VI. Bibliographie Seite 507.

Vorwort.

Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt

war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von +A.

Eulenburg+ („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No.

26, vom 25. März 1889, S. 497-515), dem geschätzten Neurologen und

hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von

+Eulenburg+ im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen

die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit

ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. +Marciat+ über den

Marquis +de Sade+ (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten

Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem

G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881)

wenig Beachtung gefunden hatten. Mit +P. Ginisty’s+ dankenswerter

Publikation unedierter Briefe der +Marquise+ und des Marquis +de Sade+

(in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht

worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des

Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.

Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis +de Sade+

beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein

bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis

empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli

Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch

1895 schrieb +Eulenburg+ („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft

habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur

dieses Gegenstandes fortwährend auf +de Sade+ und seine Werke bezieht,

ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies

Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.

Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten

aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem

Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im

beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit

+Macaulay+ zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen

Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft

erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein

Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert

für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit

liebevollem Herzen die +Menschen+. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern

bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern

auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.

Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste

+wissenschaftliche+ Originalwerk über den Marquis +de Sade+ in einer

lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch

keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein

wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das +dem Erforscher

der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne+. Es ist geschrieben

für den Arzt -- ich selbst bin ein solcher -- für den Juristen, den

Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen -- für alle die,

welche im +sozialen+ Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen

Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn

ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das

Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe

mit +Plato+ und +Hegel+ nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren

geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles

erreichbare Material über den Marquis +de Sade+ zusammengetragen.

Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein

Leben und seine Werke als Objekte der +geschichtlichen+ Erfahrung

aufgefasst und damit -- wie ich glaube -- einen neuen Weg zur

Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar

ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.

Wenn der berühmte Nationalökonom +W. Roscher+ dem Herausgeber des

„Hermaphroditus“ von +Antonius Panormita+, dem gelehrten und ehrlichen

+F. C. Forberg+ eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht,

wenn +Parent-Duchatelet+ sein grosses Werk über die Prostitution in

Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden

Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines

+Forschers+ nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die

moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von

mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand +lügt+ so viel, als der

Entrüstete“. (Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus

26, S. 48).

Das Uebel ist in der Welt. Man +muss+ es erforschen, aufdecken und die

Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im

übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht

das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu +Minos+ und +Rhadamanthys+,

sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit

der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.

+Berlin+, den 15. Dezember 1899.

Der Verfasser.

Vorwort zur dritten Auflage.

Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig

durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.

+Berlin+, den 15. Januar 1901.

Der Verleger.

Vorwort zur vierten Auflage.

Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“

bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme,

welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen

Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat

seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte

ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden

haben!

Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt

zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen

voll und ganz beschieden sein!

+Berlin+, den 15. Dezember 1905.

Der Verleger.

Vorwort zur fünften Auflage.

Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und

zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und

erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt

zuteil geworden ist

+Berlin+, im Juli 1914.

Der Verleger.

Einleitung.

Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.

(Phaenomenologie der Liebe.)

Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung

des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die

Liebe als eine +Naturerscheinung+ entgegen, die als solche dem

Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen

der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der +Geschichte+, jenes

Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte +Hegel’s+ zu

reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt.

Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die

+Freiheit+, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis,

identisch ist.

So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das +physische+,

das +historische+ und das +metaphysische+ Problem.

Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen

Methode +Hegel’s+ folgen, sind diese Probleme ebenso viele +Stufen

der Entwickelung+, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen

der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener

Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen)

Liebe, den bereits +Plato+ erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz

andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung

der +Natur+ und als Erscheinung des +absoluten Geistes+, die Liebe

im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am

meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir

besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben

in +naturwissenschaftlicher+ und +metaphysischer+ Beziehung. Dagegen

ist jenes grosse Gebiet fortwährender +geistiger+ Befruchtung des

+natürlichen+ Geschehens, welches sich in der +Geschichte+ darstellt,

über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige

Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz

allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und

in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur

Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die

Liebe als +historisches+ Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem

physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den

Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches

Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.

Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen

Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 13 / 180 题