AUS LEIPZIG

_Postkarte._[1]

Leipzig, 7. 7. 16.

Meine liebe kleine Sonja!

Es ist heute eine drückende feuchte Hitze, wie meist in Leipzig -- ich

vertrage so schlecht die Luft hier. Ich saß vormittag 2 Stunden in den

Anlagen am Teich und las im »Reichen Mann«.[2] Die Sache ist brillant.

Ein altes Mütterchen setzte sich neben mich, tat einen Blick auf das

Titelblatt und lächelte: »Das muß ein feines Buch sein. Ich lese auch

gern Bücher«. Bevor ich mich zum Lesen hinsetzte, prüfte ich natürlich

die Anlagen auf Bäume und Sträucher hin -- alles bekannte Gestalten, was

ich mit Befriedigung feststellte. Die Berührung mit Menschen befriedigt

mich dagegen immer weniger; ich glaube, ich werde mich doch bald ins

Anachoretentum zurückziehen, wie der hl. Antonius, aber -- sans

tentations mehr. Seien Sie heiter und ruhig.

Briefe aus dem Gefängnis · 第 11 / 26 题