Die Jugend des Marquis +de Sade+ gehört der Regierungszeit +Ludwigs+
XV. an, sein Mannesalter der Zeit +Ludwigs+ XVI. Er war 34 Jahre alt,
als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig
XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen
Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache
+Laws+ unter dem +Regenten+ ihren Anfang nahm, unter +Ludwig+ XV. zu
dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter +Ludwig+ XVI. zur
Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des
Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema
nicht näher berühren. Die +Genusssucht+ und die +geschlechtlichen
Ausschweifungen+ des Königtums werden besonders von +Sade+
gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit.
„Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die
ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt +Moreau+ mit Recht[48]. Das von
den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel
musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch
materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die
Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für
das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué
par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner
Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft
+Ludwigs+ XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden
+Goncourts+, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie
+Moreau+ sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine
Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr
genügen. Er schuf sich in seinem berühmten +Hirschpark+ das Vorbild
aller +geheimen Bordelle+, die auch in den Werken des Marquis +de
Sade+ eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein +König+ unterhält
ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht
alles, was +Sade+ in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem
ganz anderen, milderen Lichte? -- Ueber den Hirschpark existiert ein
Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark
wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs
genannten Stadtviertel von der Marquise +de Pompadour+ für den König
eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art
von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine
gewisse +Bertrand+, der Lieferant von jungen Mädchen hiess +Lebel+.
Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach
dem Tode der +Pompadour+ wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]).
Nach einer anderen Darstellung musste schon die +Pompadour+, da
„sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war,
unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben
lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen,
dazu entstand der sogenannte +Hirschgarten+ (Parc-aux-Cerfs), diese
Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern
einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder
zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen
und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig
durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes
angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt,
den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es
schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das
es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten
dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung
waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände
ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den
Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur
zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle
Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass
jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet
habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind,
so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also
1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im
Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger
Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt,
dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die
Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt.
Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche
Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach
einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren
„selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft,
die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer
Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur
blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt
wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch
Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen
aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse
hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis +de Sade+ an
diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was +Moreau+
nach dem „Journal de +Barbier+“, nach +Sismondi+ u. a. über jene
eigentümliche Verknüpfung von +Religion+ und +Wollust+ berichtet,
welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn
Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er
nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch
nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den
Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er
sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er
ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das
gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und
verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser
benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des
Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung,
streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen
Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die
Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange
geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck
brachte“.[57] +Ludwig+ XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in
seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner
Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, +La Ferté+.
Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter +Ludwig+
XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als +Ludwig+ XVI., 9
Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den
Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr +La
Ferté+ vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und
fragte dann: „Wer sind Sie?“ -- „Sire, ich heisse +La Ferté+.“ - „Was
wollen Sie von mir?“ -- „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät
entgegenzunehmen.“ -- „Weshalb?“ - „Weil -- weil ich der Intendant --
der Menus --“ „Was heisst Menus?“ -- „Sire, es sind die Menus-Plaisirs
Eurer Majestät“. -- „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im
Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der
König den Rücken zu und ging.[58] +Ludwig+ XV. hatte aber an seinen
eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner
Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei
regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über
die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
+Ludwig+ XVI. und seine Gemahlin +Marie Antoinette+ sind persönlich
von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter
ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des
Königs, der Graf von +Artois+ in der Tat ein berüchtigter Wüstling
war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des
Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische
Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die
bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin
ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen
Leichtfertigkeiten und Unklugheiten +Marie Antoinettes+ verdächtige
und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem
Regierungsantritt +Ludwigs+ XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches
später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste
Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die
angebliche Liebschaft zwischen +Marie Antoinette+ und ihrem Schwager
+d’Artois+ (späteren König +Karl+ X.). Die Königin wird hier in den
obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der
impotente König nicht befriedigen kann.
„Charlot“, der Graf +d’Artois+ war allerdings ein Hauptteilnehmer an
den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien,
ebenso wie der Herzog von +Orléans+, +Philippe Egalité+. Auf den
berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf +von
Artois+ eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf +von Artois+,
der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur
Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast
jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529)
erzählt +Rétif de la Bretonne+, dass im Faubourg Saint-Antoine
ein Bordell existierte, welches der Herzog von +Orléans+, der Graf
von +Artois+ und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen
Infamien hin, +welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen
Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden+.“ Dort
wurden jene Bestialitäten begangen, welche +Sade+ schildert.[63] Als
die Gemahlin des Grafen +d’Artois+ 1775 in Paris einzog, wurde sie
von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem
durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer
Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine +öffentliche+
geworden war:
Célébrons tous à Paris
Un vaillant enfant de France;
Au moment qu’il entre en danse --,
Zeste, il vous a fait un fils!
C’est un vi..... c’est un vi.....
C’est un vigoureux mari!
La moitié que nous voyons,
On dirait qu’elle n’y touche,
Mais en nuptiale couche
A des talents non moins bons.
Le beau con.... le beau con...
Ah! le beau concert, dit-on.
Pour chanter les deux époux
En riant Bacchus s’avance;
Déjà dans la cuve immense,
S’entassent ses raisins doux.
Allons fou.... allons fou.....
Allons, allons fouler tous.[64]
+Sade+ nennt (Juliette IV, 16) +Marie Antoinette+ „la première putain
de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu
beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82),
wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass
hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette
V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der
Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république
universelle“ begründen. (Jul. V, 119).