7. Der Tod.

Der Marquis +de Sade+ starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres

1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren

Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte.

Ueber diese Krankheit berichtet +de Sade+ schon in einem Briefe vom

17. Juni 1808 an den Kaiser +Napoléon+. Der Brief ist gegenwärtig im

Besitze des Herrn +Noël Charavay+, der +Cabanès+ die Einsicht und den

Abdruck (+Cabanès+ a. a. O. S. 312) gestattete. +de Sade+ beklagt

sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei

verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70

Jahre alt, fast blind, von der +Gicht+ heimgesucht (der Krankheit

aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die

ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte

von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an,

ihm endlich die Freiheit zu geben. -- Eine von Dr. +Ramon+, dem

Arzte +de Sade’s+, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an

„Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven

von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis +de

Sade+ an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine

Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe.

Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende

selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und

ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass,

da der Sohn +Armand de Sade+ anwesend sei, die Behörde es wohl nicht

nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst

gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde.

(+Cabanès+ a. a. O. S. 311-312). Am Abend vorher hatte er noch diese

Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler

+Gall’s+ auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute,

die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen

Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören.

Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige

Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen,

von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für

den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen

Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse

‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]

Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das +Jules Janin+

zuerst veröffentlicht hat:[571]

„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet

werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer,

in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst

nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu

dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No.

101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine

Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf

meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht

werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet

werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die

grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube

soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn

Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung

fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner

Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen

ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit

die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, +wie ich

hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht

werden wird+.

Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und

Gesundheit, am 30. Januar 1806.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 69 / 180 题