Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen -- --

Flodoard. (schmerzhaft lächelnd) Fürchtet euch nicht mehr vor ihm,

schöne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf

Rosamunden deutet)

Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast?

Flodoard. Hier im Pallast.

Ein Senator. Warum laßt Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben?

Flodoard. (führt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die

Komödie beginnen! -- Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die

Seiten!

Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük

nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den

Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos

entgegenharrten.

Der Doge _Andreas_ sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter

zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen

die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da -- wie am

Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst

untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn

werden. Die schöne _Rosamunde_ lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an

Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling.

Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden

Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die

Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie.

»Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert

nicht, er wird keinen verlezzen!« rief _Flodoard_ aus, drehte sich um,

ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab,

kehrte wieder um -- und wie durch ein Gaukelspiel, war _Flodoard_ in

_Abaellino_ verwandelt! --

Sechstes Kapitel.

Geistererscheinungen.

Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal -- _Rosamunde_

stürzte ohnmächtig zusammen, die _Verschwornen_ schnappten nach Luft,

die _Damen_ kreuzigten und segneten sich, die _Senatoren_ standen leblos

wie steinerne Puppen umher und _Andreas Gritti_ verlor im Schrek Gehör

und Gesicht.

_Abaellino_ stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in

seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem

abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein

Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste

nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge.

»He!« rief er mit heisrer, grölzender Stimme: »kennt ihr noch den

Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr,

um seine Braut einzuhohlen!«

_Andreas Gritti_ seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit

einem schreklichen Blik an und rief: »so bin ich noch nie hintergangen!«

»Wache! Wache!« schrie _Grimaldi_, der Kardinal, und _Abaellino_ zog

eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm

herüber: »der erste,« rief er, »der erste, der Wache schreit, oder eine

Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich

selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben

würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen

wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will

euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den

Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu

überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen

Bravo's einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft

meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich

Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! --«

Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich?

Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der

Stimme des großen Banditen, der mit der Majestät des höllischen

Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestät

besizzen kann.

_Rosamunde_ schlug die Augen auf -- ihr erster Blik haftete auf den

verwandelten _Flodoard_.

»O!« rief sie: »Allbarmherziger, es ist nicht möglich -- es ist ein

satanisches Blendwerk!«

Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser

Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz.

Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lügner, es ist nicht möglich! -- du

und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard

handelte gros und gut, wie ein Halbgott -- ich habe von ihm gelernt

tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen That

willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thränen der

Leidenden abzutroknen -- das waren seine Triumpfe! -- Höllischer

Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl

längst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen.

Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist -- -- -- ein Weib. Sieh her,

ich und dein Flodoard sind eins -- sieh her! sieh her!

Abaellino riß das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht

umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük,

strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schöne

Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der

Versammlung.

Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch

verwandeln vor deinen Augen, und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit

nicht erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich

will es vor der Hand beibehalten.

Grimaldi. Entsezlich!

Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhört! Schreklich!

Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? -- versöhnst du dich mit mir?

Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch!

Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde -- Rosamunde -- bist du

mein?

Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard -- ach, daß ich dich

nie gesehn, nie geliebt hätte!

Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards -- die Banditenbraut

sein?

Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im fürchterlichen

Kampf.)

Abaellino. Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen

-- selber hingeliefert -- -- ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr thun!

-- doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe laß mich hören von deiner

Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch?

-- --

Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und

liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem

verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen stürmte ungestüm -- ungestüm

wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in

_Iduellens_ Arm zurük und _Iduella_ weinte eine mitleidige Thräne auf

ihren Liebling herab.

Der _Doge_ sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge

blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog

heftiger. -- Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn

gewaltsam zurük. _Abaellino_ inzwischen gieng ihm mit befremdender Kälte

entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen.

»Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster Herr? -- ihr gabt es mir,

des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.«

Gritti. (wild) Abscheulicher Bösewicht, dein Plan ist fein, boshaft und

schreklich angelegt, mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, bin ich

verpflichtet, einem solchen fürchterlichen Gauner Wort zu halten? Da

geht er hin und spielt eine betrügerische blutige Rolle: mordet Venedigs

bravste Männer für Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu

machen. Dann kömmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines

Biedermanns, verführt meine unglükliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir

das Mädchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen -- stellt

sich dann selber ein, verlangt die Erfüllung meines Versprechens und

erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -- Sagt,

Venetianer, darf ich dem Bösewicht Wort halten.

Alle. Nimmermehr, nimmermehr!

Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Fürsten der Finsternis müsset ihr euer

Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui,

Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermännern

glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! -- (mit

schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das

herzogliche Wort gebrochen sein?

Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch.

Abaellino. Und ihr wollt mich verstoßen -- ich habe mich umsonst in eure

Hände geliefert?

Gritti. Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden nicht verweigert, aber

dem Mörder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen.

Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drükken euch ja nicht, sondern mich;

dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten.

Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslästerung!

Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch für mich -- ihr kennt mich ja,

ich bin ein guter Kerl.

Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir

zu schaffen?

Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich

keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen?

gut, so eile denn alles zu Ende mit mir!

Rosamunde. (aufspringend, und zu den Füssen des Dogen) Gnade! Gnade!

Barmherzigkeit für ihn!

Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet für mich in der

leztcn Stunde.

Rosamunde. Erbarmen für ihn, mein Vater, Erbarmen für ihn! war er ein

Sünder, so richte Gott über ihn! -- ach, ich liebe ihn noch!

Gritti. (sie von sich stoßend) Weg, Geschöpf, ich kenne dich nicht!

Abaellino. (steht mit verschränkten Armen da und weidet sich an der

Szene)

Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein

Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet

mich zuvor! -- -- Vater, -- Vater! verstoßet mich nicht.

Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch!

Abaellino. Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu

euern Füssen windet? -- geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde.

-- (Er hebt sie vom Boden auf und trägt sie zu Iduellen) Jezt ist sie

mein! -- ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst

von einander scheiden.

Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht über mich halten, es

scheint, als wolltet ihr den Stab über mich brechen -- wohlan, es sei

euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten.

Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, der Mörder Dandolis, der Mörder

Kanari's! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen,

die mich dazu besoldeten -- so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken

da -- ein, zwei, drei, vier -- Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und

Kontarino. -- Diese laßt in Verhaft nehmen.

Versteinert und entgeistert standen die genannten da -- das

verrätherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die

bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt.

»Was ist das?« frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander.

»Ein schändlicher Gaunerkniff!« lallte der Kardinal _Grimaldi_,

»rachsüchtig will nun der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, da

er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!«

Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der größte Bösewicht

und will es nun auch im Tode sein.

Abaellino. (mit Majestät) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne

eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit

einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den _weissen Armbinden_

gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. --

Vertheidigt euch nicht.

Gritti. (erstaunend) Was soll das sein?

Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster Herr, als eine

enthüllte Verschwörung wider den Staat und euer Leben. -- Seht, so

erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das

seinige rauben werdet.

Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget.

Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -- ihre Bande ist

auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des Staats

vertheilt -- besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. -- Uebrigens

bildet euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen Pallast die

bewaffneten Soldaten um des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen

hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu

führen. --

Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat

gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen

gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr

schliefet, für Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung

Ansprüche, machen? Das alles hab ich für Rosamunde von Korfu gethan, und

ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben

eurer Weiber und Kinder erhalten -- Menschen, Menschen und ihr wollt mir

das meinige rauben. --

Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem

innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt

mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? -- Ich will euch von meiner

Ehrlichkeit noch besser überzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen

wendet.) He da, bekennet die Wahrheit -- derjenige, der sie unter euch

zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich,

der Bandit Abaellino.

Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich _Memmo_ einem der

Senatoren zitternd. -- »Venetianer!« lallte er: »Abaellino lüget nicht!«

--

»Er lüget! er lüget!« riefen mit einemmahle _Falieri_, _Grimaldi_,

_Kontarino_ und _Parozzi_.

Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm blizte aus seinen

Gebehrden: »Still! laßt mich sprechen -- oder besser noch, laßt die

Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!« schrie der Fürchterliche

und sprengte die Flügelthüren voneinander und siehe die längst

beweinten, längst betrauerten Edeln traten herein, _Sylvio_, _Kanari_

und _Dandoli_!

»Verrätherei!« brüllte _Kontarino_ und sties sich einen verborgen

gehabten Dolch ins Herz.

Welch ein Auftritt!

Weinend sank _Andreas Gritti_ in den Arm seiner todgewähnten Freunde;

weinend schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich um den Freund

und Waffenbruder und Herzog. -- Erst in den Wohnungen des Himmels

glaubten sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder finden zu

können, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die

einstens als Jünglinge mit einander aufwuchsen, mit einander für das

Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander.

Gerührt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren

konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen nicht erwehren. Man

hörte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts -- hörte und sah

nicht, daß die Verschwornen und der Selbstmörder _Kontarino_ der Wache

überliefert wurden -- hörte und sah nicht Rosamunden, die sich

schluchzend an die Brust des schönen _Abaellino_ warf und überlaut

schrie: Dieser -- _dieser ist kein Mörder_!

Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurük. -- »Heil

dem Erretter der Republik!« schrie man und weinte man laut und umringte

den Abaellino.

Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und

gros unter der entzükten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf

schlang sich die schöne Rosamunde.

»Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,« sprach er sanft

lächelnd: »ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher

als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif

mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser

Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben

kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich

überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor

Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an

mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne

kennen und ihr kennt sie jezt auch. _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_

sollten hingerichtet werden -- wollten diese Männer nicht durch die

Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie

durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder

Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für

die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse -- das alles ist

jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?«

»_Dich verdammen?_« riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn

an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz.

»O!« rief _Andreas Gritti_, indem er seine Augen trocknete: »ich gebe

meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie

du! -- _Grosser Bandit_, du hast mich überwunden, du bist größer, als

ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht,

sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -- nimm sie hin!«

»Abaellino!« jauchzte _Rosamunde_, und küßte den schönen Banditen mit

Glut.

»Rosamunde!« rief _Abaellino_ und vergas in dieser Umarmung die ganze

Welt.

Siebentes Kapitel.

Nachschrift.

Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf

Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo's

Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn

nach Venedig trieben, mit anhören könnte -- allein hier sind vorläufig

nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. _Erstlich:_ hört

man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? -- _Zweitens:_ Hab ich auch

Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? --

Abaellino der große Bandit · 第 14 / 16 题