1. Wollust und Grausamkeit.

Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist

nach dem Marquis +de Sade kein unmittelbarer+. Zuerst ist die Wollust

da. Diese erstickt zunächst das +Mitleid+ im Menschen, macht das Herz

hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der

Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt

zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag

aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass

der +Schmerz+ die Nerven +heftiger+ angreift, als die Freude und daher

dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling

eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen,

sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme.

Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies

Anderen angenehm ist oder nicht.

Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem

Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist

ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust

seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge

der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist

nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht

verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster.

Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der

Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer

Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und

verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein

grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand,

eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie

herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber

liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.

Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns

Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist.

Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes

oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es

ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust

ist (Phil. dans le Boudoir I, 148-158, Juliette II, 94-102.)

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 81 / 180 题