Vorwort.[1]

Sr. Excellenz, dem Herrn Regierungs-Präsidenten von Zenetti in der

Pfalz, wurde bei Inspicirung der Gefängnisse daselbst auch allenthalben

eine große Masse von Forstfrevlern vorgestellt, welche auf Befragen

erklärten, daß sie gezwungen seyen, zu freveln, und daß sie nach ihrer

Entlassung, bei ihrer Unvermögenheit, sich das nöthige Brennholz

zu kaufen, nothwendigerweise auf’s neue dieselben nach dem Gesetze

strafbaren Handlungen begehen müßten.

Die von Seiner Excellenz nun hierüber bei einer Gelegenheit

aufgeworfene Frage, wie dem Uebelstande der so bedenklich zunehmenden

und auf die Sittlichkeit so verderblich einwirkenden Forstfrevel

+gründlich+ abzuhelfen sey einestheils, wie auch die erkannte dringende

Nothwendigkeit einer Abhülfe anderntheils, gab dem Verfasser die

Veranlassung, während der langen Winterabende des Jahres 1850 über

diesen Gegenstand die nachfolgende kleine Abhandlung niederzuschreiben.

Derselbe ist hiebei von der Ansicht ausgegangen, auch andere, außer dem

engern Bereiche des Forstmannes gelegene, mit der eigentlichen Sache

dieser Abhandlung gleichwohl aber unzertrennliche Gegenstände, vor

Allem aber unsere sittlichen, religiösen und socialen Verhältnisse,

welche im innigsten Zusammenhange mit den zerstörenden, unerlaubten

Eingriffen auf das bedrohte Waldeigenthum stehen, einer kurzen Erwägung

unterziehen, und, dem sich anreihend, weiter entwickeln zu sollen,

wie sich diese Zustände auf unsere Waldungen geäußert haben, und wie

endlich der drohenden Gefahr der allmähligen gänzlichen Devastation

unserer Wälder mit Hoffnung auf Erfolg zu begegnen sein dürfte.

Der Verfasser mußte es sich, da er die Sache weniger vom +finanziellen,

als vielmehr vom rein forstlichen und praktischen Standpunkte aus+

bearbeiten wollte, vor Allem aber zur Aufgabe machen, ohne Hehl

und besonders mit strenger Wahrheitsliebe und in offener jedoch

unverletzender Sprache, ohne welche der Zweck nicht erreicht werden

könnte, seine Wahrnehmungen hier niederzuschreiben.

Keine andere Gründe, als einzig und allein der Wunsch, einer guten

Sache zu nützen, und einen so wichtigen Gegenstand, die eigentliche

Existenz- und Lebensfrage für unsere Waldungen, öffentlich zu

besprechen, konnte den Verfasser zu dieser Arbeit veranlassen.

Von einer Opposition, oder beabsichtigten Kritik der

Regierungs-Maßregeln, kann sonach keine Rede sein. Der Verfasser, der

noch täglich lernen will, und mit dem größten Danke Belehrungen über

allenfalls irrige Ansichten entgegenzunehmen gerne bereit ist, glaubt

deßhalb auch von der Loyalität seiner hohen Vorgesetzten mit Zuversicht

erwarten zu dürfen, daß seine guten Absichten nicht verkannt und

mißdeutet werden.

Nur durch eine bescheidene aber freimüthige, offene Besprechung

unserer forstlichen Zustände kann der Wissenschaft, dem öffentlichen

Dienste und dem Lande genützt werden; im andern Falle würden wir nicht

nur eines Stillstandes, sondern auch eines Rückschrittes im Gebiete des

Forstwesens gewiß sein.

Wäre die Durchführung in den vorbestimmten engen Grenzen aber nicht

gelungen, ober sollten die Absichten des Verfassers verkannt werden, so

müßte sich derselbe mit dem Bewußtsein trösten, daß er nur das Gute für

das Land und insbesondere für unsere Wälder gewollt +habe+.

Geschrieben im Februar 1850.

+Der Verfasser.+

Nachschrift.

Nur auf das Zureden einiger befreundeten Forstmänner, die mit Leib und

Seele auch ihre ganze Thätigkeit dem Walde widmen, und bezüglich dieses

Gegenstandes mit gerechter gleicher Sorge in die Zukunft blicken, hat

sich der Verfasser, nachdem sich die Frevel seit diesem verflossenen

Jahre in seinem Reviere fast um’s Doppelte vermehrt haben, und

überhaupt jene Gründe, die gegenwärtige Abhandlung veranlaßten, immer

mehr und dringender hervortreten, entschließen können, dieselbe nun

jetzt erst dem Drucke und hiemit der Oeffentlichkeit zu übergeben.

Geschrieben im März 1851.

+Der Obige.+

Einleitung.

~Salus publica suprema lex.~

Für andauerndes Glück und den Wohlstand des Volkes zu sorgen, muß

die erste und heiligste Pflicht einer jeden Staatsregierung, hiemit

aber auch, soll sich ein Land zur höchsten Blüthe und Vollkommenheit

entfalten, die ganze Staatsverwaltung in Einklang gebracht, und auf die

Erreichung dieses Zieles gerichtet sein.

Wie es nun gekommen, daß man sich in fast allen europäischen Staaten

von diesem idealen Staatenbilde — da mehr da weniger — entfernte, wie

es gekommen, daß gar oft persönliche Ansichten und Interessen über die

speziellen und allgemeinen Anforderungen der staatlichen Gesellschaft

die Herrschaft sich erwarben, daß alte deutsche Treue, Biederkeit,

genügsames Wohlergehen und Religiosität fast gänzlich vernichtet

wurden, in eine solche schwierige und undankbare Untersuchung will man

sich hier nicht einlassen; jedenfalls haben moderne Staatskünstler, und

einseitige, nur den Stand der Dinge in höheren politischen Regionen

auffassende Theorien, die sich nicht auf die so nöthigen und nur im

bunten Getriebe der lehrreichen Schule des Volkslebens zu machenden

praktischen Anschauungen und Erfahrungen stützen, das Ihrige hierzu

beizutragen. Genug, daß wir erkennen, wie groß die materielle und

sittliche Noth allenthalben sei, und welch’ ein Abgrund des Verderbens

unsere Zukunft bedroht.

Bayerns edler König, +Maximilian+ der ~II.~, dessen persönliches

Streben thatsächlich dahin gerichtet ist, Alles zu Bayerns und des

gesammten deutschen Vaterlandes Glück und Wohlfahrt zu thun und zu

verwirklichen, hat bekanntlich eine Preisfrage[2] „über Abhülfe

der materiellen Noth der unteren Volksklassen in Deutschland und

insbesondere in Bayern“ gegeben, welche Zweifels ohne im gegenwärtigen

Jahrhunderte die wichtigste, und, bezüglich ihrer praktischen Lösung

für unsere Zukunft sowohl als die kommenden Generationen, von der

größten Bedeutung ist.

Wenn wir unsere Zustände mit Ruhe übersehen, so müssen wir

zur Erkenntniß gelangen, daß wir an der Grenz-Marke einer

weltgeschichtlichen Epoche stehen. Schon zu mächtig und Verderben

drohend haben sich feindliche Elemente dem staatlich-politischen Leben

gegenüber gestellt; gelingt es nicht, uns von diesen vielen krankhaften

und gährenden Stoffen zu befreien, so haben wir eine traurige Zukunft,

vielleicht Ereignisse zu erwarten, wie solche die Weltgeschichte bisher

nicht kannte. Aus den chaotischen Trümmern all’ unserer menschlichen

Glückseligkeit würde dann eine neue Generation, durch vernichtende

Kämpfe und Erfahrungen geläutert und aufgeklärt, entstehen, und einer

glücklicheren Zukunft, als unsere jetzigen Tage es sind, entgegengehen.

Es ist jedoch noch Hoffnung vorhanden, daß auch ohne diese

vernichtenden Kämpfe und gewaltsamen Evolutionen die schwankenden

Staatsschiffe aus den tobenden Elementen und einer klippenvollen

See wieder in ein ruhiges Fahrwasser geleitet werden. Es kann dies

noch geschehen, wenn es allen europäischen Staatsregierungen erst

einmal wahrer Ernst ist, und wenn von denselben sowohl als von allen

guten Bürgern +rasch+ die Hand an’s große Werk der sittlichen und

politischen Regeneration gelegt wird. Die Gesammtheit des Staates, wie

jeder Staatsangehörige, der noch die erforderliche moralische Kraft

in sich fühlt, ist schon seiner Selbsterhaltung wegen, auch wenn die

eigentlichen Früchte dieser Mühen erst künftigen Geschlechtern zu Gute

kommen sollten, verpflichtet, alle seine Thätigkeit dieser sittlichen

und staatlichen Wiedergeburt zu widmen.

Gleichwie die Zerstörung eines Werkes aber viel leichter ist, als der

Wiederaufbau, ebenso verhält es sich mit der Verbesserung unserer

verdorbenen sittlichen und materiellen Zustände. Ein volles Jahrhundert

wird vielleicht erforderlich sein, um den Geist des Verderbens wieder

auszuroden, und unsere, wie die von unsern Vorgängern gemachten,

Fehler zu sühnen. Unsere Thätigkeit wird daher vor Allem eine rasch

vermittelnde und einlenkende sein müssen.

Auch wir Forstbeamte sind berufen, bei diesen großen staatlichen

Reformen, bei der beabsichtigten Verbesserung der sittlichen und

materiellen Noth der untern Volksklassen, thatkräftig mitzuwirken, und

zwar wird unsere Aufgabe eine doppelte sein:

1) wir werden — soviel es an uns liegt — der sehr oft durch

Holzfrevel entstandenen, fast totalen Demoralisation der unteren

Volksschichten, besonders auf dem Lande, entgegenzutreten, und durch

alle uns zu Gebot stehende Mittel auf Verbesserung der sittlichen

Zustände derselben hinzuwirken haben;

2) wir werden im Interesse der Staatsangehörigen — als treue Wächter

unserer herrlichen, deutschen Wälder — die in riesenhafter Zunahme

begriffenen Devastationen derselben abzuwenden haben.

Wie schwer diese Aufgabe sei, läßt sich, wenn wir die bezüglich der

Waldungen bei den untern Volksklassen herrschenden Ansichten und den

allgemeinen sittlichen Verfall in Erwägung ziehen, nicht verkennen;

demohngeachtet will es der Verfasser, nur allein der guten Sache wegen

und in der Absicht, um einen Beitrag zur Lösung der Frage über die

hiezu erforderlichen Mittel und Wege zu liefern, in Nachstehendem

versuchen, seine auf rein praktischen Erfahrungen und Anschauungen

beruhenden Ansichten hier mitzutheilen.

Kein Staatsdiener hat ja mehr Gelegenheit, als gerade der auf dem

Lande wohnende ausübende Forstbeamte, die Noth und die Bedürfnisse

der unteren Volksschichten, ja oft menschliches Elend und

Familienverhältnisse kennen zu lernen, die das tiefste Mitleid eines

jeden besseren Menschen, der noch edler Mitgefühle fähig ist, erregen

müssen.

Solche Zustände — namentlich aber die rasche Abnahme aller

Religiosität und Sittlichkeit, die massenhafte, totale Verarmung

der untern und theils auch der mittleren Volksklassen — üben aber,

wie jeder praktische und aufmerksame Forstmann täglich wahrzunehmen

im Stande ist, nothwendigerweise den entschiedensten Einfluß auf

Bewirthschaftung, Benützung und den Schutz unserer Waldungen aus; es

dürfte daher erforderlich sein, dieselben vorerst, obgleich sie schon

vielseitig beschrieben worden und leider nur zu sehr bekannt sind, in

allgemeinen Umrissen kurz in Erwägung zu ziehen.

Wahrnehmungen und Erscheinungen aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben.

Die krankhaften Zustände der staatlichen Gesellschaft lassen sich nicht

allein in den untern Volksklassen, beim sogenannten Proletariate,

sondern auch bei höheren Ständen wahrnehmen. Treten auch hier

die Erscheinungen in modifizirter Form auf, so werden doch die

Grundursachen, wenn auch dieselben auf einen bestimmten Moment sich

nicht zurückführen lassen, immer die nämlichen sein.

Jene alten Zeiten, wo das Wort, der Handschlag des Bürgers mehr galt,

als heut zu Tage alle gerichtliche Verträge und Versicherungen, wo

religiöser Sinn, Zucht und Sitte, Liebe und Vertrauen +noch allgemein+

unter den Menschen wohnte, diese glücklichen Tage sind verschwunden.

Nur bei der großen Minderzahl sind diese Tugenden und meist nur

theilweise noch zu Hause, um sie vom gänzlichen Untergange zu retten,

und auf künftige Geschlechter wieder zu vererben.

Wo wir auch bei unseren Zeitgenossen unsere Blicke hinwenden, überall

hört man Klagen über schlechte Zeiten. Dieß ist die gewöhnliche

Redensart aller Jener (die Gefährlichsten), die durch eigene Schuld in

zerrüttete Verhältnisse gekommen sind. Sie selbst, nicht die Zeiten

sind es, die sich geändert haben und ausgeartet sind. Sie wollen aber

ihre Entsittlichung, die Urquelle ihrer Leiden, nicht kennen lernen.

Was man auch auf sophistische Weise dagegen vorbringen mag, so ist

und bleibt doch — nach praktischer Anschauung unseres Volkslebens

— der Mangel an wahrer Religion das Grundübel unserer Zeit[3] und

die Grundursache unserer zerrütteten Verhältnisse; dagegen ist

nicht zu leugnen, +daß die Wirkung dieser Irreligiosität auch durch

andere Ursachen bedeutend vermehrt, und auf ihren Alles bedrohenden

dermaligen Culminationspunkt gebracht wurde.+ Mit Gewißheit ist aber

anzunehmen, daß alle staatswirthschaftlichen Manipulationen zur

Linderung der Noth der unteren Volksklassen nur Palliativmittel sein

und bleiben werden, wenn nicht gleichzeitig die religiös-sittliche

Erziehung der Menschen wieder angestrebt und wirklich bethätiget

wird. Sehen wir uns nur um, so erblicken wir zuvörderst im Bürger-

und Bauernstande, bei Arbeiter- und Taglöhnerfamilien, allenthalben

Entsittlichung und massenhafte Verarmung, nebenbei aber Genuß-,

Putz- und Prozeßsucht, Ueppigkeit, Trunksucht, Unzucht, Hang zum

Spiele, Trägheit, Müßiggang; sehr selten aber finden wir noch die

alten einfachen Sitten, den geregelten Fleiß und die Genügsamkeit,

welche unsere Voreltern auszeichneten. Das alte glückliche

Familienleben ist fast gänzlich verschwunden; die Verarmung reißt

immer mehr ein, insbesondere droht der unentbehrliche Mittelstand

zwischen Arm und Reich vollständig unterzugehen. Schuldenmacherei

und Zwangsversteigerungen nehmen täglich zu; demohngeachtet gehen —

namentlich in den Städten — die meisten Gewerbsleute, statt daß sie

in ihren Werkstätten fleißig mitarbeiteten, und Fleiß mit sittlicher

Ordnung daselbst aufrecht erhielten, jetzt Tage lang in Wirths- und

Kaffeehäuser, politisiren und machen Staatsverbesserungsvorschläge.

Es ist nicht zu schildern, wie nachtheilig dieses Treiben, dieses

äußere Herunterkommen, auf die sittlichen Zustände eingewirkt hat,

und noch wirkt. Der Hausfriede ist gründlich zerstört, und bleibt

es, da eine Rückkehr zu bürgerlicher Tugend, als erster Bedingung

eines glücklichen Familienlebens, selten mehr stattfindet. Solche

Menschen nehmen vielmehr, um jede Erinnerung an ihre traurige Lage

zu ersäufen, und jede bessere Gefühlsregung im Keime zu ersticken,

zu geistigen Getränken, ja leider oft zum Branntwein, ihre Zuflucht.

Andere ergeben sich neben dem Trunke mit Leidenschaft noch dem Lotto-

oder andern Hazardspielen, oder sie werden, wie dies namentlich auf

dem Lande häufig vorkömmt, verwegene Wald- und Wildfrevler, um auf

diese und andere unerlaubte Weise ihre traurige Existenz zu sichern,

und ihre angewöhnten Bedürfnisse zu befriedigen. Sie sinken von Stufe

zu Stufe, sind am Ende zu Allem fähig und bilden im Vereine mit den

demoralisirten Fabrik- und Eisenbahnarbeitern, mit herumstreichenden,

arbeitsscheuen Handwerksburschen und Bettlern, die furchtbaren

Werkzeuge in den Händen der Umsturzpartei.

Wie sehr auch ein ausgearteter Theil der freien Presse sich an der

allmäligen Schaffung solcher Zustände betheiliget hat, ist aus der

zahlreichen schlechten Roman-Literatur, aus einer Masse von das Uebel

nur vergrößernden Zeitschriften und Blättern zu ersehen. Wir alle

werden wohl die — Vielen aber nur als Aushängeschild und Deckblatt

dienende — politische Vereinigung Deutschlands, die Herstellung seiner

Macht und einer Achtung gebietenden Stellung von Herzen wünschen, wie

auch dahin streben, daß jene Reformen vorgenommen werden, die der

Zeit und den Bedürfnissen anpassend, und zur ferneren staatlichen

Entwicklung und gedeihlichen Kräftigung unbedingt erforderlich sind;

aber all’ diese Verbesserungen werden wir nur auf gesetzlichem, auf

vernünftigem Wege realisiren wollen.

Um wieder auf das Proletariat zurückzukommen, so haben wir vorzugsweise

noch das Loos der geistig-, körperlich- und sittlich-verwahrlosten

Kinder dieser Menschen ins Auge zu fassen. Sie werden, da gegen

insolvente Eltern gar keine Coërcitivmittel gesetzlich bestehen und

zur Anwendung kommen, nicht genug zur Schule an-, wohl aber sogar

davon abgehalten, und streichen gleich einer hirtenlosen Heerde, was

eine eigentliche Pflanzschule des Verderbens und einer frühzeitigen

Entsittlichung ist, als Bettelkinder scharenweise in den Ortschaften

umher, oder sie werden von ihren gewissenlosen Eltern schon in zarter

Jugend zu Entwendungen und Vergehen jeder Art, wenn es nur Etwas

einträgt, angehalten. Es ist dies ein Schandflecken unserer Zeit, und

wir alle werden noch die groben Fehler, die wir uns in Erziehung der

Jugend haben zu Schulden kommen lassen, zu büßen haben. Aber nicht

allein Kinder, sondern auch erwachsene, gesunde, starke Leute ziehen,

alles Schamgefühls verlustig, und theilweise alle Arbeit scheuend und

ablehnend, allenthalben zahlreich auf dem Bettel umher. Viele fordern

mit Unfreundlichkeit, viele mit Trotz; von einer Anerkennung, von

Dankbarkeit ist keine Rede mehr bei diesen Menschen.

Betrachten wir die Masse dieses entsittlichten Proletariats, die Masse

der bezüglich der Erziehung fast gänzlich vernachläßigten Kinder

desselben, bedenken wir endlich, unter welchen Einflüssen auch die

besser gebildete Jugend dermalen heranwächst, so müssen wir uns leider

gestehen, daß wir — die jetzige Generation — keiner frohen Zukunft

entgegensehen dürfen.

Bei dem Ueberblicke dieser Verhältnisse dürfte man nicht schwer zu der

Ueberzeugung gelangen, daß hier Parlamente, Kammern, Verfassungen,

Vereine, vorbeugende, die Noth der untern Volksklassen wesentlich

lindernde Maßregeln der Regierungen, obschon alle diese Faktoren in

unseren dringenden Reform- und Verbesserungsangelegenheiten unabwendbar

erforderlich sein dürften, gründliche Abhülfe so lange nicht gewähren

können, bis es uns gelungen ist, das Volk wieder religiös und sittlich

zu bilden. Dies ist die Grundbedingung, wenn es in der Welt wieder

besser werden soll, und wenn überhaupt die Anwendung der in den

zum Theile sehr trefflichen Schriften über die erwähnte Preisfrage

gegebenen Rathschläge und Reformen einen dauernden Erfolg hervorbringen

soll.

Nach Vorausschickung Dieses kommt nunmehr der Verfasser auf den

eigentlichen Gegenstand seiner Abhandlung zurück und sucht vor Allem

folgende Frage zu beleuchten:

=Wie haben sich diese Zustände auf unsere Waldungen bisher geäußert,

und wie werden sie sich bezüglich dieser in Zukunft äußern? —=

Bei Beantwortung dieser Frage muß sich der Verfasser natürlich nur

auf die Wahrnehmungen beschränken, die er in seiner dienstlichen

Stellung in Bayern und zunächst in der Pfalz und einigen andern

angrenzenden Landestheilen gemacht hat. Wenn gleich übrigens auch hier

dieselben Ursachen nach der Individualität eines Landes, nach der

Eigenthümlichkeit und gewohnten Lebensweise der Bewohner desselben,

verschiedene Wirkungen hervorzubringen im Stande sind, so werden sich

doch letztere in ganz Deutschland, je nachdem diese Zustände und

mitwirkenden Ursachen mehr oder minder vorhanden sind, in gleichen oder

ähnlichen Erscheinungen wahrnehmen lassen.

Die Verwirrung aller Sittlichkeits- und Rechtsbegriffe äußert sich

bezüglich der Waldungen vor Allem und fast allenthalben in der tief

eingewurzelten Ansicht, daß ein Forstfrevel kein entehrendes, kein

strafbares Vergehen, daß Holz eine Art von Gemeingut sey, und für

den beliebigen Gebrauch Aller wachse. Es sind dies Ansichten, die

sich aus den Zeiten des Holzüberflusses, und aus jenen, wo die Wälder

Deutschlands wirklich noch Gemeingut waren, herleiten.

Das Individuum in der Gemeinde glaubt sich berechtiget, in dem

betreffenden Gemeindewalde oder auch in jenem seines begüterten

Mitbürgers, und im Allgemeinen der Staatsangehörige, aus den Forsten

des Staates sich diese und jene durch die Gesetze verpönte Nutzung

erlauben zu dürfen.

Das Raisonnement der Bemittelteren ist gewöhnlich: „für was sind diese

Waldungen sonst da, und wofür tragen wir unsere Gemeindelasten und

bezahlen dem Staate Steuern?“ — Der Arme aber glaubt, in seiner Armuth

einen Freibrief gegen alle derlei Beschränkungen zu besitzen, und hält

sich, da er auf eine legale Weise seine Bedürfnisse zur Genüge nicht

befriedigen kann, ohnedies hiezu für berechtiget. —

Dies sind die Früchte der vernachläßigten sittlichen Erziehung. Die

demoralisirten Massen wissen weder die ihnen zukommenden Rechte zu

begrenzen, noch weniger kennen sie und mögen sie kennen lernen die

Pflichten, die sie — als einzelne Glieder der staatlichen Gesellschaft

— der Gesammtheit des Staates, und als Menschen der kommenden

Generation zu erfüllen schuldig sind.

Die Waldungen sind bereits schon +größtentheils+ in Deutschland auf

jene Gegenden mit absolutem Waldboden zurückgedrängt; da nun in Folge

dessen die Landwirtschaft in waldreichen Gegenden, ihrer minderen

Ausbreitung und der gewöhnlich geringen Ergiebigkeit des Bodens wegen,

den zahllosen Massen der Waldbewohner und des dortigen Proletariats

keine genügende Nahrungsquelle zu eröffnen vermag, so haben auch da und

in jenen Gegenden, wo in Folge unzureichender Waldmassen die rechtliche

Erwerbung von Forstprodukten erschwert, oder wo solche mit die Kräfte

des Consumenten übersteigenden Kosten verknüpft ist, die Frevel auf

eine schauderhafte Weise und in der Art zugenommen, daß die Blüthe

unserer deutschen Wälder (in den großen Waldkomplexen) vernichtet zu

werden droht.

Blicke jeder ausübende Forstmann nur einmal auf die letzten 20 Jahre

zurück, so wird er sich überzeugen oder schon überzeugt sein, daß die

Walddevastation progressiv, im gleichen Schritte mit der Verarmung

und Demoralisation des Volkes, vorangegangen ist, und mit jedem

Jahre tiefer und tiefer in jene inneren und entfernteren Waldtheile

eindringt, wohin sich früher ein Waldbewohner selten oder gar nicht

bemühen mochte, und wohin er aber jetzt einzudringen gezwungen ist,

da die Vorwaldungen größtentheils schon verwüstet, und nicht mehr im

Stande sind, seine Frevelgelüste oder Bedürfnisse zu befriedigen.

Für die Pfalz wurden seit 1814 vier Forst-Strafgesetze (1814, 1822,

1831 und 1846) erlassen. Von allen diesen versprach man sich eine

Minderung der Frevel und eine größere Schonung der Wälder, und doch

haben sich dieselben allda stets vermehrt.

Im Jahre 1821–22 betrug die Zahl der Frevel

in diesem Kreise 37,500,

„ „ 1829–30 99,500,

„ „ 1844–45 115,774,

und im Jahre 1846–47 185,562.

Im Jahre 1847–48 betrug dagegen die Zahl

der Anzeigen nur 107,637,

welches aber nicht eine Folge der Abnahme der Frevel, sondern des durch

die ausgebrochene Revolution gelähmten Forstschutzes war. — Es waren

im Gegentheile in diesem Jahre die Frevel noch weit zahlreicher und

bedeutender als im Jahre 1846–47.

Im Jahre 1849–50 endlich, wo jedoch die eben angedeuteten, hindernden

Ursachen in ihren Folgen immer noch sehr einwirkend waren, betrug die

Zahl der Frevel wieder erst 113,088.

Ueberblicken wir diese in vorstehenden statistischen Notizen gegebene

rasche Zunahme der Frevel in einem Zeitraume von nicht ganz 30

Jahren, und erwägen wir, daß vielleicht eine fast gleiche oder wohl

noch größere Zahl von Frevlern jährlich nicht betreten, daß ferner

fast ebensoviele geringere Frevel (wiewohl dies nach den bestehenden

Verordnungen gar nicht sein sollte) aus Mitleid mit den Armen, oder hie

und da im wohlverstandenen Interesse des Dienstes gar nicht konstatirt

werden, so dürften die obigen Behauptungen mehr als gerechtfertigt

erscheinen.[4]

Unter dieser Menge von Freveln sind es vorzugsweise die Streufrevel,

die am meisten zerstörend auf unsere Waldungen einwirkten. Durch

väterliche Fürsorge der Staatsregierung wird im Allgemeinen so viel

Streu, als die Waldungen ertragen können, an die derselben bedürftigen

Landwirthe abgegeben. Demohngeachtet wird noch nebenbei eine solche

Masse von Waldstreu, insbesondere Moos und Laub, allenthalben

entwendet, daß eine unbehinderte Wirthschaft — die Möglichkeit

der Erziehung wüchsiger Holzbestände — ja bei der Fortdauer und

voraussichtlichen Mehrung dieses Uebels die künftige Existenz der

Waldungen hauptsächlich hiedurch und mit Beiwirkung der übrigen

zahlreichen Frevel geradezu in Frage gestellt wird.

Jede, auch die kleinste Hinwegnahme von Waldstreu aus den Waldungen

ist bekanntlich an und für sich schon ein Eingriff in den Gang der

Natur.[5] Von dieser sind jene Gegenstände, als Laub, Moos, Flechten

&c. &c., dazu bestimmt, den Boden feucht zu erhalten, die Wurzeln

gegen nachtheilige atmosphärische Einflüsse — zu große Hitze und

Kälte zu schützen, &c. — und endlich durch Verwesung als Dammerde

den Holzpflanzen als Nahrung zu dienen. Ohne diesen Humus ist keine

Waldvegetation möglich. Da indessen die Landwirthschaft in Bayern

zur Zeit der Waldstreu noch nicht entbehren kann, so hat man aus

staatswirthschaftlichen Rücksichten einen Theil der Produktionskraft

der Wälder durch freiwillige oder auf Berechtigung beruhende

Streuabgaben — namentlich in neuerer Zeit — derselben zum Opfer

gebracht; doch hat dies noch bislang keine Würdigung gefunden. Das

Stroh, welches zur Düngerbereitung verwendet werden sollte, wird in den

Waldgegenden — selbst von den Wohlhabenden — größtentheils verkauft,

ein anderer Theil aber auch zur Fütterung des Viehes verwendet. Es

werden deßhalb maßlose weitere Ansprüche auf Waldstreu gemacht, und bei

der Unmöglichkeit der Befriedigung im Wege des Frevels ohne Rücksicht

auf Zeit und Ort geltend gemacht.

Hiezu gesellt sich noch in vielen Gegenden das Abschälen und Entwenden

der guten oberen Waldrasen- und Humus-Schichte, um solche als

Meliorationsmittel in den Weinbergen zu verwenden. Junge, wüchsige

Stangenhölzer, selbst Schläge und Kulturen werden heimgesucht. Erstere

dürren durch die anhaltende Entziehung ihrer Bodendecke, oft noch

vor Erreichung ihres +halben+ physikalischen Haubarkeits-Alters, an

den Gipfeln ab, jungen Pflanzen aber wird schon in zarter Jugend der

Keim der Lebensunfähigkeit und ihrer frühen Vernichtung hiedurch

beigebracht.

In solchen durch Beraubung der Nahrungsstoffe und der schützenden

Bedeckung von Stufe zu Stufe herabgesunkenen, Beständen vollendet dann

die Art des Holzfrevlers die völlige Devastation.

Ein solches Bild (in verschiedenen Nuancen) bieten bereits mit wenigen

Ausnahmen all’ unsere Vorwaldungen, und im Innern der Wälder hat man

bereits angefangen, den Grund zu gleich betrübenden, in Aussicht

stehenden baldigen, ähnlichen Erscheinungen zu legen.

Nach dem Streufrevler nimmt unstreitig bei uns der Gewerbsfrevler, der

Holz &c. &c. nur zum Verkaufe frevelt, den ersten Rang bezüglich der

Schädlichkeit für den Wald ein.

Eine Menge theils arbeitsscheuer, theils arbeitsloser Menschen treibt

dieses Geschäft, ohne daß sie sich — selbst bei Anwesenheit des

Schutzpersonales — bei Ausübung ihrer Frevel nur im geringsten stören

lassen, und ohne daß es der Forstbeamte zu hindern vermag, auf eine

schonungslose Weise und in großen Massen.

Geistliche, Schullehrer, bessere wohlhabende Bürger, selbst Beamte, die

doch alle berufen wären, zur Abstellung dieses demoralisirenden Unfuges

mitzuwirken, sind die bereitwilligen Abnehmer.

Die Polizei liegt im Allgemeinen, und besonders bezüglich dieses

Treibens in den Städten, und noch mehr auf dem flachen Lande fast ganz

darnieder. Die mit Ausübung derselben betrauten Personen entwickeln

keine Energie, und sind in einer +Lauheit und Schüchternheit+ befangen,

die durch die letzten Ereignisse nur vermehrt wurde. Erscheint eine

desfallsige Verordnung oder Erinnerung der bestehenden Vorschriften,

so glaubt man seine Schuldigkeit gethan zu haben, wenn solche bekannt

gemacht und sodann in den Aktenschrank gelegt ist. Von +einem

thatsächlichen, energischen Einschreiten ist keine Rede+. Gewöhnlich

hört man: „ja man ist doch auch Familienvater, der und jener könnte mir

ja das Haus über dem Kopfe zusammenbrennen &c. &c.“ —

Auf diese Weise geschieht von den Lokalpolizeihehörden in dieser viel

zu gering geschätzten Sache aus lauter Rücksichten und Bedenken wenig

oder gar nichts, und wird auch insolange nichts geschehen, bis das in

der Pfalz bestehende Institut der Bürgermeister[6], wenigstens insoweit

dasselbe die Ausübung der Polizeigewalt berührt, gänzlich aufgehoben,

und an dessen Stelle zum preußischen Systeme, wonach diese Beamten von

den Gemeinden ganz unabhängig und vom Staate besoldet sind, gegriffen

wird.

Das Proletariat übt demnach, wie bisher dargethan, an vielen Orten

einen Terrorismus aus, der bei solcher gar nicht zu billigenden

Nachsicht nur noch mehr über Hand nehmen muß, der die öffentliche

Sicherheit gefährdet, die bessere Klasse der Bürger und hiemit die

ganze staatliche Gesellschaft nach und nach zu überwältigen droht.

Wenn der Proletarier in unseren Waldgegenden eine Axt, einen

Schiebkarren und für den Winter einen Schlitten hat, dann ist er ein

gemachter Mann, und kann, wenn er überdies noch ein Aeckerchen für

Kartoffeln hat, heirathen. Der Wald bietet ihm ja eine reichliche

Nahrungsquelle. Das Futter für eine Kuh holt er daselbst. Für eine

Traglast Streu bekommt er 6 kr., für einen Schiebkarren voll 8 bis

9 kr., für einen Schiebkarren voll Holz 18 bis 36 kr., für einen

Handschlitten voll 30 kr. bis zu 1 fl. 30 kr.; je dicker und schöner es

ist, und je größer die Quantität, desto mehr hat er zu erwarten.

Als gewöhnliche Ausrede der Abnehmer hört man: „ja man müsse doch diese

armen Leute unterstützen.“ — Beim Lichte betrachtet, ist es aber nichts

Anderes, als um sich theils den Schein der Mildthätigkeit zu geben,

und sich dem terrorisirenden Proletariate gefällig zu erzeigen, theils

aber auch — +und in den meisten Fällen+ — ist es nur der Eigennutz, um

auf wohlfeile und bequeme Weise zu solchen Forstprodukten zu kommen.

Die Unterstützung der Armen wird nur als Deckmantel gebraucht. — Wie

kann dies ein Werk der Nächstenliebe sein, da doch jeder vernünftige

Mann einsehen muß, daß dies keine Unterstützung ist, daß er dem

Proletariate nur hiemit Vorschub leistet, daß dasselbe der ordentlichen

Arbeit ganz entwöhnt, und hiemit ganz demoralisirt wird? — In der That

begeht hiedurch die wohlhabendere Klasse aus Eigennutz ein Verbrechen

an der menschlichen Gesellschaft, denn sie verleitet diese Menschen

zum Forstfrevel, sie arbeitet nicht sowohl an der Devastation der

Waldungen, als vielmehr an dem religiös-sittlichen Verfalle und an der

nothwendig hiedurch sich nur vergrößernden materiellen Noth der unteren

Volksklassen.

Der Gewerbsfrevler beschränkt sich nicht allein auf Brennholz und

Streu, sondern auch auf alle jene Waldprodukte, die er zu verwerthen

im Stande ist. Er beraubt die jungen Birken ihrer Aeste und Gipfel,

um mit den hievon fabrizirten Besen nach weit und breit Handel zu

treiben, er macht den Lieferanten von allen kleinen Nutzhölzern, er

entrindet junge, wüchsige Eichenstangen und verkauft die Rinde als

Loh, er entrindet die jungen Linden zur Bastgewinnung, er entgipfelt

ohne Scheu ganze Stämme, oder höhlt sie aus, oder haut die Wurzeln ab,

wenn er nur für einige Kreuzer Kiehnholz hiedurch gewinnen kann, oder

er verbrennt auch anbrüchige ganze Stämme auf dem Stocke zur Erzeugung

von Pottasche. Der weibliche Theil des Proletariats hingegen, wenn

solcher nicht mit Streu- oder Holzholen für eignen und fremden Bedarf

beschäftiget ist, führt emsig im Frühjahre und Sommer die regsame

Sichel in den Kulturen und Schlägen, währenddem die hoffnungsvolle

Jugend von den jungen Pflanzen das Laub zum Futter strüpfen und das

Vieh in den jungen Schlägen und Schonungen weiden muß.

Kaum, daß die jungen Bestände den ersten, ihnen in ihrer zarten

Jugend drohenden, Gefahren entgangen sind, kaum, daß hierin das

geringste kleine Nutz- oder Brennholz zu erhalten ist, so fangen auch

schon die Gewerbsfrevler im Vereine mit dem aus Noth und zum eigenen

Bedarfe frevelnden Gewohnheitsfrevler und den Berechtigten, die fast

allenthalben eine Erweiterung der Waldservituten und hiemit eine noch

größere Belastung der Waldungen anstreben, schon ihr verderbliches

Schalten und Walten hierin an, welches bis ins höchste Alter dieser

Bestände fortgesetzt wird. Der Schnelligkeit und Bequemlichkeit wegen

wird in der Regel die Axt angewendet; an festgesetzte Holztage will man

sich nicht binden. Ganze Bestände von haubaren und angehend haubaren

Kiefern, selbst Eichen, werden, welchen Frevel man früher hierorts gar

nicht kannte, auf Manneshöhe oft bis auf den Splint zu Brennmaterial

entrindet.

Außerdem sieht man allenthalben Stämme oder Stangen, die angehauen,

zum Dürrwerden geringelt oder angepickt, die entästet oder entgipfelt,

oder sonst verstümmelt sind. In Folge dessen wird, abgesehen von der

gewaltsamen Störung des natürlichen Holzwuchses, in den Schlägen der

Nachwuchs abermals gefährdet, in erwachsenen Beständen aber werden

Windfälle veranlaßt, und der für den Bestand und für den Boden gleich

unentbehrliche Schluß wird in Folge dessen unterbrochen, wodurch,

wie auch durch die ständige Hinwegnahme der Streu, die allmählige

Lichtung der Bestände und die endliche gänzliche Vermagerung des Bodens

herbeigeführt werden muß, was leider bei vielen Tausenden von Tagwerken

schon jetzt der Fall ist, und was bei vielen anderen Tausenden in

kurzer Zeit eintreten wird. —

Diese Frevel werden aber nicht nur in den Staats-, sondern auch in den

Gemeinde-, Körperschafts- und Privatwaldungen verübt. Entwendungen

von bereits aufgearbeitetem und von versteigertem Holze werden immer

häufiger. Sehr bedrohlich und Besorgniß erregend sind aber die in

neuerer Zeit hie und da vorgekommenen boshaften Brandlegungen, deren

Urheber nur sehr selten (oder gar nicht) zu entdecken und noch schwerer

zur Strafe[7] zu bringen sind.

Ziehen wir die Totalität all’ dieser Frevel und ihrer fortwährenden,

verderblichen, nachhaltigen Wirkungen in Erwägung, betrachten wir nur

die vor unseren Augen in kurzer Zeit angerichteten Zerstörungen der

Wälder, an denen Jahrhunderte gehegt und gepflegt wurde, so müssen

Alle, die auch nur einigermaßen einen Begriff von der Nothwendigkeit

und Bedeutsamkeit der Wälder haben, mit tiefer Betrübniß erfüllt werden.

Auch jeder Nichtforstmann wird, wenn er diese Zustände unparteiisch

überblickt, wenn er sich das Bild der Waldungen von den Ortschaften an

(von außen) bis ins Innere derselben betrachtet, den zweiten Theil der

obigen Frage, was nämlich die Folgen hievon sein werden, von selbst zu

beantworten im Stande sein.

Der obersten Leitung des Forstwesens in Bayern haben wir es zu

verdanken, daß die Bewirthschaftung unserer Wälder, wie dies auch

auswärts anerkannt wird, eine musterhafte zu nennen ist, und auch

hinter keiner in einem anderen deutschen Staate zurücksteht; allein

dieselbe — aller Fleiß und alle Anstrengungen mit Kulturen — werden,

wie wir sehen, nicht im Stande sein, die fortschreitende Devastation

der Wälder zu hemmen.

Dieselbe wird, wenn nicht auf eine oder die andere Weise geholfen

werden sollte, wenn auch langsam, doch sicherlich erfolgen, und wird

sich nur bei gleichem Gange, wie bisher, schon bald auch in das Innere

der Waldungen nothwendigerweise erstrecken.

Freilich ist der Gang dieses Verderbens für den Uneingeweihten und

Kurzsichtigen nicht schnell genug, um ihn zur rechtzeitigen Erkenntniß

zu bringen. Er betrachtet nur die Waldflächen ihrer äußeren Form nach,

aber ihren inneren, schlechten, herabgekommenen Zustand erkennt er

nicht, und überlegt auch nicht, daß Waldungen in kurzer Zeit ruinirt

sind, daß aber oft mehrere Menschenalter dazu gehören, um solche

herabgekommene oder ganz zerstörte Bestände, was oft gar nicht mehr

möglich ist, wieder gehörig zu bewalden. Nicht nur die Nachwelt wird

gerechte Ursache haben, unserer mit Bitterkeit und Vorwürfen zu

gedenken, sondern auch unsere Zeitgenossen werden es noch zu entgelten

haben, wenn es nicht gelingen sollte, dieser immer noch wachsenden,

raschen Zunahme der Waldverwüstungen Einhalt zu thun.

Ursachen der Forstfrevel und deren Unterscheidung.

Die Ursachen der Forstfrevel werden nach dem Gesagten folgende sein:

1) Vor allem die im Volke, besonders in den unteren Klassen,

eingerissene permanente Irreligiosität und totale Entsittlichung.

2) Die materielle große Noth und Armuth der unteren Volksschichten,

und die zerrütteten Wohlstandsverhältnisse der besseren Bürgerklassen.

3) Dringendes unabweisliches Bedürfniß, unzureichende Befriedigung,

oder gänzliche Unmöglichkeit, den Bedarf auf legale Weise zu

befriedigen.

4) Verwirrung aller Rechtsbegriffe bezüglich des Waldeigenthumes,

sowie auch totale Unwissenheit im Volke über den Nutzen, über die

Nothwendigkeit der Erhaltung und die Pflege der Wälder.

5) Sehr nachtheilige, in ihren Folgen zum Theil verderbliche

Einwirkungen der Legislatur und praktischen Jurisdiktion.

Die Revolution kann als eine weitere andauernde Ursache der Forstfrevel

nicht angeführt werden, da solche momentane Aufbrausung falscher

Freiheitsbegriffe und irregeleiteter, aufgestachelter Leidenschaften

sich beim besseren Theile des Volkes von selbst wieder berichtiget und

besänftiget; währenddem die übrigen Ursachen aber bisher permanent

waren und noch fortwirkend sind.

Die Waldfrevel selbst dürften sich aber in folgende Kategorien

einreihen lassen:

Das Proletariat und die Waldungen, mit besonderer Berücksichtigung der bayerischen Rhein-Pfalz. · 第 5 / 16 题