Ich umarme Sie vielmals

Ihre Rosa.

Gott, Gnade mir. 8 Seiten sinds geworden, nun, für diesmal mags hingehen.

Dank für die Bücher.

Mitte November 1917.

Meine geliebte Sonitschka,

ich hoffe, bald Gelegenheit zu haben, Ihnen endlich wieder diesen Brief

zu schicken, und greife mit Sehnsucht zur Feder. Wie lange mußte ich

jetzt die liebe Gewohnheit entbehren, mit Ihnen wenigstens auf dem

Papier zu plaudern! Aber es ging nicht, die wenigen Briefe, die ich

schreiben durfte, mußte ich für Hans D. aufsparen, der ja darauf wartete.

Nun ist es damit vorbei, meine zwei letzten Briefe waren schon an einen

Toten geschrieben, einen habe ich schon zurückgekriegt. Unfaßbar bleibt

mir die Tatsache immer noch. Doch reden wir lieber nicht darüber, ich

mache solche Sachen am liebsten mit mir allein ab, und wenn man mich

»schonend« auf die schlimme Nachricht vorzubereiten und durch eigenes

Wehklagen »trösten« will, wie N. es tat, so irritiert mich das unsagbar.

Daß mich meine nächsten Freunde immer noch so wenig kennen und so

unterschätzen, daß sie nicht begreifen: das beste und feinste in solchen

Fällen ist, mir schleunigst aber kurz und einfach die zwei Worte zu

sagen: er ist tot -- -- -- das kränkt mich, doch Schluß damit.

.... Wie schade um die Monate und Jahre, die jetzt vergehen und in

denen wir zusammen so viel schöne Stunden verleben könnten, trotz all

dem Schrecklichen, was in der Welt vorgeht. Wissen Sie, Sonitschka, je

länger das dauert und je mehr das Niederträchtige und Ungeheuerliche,

das jeden Tag passiert, alle Grenzen und Maße übersteigt, um so ruhiger

und fester werde ich, wie man gegenüber einem Element, einem Buran,

einer Wasserflut, einer Sonnenfinsternis, nicht sittliche Maßstäbe

anwenden kann, sondern sie nur als etwas Gegebenes, als Gegenstand der

Forschung und Erkenntnis betrachten muß.

Dies sind offenbar die objektiv einzig möglichen Wege der Geschichte und

man muß ihr folgen, ohne sich an der Hauptrichtung beirren zu lassen.

Ich habe das Gefühl, daß dieser ganze moralische Schlamm, durch den wir

waten, dieses große Irrenhaus, in dem wir leben, auf ein Mal, so von

heute auf morgen wie durch einen Zauberstab ins Gegenteil umschlagen, in

ungeheuer Großes und Heldenhaftes umschlagen kann, und -- -- wenn der

Krieg noch ein paar Jahre dauern wird -- -- umschlagen _muß_.... Lesen

Sie mal »Les dieux ont soif« von An. France. Ich halte das Werk für

so groß hauptsächlich deshalb, weil es mit genialem Blick für das

Allmenschliche zeigt: Seht, aus solchen Jammergestalten und solcher

alltäglichen Kleinlichkeit werden in entsprechenden Momenten der

Geschichte die riesenhaftesten Ereignisse und die monumentalsten Gesten

gemacht. Man muß alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben

nehmen: ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln. Ich glaube fest

daran, daß sich schließlich alles nach dem Kriege oder zum Schluß des

Krieges zum Richtigen wendet, aber wir müssen offenbar erst durch eine

Periode der schlimmsten menschlichen Leiden waten.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Apropos, meine letzten Worte wecken in mir eine andere Vorstellung, eine

Tatsache, die ich Ihnen mitteilen möchte, weil sie mir so poetisch und

so rührend vorkam. Ich las neulich in einem wissenschaftlichen Werk über

den Vogelzug, der ja bis jetzt ein ziemlich rätselhaftes Phänomen

darstellt, daß dabei beobachtet worden ist, wie verschiedene Arten, die

sich sonst als Todfeinde befehden und auffressen, friedlich nebeneinander

die große Reise südwärts übers Meer machen: nach Ägypten kommen zum

Winter gewaltige Scharen von Vögeln, die wie Wolken in der Höhe

schwirren und den Himmel verdunkeln, und in diesen Scharen fliegen

mitten unter Raubvögeln, Habichten, Adlern, Falken, Eulen, tausende von

kleinen Singvögeln, wie Lerchen, Goldhähnchen, Nachtigallen, ohne jede

Angst mitten unter Raubvögeln, die ihnen sonst nachstellen. Auf der

Reise scheint also stillschweigend eine trève de dieu zu herrschen, alle

streben dem gemeinsamen Ziel zu, und fallen halbtot vor Erschöpfung am

Nil auf die Erde, um sich nach Arten und Landsmannschaften zu sondern.

Ja, noch mehr, man hat beobachtet, daß auf dieser Reise »über den großen

Teich« große Vögel viele kleine auf ihrem Rücken transportieren, so hat

man Scharen von Kranichen vorüberziehen sehen, auf deren Rücken winzige

Zugvögelchen lustig zwitscherten! Ist das nicht reizend?

..... Ich habe neulich in einer sonst geschmacklosen und kunterbunten

Sammlung von Gedichten eins von Hugo v. Hoffmannsthal entdeckt.[4] Ich

mag ihn sonst gar nicht, finde ihn gesucht, raffiniert, unklar, ich

verstehe ihn einfach gar nicht. Dieses Gedicht aber gefiel mir sehr und

hat auf mich einen starken poetischen Eindruck gemacht. Ich lege es

Ihnen anbei, vielleicht macht es Ihnen auch Vergnügen.

Ich bin jetzt tief in der Geologie. Sie wird Ihnen wohl als eine sehr

trockene Wissenschaft vorkommen, das ist aber ein Irrtum. Ich lese sie

mit fieberhaftem Interesse und leidenschaftlicher Befriedigung, sie

erweitert kolossal den geistigen Horizont und verschafft eine so

einheitliche allumfassende Vorstellung von der Natur, wie keine

Wissenschaft es vermag. Ich möchte Ihnen eine Menge davon erzählen,

aber dazu müßten wir uns _sprechen_ können, zusammen an einem Vormittag

am Südender Feld schlendern oder einander an einer stillen Mondnacht

ein paarmal gegenseitig nach Hause hinüber begleiten. Was lesen Sie?

Wie stehts mit der Lessing-Legende? Ich will von Ihnen alles wissen!

Schreiben Sie -- wenn es geht -- _sofort_ auf demselben Wege, oder

wenigstens auf dem offiziellen Wege, ohne diesen Brief zu erwähnen.

Ich zähle auch schon im stillen die Wochen, bis ich Sie wieder hier

sehen werde. Das wird doch wohl bald nach Neujahr sein, nicht wahr?

Was schreibt Karl? Wann werden Sie ihn wieder sehen? Grüßen Sie ihn

tausendmal von mir. Ich umarme Sie und drücke Ihnen fest die Hand,

meine liebe, liebe Sonitschka! Schreiben Sie bald und viel.

Ihre Rosa.

Breslau, 24. 11. 17.

... Sie irren sich, daß ich von vornherein gegen die modernen Dichter

bin. Vor etwa 15 Jahren habe ich Dehmel mit Begeisterung gelesen --

irgendeine Prosasache von ihm -- am Sterbelager einer geliebten Frau

-- ich habe eine dunkle Erinnerung -- hat mich entzückt. Arno Holz'

Phantasus kann ich jetzt noch auswendig. Johann Schlaf's »Frühling« hat

mich damals hingerissen. Dann bin ich abgekommen und zu Goethe und

Mörike zurückgekehrt, Hoffmannsthal verstehe ich nicht, George kenn ich

nicht. Es ist wahr: ich fürchte bei ihnen allen ein wenig die meisterhafte

vollendete Beherrschung der Form, des poetischen Ausdrucksmittels und

das Fehlen einer großen, edlen Weltanschauung dabei. Dieser Zwiespalt

klingt mir so hohl in der Seele, daß mir dadurch die schöne Form zur

Fratze wird. Sie geben gewöhnlich wunderbare Stimmungen wieder. Aber

Stimmungen machen noch keinen Menschen.

Sonitschka, es sind so zauberhafte Abende jetzt, wie im Frühling. Ich

gehe um 4 Uhr herunter in den Hof, es dämmert schon, dann sehe ich die

scheußliche Umgebung in geheimnisvolle Schleier der Dunkelheit gehüllt,

dafür leuchtet in heller Bläue der Himmel und ein silberner, klarer Mond

schwimmt darauf. Um diese Stunde ziehen jeden Tag quer über dem Hof

hoch oben Hunderte von Krähen im lockeren, weiten Band nach den Feldern

hinaus, zu ihrem »Schlafbaum«, wo sie zur Nacht rasten. Sie ziehen mit

gemächlichem Flügelschlag und tauschen merkwürdige Rufe aus -- ganz

anders als das scharfe »krah«, mit dem sie bei Tag raubgierig nach Beute

jagen. Jetzt klingt das gedämpft und weich, ein tiefer Kehllaut, der auf

mich wirkt wie eine kleine Metallkugel. Und wenn mehrere abwechselnd

dieses »kau--kau« gurgelnd ausstoßen, ist mir, als ob sie spielend

einander Metallkügelchen zuwerfen, die in der Luft im Bogen schweben.

Es ist ein richtiges Geplauder von dem Erleben »vom Tage, vom heute

gewesenen Tage« ... Sie kommen mir so ernst und wichtig vor, wie sie so

jeden Abend ihrer Sitte und vorgezeichneten Bahn folgen, ich empfinde

wie Ehrfurcht für diese großen Vögel, denen ich mit gehobenem Kopf

nachschaue, bis zum letzten. Dann wandle ich in der Dunkelheit hin und

her und sehe die Gefangenen, die eilig ihre Arbeiten noch im Hofe

verrichten, wie undeutliche Schatten herumhuschen und freue mich, daß

ich selbst unsichtbar bin -- so allein, so frei mit meinen Träumereien

und den verstohlenen Grüßen zwischen mir und dem Krähenzug droben -- mir

ist so wohl bei dem linden, frühlingsmäßigen Luftzug. Dann gehen die

Gefangenen mit den schweren Kesseln (Abendsuppe!) durch den Hof ins

Haus, zwei und zwei, marschmäßig, zehn Paar hintereinander; ich folge

als letzte; im Hof, in den Wirtschaftsgebäuden verlöschen allmählich die

Lichter, ich trete ins Haus und die Türen werden zweimal verschlossen

und zugeriegelt -- der Tag ist aus. Ich fühle mich so wohl, trotz des

Schmerzes um Hans (Dr. Hans Dieffenbach, einer der besten Freunde

R. L., ist im Kriege gefallen. Die Herausgeber). Ich lebe nämlich in

einer Traumwelt, in der er gar nicht gestorben ist. Für mich lebt er

weiter und ich lächle ihm oft zu, wenn ich an ihn denke.

Sonitschka, leben Sie wohl. Ich freue mich so auf Ihr Kommen. Schreiben

Sie bald wieder -- vorläufig offiziell -- das geht ja auch -- und dann

durch Gelegenheit.

Ich umarme Sie.

Ihre Rosa.

Breslau, Mitte Dezember 1917.

... Jetzt ist es ein Jahr, daß Karl in Luckau sitzt. Ich habe in diesem

Monat oft daran gedacht und genau vor einem Jahr waren Sie bei mir in

Wronke, haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert ... Heuer habe ich

mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schäbigen,

mit fehlenden Ästen -- kein Vergleich mit dem vorjährigen. Ich weiß nicht,

wie ich darauf die acht Lichtlein anbringe, die ich erstanden habe. Es

ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht

tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer. Gestern lag ich lange

wach -- ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, muß aber schon um

zehn ins Bett -- dann träume ich verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte

ich also: Wie merkwürdig das ist, daß ich ständig in einem freudigen

Rausch lebe -- ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel

hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im

Hause herrscht die übliche Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im

Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne,

die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man

nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges

oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache,

die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die

steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen

Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt

in die feuchte dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese

vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des

Winters -- und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen,

unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein

über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem

Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles

Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück

wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude,

finde nichts und muß wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das

Geheimnis ist nichts anderes, als das Leben selbst; die tiefe nächtliche

Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig

schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen

schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied

vom Leben -- wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken

denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel

mitteilen, damit Sie immer, und in allen Lagen das Schöne und Freudige

des Lebens wahrnehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine

bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit

eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen alle reellen

Sinnesfreuden. Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche

innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, daß Sie in einem

sternbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen,

Trivialen und Beängstigenden schützt.

Sie haben im Steglitzer Park einen schönen Strauß aus schwarzen und

rosavioletten Beeren gepflückt. Für die schwarzen Beeren kommen in

Betracht entweder Hollunder -- seine Beeren hängen in schweren dichten

Trauben zwischen großen gefiederten Blattwedeln, sicher kennen Sie sie,

oder, wahrscheinlicher, Liguster; schlanke zierliche aufrechte Rispen

von Beeren und schmale, längliche grüne Blättchen. Die rosigvioletten

unter kleinen Blättchen versteckten Beeren können die der Zwergmispel

sein; sie sind zwar eigentlich rot, aber in dieser späten Jahreszeit ein

bißchen schon überreif und angefault, erscheinen sie oft violettrötlich;

die Blättchen sehen der Myrthe ähnlich, klein, spitz am Ende, dunkelgrün

und lederig oben, unten rauh.

Sonjuscha, kennen Sie Platens: »Verhängnisvolle Gabel?« Könnten Sie es

mir schicken oder bringen? Karl hat einmal erwähnt, daß er sie zu Hause

gelesen hat. Die Gedichte Georges sind schön; jetzt weiß ich, woher der

Vers: »Und unterm Rauschen rötlichen Getreides!« ... stammt, den Sie

gewöhnlich hersagten, wenn wir im Felde spazieren gingen. Können Sie mir

gelegentlich den neuen »Amadis« abschreiben, ich liebe das Gedicht so

sehr -- natürlich dank Hugo Wolffs Lied -- habe es aber nicht hier. Lesen

Sie weiter die Lessing-Legende? Ich habe wieder zu Langes Geschichte des

Materialismus gegriffen, die mich stets anregt und erfrischt. Ich möchte

so sehr, daß Sie sie mal lesen.

Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt; auf dem

Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit

Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ...,

die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann

wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen,

bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum ersten

Mal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere

Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel

also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen.

Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den

Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu

fangen und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum

Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie

das Wort gilt »vae victis« ... An hundert Stück der Tiere sollen in

Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische

Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos

ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen und gehen dabei

rasch zugrunde. -- Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken

hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht

über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat,

ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des

Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede

stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! »Mit uns Menschen

hat auch niemand Mitleid«, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch

kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg,

aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an

Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim

Abladen ganz still erschöpft und eins, das, welches blutete, schaute

dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den

sanften schwarzen Augen, wie ein verweintes Kind. Es war direkt der

Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß,

wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt

entgehen soll ... ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir

rannen die Tränen herunter -- es waren _seine_ Tränen, man kann um den

liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht

um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die

freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die

Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder

das melodische Rufen der Hirten. Und hier -- diese fremde schaurige

Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende, muffige Heu mit faulem Stroh

gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und -- die Schläge, das

Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... O, mein armer Büffel, mein

armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf

und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. -- Derweil

tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die

schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte

beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den

Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche

Krieg zog an mir vorbei ...

Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.

Ihre Rosa.

Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das

Leben und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd -- trotz

alledem.

Breslau, den 14. 1. 1918.

Meine liebste Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht geschrieben!

Ich glaube, es sind Monate her. Und auch heute weiß ich nicht einmal, ob

Sie schon in Berlin sind, will aber hoffen, daß diese Zeilen Sie noch

rechtzeitig zu Ihrem Geburtstag erreichen. Ich bat Mathilde, Ihnen von

mir einen Orchideenstrauß zu schicken, nun liegt die Ärmste im Krankenhaus

und wird wohl kaum meinen Auftrag ausführen können. Doch Sie wissen, daß

ich in Gedanken und mit ganzem Herzen bei Ihnen bin und Sie an Ihrem

Geburtstage ganz mit Blumen umgeben möchte: mit lila Orchideen, mit

weißen Iris, mit stark duftenden Hyazinthen, mit allem, was zu haben

ist. Vielleicht wird es mir wenigstens im nächsten Jahr[5] vergönnt

sein, Ihnen an diesem Tage selbst Blumen zu bringen und mit Ihnen

zusammen einen Spaziergang im Botanischen Garten und im Feld zu machen.

Wie herrlich wäre das! Heute haben wir hier 0 Grad. Zugleich aber liegt

in der Luft ein so linder erfrischender Frühlingshauch und oben schimmert

zwischen dicken milchweißen Wolken ein so tiefer blauer Himmel, dazu

schilpen die Spatzen ganz fröhlich, man könnte denken, es sei Ende März.

Ich freue mich schon so auf den Frühling, das Einzige, was man nie satt

kriegt, so lange man lebt, was man im Gegenteil mit jedem Jahr mehr zu

würdigen und zu lieben versteht. Wissen Sie, Sonitschka, daß der Anfang

des Frühlings in der organischen Welt, d. h. das Erwachen zum Leben

_jetzt_ beginnt, Anfang Januar, ohne auf den Kalenderfrühling zu warten.

Während nämlich nach dem Kalender erst der Winter beginnt, befinden wir

uns in der größten, astronomischen Sonnennähe, und dies hat eine so

geheimnisvolle Wirkung auf alles Leben, daß auch auf unserer nördlichen

Halbkugel, die in Winterschnee eingehüllt ist, zu Beginn des Januar wie

mit einem Zauberstab die Pflanzen- und Tierwelt erweckt wird. Die Knospen

fangen jetzt an zu treiben, viele Tiere fangen die Fortpflanzung schon

an. Neulich las ich bei Francé die Beobachtung, daß die hervorragendsten,

wissenschaftlichen und literarischen Produktionen berühmter Männer in

die Monate Januar-Februar fallen. Auch im Menschenleben soll also die

Sonnenwende nach Weihnachten ein kritischer Moment sein und einen neuen

Zustrom aller Lebenskräfte verursachen. Auch Sie, Sonitschka, sind so

ein frühes Blümchen, das noch mitten im Schnee und Eis aufgesprossen ist

und deshalb sein Lebenlang ein bißchen fröstelt, sich im Leben nicht

heimisch fühlt und zarte Treibhauspflege braucht.

Über Ihren Rodin zu Weihnachten habe ich mich mächtig gefreut und hätte

Ihnen gleich gedankt, wenn mir Mathilde nicht gesagt hätte, daß Sie

in Frankfurt sind. Was mich besonders angenehm berührt hat, ist der

Natursinn Rodins, seine Ehrfurcht vor jedem Gräslein im Felde. Das

muß ein Prachtmensch gewesen sein: offen, natürlich, überströmend von

innerer Wärme und Intelligenz; er erinnert mich entschieden an Jaurès.

Mögen Sie meinen Broodcoorens? Oder kannten Sie ihn schon? Mich hatte

dieser Roman sehr ergriffen; namentlich die landschaftlichen Schilderungen

sind von höchster poetischer Kraft. Dem Broodcoorens scheint offenbar,

genau wie dem De Coster, daß »über dem Lande Flandern« die Sonne viel

herrlicher auf- und untergeht als über der sonstigen Erde. Ich finde,

daß die Flamen alle in ihr Ländchen förmlich verliebt sind, sie

beschreiben es nicht wie ein Stück schöne Erde, sondern wie eine

strahlende junge Braut. Und auch in dem düster-tragischen Ende finde

ich eine Verwandtschaft der Farben mit den grandiosen Bildern im Till

Eulenspiegel, z. B. mit der Demolierung des öffentlichen Hauses. Finden

Sie nicht auch, daß diese Bücher im Kolorit ganz an Rembrandt erinnern:

das Dunkle der ganzen Bilder, gemischt mit einem funkelnden Altgoldton;

der verblüffendste Realismus aller Details und doch das Ganze in eine

märchenhafte Phantasieregion entrückt.

Im »Berl. Tageblatt« las ich, daß im Friedrich-Museum ein neuer großer

Tizian hängt. Haben Sie ihn schon besucht? Ich gestehe, daß Tizian

eigentlich nicht mein Freund ist, er ist mir zu geleckt und kalt, zu

virtuos -- verzeihen Sie, wenn das vielleicht eine Majestätsbeleidigung

ist, aber ich kann nicht anders als meiner unmittelbaren Empfindung

folgen. Trotzdem wäre ich glücklich, wenn ich jetzt ins Friedrich-Museum

könnte, um den neuen Gast zu besichtigen. Haben Sie auch den Kaufmannschen

Nachlaß gesehen, von dem man so viel Wesens gemacht hat?

Meine Lektüre sind jetzt verschiedene ältere Studien über Shakespeare

aus den 60er und 70er Jahren, als man noch in Deutschland lebhaft über

das Problem Shakespeare debattierte. Könnten Sie mir nicht aus der Kgl.

Bibliothek oder aus der Reichstagsbibliothek beschaffen: Klein, Geschichte

des italienischen Dramas; Schack, Geschichte der dramatischen Literatur

in Spanien; Gervinus und Ulrici über Shakespeare? Wie stehen Sie selbst

zu Shakespeare? Schreiben Sie bald! Ich umarme Sie und drücke Ihnen warm

die Hand. Seien Sie ruhig und heiter, trotz alledem. Liebste Sonitschka,

auf Wiedersehen!

Wann wollen Sie kommen?!

Sonjuscha, wollen Sie mir die Liebe tun: schicken Sie der Mathilde J.

Hyazinthen von mir. Ich erstatte es Ihnen, wenn Sie hier sind.

Ihre Rosa.

Breslau, den 24. 3. 1918.

Meine geliebte Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht mehr geschrieben

und wie oft habe ich in dieser Zeit an Sie gedacht! Die »Zeitläufte«

benehmen sogar mir zeitweilig die Lust zum Schreiben.... Wenn man jetzt

zusammensein und, im Feld schlendernd, de omnibus rebus plaudern könnte,

wäre es eine Wohltat, aber darauf ist gar keine Aussicht zur Zeit. Meine

Beschwerde ist mit gründlicher Schilderung meiner Schlechtigkeit und

Unverbesserlichkeit abgewiesen und ein Antrag, wenigstens auf kurzen

Urlaub, desgleichen. Ich muß also wohl warten, bis wir die ganze Welt

besiegen.

Sonjuscha, wenn ich längere Zeit von Ihnen keine Nachricht habe, lebe

ich in dem Gefühl, daß Sie dort einsam, unruhig, verdrossen und

verzweifelt herumflattern, wie ein vom Baume losgelöstes Blatt im

Winde, und das tut mir sehr weh. Schauen Sie, jetzt beginnt wieder der

Frühling, die Tage werden schon so hell und lang, und im Feld gibt es

sicherlich schon viel zu sehen und zu hören! Gehen Sie doch viel hinaus,

der Himmel ist jetzt so interessant und mannigfaltig mit den jagenden

unruhigen Wolken, die noch nackte Kalkerde muß in dieser wechselnden

Beleuchtung schön sein. Sehen Sie sich für mich an alledem satt.... Es

ist das Einzige, was man nie im Leben überkriegt, was stets denselben

Reiz der Neuheit hat und einem immer treu bleibt. Sie müssen auch

unbedingt für mich in den Botanischen Garten gehen, um mir genau über

etwas zu berichten. Es geht nämlich in diesem Frühjahr etwas Merkwürdiges

vor. Die Vögel sind alle um 1-1½ Monate zu früh angekommen. Die

Nachtigall war schon am 10. März hier, der Wendehals, der erst Ende

April kommt, lachte schon am 15. und sogar der Pirol, den man den

»Pfingstvogel« nennt und der nie vor Mai kommt, flötet hier schon seit

einer Woche vor Sonnenaufgang im Morgengrauen! Ich höre sie alle von

weitem aus der Anlage des Irrenhauses. Ich weiß mir diesen verfrühten

Heimgang gar nicht zu deuten und möchte wissen, ob dasselbe anderswo zu

beobachten ist oder nur auf die Wirkung des hiesigen Irrenhauses

zurückzuführen ist. Gehen Sie also in den Botanischen, Sonitschka, aber

so in den Mittagsstunden bei sonnigem Tag, und belauschen Sie alles, um

mir zu berichten. Das ist mir ja, neben dem Ausgang der Schlacht bei

Cambrai, das Wichtigste auf Erden, eine wahre Herzensangelegenheit.

Wie schön sind die Bilder, die Sie mir schickten! Von Rembrandt braucht

man ja kein Wort zu sagen. Bei Tizian war ich von dem Pferd noch mehr

überwältigt als von dem Reiter; so viel wahrhaft königliche Macht und

Vornehmheit in einem Tier ausgedrückt, hätte ich nicht für möglich

gehalten, Aber das aller-, allerschönste ist das Frauenbildnis von

Bartolomeo da Venezia (den ich übrigens gar nicht kannte). Welcher Rausch

in den Farben, welche Feinheit der Zeichnung, welcher geheimnisvolle

Zauber des Ausdrucks! Sie erinnert mich darin in irgendeiner unbestimmten

Weise an die Mona Lisa. Sie haben mir mit diesen Bildern eine Fülle der

Freude und des Lichts in die Zelle gebracht.

Das Buch von Hänschen (Hans Dieffenbach. Die Herausgeber) müssen Sie

natürlich behalten; es schmerzt mich, daß alle seine Bücher nicht in

_unsere_ Hände kommen. Ich hätte sie Ihnen lieber als sonst wem gegeben.

Haben Sie den Shakespeare einigermaßen zur Zeit erhalten? Was schreibt

Karl, wann sehen Sie ihn wieder? Grüßen Sie ihn tausendmal von mir und

sagen Sie ihm von mir: Ça ira -- trotz alledem. Und seien Sie frisch und

munter, freuen Sie sich über den Frühling: den nächsten werden wir schon

zusammen verleben. Ich umarme Sie, Liebste. Fröhliche Ostern! Auch den

Kindern viele Grüße!

Ihre Rosa.

Breslau, 2. 5. 18.

... Ich habe den Candide und die Gräfin Ulfeldt gelesen und mich über

beides gefreut. Candide ist eine so köstliche Ausgabe, daß ich es nicht

übers Herz bringen konnte, das Buch aufzuschneiden und es so gelesen

habe; da es in halben Bogen gefaßt ist, ging das sehr gut. Diese boshafte

Zusammenstellung aller menschlichen Erbärmlichkeiten hätte auf mich vor

dem Kriege wahrscheinlich den Eindruck eines Zerrbildes gemacht, jetzt

wirkt sie durchaus realistisch ... Zum Schluß erfuhr ich endlich, woher

die Redensart stammt: »mais il faut cultiver notre jardin«, die ich

selbst schon gelegentlich gebrauchte. Die Gräfin Ulfeldt ist ein

interessantes Kulturdokument, eine Ergänzung Grimmelshausens.... Was

machen Sie? Genießen Sie nicht den herrlichen Frühling?

Briefe aus dem Gefängnis · 第 21 / 26 题