man mir jetzt in hunderten

von Zeitungen macht? Sieht man sich diese Vorwürfe

aber genauer an, so verlieren sie allen Wert.

Früher lobte man mich; jetzt tadelt man mich. Das ist

so Mode geworden und wird, wie jede Mode, sich wieder

in das Gegenteil verkehren. Aber diese Mode ist nicht

nur Mode, sondern Mache! Selbst wenn meine Bücher

jetzt von keinem Menschen mehr gelesen würden, könnte

mich das doch nicht im Geringsten beunruhigen, denn ich

weiß, daß man sehr bald hinter diese Mache kommen

und sich demgemäß verhalten wird. Ja, hätte ich meinen

Lesern bloß nur Unterhaltungsfutter geliefert, so hätte

ich von der Bildfläche zu verschwinden, um nie wieder

aufzutauchen, und würde ganz von selbst so verständig

sein, mich darein zu ergeben. Aber _ich_habe_während_

_meines_"Lebens_und Strebens"_allzu_viele_und_

_allzu_große_Fehler_begangen,_als_daß_ich_so_

_mir_nichts,_dir_nichts_untergehen_und_für_immer_

_verschwinden_dürfte.__Ich_habe_gutzumachen!_

Was der Sterbliche sündigt, das hat er zu büßen und zu

sühnen, und wohl ihm, wenn ihm die Güte des Himmels

erlaubt, seine Schuld nicht mit über den Tod hinüberzunehmen,

sondern sie schon hier zu bezahlen. Das will

ich tun; das darf ich tun, und das werde ich tun! Ja,

ich behaupte kühn: das habe ich schon getan! Dem

irdischen Gesetze habe ich schon längst Alles gegeben, was

es von mir zu fordern hatte; ich bin ihm nichts mehr

schuldig. Und was über diese von Menschen gestellten

Paragraphen hinausgeht, das werde ich begleichen, indem

ich das, was ich noch schreiben werde, dem großen

Gläubiger widme, der ganz genau weiß, ob ich ihm mehr

als jene Andern schuldig bin, die sich besser dünken

als May.

Ich bin überzeugt, daß meine Sünden, so weit sie

mir anzurechnen sind, nur auf persönlichem, nicht aber

auf literarischem Gebiete liegen; auf letzterem bin ich

mir keiner Missetaten bewußt. Was ich mit meinen

"Reiseerzählungen" erreicht habe, wird erst nach meinem

Tode durch tausende von Zuschriften bekannt werden,

die aber selbst dann noch nur mein Biograph zu sehen

bekommt; veröffentlicht werden sie nicht. Man pries

diese Werke und schwärmte für sie, bis es eines Tages

einem gewissenlosen Menschen einfiel, öffentlich zu

behaupten, daß ich außer ihnen auch noch andere, aber

"abgrundtief" unsittliche Sachen geschrieben habe. Selbst

wenn dies wahr gewesen wäre, hätte das die "Reiseerzählungen"

weder innerlich noch äußerlich im Geringsten

verändern können. Dennoch wurden sie von jenem Tage

an zunächst mit Mißtrauen betrachtet, dann mehr und

mehr verleumdet und endlich gar für direkt schädlich

erklärt und aus den Bibliotheken gestoßen, in denen sie

früher willkommen geheißen worden waren. Warum?

Waren sie anders geworden? Nein! Hatten sich die

bibliographischen Gepflogenheiten, die ethischen Gesetze

verändert? Nein! Waren die Bedürfnisse der Leser

andere geworden? Auch nicht! Aber aus welchem Grunde

denn sonst? Einfach einer Schund- und Kolportageklique

wegen, die sich vorgenommen hatte, mich, wie sie

sich selbst auszudrücken pflegte, "kaput zu machen". Aber

ist es denn menschenmöglich, daß eine derartige Klique

einen so großen, unbegreiflichen Einfluß auf Literatur

und Kritik zu gewinnen vermag? Leider ja! Ich habe

im nächsten Kapitel hiervon zu erzählen. Diese Rotte

scheut sich nicht, ihre eigenen Sünden und literarischen

Verbrechen auf mich zu werfen und sich als rein zu

gebärden! Es gibt sogenannte Kritiker, welche mich wegen

meiner Münchmeyer-Romane nun schon zehn Jahre lang

mit allen möglichen Schmähungen besudelt, dem Verlage

aber noch nicht einen einzigen, auch nicht den leisesten

Vorwurf gemacht haben. Ich bezeichne das als eine

Schande!

Man sagt, daß unsere Schundverleger jährlich fünfzig

Millionen Mark aus dem deutschen Volke ziehen. Das

ist fürchterlich, aber noch viel zu niedrig geschätzt. Ein

einzelner Schundroman, der ein sogenannter Schlager ist,

kann dem Volke mehr als fünf und sechs Millionen kosten,

und es gibt Kataloge, in denen z. B. die eine Firma

Münchmeyer achtundfünfzig -- man lese und staune --

achtundfünfzig solcher Romane zu gleicher Zeit anpreist!

Man rechne; man multipliziere! Welche Verluste! Welch

eine ungeheure Summe von Gift und Unheil! Wie viel

hunderte, ja tausende von Menschen arbeiten daran,

dieses Gift zu erzeugen und zu verbreiten! Und nun

schlage man in den Zeitungen, in den Journalen, in den

Büchern nach, wen man für das Alles verantwortlich

macht, wen man an den Pranger stellt, wen man verachtet,

verspottet und verhöhnt! Karl May, Karl May,

immer wieder Karl May und nur und nur Karl May!

Wo sieht und liest man jemals einen andern Namen,

als nur diesen einen? Was habe ich denn getan, daß

man mich überhaupt zum Schunde zählt? Wo stecken die

zweitausend wirklichen Schundschriftsteller, welche jahraus,

jahrein rastlos dafür sorgen, daß in Deutschland und

Deutschösterreich der Schund kein Ende nimmt? Vor Gericht,

in "wissenschaftlichen" Werken, bei Kommissionssitzungen,

in öffentlichen Vorträgen, von Schriftstellern,

Redakteuren, Lehrern, Pfarrern, Professoren, Künstlern,

Psychiatern, bei allen passenden und unpassenden

Gelegenheiten, wo von "Jugendverderbnis" die Rede ist,

da bringt man Karl May, Karl May! Er ist schuld,

nur er! Er ist der Typus der Jugendvergifter! Er ist

der Vater aller ruchlosen Kapitän Thürmers, Nick Carters

und Buffalo Bills! Mein Gott, wissen diese Herren

denn wirklich nicht, was sie tun? Wie sie sich

versündigen? Wie man im Kreise derer, die es besser wissen,

von ihnen spricht? Man nenne mir nur einen einzigen

Fall, wo vor Gericht wirklich nachgewiesen worden ist,

daß Jemand durch eines meiner Bücher verdorben worden

ist! Hunderte von Schundgeschichten der verderblichsten

Art hat so ein Bube gelesen, dabei auch einen

Band oder einige Bände von Karl May. Den kennt

man, die Andern aber nicht; darum muß er es sein,

dessen Namen man nennt und den man als Täter bezeichnet!

Allwöchentlich werden mir von Zeitungsbureaus

fünfzig, sechzig und siebzig Zeitungsausschnitte geschickt,

auf denen ich an Stelle der sämtlichen deutschen

Schundschriftsteller und Schundverleger hingerichtet werde. Das

ist unmenschlich! Ich werde mit Schande überhäuft und

vor den wirklich Schuldigen zieht man den Hut. Warum

nennt man ihre Namen nicht? Warum nagelt man sie

nicht fest? Es gibt hunderte von Verlegern und Literaten,

die wegen Verbreitung von unzüchtigen Schriften

bestraft worden sind. Und noch größer ist die Zahl

derer, die in voller Absicht Jugendschund herausgeben,

nur um Geld zu machen. Warum nennt man sie nicht?

Warum macht man sich zu ihrem Mitschuldigen, indem

man ihre Verbrechen an der Jugend und an dem Volke

duldet? Warum wirft man sich nicht auf sie, sondern

nur auf mich, den Sündenbock für den ganzen literarischen

Mob? Sehr einfach: Es ist Mache, nichts als Mache!

Und es kann nichts Anderes als Mache sein, weil so

viel, wie man auf mich wirft, kein Einzelner zu begehen

vermag! Ich habe das im nächsten Kapitel des Näheren

zu beleuchten.

Die Anschuldigungen, welche man gegen mich erhebt,

sind bisher immer nur Behauptungen gewesen. Zu

keiner von ihnen wurde ein wirklicher Beweis erbracht.

Ich habe infolge dieser Anschuldigungen Ungezählte meiner

Leser brieflich oder mündlich gefragt, ob es ihnen möglich

ist, mir eine der Reiseerzählungen oder eine Stelle

aus ihnen zu nennen, von der man behaupten darf, daß

sie schädlich wirke. Es hat mir Niemand auch nur eine

einzige derartige Zeile nennen können. Ist doch sogar

meine unerbittlichste Gegnerin, die "Kölnische Volkszeitung",

gezwungen gewesen, mir das Attest auszustellen:

"Alles für die Jugend Anstößige _ist_sorgfältig_

_vermieden,_ obgleich Mays Werke _nicht_etwa_bloß_für_

_diese_ bestimmt sind; _viele_tausend_Erwachsene_ haben

aus diesen bunten Bildern schon Erholung und Belehrung

im reichsten Maße geschöpft!" Schon aus diesem

Atteste geht die jetzige "Mache" hervor, denn meine

Bücher sind seit jener Zeit genau dieselben geblieben,

und derselbe Herr, der dieses öffentliche Zeugnis aus

stellte [sic], war der Erste, der dieser Mache erlag und hat

sich seitdem nicht wieder aufrichten können.

Zur Zurückweisung der Vorwürfe, die man gegen

mich erhebt, sehe ich mich gezwungen, durch Veröffentlichung

des nachfolgenden Briefes vielleicht eine Indiskretion

zu begehen, die mir der von mir hoch und aufrichtig

verehrte Herr aber wohl verzeihen wird. Doktor

Peter Rosegger schrieb mir am 2. Juli dieses Jahres

aus Krieglach:

"Sehr geehrter Herr!

Meine Notiz im Heimgarten basiert auf der

Charlottenburger Gerichtsverhandlung, und sobald wieder

das Gericht, und zwar zu Ihren Gunsten, entscheidet,

werde ich mit größter Freude davon Notiz nehmen.

Als Kollege geht mir Ihr Fall ja nahe, und als

solcher möchte ich mir auch erlauben, Ihnen meine

Meinung zu sagen darauf hin, in welcher Weise Sie

sich am besten rechtfertigen könnten.

Ich würde an Ihrer Statt in der Polemik alles

ausschalten, was sich nicht sachlich auf die

Anschuldigungen bezieht. Das, was Sie aus Ihrer

Jugendzeit selbst eingestanden haben, ist damit wohl auch

abgetan und würde Ihnen kaum ein rechtlich denkender

Mensch noch nachtragen, wenn es nicht das Gericht

tut. Daß Sie Ihre Reiseschilderungen nicht persönlich

erlebt haben, daß es nur Erzählungen in "Ichform"

sind, kann Ihnen auch kein Literat verübeln.

So bleibt nur übrig, endlich die sachlichen Beweise zu

erbringen, daß die berührten obszönen Stellen nicht

Sie, sondern der Verleger hineinkorrigiert hat. Was

die Ihnen vorgeworfenen Plagiate betrifft, so müssen

doch Sachverständige entscheiden können, inwiefern es

Plagiate wären oder inwiefern bloß umgearbeitete Stoffe

und Gedanken. Zuhanden der ersten Auflagen, dieselben

mit den neuen Auflagen verglichen, müßte doch

klar zu stellen sein, ob die Art, der Gedankengang und

der Stil der neu eingefügten Sätze sich organisch an

Ihre Art und an das Buch anschließen oder nicht.

Auf solche Wirklichkeiten, meine ich, sollten Sie nun

Ihre ganze Abwehr konzentrieren und ununterbrochen

drängen, daß die Dinge endlich vor Gericht zur

Entscheidung kommen. Alle andern Artikel Ihrer Freunde,

die nur so im Allgemeinen herumreden über die Vorzüge

Ihrer Werke, die ja anerkannt sind, können für

die peinliche Angelegenheit an sich keine besondere

Wirkung erzielen.

Also alle Mittel in Bewegung setzen, um zu einer

gerichtlichen Genugtuung zu kommen. Gelingt das

nicht, so ist absolutes Schweigen das Beste, und

gelingt es, so muß doch auch die Presse Ihrer jetzigen

Gegner die gerichtliche Ehrenrettung anerkennen und

in das Volk tragen.

Krankheit hat diesen Brief verspätet. Verzeihen

Sie diese Offenheit, die aufrichtigem Wohlwollen

entspringt, und seien Sie gegrüßt

von Ihrem ergebenen

Mein Leben und Streben · 第 8 / 13 题