Die Zufriedenheit. Lottchen.
Zufriedenheit (mit innerer Ruhe und heiterem Gemüte. Ihr Anzug
ist griechisch, eine einfache graue Toga, unbedecktem Haupt.
Sie tritt aus der Tür, einen Brief in der Hand).
Was verlangst du von mir, mein Kind?
Lottchen (erstaunt).
Wer ist denn das?
Zufriedenheit.
Nur näher, ich bin die Dame, die du suchst.
Lottchen.
Wirklich? Sie sind eine recht liebe Person, aber für eine
Dame hätt ich Sie nicht gehalten.
Zufriedenheit.
Nicht? Und doch bin ich noch mehr, ich bin die Königin dieses
Tales, und von meiner Stirne strahlt das Diadem der Heiterkeit--
Lottchen (fällt ängstlich auf die Knie).
Ach, so verzeihen mir Euer Hoheit, aber da wär ich in meinem
Leben nicht darauf gekommen.
Zufriedenheit.
Steh auf! Du bist mir in diesem Brief, den ich vor kurzem
erhielt, von mächtigen Geistern schon angekündet, und ich will
dich in meine Dienste nehmen. Du hast wenig Geschäfte. Das
Aufbetten wirst du ersparen, denn ich schlafe auf einem Stein.
Küche und Keller werden dir wenig Mühe verursachen, denn mich
nähren die Früchte des Bewußtseins, mich tränket die Quelle
der Bescheidenheit.
Lottchen.
Ach, ich bin ja mit allem zufrieden!
Zufriedenheit.
Hast du denn meine Hütte so leicht gefunden?
Lottchen.
Ach ja, das ist ja nicht schwer.
Zufriedenheit.
Glaubst du? Viele Tausende wandern nach mir aus und finden
mich nicht, denn der dürre Pfad, der zu mir führt, scheint
ihnen nie der rechte zu sein. Siehst du dort oben die bunten
Auen, wo des Glückes Blumen farbig winken? (Deutet auf den
Blumenberg.) Dort wollen sie mich finden, und je reizender
der Pfad sie aufwärts lockt, desto tiefer entschwindet meine
niedre Hütte aus ihrem getäuschten Auge. Denn wer mich ängstlich
sucht, der hat mich schon verloren.
Lottchen.
Aber auf jenen hohen Bergen muß doch eine schöne Aussicht sein?
Zufriedenheit.
Nicht für dich, mein Kind. Du gehörst ins Tal. Siehst du dort
den hohen flimmernden Berg? Das ist die Alpe des Reichtums,
und ihm gegenüber sein noch glänzenderer Nebenbuhler, der
Großglockner des Ruhmes! Das sind schöne Berge, doch sende
deine Wünsche nie hinauf, stark und erhebend ist die Luft auf
ihren Höhen, aber auch der Sturmwind des Neides umsaust ihre
Gipfel, und kann er die Flamme deines Glückes nicht löschen,
so löscht er doch den schönen Funken des Vertrauens in deiner
Brust auf immer aus.
Lottchen.
Das versteh ich nicht.
Zufriedenheit.
Darin bestehet ja dein Glück, weil du mich nicht verstehst,
bist du mit mir verwandt.
Lottchen.
Verwandt? Und doch haben sich Euer Hoheit nie um mich bekümmert?
Zufriedenheit.
Glaube das nicht, ich habe dich mir ja erzogen und will nun
deine Freundin sein. Der Mann, der heute dich verstieß, ist
nicht dein Vater, sonst hätt er es nie getan. Doch eine Mutter
hast du noch, die dich innig liebt und die du bald umarmen wirst.
Bis dahin reiche mir deine Hand und nenne mich Schwester.
Lottchen.
Recht gerne! Ach, was ist das Schönes, wenn man eine Schwester
hat. Aber da muß ich hernach auch du zu Euer Hoheit sagen und
bin so viel als Euer Hoheit selbst?
Zufriedenheit.
Allerdings! Du sitzest neben mir auf meinem moosbewachsenen
Thron, und über uns spannt sich der schönste Baldachin, der
heitre Himmel aus.
Lottchen.
Ach du liebe Schwester, wie soll ich dir danken?
Zufriedenheit.
Bleibe, wie du bist, und du hast den Lohn schon abgetragen.
Lottchen (freudig).
Ach ja, wie ich bin--doch--nun ja--wie ich bin, nicht wahr?
Zufriedenheit.
Nun ja.
Lottchen.
Da muß ich aber auch ledig bleiben?
Zufriedenheit (lächelnd).
Ja so! Und du hast den schönen Wunsch zu heiraten?
Lottchen.
Ja freilich. Doch sei nicht böse, liebe Schwester, seit ich
bei dir bin, wünsche ich mir fast gar nichts mehr. Aber wenn
ich an meinen Karl denke, kann ich doch mit dem Wünschen noch
nicht recht fertig werden.
Zufriedenheit.
Das sollst du auch nicht, liebes Lottchen! Tröste dich, ich
werde dich mit deinem Karl vereinen. Er verdienet dich, ich
kenne ihn genau.
Lottchen.
Du kennst ihn? Ist er vielleicht auch mit dir verwandt?
Zufriedenheit.
Er war es. Ich war stets um ihn, wie noch der muntere Hirsch
das Sinnbild seiner kräftgen Freude war, und nur du hast uns
entzweit, du hast ihn mir entrissen.
Lottchen.
Das ist mir unbegreiflich.
Zufriedenheit.
Komm! Du wirst deinen Karl heute noch erhalten. Er soll uns
beide wiederfinden, dich und mich durch dich. Und hab ich euch
vereint, geb ich auch meinem Herzen dann ein Fest, durchziehe
froh die Welt, und wo ich einen Armen finde, der krank liegt
am Verlust der Freude, will ich schnell die Hand ihm reichen
und sie überströmen lassen aus meinem Herzen in das seinige!
Vielleicht gelingt es mir, ein Bündnis mit der Welt zu schließen,
die ich so innig liebe und die so hart mich von sich stoßt.
(Geht mit ihr in die Hütte.)