Die Aufgaben der reinen +Pharmakobotanik+ sind nur zu lösen,

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1909 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Schreibweisen für die Namen von Rohprodukten, Handelswaren, sowie

Personen- und Ortsnamen sind nicht einheitlich. In mehreren

nummerierten Listen fehlen einige Listenpunkte; dies wurde so aus dem

Original übernommen.

Zur Kennzeichnung der ausgestellten Waren und Gerätschaften auf den

Tafeln XXX und XXXI waren im Original die betreffenden Bezeichnungen

auf ein Deckblatt aus transparentem Papier gedruckt. In der

vorliegenden Fassung wurde die Beschriftung vom Bearbeiter direkt in

die Abbildungen eingefügt.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere

Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Kapitälchen: ~Tilden~

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HANDBUCH DER

PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTER BAND

ALLGEMEINE PHARMAKOGNOSIE

[Illustration]

LEIPZIG 1909

VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

HANDBUCH DER

PHARMAKOGNOSIE

VON

A. TSCHIRCH

ERSTE ABTEILUNG

MIT 324 ABBILDUNGEN IM TEXT

UND AUF EINGEHEFTETEN TAFELN, SOWIE 3 KARTEN

UND 3 BEILAGEN

[Illustration]

LEIPZIG 1909

VERLAG VON CHR. HERM. TAUCHNITZ

Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten

DIE VERLAGSHANDLUNG

Vorwort.

Während an Lehrbüchern der Pharmakognosie, besonders solchen, die

auf botanischer Grundlage ruhen, kein Mangel ist, fehlt in der

Literatur ein modernes illustriertes Handbuch der Pharmakognosie, in

dem gleicherweise die botanischen (systematischen, morphologischen,

anatomischen, physiologischen und pathologischen) wie die chemischen,

handelstechnischen und handelsgeographischen, sowie endlich auch die

historischen Verhältnisse und die bei der Kultur, Einsammlung und

Erntebereitung der Drogen üblichen Methoden unter kritischer Benutzung

auch der älteren Literatur und +auf Grund eigener Beobachtungen des

Verfassers+ geschildert werden.

In dem vorliegenden Werke mache ich nun den Versuch, nach neuen

Gesichtspunkten und auf breitester Basis +ein modernes Handbuch

der Pharmakognosie+ zu schaffen. Seit 25 Jahren vorwiegend mit

pharmakognostischen Fragen -- und zwar sowohl auf pharmakobotanischem

wie auf pharmakochemischem Gebiete -- beschäftigt, trage ich als

akademischer Lehrer seit Jahrzehnten Pharmakognosie nach neuer

Lehrmethode vor, und habe in einem modern eingerichteten, mit einem

grossen Drogenmuseum verbundenen Institute zahlreiche Schüler aus aller

Herren Länder in dem Fache ausgebildet. Diese von mir befolgte und in

der Praxis des Lehramtes erprobte Methode wurzelt in der Erkenntnis,

dass die Pharmakognosie nicht nur ein Zweig oder Anhängsel der Botanik

ist, sondern eine +selbständige Wissenschaft, zu der auch in sehr

hervorragendem Masse die Chemie, speziell die physiologische und

Pharmako-Chemie, als Hilfswissenschaft gehört+, zu der Sprachen- und

Länderkunde, Geschichte und Handelsgeographie ihr Scherflein beitragen

und die nicht nur eine Sammlung von nebeneinander gestellten Tatsachen

ist, sondern die lebensvolle Verknüpfung derselben unter höheren

Gesichtspunkten erstrebt. Ich versuche zu zeigen, dass zahlreiche

Fragen der Pharmakognosie experimenteller Behandlung zugänglich sind

und dass ganz besonders die Einführung der Pharmakophysiologie in

das Arbeitsprogramm der Pharmakognosie zu einer wissenschaftlichen

Vertiefung der Pharmakognosie führt und sie aus einer rein deskriptiven

zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin erhebt.

Um mir ein eigenes Urteil zu bilden, habe ich aber nicht nur in

Gemeinschaft mit meinen Schülern einzelne Gebiete der Pharmakognosie,

wie das der Harze, der Abführmittel, der Samendrogen usw., chemisch und

botanisch durchgearbeitet, sondern auch die wichtigsten Einfuhrhäfen

Europas und ihre Dockhallen besucht und bin ein Jahr nach Indien

gegangen, um die +Indischen Heil- und Nutzpflanzen+ an Ort und Stelle

zu studieren. Ich habe sie in einem besonderen Werke geschildert. In

langjährigen Laboratoriumsarbeiten sind dann die dort und bei Reisen

durch die Länder Europas gesammelten Materialien bearbeitet worden.

Der»+Anatomische Atlas+«, den ich mit Professor ~Oesterle~

herausgegeben habe und bei dem die entwicklungsgeschichtliche Methode

auf pharmakognostisches Gebiet verpflanzt wurde, war eine der Früchte

dieser Studien. Er beschränkt sich auf Pharmako-Morphologie und

Pharmako-Anatomie. Das +Handbuch+ geht weiter und zieht auch alle

anderen Hilfswissenschaften mit herbei. So werden hier zum ersten

Male eingehend die +Arzneipflanzenkulturen+ und die zahlreichen

+Methoden der Erntebereitung+ (Fermentieren, Rollen usw.), die

pharmakogeographischen +Drogenreiche+, die Verhältnisse des

+Grossdrogenhandels+ und die +Handelswege+, die Behandlung der Droge im

Einfuhrhafen und die +Handelssorten+ und +Packungen+ unter Beifügung

von Karten und zahlreichen, z. T. von mir selbst auf meinen Reisen

aufgenommenen Abbildungen eingehend und auf +Grund eigener Erfahrungen+

und Erkundigungen bei zuverlässigen Gewährsmännern behandelt. Dann

aber ist auch ganz besonders der in den modernen Lehrbüchern der

Pharmakognosie stark vernachlässigten +Chemie der Drogen+, die ja in

den letzten 15 Jahren die grösste Wandlung erfahren hat, Aufmerksamkeit

gewidmet worden.

Einen breiten Raum nimmt die +Geschichte der Pharmakognosie+ ein,

die im allgemeinen Teile behandelt wird. Hier kam es mir besonders

darauf an, den Leser zu den Quellen zu führen und alles Wesentliche

aus denselben aufzuführen, so dass dieser Teil eine ganze Bibliothek

ersetzen wird. So werden z. B. alle Pflanzen des ~Dioscurides~, des

~Theophrast~, der ~Hildegard~, vollständige Listen der Drogen des

~Cordus~, die Alphita, Circa instans, die Tabula des ~Simon Januensis~,

die Liste des ~Serapion~ u. a. m. in extenso mitgeteilt.

Zum ersten Male wird auch hier der Versuch gemacht, die +Entwicklung

der Pharmakognosie+, gestützt auf Quellenstudien, in ausführlicher

Weise zu schildern.

Ein Gebiet, das in den Lehrbüchern in der Regel ebenfalls

vernachlässigt wird, das +ethnologische+ (Betelkauen, Opiumrauchen,

Matetrinken, Pfeilgifte usw.), findet ebenfalls +Berücksichtigung+ und

auch die +Linguistik+ und +Etymologie+ ist dort, wo es nötig erschien,

mit herangezogen. Sodann sind auch der +Bibliographie+ einige Kapitel

gewidmet, +fehlt doch bisher eine Bibliographie der Pharmakognosie+

ganz. -- Und wenn endlich auch dem +Unterrichte in der Pharmakognosie+

die Aufmerksamkeit zugewendet wird, so dürfte dies gerade heute, wo

über die Frage: +was ist Pharmakognosie und wie soll man sie treiben+?

-- vielfach noch Unklarheit herrscht, vielen willkommen sein und zur

Klärung der Anschauungen beitragen.

Dass überall den Fragen der +Angewandten Pharmakognosie+

(Verfälschungen, Prüfung auf Reinheit und Gehalt, mikroskopische und

chemische Analyse, Aufbewahrung usw.) gebührende Beachtung geschenkt

wird, ist selbstverständlich.

So entrollt sich in dem Werke, das das Resultat der auf alle Gebiete

der Drogenkunde ausgedehnten Lebensarbeit des Verfassers darstellt, ein

Gesamtbild der Pharmakognosie im weitesten Sinne. Wir sehen, zu wie

zahlreichen Disziplinen +die Drogenkunde, die nunmehr sich zu einer

Drogenwissenschaft ausgewachsen hat+, -- gebend und empfangend -- in

Beziehung steht und wie wichtig sie nicht nur für den +Apotheker+,

sondern auch für den +Arzt+, den +Medizinalbeamten+, den +Chemiker+,

den +Drogisten+, kurz alle die, welche mit Arzneidrogen in Berührung

kommen, ist, die alle ohne Ausnahme aus ihrem Borne schöpfen werden.

Das Buch wird vielen die Augen darüber öffnen, ein wie ungeheuer

reiches und +interessantes+ Gebiet die Pharmakognosie ist, wie viele

grosse Ausbeute versprechende Bezirke desselben noch unerschlossen sind

und wie sehr +gerade diese+, in ihrer Anwendung auf die pharmazeutische

Praxis so eminent wichtige +Disziplin+ wissenschaftlicher Behandlung

und Vertiefung zugänglich ist.

Pharmazeutisches Institut der Universität +Bern+. TSCHIRCH.

Inhaltsverzeichnis zur ersten Abteilung.

Allgemeine Pharmakognosie: Seite

Erste Abteilung, Allgemeines.

I. +Begriff und Aufgaben der Pharmakognosie+ 3

II. +Die Objekte der Pharmakognosie+:

1. Die Droge 14

2. Paralleldrogen und Quid pro quo 18

3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes 23

III. +Pharmakoërgasie+:

Kultur, Einsammlung und Erntebereitung:

1. Kultur der Arzneipflanzen 28

2. Einsammlung 75

3. Erntebereitung 104

IV. +Pharmakoëmporia+ 145

1. Handelswege:

a) Handelswege in früherer Zeit 145

b) Handelswege in unserer Zeit 156

2. Die Behandlung der Droge im Einfuhrhafen 166

3. Produktions- und Exportziffern 182

4. Maße und Gewichte 185

5. Handelssprache 186

V. +Pharmakodiakosmie+ 187

1. Handelssorten 187

2. Verpackungen 203

VI. +Pharmakognostische Systeme+, Bibliographie der Hand- und

Lehrbücher der Pharmakognosie, sowie verwandter Zweige,

von ~Pomet~ an 216

VII. +Die für die Pharmakognosie in Betracht kommenden

Zeitschriften, Jahresberichte, Institutspublikationen,

Handels-, Ausstellungs- und Kongreßberichte+ 247

1. Zeitschriften 247

2. Jahresberichte 253

3. Institutspublikationen 253

4. Handelsberichte und dergl. 255

5. Ausstellungsberichte 256

6. Kongreßberichte 257

7. Bibliographie 257

VIII. +Der Unterricht in der Pharmakognosie+ 260

IX. +Angewandte Pharmakognosie+ 275

1. Prüfung der Drogen auf Identität und Reinheit 276

2. Aufbewahrung der Drogen 284

X. +Die Beschreibung der Droge+ 286

Erster Teil.

Allgemeine Pharmakognosie.

~Pfaff~ nennt die Pharmakognosie «+physiographische Arzneimittellehre+»

und rechnet sie zur Pharmakologie, ~Göbel~ «+pharmazeutische

Warenkunde+», ~Fristedt~«+organische Pharmakologie+», ~Flückiger~ und

~Hanbury~«+Pharmacographia+», die Engländer «+materia medica+», die

Franzosen «+matière médicale+». Auch der Ausdruck «+Drogenkunde+»,

«+Histoire des drogues+», ist gebräuchlich. Der von ~Humphrey~ (1902)

vorgeschlagene Ausdruck +Pharmacopaedia+ (παιδεία = Wissenschaft)

hat sich noch nicht eingebürgert, obwohl gerade in ihm der

wissenschaftliche Charakter der reinen Pharmakognosie gut zum Ausdruck

kommt. Ich hätte ihn gern als Titel benutzt, wollte aber nicht den

eingebürgerten Ausdruck Pharmakognosie unterdrücken.

Die Pharmakognosie ist, wie alle pharmazeutischen Wissenschaften,

aus der Medizin, speziell der Arzneimittellehre (Pharmakologie),

hervorgegangen und wurde erst seit dem ersten Drittel des XIX. Jahrh.

von dieser ganz abgetrennt.

Eigentlich hat schon ~Dodart~ in seinen «+Mémoires pour servir à

l’histoire des plantes+»(Pariser Akademie 1676) die Aufgaben der

Pharmakognosie vorausschauend ganz richtig erkannt, wenn er auch

der von ihm in ihren Zielen klar vorgezeichneten Wissenschaft nicht

diesen Namen, ja überhaupt keinen Namen gab. Er fordert folgendes: 1.

Beschreibung der Pflanze, 2. Abbildung derselben, 3. Kulturregeln, 4.

Festsetzung der Heilkräfte, 5. Feststellung der chemischen Natur. Das

ist ungefähr auch der Umfang der heutigen Pharmakognosie mit Einschluß

eines Teiles der Pharmakologie, die wir jetzt abtrennen.

[Illustration: Fig. 1.

Von einem thebanischen Grabe des XV. Jahrhunderts v. Chr. Thot, der

ibisköpfige Ärztegott (als Lotse vorn in der Barke des Tum), hier

(links oben) als Ph-ar-maki bezeichnet =«achtgebend auf die Barke»,

also: Beschützer. Die ersten 6 Zeichen sind zu lesen: ar(t) mꜥki(t).

ph ist der hier fehlende Artikel, die beiden letzten Zeichen sind

Determinative (+Oefele+). Aus +Dümichen+, Die Flotte einer ägyptischen

Königin.]

Die von ~Martius~ gegebene Umgrenzung (s. oben) hat sich im Laufe

von 75 Jahren in doppelter Weise verschoben. Zunächst wurden

die Vertreter des «Dritten Reiches» ausgeschieden und der sich

selbständig entwickelnden pharmazeutischen Chemie überwiesen und

die Pharmakognosie auf Pflanzen und Tiere beschränkt. So entstanden

die drei pharmazeutischen Disziplinen: Pharmakognosie, Pharmazie

und pharmazeutische Chemie, wie sie noch heute bestehen. Dann aber

entwickelte sich die Pharmakognosie, speziell die des Pflanzenreiches,

immer mehr zu einer umfassenden selbständigen +Wissenschaft+ mit

zahlreichen Hilfswissenschaften. Der Begriff Pharmakognosie, wie wir

ihn heute meist verstehen, ist von ~Flückiger~ (in der «Pharmakognosie

des Pflanzenreiches», I. Aufl. 1867, II. Aufl. 1883, III. Aufl.

1891) geschaffen und von ~Flückiger~ und mir (in den «Grundlagen

der Pharmakognosie», II. Aufl. 1885) näher erläutert worden, also

besonders von dem Gelehrten, der die Pharmakognosie, die im Begriffe

stand, zu einer seichten Warenkunde zu versimpeln oder im Schlepptau

der Botanik zu segeln und ein bescheidenes Dasein als Anhängsel

derselben zu fristen, +ganz auf eigene Füße stellte und mit wahrhaft

wissenschaftlichem Geiste erfüllte+, die +Drogenkunde+ also zu einer

+Drogenwissenschaft+, die Pharmakognosie zu einer Pharmakopädie

machte. ~Flückiger~ betonte, daß die Pharmakognosie +eine selbständige

Wissenschaft+ und keine rein botanische Disziplin ist, und daß als

Hilfswissenschaften außer Botanik in erster Linie die Chemie, dann aber

auch die Geographie und die Geschichte herbeigezogen werden müssen.

Ich habe dann diesen Gedanken weiter gesponnen (In dem Aufsatze «Die

Pharmakognosie als Wissenschaft», Pharm. Zeit. 1881). Die Bedeutung der

Chemie als einer gleichberechtigten Hilfswissenschaft neben der Botanik

hob übrigens auch ~Buchheim~ (1879) hervor. Die Anatomie war schon seit

~Schleidens~ berühmt gewordener Untersuchung über die _Sarsaparille_,

und ~Bergs~ +Atlas+ als notwendige Hilfswissenschaft erkannt worden.

Die Entwicklungsgeschichte ist dann von mir (im «+Anatom. Atlas+»)

hinzugefügt worden, indem ich den Satz vertrat, daß die richtige

Deutung pharmakoanatomischer Tatsachen oft nur durch das Studium der

Entwicklungsgeschichte möglich ist. Die moderne Morphologie war schon

vorher durch ~Arthur Meyer~ (in der «+Wissenschaftl. Drogenkunde+») zur

Lösung pharmakognostischer Fragen herbeigezogen worden, die Mikrochemie

noch früher durch ~A. Vogl~. Die Geschichte der Drogen fand außer durch

~Flückiger~ besonders durch ~Schär~ und ~Hartwich~, die Ethnologie der

Drogen durch ~Hartwich~ Förderung. Pharmako+physiologische+ Fragen

habe ich mit meinen Schülern mit Vorliebe studiert. Der Gefahr, daß

die in bester Entwicklung begriffene neue Wissenschaft, die sich

einen Platz neben der Geographie und Pharmakologie erobert hatte,

wieder dadurch verflache, daß sich botanisch oder chemisch ungenügend

geschulte Kräfte mit pharmakognostischen Fragen beschäftigten, bin

ich bei jeder Gelegenheit entgegengetreten und habe deshalb als

Motto auf den Anatomischen Atlas, den ich mit ~Oesterle~ herausgab,

die Worte gesetzt: «Die Pharmakognosie hat keine anderen Methoden

wie die der reinen Botanik und reinen Chemie, wohl aber eine andere

Fragestellung, andere Aufgaben und Ziele». In neuerer Zeit haben sich

denn auch viele gut geschulte Chemiker (z. B. ~Jahns~, ~Hesse~, ~E.

Schmidt~, ~Bourquelot~, ~Schlagdenhauffen~) mit pharmakochemischen,

gut geschulte Botaniker (~Guignard~, ~Perrot~ und ihre Schule) mit

pharmakobotanischen Fragen beschäftigt.

So zerfällt denn die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie

(wissenschaftliche Drogenkunde) in sehr zahlreiche (15) Zweige,

die +selbständig betrieben werden können, aber von dem Lehrer der

Pharmakognosie in ihren Grundzügen beherrscht werden müssen+. Es sind

dies nach meiner Definition (vgl. ~Tschirch~, Was ist eigentlich

Pharmakognosie? Zeitschr. des österr. Apoth.-Vereins, 1896 und Pharm.

Zentralh. 1907, S. 283):

1. +Pharmakoërgasie+ (von ἐργασία = Kultur), Kultur, Einsammlung,

Erntebereitung.

2. +Pharmakoëmporia+ (von ἐμπορία = Großhandel), Handelswege,

Ausfuhr- und Einfuhrhäfen, Behandlung der Droge im Einfuhrhafen.

3. +Pharmakodiakosmie+ (von διακοσμεῖν = Sortieren), Handelssorten,

Verpackungen.

4. +Pharmakobotanik+, Systematik, Morphologie, Anatomie, Physiologie,

Pathologie.

5. +Pharmakozoologie.+ -- 6. +Pharmakochemie.+ -- 7.

+Pharmakophysik.+

8. +Pharmakogeographie.+ -- 9. +Pharmakohistoria.+

10. +Pharmakoëthnologie.+ -- 11. +Pharmakoëtymologie.+

Der Begriff Pharmakognosie hat sich also vertieft und erweitert.

Und wir können die Definition jetzt so fassen: «+Unter dem Namen

Pharmakognosie begreift man die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die

Drogen pflanzlichen und tierischen Ursprungs nach allen Richtungen hin

-- mit Ausnahme der physiologischen Wirkung -- wissenschaftlich kennen

zu lernen, korrekt zu beschreiben und unter allgemeinen Gesichtspunkten

miteinander zu verknüpfen+». Es soll «die Pharmakognosie bis zu einem

gewissen Grade alles umfassen, was zu einer +monographischen Kenntnis

der Arzneistoffe+ gehört»(~Flückiger~-~Tschirch~, Grundlagen), aber

darüber hinaus +nicht nur ein Mosaik ohne inneren Zusammenhang

schaffen, sondern eine lebensvolle Verknüpfung der Drogen auf Grund

ihrer Bestandteile erstreben+». «La science ne consiste pas en faits,

mais dans les conséquences que l’on en tire»(~Claude Bernard~).

Ich betrachte also, und damit gehe ich über ~Flückiger~ und alle

anderen Pharmakognosten hinaus, die Aufgabe der wissenschaftlichen

Pharmakognosie nicht durch eine monographische Beschreibung der Drogen,

auch wenn dieselbe noch so umfassend und ins Einzelne eindringend ist,

als erschöpft, wennschon dies natürlich ihre nächste Aufgabe ist.

Ich fasse ihre Aufgaben weiter, stecke ihre Ziele höher. +Letztes

Ziel der Pharmakognosie ist die wissenschaftliche Verknüpfung der

zusammengehörigen Drogen auf Grund ihrer wichtigsten Bestandteile.+

Denn nicht die botanische Beschreibung trifft das Wesen der Droge als

Heilmittel. Die chemischen Bestandteile sind es, wegen deren wir die

Droge als Heilmittel benutzen. Sie sind also das wichtigste. Oberste

Aufgabe der Pharmakognosie wird es daher sein, die Drogen nach ihren

Bestandteilen in Beziehung zueinander zu bringen, das Zusammengehörige

zu vereinigen und so allmählich zu einem pharmakochemischen Systeme

der Drogen zu gelangen, das zur Pharmakologie hinüberleitet. +Erst

hierdurch wird die Drogenkunde zur Drogenwissenschaft, werden die

Drogengeschichten zu einer Drogengeschichte.+

~Husemanns~ Vorschlag (in der Realenzyklop. d. ges. Pharmazie,

I. Aufl.), die wissenschaftlichen Grundlagen der Pharmakognosie

«allgemeine», die Einzelbehandlung der Drogen als «spezielle

Pharmakognosie» zu bezeichnen, entspricht der üblichen Terminologie.

Dieser wissenschaftlichen oder reinen Pharmakognosie steht

nun die angewandte Pharmakognosie zur Seite, die wesentlich

praktisch-diagnostisch ist. Sie ist weniger eine Wissenschaft wie

«eine Kunst für praktische Zwecke» (~Wigand~) und für den Apotheker

von größter Bedeutung. Der Name «Angewandte Pharmakognosie» ist zuerst

von mir gebraucht worden (~Tschirch~, Anwendung der vergleichenden

Anatomie zur Lösung von Fragen der angewandten Pharmakognosie. Schweiz.

Wochenschr. f. Chem. u. Pharm. 1897).

In den «Grundlagen» (1885) ist diese Abtrennung noch nicht gemacht.

«Ganz besonders müssen wieder», heißt es dort, «aus diesem reichen

Inhalte (des Gesamtbildes der Drogen) diejenigen Züge hervortreten,

welche zu einer +raschen, annähernden Wertbestimmung+, zunächst

ohne wirkliche chemische Analyse, führen können, wo dies nur irgend

angeht.» Und auch ~Wigand~ sagt: «Der praktische Zweck steht obenan,

ohne ihn würde die Pharmakognosie gar nicht existieren.» Dasselbe

oder etwas ähnliches finden wir in ~Arthur Meyers~ Definition (1907),

«die Pharmakognosie ist eine Disziplin, welche die Drogen in einer

den Bedürfnissen der pharmazeutischen Praxis entsprechenden Weise

wissenschaftlich zu bearbeiten hat.» Diese praktische Seite fällt jetzt

zum Teil wenigstens der +angewandten Pharmakognosie+ zu.

+Aufgabe der angewandten Pharmakognosie+, deren Begriff sich etwa

mit dem deckt, was ~Martius~ unter Pharmakognosie verstanden wissen

wollte, ist es, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Pharmakognosie

für die Praxis des Apothekers zu verwerten. Die Ergebnisse der

+Pharmakobotanik+ dienen durch Vergleich der morphologischen Merkmale

zur Feststellung der Identität der Heilpflanze und zur Feststellung

etwa vorkommender Verwechslungen oder Verfälschungen. Die anatomische

Untersuchung führt zu dem gleichen Ziel und läßt noch am Pulver

Identität und Reinheit feststellen. Die Ergebnisse der Pharmakoërgasie

und der Pharmakophysiologie führen zu einer praktischen Verbesserung

des Anbaus der Heilpflanzen. Die Ergebnisse der +Pharmakochemie+

dienen dazu, zunächst durch qualitative Reaktionen die Identität

festzustellen, dann aber durch quantitative Methoden zu einer

Wertbestimmung zu gelangen.

Ausschließlich der wissenschaftlichen Pharmakognosie gehören an:

Geographie, Geschichte, Ethnologie und Etymologie.

Die Beschäftigung mit +wissenschaftlicher Pharmakognosie+ ist Sache

der Fachgelehrten (resp. ausreichend vorgebildeter Praktiker), die

angewandte Pharmakognosie dagegen Sache der praktischen Apotheker.

In der Lehrzeit soll der Eleve die Elemente der Pharmakognosie an der

Hand von Drogen und frischen, sowie Herbarpflanzen praktisch erlernen

und namentlich so weit gebracht werden, daß er -- eventuell unter

Zuhilfenahme der Lupe -- rasch die Identität einer Droge feststellen

kann, also die Droge und Heilpflanze «kennt». Es ist dies zugleich

ein vorzügliches Mittel beobachten zu lernen -- das Ziel jedes

naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Auf der Universität soll er die Grundzüge der wissenschaftlichen

Pharmakognosie (in ihrer obigen weitesten Fassung) kennen lernen: durch

allgemeine Vorlesungen über das Gesamtgebiet und Spezialvorlesungen

über einzelne Teile der Pharmakognosie, mikroskopische und

pharmakochemische, besonders auf die Wertbestimmungen gerichtete

Übungen. Hierbei ist dann auch der Analyse pflanzlicher Pulver die

gebührende Beachtung zu schenken. So ausgerüstet tritt dann der

Apotheker in die Praxis, um hier die angewandte Pharmakognosie zu üben,

und sich vor Betrug zu schützen. Denn die Drogen, ja sogar ihre Pulver

lassen sich, und zwar meist mit der gleichen Schärfe wie die chemischen

Präparate, auf Identität, Reinheit und Gehalt prüfen.

+Die Aufgaben der reinen Pharmakognosie sind rein wissenschaftliche.+

Die Aufgaben der reinen +Pharmakobotanik+ sind nur zu lösen, wenn

die systematische Botanik, die Morphologie, die Anatomie (und

Entwicklungsgeschichte), sowie die Physiologie der Pflanzen als

Hilfswissenschaften herangezogen werden. Die Feststellung der

Stammpflanze, des morphologischen Aufbaues des als Droge benutzten

Organs und des anatomischen Baues desselben sind selbstverständliche

Elemente der Pharmakobotanik, nicht nur der deskriptiven, sondern

auch der diagnostischen (z. B. bei der anatomischen Wertbestimmung

eines Pulvers), aber auch die Physiologie, ja sogar die Pathologie

der Pflanzen müssen oft herangezogen werden, z. B. bei dem Harzfluß,

bei der Feststellung der besten Einsammlungszeit, bei der Beurteilung

des Fermentierungsprozesses, dem viele Drogen unterworfen werden.

Hier spielen bisweilen sogar bakteriologische Fragen mit hinein. Die

chemische Physiologie ist von größter Wichtigkeit. Viele Fragen der

Pharmakophysiologie sind experimenteller Behandlung zugänglich und

gerade durch sie wird die Pharmakognosie aus einer rein beschreibenden

zu einer experimentellen naturwissenschaftlichen Disziplin. Die

Einführung der Pharmakophysiologie in das Arbeitsprogramm der

Pharmakognosie bedeutet also eine wissenschaftliche Vertiefung und

Erweiterung der Aufgaben unserer Wissenschaft und eröffnet ganz neue

und weite Perspektiven.

Man muß geschulter Botaniker sein, um Pharmakobotanik wissenschaftlich

betreiben zu können. Doch sei betont, daß die Pharmakognosie

keine botanische Disziplin, sondern die Botanik nur eine der

Hilfswissenschaften ist. Schon 1879 sagte ~Buchheim~: «Solange der

Unterricht der Pharmazeuten in der Drogenkunde von einem botanischen

Standpunkte ausgeht und vorzugsweise in den Händen von Fachbotanikern

liegt, ist ein erheblicher Fortschritt dieser Disziplin nicht zu

erwarten.»

Die +Pharmakozoologie+ spielt bei der geringen Zahl tierischer Drogen

nur eine untergeordnete Rolle. Viele Lehrbücher ignorieren sie daher.

Neuerdings (1895) hat ~Sayre~ die Aufmerksamkeit auf die tierischen

Schädlinge der Drogen gelenkt. Ich werde im folgenden auch die

Krankheiten der Arzneipflanzen behandeln, die ebenfalls hierher oder in

das Gebiet der +Pharmakopathologie+ gehören.

Sehr wichtig ist die +Pharmakochemie+, die als Zweig der Phytochemie

mit der rapiden Entwicklung der Chemie zwar nicht gleichen Schritt

gehalten, aber doch gerade in den letzten 20 Jahren bedeutende

Fortschritte gemacht hat. Sie bietet noch ein ganz ungeheueres Feld

für die Forschung dar. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Drogen

ist bis jetzt chemisch durchforscht, bei den untersuchten sind oft

nur einige wenige oder gar nur ein Bestandteil gut studiert. Darauf

kommt es aber bei der Pharmakochemie (im Gegensatz zur Phytochemie)

nicht an. Sie muß -- und so faßten ihre Aufgabe schon die älteren

Pharmakochemiker, wie ~Trommsdorff~, ~Pelletier~, ~John~ auf --

das Ensemble möglichst aller Bestandteile kennen lehren, denn die

Wirkung der Droge ist nur selten das Korrelat eines Bestandteils,

und meist eine Mischwirkung. Deshalb ist auch die Arbeitsweise

bei pharmakochemischen Arbeiten eine andere, wie bei gewöhnlichen

phytochemischen. Der Abbau des Drogenauszuges wird zur Hauptsache,

das genaue rein chemische Studium eines isolierten Körpers und die

Ermittelung seiner Konstitution Nebensache. Das sind dann Aufgaben,

die eher der reinen Chemie zufallen, aber natürlich auch vom

Pharmakochemiker gelöst werden können und gelöst werden sollen, wenn

er die nötige Schulung besitzt. Denn auch in der Pharmakochemie ist

man längst von der Reaktionschemie abgekommen und begnügt sich nur

dort mit Reaktionen, wo ein anderer Weg noch nicht gangbar ist. Oft

ist es schon jetzt möglich geworden, die Ergebnisse rein theoretischer

pharmakochemischer Forschung auch praktisch zu verwerten. Zunächst ist

ja das chemische Studium einer Droge oder eines ihrer Bestandteile

reine Wissenschaft, es führt aber zur angewandten, beispielsweise durch

Verwertung der Resultate zur chemischen Wertbestimmung und weiter

zur Beurteilung der Einsammlungszeit u. dergl. m. Zahlreiche Drogen

stehen ja schon jetzt unter ständiger chemischer Kontrolle. Man muß

geschulter Chemiker sein, um Pharmakochemie wissenschaftlich treiben

zu können, denn besondere Methoden gibt es in der Pharmakochemie

nicht. Es muß dies deshalb betont werden, weil sich vielfach in den

Kreisen der Chemiker die Ansicht breit macht, es gäbe eine besondere

-- natürlich minderwertige -- «Apothekerchemie», und Botaniker

bisweilen in wegwerfender Weise von einer «Apothekerbotanik» sprechen.

Diese irrige Ansicht, die auf den Erfahrungen einer vergangenen Zeit

beruht, wird dadurch am besten bekämpft, daß der Dilettantismus in der

Pharmakobotanik und Pharmakochemie dauernd überwunden und nur botanisch

und chemisch vollwertige Arbeit in der Pharmakognosie geleistet wird.

~Flückiger~ ging nicht ganz so weit wie ich hier gehe. Er meinte, die

Pharmakognosie solle nur die chemischen Bestandteile aufzählen, die

Lücken andeuten und zu ihrer Ausfüllung beitragen oder anregen, die

+erschöpfende+ Behandlung der chemischen Bestandteile wies er der

Chemie zu. Der +Mikrochemie+ sollte noch mehr Beachtung geschenkt

werden als seither geschehen ist, denn es eröffnet sich hier die

Möglichkeit, den Sitz der sog. wirksamen Bestandteile zu ermitteln.

+Physikalische Methoden+ werden nur selten in der Pharmakognosie

benutzt. Immerhin sind das Kolorimeter, der Polarisations- und der

Spektralapparat schon oft sowohl in der reinen wie in der angewandten

Pharmakognosie mit Erfolg herangezogen worden.

Von großer Bedeutung ist die +Geographie+ für die Pharmakognosie. Sie

sollte auch in den Vorlesungen viel mehr als bisher berücksichtigt

werden. Die Kenntnis der Produktionsländer, der Ausfuhrhäfen und

der Handelswege gehört zu einer erschöpfenden Behandlung der

Droge. Und auch die Kulturen der Heil- und Nutzpflanzen sind ohne

pflanzengeographische und klimatologische Kenntnisse nicht verständlich.

Sehr schwierige Gebiete sind +Geschichte+ und +Linguistik der Drogen+,

z. B. die Etymologie der Namen. Um sie als Forscher treiben zu können,

muß man außer Pharmakognost (und Botaniker) auch geschulter Historiker

und Sprachforscher sein. Das dürfte sich selten zusammenfinden, und so

gibt es denn auf diesem Gebiete die meisten Irrtümer (denn auch ein

Historiker und Linguist, der nicht Pharmakognost ist, irrt oft auf

diesem Boden) und das meiste ist noch zu tun. Merkwürdig ist es, daß

jeder Pharmakognost, fast ohne es zu wollen, ganz unwillkürlich zu

historischen Studien geführt wird. Kein Gebiet ladet ja so sehr dazu

ein wie gerade das uralte der Heilpflanzen und Drogen.

Fast ganz vernachlässigt wurde bisher das Studium der +Verpackungen+

der Drogen. Der erste Versuch, sie zu sammeln, zu beschreiben und

übersichtlich zu gruppieren, wurde 1893 im pharmazeutischen Institute

in Bern gemacht. Zum vollständigen Bilde einer Droge gehören auch sie.

Da ich den «praktischen Zweck», von dem ~Wigand~ spricht, aus den

Aufgaben der +reinen+ Pharmakognosie ausschalte, könnte man fragen, ob

denn überhaupt die Pharmakognosie als selbständige +reine Wissenschaft+

Existenzberechtigung hat, da ja ihr botanischer Teil von Botanikern,

ihr chemischer von Chemikern, ihr handelsstatistischer von Kaufleuten,

ihr handelsgeographischer von Geographen, ihr historischer von

Historikern betrieben werden könne. Und es hat ja auch nicht an

Befürwortern gefehlt, die diese Teilung anstreben möchten. Aber die

Selbständigkeit der Pharmakognosie als reine Wissenschaft hat die

gleiche Berechtigung wie die Selbständigkeit der Pharmakologie und der

Geographie. Die Pharmakologie setzt sich auch aus heterogenen Elementen

(Chemie, Physik, Physiologie, Anatomie) zusammen, und verfolgt zunächst

auch nur rein wissenschaftliche Ziele. Sie ist als eine «angewandte

Physiologie» bezeichnet worden und doch wird jetzt keiner mehr ihr den

Charakter einer selbständigen reinen Wissenschaft absprechen. Auch der

Arzt hört auf der Universität reine Pharmakologie und treibt in der

Praxis angewandte. Ebenso stecken in der Geographie ein ganzes Bündel

von Wissenschaften (Geologie, Botanik, Zoologie, Meteorologie) und doch

ist ihr selbständiger Charakter jetzt allgemein anerkannt.

[Illustration: Fig. 2.

+Dioscurides+ und die +Heuresis+ mit der _Mandragora_, zu deren

Füssen ein sich in Schmerzen krümmender Hund. Aus dem Wiener Codex

Constantinopolitan. des +Dioscurides+ (512 n. Chr.) verkleinert.]

Bei der Pharmakognosie sammeln sich alle Hilfswissenschaften in dem

Brennpunkte der Pharmazie. +Die ganze Ausbildung des Apothekers

prädestiniert ihn zum Pharmakognosten+, wie den Arzt zum Pharmakologen,

und es sollten sich daher die Pharmakognosten nur aus Apothekern

rekrutieren, da nur diese in allen, oder doch wenigstens in den

hauptsächlichsten Hilfswissenschaften der Pharmakognosie gleichmäßig

ausgebildet werden. Ich verkenne ja keineswegs die große Bedeutung der

+angewandten Pharmakognosie+. Aber genau so wie der Mediziner reine

Anatomie und Physiologie des Menschen hören muß, bevor er sie praktisch

anwendet, genau so muß der Apotheker reine Pharmakognosie hören, bevor

er in der Praxis angewandte treibt. Es muß also auch Vertreter der

reinen Pharmakognosie, muß eine wissenschaftliche Pharmakognosie geben,

wie es eine reine Anatomie und Physiologie geben muß. Sie darf nicht

von vornherein eine angewandte Wissenschaft sein. Das hieße das Pferd

am Schwanze aufzäumen. Kein Chemiker wird doch mit der angewandten

Chemie beginnen. Die angewandte pharmazeutische Chemie war solange

eine rein empirische Pröbelei, als sie sich nicht auf die reine

Chemie stützte und sie zur Voraussetzung hatte. Und so ist ein wahrer

Fortschritt in der angewandten Pharmakognosie nur möglich, wenn die

reine Pharmakognosie als +reine Wissenschaft+ betrieben wird. Die Ziele

der reinen Pharmakognosie aber sind einfach und klar vorgezeichnet und

so wissenschaftliche, wie die aller anderen naturwissenschaftlichen

Disziplinen.

[Illustration: Fig. 3.

+Valerius Cordus+ (1515–1544).]

[Illustration: Fig. 4.

+Nicolaus Monardes+ (1493–1578).]

[Illustration: Fig. 5.

+Carolus Clusius+ (1526–1609).]

Von allen drei Disziplinen: Pharmazie, Pharmakognosie und

pharmazeutische Chemie ist die Pharmakognosie die älteste, die

pharmazeutische Chemie die jüngste. Die Rhizotomen waren die ersten

Pharmakognosten, die ersten berufsmäßigen Kenner, Sammler und

Beschreiber von Arzneipflanzen (_Rhizotomica_) und ~Dioskurides~ der

erste hervorragende Lehrer der Pharmakognosie, da er zum Zwecke der

Lehre Heilpflanzen beschrieb. Neue Impulse erhielt dann die Lehre

von den Arzneipflanzen durch die Araber, die als die Schöpfer der

Pharmazie in unserem Sinne, der dritten Schwester, betrachtet werden

können, obwohl die pharmazeutische Kunst sehr viel älter ist, und

wie uns die Tempelinschriften, die Papyri und die Keilschrifttafeln

lehren, schon 3000 v. Chr. geübt wurde. ~Ibn Baitars~ Kitāb al-dschāmi

al-kabīr (+liber magnae collectionis+) ist das bedeutendste Werk der

arabischen Pharmakognosie, aber doch viel zu sehr auf fremde Autorität

und zu wenig auf eigene Beobachtung aufgebaut. Die Pharmakognosie

blieb lange eine «philologische» Wissenschaft. Als die eigentlichen

+Patres pharmacognosiae+ müssen wir ~Monardes~, ~Clusius~ und ~Cordus~

betrachten. Sie stellten die eigene Beobachtung in die erste Reihe. Bei

ihnen finden wir die ersten gedruckten, nach der Natur gezeichneten

Abbildungen von Drogen und Heilpflanzen. Es war die Entdeckung

Amerikas und des Seeweges nach Ostindien, die der Pharmakognosie

neues Leben eingehaucht, ja sie eigentlich erst geschaffen hat. Aus

dieser Zeit stammt denn auch die Errichtung des ersten Lehrstuhls der

Pharmakognosie «+lectura simplicium+» 1533, in Padua, den ~Buonafede~

innehatte, der also der erste Professor der Pharmakognosie war.

Dann blieb sie lange stehen, bis auf ~Pomet~, ~Nicolaus Lémery~

und ~Etienne François Geoffroy~, denen wir die ersten Lehrbücher

der Pharmakognosie verdanken. Die beiden letztgenannten waren aus

dem Apothekerstande hervorgegangene Ärzte, und bis in unsere Zeit

haben sich zahlreiche Ärzte als Pharmakognosten erfolgreich betätigt

(~Pereira~, ~Dierbach~, ~Schroff~, ~Phoebus~, ~Vogl~, ~Moeller~).

~Pereiras~ «+Elements of materia medica+»(1839) ist das beste Erzeugnis

dieser Periode. Eine neue Epoche bezeichnet dann ~Guibourf~, der die

Pharmakognosie, ganz losgelöst von der Medizin, als eine eigene, eine

pharmazeutische Disziplin auffaßte, aber ohne ihren ganzen Gehalt

auszuschöpfen. Dann trat die Pharmakognosie in ihre botanische Periode.

An ihrem Anfang stehen die Namen ~Nees von Esenbeck~ und ~Jussieu~,

und in ihrem Verlaufe waren es ~Schleiden~ und ~Berg~, ~Wigand~ und

~Oudemans~, ~Fristedt~ und ~Hanbury~, die am Ausbau der Pharmakognosie

als botanische Disziplin mit großem Erfolge arbeiteten. Durch sie

erhielt die Pharmakobotanik erst ihre eigentliche Gestaltung. Die

Pharmakognosie verdankt ihnen außerordentlich viel. Die Einführung

der Lupe und des Mikroskopes eröffnete neue Gebiete. Aber die

Pharmakochemie kam zu kurz dabei. Es darf wohl auf den Einfluß, den die

mächtig vorwärtsdrängende Chemie auf alle Gebiete der Naturforschung

in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. übte, zurückzuführen sein, daß

sich auch auf dem Gebiete der Pharmakognosie chemische Aspirationen

bemerklich machten. Es ist ~Flückigers~ Verdienst der Pharmakochemie

als gleichberechtigter Hilfswissenschaft neben der Pharmakobotanik zu

der ihr zukommenden Bedeutung verholfen, gleichzeitig aber auch das

Gesamtgebiet der Pharmakognosie durch Heranziehung von Geographie und

Geschichte, Handelswissenschaft und Linguistik erweitert zu haben.

+Die wissenschaftliche Pharmakognosie im modernen Sinne datiert von

ihm und seinem «Lehrbuch der Pharmakognosie»+, das zum ersten Male

alle Teile des Faches gleichmäßig behandelt. Es war nun nur noch

nötig, die Einzelfächer weiter zu vertiefen, in die Pharmakochemie die

Methoden der modernen Chemie, in die Pharmakobotanik die Methoden

der modernen Botanik (z. B. die Entwicklungsgeschichte) einzuführen

und die Einzelbeschreibungen unter allgemeinen Gesichtspunkten

zusammenzufassen, also von der Analyse zur Synthese vorzuschreiten,

um die Pharmakognosie auf die Höhe einer mit den anderen

Naturwissenschaften ganz gleichwertigen Wissenschaft zu erheben.

So ist die moderne wissenschaftliche Pharmakognosie, nicht nur wegen

der engen Beziehungen zur +Heil+kunde und der großen praktischen

Bedeutung der angewandten Pharmakognosie für das öffentliche Leben die

wertvollste -- nennt sie doch ~A. P. de Candolle~ «die unmittelbar

nützlichste unter den menschlichen Kenntnissen»-- wegen der Zahl ihrer

Hilfswissenschaften, die umfassendste, und wegen des wissenschaftlichen

Wertes der letzteren, die tiefgründigste, sondern auch die bei weitem

interessanteste der drei pharmazeutischen Disziplinen -- allerdings

auch die am schwierigsten zu bewältigende. Eine wahre scientia regia!

-- und historisch betrachtet, wie ~Schleiden~ sagt, «+die Mutter aller

naturwissenschaftlichen Disziplinen+».

[Illustration: Fig. 6.

Lectura simplicium im XVI. Jahrh. Holzschnitt aus dem +Ortus

sanitatis+.]

Jetzt steht sie freilich noch wenig beachtet im Winkel, aber es

wird schon wieder eine Zeit kommen, in der man den Arzneidrogen und

Heilpflanzen, deren Verwendung so alt ist wie das Menschengeschlecht,

mehr Beachtung schenkt wie heute. Und wenn sich die Drogenkunde erst

voll zur Drogenwissenschaft ausgewachsen hat, dann wird ihr auch der

ihr zukommende Platz +neben+ der Chemie und Botanik und nicht +unter+

ihnen angewiesen werden.

Vielleicht grünet, das jetzt herfürkeimet mit der Zeit (~Paracelsus~).

«Je niedriger die Kulturstufe eines Volkes

ist, desto kleiner ist die Zahl der Pflanzen,

die für die praktischen Bedürfnisse der Menschen

verwendet werden.»

~Björkman~.

II. Die Objekte der Pharmakognosie.

1. Die Droge.

In der oben (S. 6) gegebenen Definition des Begriffes und der Aufgaben

der Pharmakognosie sind die Objekte der Behandlung kurzweg „Drogen“

genannt worden. Der Ausdruck ist in seiner Ableitung nicht ganz klar.

Im Französischen schreibt man drogue, droguiste, im Italienischen:

droga, drogheria, im Spanischen: droga, drogueria, im Holländischen:

droge, drogist, im Englischen: drug, druggist. Welcher Stamm aber

dem Worte Droge zugrunde liegt, ist unsicher. Die einen (~Frisch~,

~Diez~) leiten das Wort von dem deutschen drog, droge, droêge,

drög = trocken ab (im Niederdeutschen: droog, sächsisch: drêge,

berndeutsch: troche, alt-bayrisch-österreichisch (Buch d. Natur):

trucken, trücken, alt-englisch: dréze, holländisch: trook, in der

heutigen Niederlausitzer Volkssprache: tre oder trëe); andere von dem

keltischen droch = schlecht, noch andere von dem illyrischen drug =

kostbar oder dem persischen (?) drogua = Betrug.

Es erscheint, wie ~Flückiger~ bemerkt, nicht sehr wahrscheinlich,

daß die romanischen Sprachen das Wort aus den germanischen

herübergenommen haben. Denn es waren zuerst romanische Völker

(Italiener, Portugiesen, Spanier), die die Drogen nach Deutschland,

Holland und England brachten. Doch ist es nicht ohne Beispiel, daß

eine Bezeichnung von den Empfängern gegeben und von den Liefernden

übernommen wurde.

Nur in England ist das Wort sicher bis in den Anfang des XIV. Jahrh.

zurück zu verfolgen. In +Close Roll+ I Edw. III. 1. mem. 32 (einem

Jahrbuch aus der Regierung Eduard III.) aus dem Jahre 1327 findet

sich die Stelle: «Novem balas de +drogges+ de spicerie», dann 1386

oder 1388 (bei ~Chaucer Canterbury~ +Tales Prol.+ 426 Apothecaries):

«to send him +drogges+» und 1398 (in ~Trevisas~ +Übersetz. d.

Bartholomaeus de proprietatibus rerum+, gedr. 1495): «of stronge

+drouges+». Dann auch 1513 (in ~Douglas~, +Aeneis+): «huilsum of

small as ony spicery, Tryakle, +droggis+ or electuary», und 1655 in

~Thomas Gage~, +New survey of the West-Indias+ XVII: «+drugs+ for

Chocolatte, also Apothecary drugs as Zarzaparilla». (Hier werden also

bereits die «Arzneidrogen» von den anderen unterschieden!) Außer

diesen Formen findet sich im Englischen noch: drogis, drougges,

droigis, drugges, drougs, druggs, drogs, drugge, ja sogar später auch

die Formen drogue und drogues! Das Wort war also im XIV. Jahrh. schon

in England gebräuchlich und zwar in der ältesten Form ohne u.

Bei den lateinisch schreibenden Schriftstellern läßt sich das Wort

Drogue bestimmt nicht weiter als bis ins XV. Jahrh. verfolgen. Es

findet sich im +Dispensatorium ad aromatarios+ des ~Pseudo-Nicolai~,

eines unbekannten Verfassers (Lugd. 1536) einer Kompilation aus dem

XV. (?) Jahrh. (in einzelnen Teilen aber wohl älter). Dort heißt es:

«Et voco +droguas+ medicinas magni precii quae ad nos deferentur

a longinquis partibus», und der Verfasser zählt folgende «Drogen»

auf: _Ambra_, _Amomum_, _Balsamus_, _Bombax_, _Ben album_ und

_rubrum_, _Blacte bisaucie_, _Carpobalsamum_, _Camphora_, _Cassia

lignea_, _Calamus aromaticus_, _Cardamomum_, _Cinnamomum_, _Cubebae_,

_Celtica_, _Crocus_, _Doronicum_, _Folia_, _Galanga_, _Gariofili_,

_Lapdanum_, _Lign. Aloes_, _Macis_, _Muscus_, _Malabatrum_, _Nux

indica_, _Nux muscata_, _Piper_, _Ribes_, _Spica Nardi_, _Spongia_,

_Spuma maris_, _Unicornum_, _Zinziber_, _Zedoaria_, _Zuccara_.

Das sind, wie ~Flückiger~ (Arch. d. Pharm. 1881) bemerkt, in

der Mehrzahl Aromata und auch ~Garcia da Orta~ betrachtet diese

Eigenschaft als wesentlich für den Begriff Droge: «aromaticum voco

non odoratum -- quod vulgo +droguam+ vocant» (in der ~Clusius~schen

Übersetzung, im spanischen Original steht droga, nicht drogua).

Es würde also ursprünglich das Wort Drogua oder Droga für einen

wertvollen Arzneirohstoff, vorwiegend aus der Gruppe der Aromata

gebraucht worden sein, wie das noch heute in dem illyrischen Worte

für Droge dragomiris (drug = kostbar, miris = wohlriechend) zum

Ausdrucke kommt. Doch scheint man auch schon im XVI. Jahrh. das

«trocken» als wesentlich für den Begriff Droge betrachtet zu haben,

da ~Marco Guazzo~, wo er davon spricht, daß die «+Drogherie+» der

Drogensammlung (Spetieria) des ~Buonafede~ in Padua durch die Schiffe

der Venetianer geliefert werden müssen, ausdrücklich von «cose secche

di levante» spricht.

~Husemann~ meint, daß die oben genannte Stelle im Dispensatorium

des ~Pseudo-Nicolaus~ der Ort sei, wo das Wort zuerst auftritt und

von dem Verfasser wohl erfunden sei («et voco»). Der Verfasser ist

unbekannt, könnte aber nach Lage der Sache ein im Orient lebender

Kompilator sein oder ein aus orientalischen Quellen schöpfender, so

daß der orientalische Ursprung des Wortes doch nicht ganz unmöglich

wäre. (Sein Werk muß jedenfalls höher hinauf als ins XV. Jahrh.

gesetzt werden, wohin es ~Choulant~ verweist.) Doch fehlt das Wort

sowohl in den arabischen, spanisch-arabischen, algerischen und

ägyptischen, persischen und türkischen Lexicis (~Hess~).

In Italien scheint schon im XV. Jahrh. der Ausdruck droga ganz

gebräuchlich gewesen zu sein.

In +Convent. Saonae+ (1526) findet sich die Stelle: «pro quibuscunque

generibus specierum s. aromatum et drogariarum», und +Drogaria+

wird in ~Canges~ Glossar. mediae et infimae latinitatis definiert:

«aroma quodvis materia ex qua medicamenta et aliae compositiones

conficiuntur».

In Frankreich findet sich das Wort «drogue» mit u (Provenc.: drogua)

zuerst im XIV. Jahrh. in Nat. à l’alch. err.: «dissoudre et distiller

Tes drogues pour les congeler Par alambics» (~Littré~). Dann im XV.

Jahrh. bei ~Basselin~: «il n’y a chez l’apothicaire De drogue»,

auch 1484 in einer Verordnung über das Meisterstück der Apotheker,

wo verlangt werden: «cognoissances de drogues». Im XVII. Jahrh. ist

es allgemein gebräuchlich und wird z. B. auf den Titeln der Werke

~Pomets~ und ~Lémerys~ benutzt.

~Littré~ denkt bei der Ableitung auch an drwg (kelt. kimry), droug,

drouk (breton.) und droch (irländ.), was soviel wie eine schlecht

schmeckende Substanz (tout ce qui est mauvais) bedeutet, und von ihm

auf den gewöhnlich schlechten Geschmack der Arznei bezogen wird (?).

Merkwürdigerweise wird der Ausdruck drogue in Frankreich auch für ein

eingekerbtes Holzstück benutzt, das dem Verlierer bei einem gewissen

Spiele auf die Nase geklemmt wird!

In Deutschland scheint die Bezeichnung Drogist oder Trochist

älter zu sein wie Droge. -- Droge kommt im Altdeutschen und

Mittelhochdeutschen nicht vor, auch nicht in den Arzneibüchern des

XVI. Jahrh. und wird erst im XVII. Jahrh. gebräuchlich, so daß

~Hörnig~ noch 1646 den Trochisten von den Trochisci viperini, die

er einzuführen habe, ableiten konnte, was aber offenbar falsch ist

(~Husemann~).

Ziehen wir aus Vorstehendem die Schlüsse, so müssen wir zugeben, daß

die Herkunft des Wortes +Droge+, das wir in deutschen Texten am besten

wohl ohne u schreiben werden, unsicher ist. Es war schon im Anfang des

XIV. Jahrh. in der Form drogge in England und zu gleicher Zeit in der

Form drogue in Frankreich ganz gebräuchlich, dürfte daher kaum von dem

Kompilator des +Dispensatorium ad aromatarios+ erfunden sein, bei dem

sich die Worte «et voco» wohl nur auf die Form «drogua» beziehen.

Handbuch der Pharmakognosie(#71451) · 第 1 / 33 段